
Alois Neuhold, 75. Foