© Heike Schäfer

Heike Schäfer TARGET:IMPOSSIBLE unmögliche Zielscheiben, 2006 Collagen aus Luftgewehrzielscheiben - Heike Schäfer

Im Kampfgebiet der Poesie

Ausstellung Francois BURLAND, Toni KLEINLERCHER, Heike SCHÄFER und Eric MOINAT Literarische Performances: Franz DODEL, Dieter SPERL, Daniela SEEL, Christian STEINBACHER, Sophie REYER und Paul DIVJAK

 

Wohin auch immer man schaut: Die Welt, wie sie derzeit ist, entbehrt der Poesie... Das Kunstprojekt „Im Kampfgebiet der Poesie“ im KULTUM Graz widmete sich der Kunst als einem „poetischen“ Kampf, der notwendig ist in einer Zeit zunehmender Radikalisierung und Vereinnahmung. Wie selbstverständlich kann man Verhetzendes und dreist Vereinfachendes öffentlich formulieren und wie subtil, wie scheinbar selbstverständlich hat sich eine vor nichts Halt machende Verwertungslogik breit gemacht? Wir leben in einer seltsam ambivalenten Welt, in der wir „ich, ich“ zu denken und uns freiwillig zu unterwerfen und leidenschaftlich auszubeuten lernen.

Die Zielscheiben sind in dieser Ausstellung vervielfacht, verflüssigen sich und verfehlen so ganz offensichtlich ihren Zweck. Poetische Texte hebeln, heiter und keck, scheinbar Festgefügtes aus, sprühen vor Vieldeutigkeit. Kampfjets aus Papiermachè stellen das Bedrohungspotential ironisch auf den Kopf. Bilder, Metaphern dekonstruieren behauptete Dingwirklichkeit, machen sie bewusst als Beziehungswirklichkeit in virtuos poetischem Spiel. Zeitungsmeldungen werden zu poetischen Landschaften. Texte kreieren Leerstellen, nähern sich in immer neuem Anlauf den Rändern des Sagbaren, laufen ins Schweigen. Handverlesene Kontemplationsraketen zielen auf sinnentleerte Erkenntnisarsenale. Der realen Gefahr eines drohenden Weltkollapses durch ein kollabierendes System werden bildnerisch poetische Entwürfe entgegengehalten. Kunst bringt andere Formen ein, die Welt zu verstehen. Es liegt an uns, in diese Fährten einzutreten. 

Denn der geistige Kampf hat doch längst bis in die Winkel unseres Daseins Raum gegriffen: Es sind die Schlachtrufe im Netz über Google und Online-Zahlen, die Neoliberalisierung in Form von (Selbst-)Ausbeutung, (Selbst-)Optimierung, (Selbst-) Funktionalisierung, Effizienzmaximierung und so weiter... 

 

Die Ästhetik von Revolutionsbildern und ihren vorgetragenen Schlachtrufen, vornehmlich aus der Zeit der 1968er-Studentenrevolution, verbindet François Burland in seinen Farblinolschnitten mit den Göttern der Gegenwart, denen im herkömmlichen Gebrauch ihre verdeckte Gewaltlogik oft unsichtbar bleibt: Sie werden zur beißenden Zeit(-genossen-)analyse. Der allmächtige Markt hat sich längst in das Individuum, das sich einst befreien wollte, hineingesenkt, überall und ohne Chance auf Entkommen. „Konsumiere, um Übermensch zu werden“ – liest man auf einem Plakat mit dem Portrait einer Astronautin mit Sowjetstern auf dem Helm. „Sex, Drogen und Mastercard“ an einem anderen. Ein Frauenantlitz, das den Finger zur Schweigegeste an den Mund legt, umrunden die Textfragmente: „SSSR“, „man spricht nicht Küche mit einem Kannibalen“, um in der Auflösung zu gipfeln: „Moulinex befreit die Frau“.
 Ausgangspunkt dieser Bilderbrühe ist für Burland die Bilderwelt von Google, die ihn vor einigen Jahren zu faszinieren begann: Alles scheint dort gleich zu sein, ob historisches Ereignis, ob Mord, ob Selbstdarstellung, ob bloße Pornografie: Die Trefferzahl und die Verlinkung entscheiden für die oberste Präsenz des Bildausspuckens. Zurückversetzt in das Medium des Linolschnitts werden die Arbeiten in plakativen Farben eingefärbt. Burlands jüngste Arbeiten sind die Fortsetzung einer scheinbaren spielerischen Auseinandersetzung mit Gewalt, die er an einer Serie von Fahrzeugen, Schiffen, Flugkörpern und Panzern verfertigt hat, die zunächst nur die Größe von Spielzeugen erreicht haben und zuletzt auch überdimensional auftreten. Spielerisch leicht tritt die Vorstellung des Schreckens auf, nah am Kriegsspielzeug der Kinder, doch die vielfältigen Andeutungen auf Kunst, Geschichte, Politik und Alltagskultur überschreiten diese weit in die reale Gefahr.  

Darin ist er nahe an Eric Moinat mit dem er mit „Kamikaze“ in dieser Ausstellung auch eine gemeinsame Installation verfertigt hat: „Kriegslandschaften“ werden mit Flugzeugen, „die auch Haifische sein könnten“ kombiniert. Moinats Raketen sind alle der Natur entnommen: Mit Pappmachè überzogen werden sie erst zu Waffen. Oder eben zu Phalli. Wie überhaupt sehr viel in Moinats „Arbeitstisch“ sexualisiert ist. „Die geschwungenen RaketenPenisOcularisBilboquets verweigern sich einer klaren Zuordnung, sowohl in der Definition des Dinghaften als auch in der Verortung innerhalb der skulpturalen Begrifflichkeiten. ... Aus einem Ei schlüpft eine Schlange, oder ist das ein Penis Ocularis, eine krumme Möhre, hat sich der Körper der Rakete einer Bauchtanztherapie unterzogen?“ (T. Kleinlercher) „Hinkt Europa oder hinke ich?“, zitiert Moinat hintergründig einen Satz von Paul Klee aus dem Jahr 1934 - um an seinem „Arbeitstisch“ verschmitzt fortzufahren: „Mein Tisch ist mein Hinkebein.“

Heike Schäfers Bildsprache wiederum ist surreal, poetisch, frech und anmutig zugleich. Sie ist in der Zeichnung, der Holzbildhauerei und im Video zugleich bewandt. Ihr Zugang zur Natur ist unmittelbar, gleichzeitig skulptural und kunsthistorisch reflexiv überlagert. Ihre „gefälschten Künstlersignaturen“ fragen nach Wert und Wahrheit der Kunst, ihre Zeichnungen verschieben Zeitebenen ins Imaginäre und Poetische, ihre Baumskulpturen lassen die Naturzeit in der neu geschaffenen Form erst recht hervortreten, selbst dann wenn die „Beauty of Evil“ besonders deutlich zu Tage tritt. Ihre Zielscheiben für das Wettschießen vervielfacht die Künstlerin zu bezaubernden Ornamenten, sodass jene Tätigkeit an sich zwecklos wird. Aber es ist eine Zwecklosigkeit, die die Sinnlosigkeit dessen, was poetisch desavouiert wird, als besonders herausstellt. Ein Luftdruckschießen mit Luftgewehren eben.

Toni Kleinlerchers Arbeiten in dieser Ausstellung sind Landschaften aus Papier, „textscapes“ und, sehr nah am Ausstellungstitel, Collagen mit dem Titel „agonized hopes“. Nicht nur die Schrecknisse der Weltgeschichte und ihren gegenwärtigen Krisen wie der Ukraine oder der Flüchtlingswelle kommen dabei vor, - kurz: „Die Welt hat Arschloch gesagt“ - sondern auch die Ernüchterung in jenem scheinbar letzten hoffnungsvollen Feld möglicher Kritik oder Weltverbesserung, das wir Kunst und Ästhetik nennen: „Kunstdasein“ ist ernüchternd. Denn auch als Künstler arbeitet man letztlich in der vermeintlichen Suche nach Wertsteigerung dem Kapitalismus zu. Kleinlercher hatte bereits in seiner Werkserie „textscapes“ Information und Wissen unterschieden. Hier der flache, glatte und offene Raum, das Kumulative und Additive, dort die Räume mit ihren „Verliesen, Verstecken, Vertiefungen und Schwellen“. Das ist eine Anleitung, die „textscapes“ des Künstlers, die er aus dem Volumen einer ganzen Tageszeitung baut, zu lesen. Denn das Aufschnappen von unzähliger Information, der wir täglich ausgesetzt sind, sorgt auch „dafür, das Massen von Informationen in uns eindringen, ohne auf Immunabwehr zu stoßen, und in der Folge zum ‚information fatigue syndrome‘ führen“ (T. Kleinlercher). 

Die LiteratInnen Franz Dodel, Dieter Sperl, Daniela Seel, Christian Steinbacher, Sophie Reyer und Paul Divjak haben wir eingeladen, sich auf das „Kampfgebiet der Poesie“ einzulassen und poetisch-widerständige Texte zu schreiben; Amelie Stuart wird das Thema in ihrem Beitrag philosophisch einzuhegen versuchen.


 

Daniela Seel, Paul Divjak, Dieter Sperl, Franz Dodel, Sophie Reyer, Christian Steinbacher und Amelie Stuart haben wir eingeladen, sich schreibend ins „Kampfgebiet der Poesie“ zu begeben, das wir explizit verortet haben: in und quer zum Kampfgebiet des Neoliberalismus, der längst nicht nur Wirtschaftsform ist sondern Machttechnik, ein Ensemble von Machttechniken im Sinne Foucaults, das Selbst-Ausbeutung, Selbstoptimierung, Selbst-Instrumentalisierung in bisher nicht gekanntem Ausmaß nach sich zieht. 

Und die Schriftsteller*innen schrieben – chapeau! – Texte, die poetisch widerständig sind und herkömmliche Logiken des Kampfes unterlaufen, überschreiben, aushebeln, ins Leere laufen lassen und nachdrücklich dabei Möglichkeitsräume aufspannen, mal ironisch, mal surreal, mal dadaistisch, mal essayistisch beschreibend, Möglichkeitsräume als poetisch strukturierte Räume, die zweckfrei sind und sich der  Verwertungslogik entziehen, offene Räume mithin, die sie virtuos strukturieren. 

 

Daniela Seel, Lyrikerin und Leiterin von kookbooks, konzentriert Sprache, bis sie Kristalle bildet, Sprachkristalle und den Raum dabei, den leeren Raum, der um diese verdichteten Gebilde entsteht, dehnt. Unbesetzt sind diese Leerstellen, Potentialität, die sich subtil der Vereinnahmung, auch jener durch der Autorin selbst, entzieht. Daniela Seel bewegt sich dabei traumwandlerisch sicher an Rändern, an Rissen und entwickelt Sprachgut, das rational nicht auflösbar so still ist, so trifft, dass es weh tut.  

In „Wir sind die Dinge, brav wie Bilder“ setzt Paul Divjak eine außer Rand und Band geratende Bilder- und Metaphernmaschine in Gang, die Identität in einem fort überschreibt. Sie wird mit Floskeln, Zitat-Stücken, Worthülsen, Gemeinplätzen, klischierten Zuschreibungen, (pseudo)politischen Diskursteilen gespeist und organisiert dadaistisch gewitzt und surreal zugespitzt und überhaupt wonniglich nach klanglichen Kriterien. Das Kampfgebiet der Poesie trägt, das wird in Paul Divjaks Text deutlich, immer auch den Geschmack (anarchischer) Lust.

Dieter Sperl bedenkt in einem luziden, rhythmisch durchkomponierten Essay Sprache als Konstrukteurin von Wirklichkeit: Wirklichkeit ist von Sprache konstruierte gesellschaftliche Beziehungswirklichkeit - basiert also auf Konventionen und Übereinkünften. Herrschaft, all die subtilen Machttechniken, die das neoliberale Ausbeutungssystem am Laufen halten, beruhen schlicht darauf, dass diese konstruierte gesellschaftliche Beziehungswirklichkeit als Dingwirklichkeit behauptet und verhandelt wird, als gegeben, unverrückbar, fest verfugt mithin. Diese Behauptung, die uns von der Wiege bis ans Grab begleitet und unser Denken und unsere Weltwahrnehmung (die unsere Weltkonstruktion ist) bestimmt, in mannigfaltigen Formen zu unterlaufen und auszuhebeln ist die eigentliche Herausforderung im Kampfgebiet der Poesie. 

Franz Dodels Text ist Teil des alle Grenzen sprengenden Lyrikprojektes „Nicht bei Trost“, an dem er seit 2002 arbeitet. Dieser unendlich sich fortspinnende Text ist in die Silbenfolgen 5 – 7 – 5 gegliedert.  Ins Kampfgebiet der Poesie begibt er sich ab Verzeile 29544 ungefähr 500 Verszeilen lang; dort ändert sich, das zeigt Franz Dodel in immer neuen Bildern und Konstellationen, die Qualität von Beziehungen: Der Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt wird relativiert und aufgelöst, der Text selbst wird zu einem Geflecht, in das immer neue Fäden eingeschlagen werden; ein Imaginationsraum wird dabei strukturiert bzw. sich strukturiert, der widerständig ins Unendliche weist. 

Sophie Reyer lotet in ihrer Textpartitur sprachliche Möglichkeiten gegen die „Bio-Macht“ aus, eine die Gesellschaft als Produktionsmaschine nutzende Machttechnik, die Reichtum, Güter und weitere Individuen erzeugen soll. Dagegen hilft Subversion: ein Kampfkind Sprache, das sich gegen das internalisierte Idealbild richtet, an Grenzen stößt, wieder und wieder anrennt, (sich) aushebelt und (sich) aussetzt, um im Ungesicherten und Paradoxen Intensivierung, etwas wie Sinn zu erfahren. Je weiter das Kampfkind Sprache: die performative Äußerung sich vom gesellschaftlichen (Ideal)bild entfernt, desto stärker die Subversivität (desto behender das Kind). Und klar, muss das Kampfkind auch die eigenen sprachlichen Mittel aufmischen und gegen grammatikalische Korrektheit verstoßen, weil ja im Springen und Stolpern die Erfahrung liegt, auf die es ankommt.

Christian Steinbacher steigert sich nicht ins Kampfgebiet der Poesie hinein, er steigert sich hinaus, indem er mit und in der Sprache tanzt, mal langsam, mal schneller, dann wirbelt, im Kreis und um die Achse; dabei lässt er semantische Grenzen („Was aber spricht der Dachs zu seinem toll gewordenen Tool?“) und Gattungsgrenzen hinter sich: mal lyrisch, mal dramatisch, mal erzählend kommt der Text daher, vielstimmig, in Überfluss und Überfülle, gleichwohl rhythmisch und klanglich strukturiert, ein Tanz eben, in der das Material und der, der es strukturiert, Figuren und Konstellationen mannigfaltig in den poetischen Raum legen, heiter und keck.

Amelie Stuart hegt das Kampfgebiet der Poesie philosophisch ein, indem sie das Verhältnis von Sprache und Macht durchleuchtet und zeigt, wie Texte im Überschreiten von gewohnten Regelkreisen Freiraum schaffen. Im Nachdenken über die poetische Strukturierung des poetischen Kampfgebietes kommt sie zwingend auf den Rezipienten, die Rezipientin, die Texte weiter- und fortschreiben; denn der Text selbst ist eine „faule Maschine“ (Umberto Eco), was letztlich nichts anderes heißt als, dass sie nie ganz kalkulierbar unabsehbare Wirkungen zeitigen, wie Sporen, wie Spurenelemente. 

JOHANNES RAUCHENBERGER / BIRGIT PÖLZL


 

Programm

DI 24. Mai 2016
19.00 Uhr
VERNISSAGE:  Francois BURLAND, Toni KLEINLERCHER, Heike SCHÄFER und Eric MOINAT
LESUNG: Franz DODEL, Paul DIVJAK (im Rahmen der Vernissage)

Mi 25.Mai - 9. Juli 2016
AUSSTELLUNG: Öffnungszeiten: Di-Fr: 10-17 Uhr, Sa: 11-17 Uhr, Fronleichnam (26. Mai): geschlossen

SA 28. Mai, 16. 30 Uhr
LESUNG: Dieter SPERL, Daniela SEEL (im Rahmen der Minutenkonzerte im  KULTUM)

DI 21. JUNI, 20.00 Uhr
LESUNG und BUCHPRÄSENTATION: Amelie Stuart, Christian STEINBACHER, Sophie REYER

Eintritt frei

KONZEPT: Johannes Rauchenberger, Birgit Pölzl, Toni Kleinlercher

 

Das Kunstbuch zum Projekt (Verlag Bibliothek der Provinz) - mit allen Texten der AutorInnen und den Bildern der Ausstellung - wird am 21. Juni im KULTUM präsentiert (128 Seiten).



Video

Im Kampfgebiet der Poesie - Film zur Ausstellung

Johannes Rauchenberger

Im Kampfgebiet der Poesie - Ausschnitt einer Lesung von Daniela Seel (29. Mai 2016)

Bearbeitung: J. Rauchenberger

Im Kampfgebiet der Poesie - Ausschnitt aus einer Lesung von Paul Divjak (24. Mai 2106)

Bearbeitung: J. Rauchenberger

Im Kampfgebiet der Poesie - Ausschnitt aus der Lesung von Dieter Sperl (29. Mai 2016)

Bearbeitung: J. Rauchenberger

Im Kampfgebiet der Poesie - Ausschnitte aus der Lesung von Franz Dodel (24. Mai 2016)

Johannes Rauchenberger



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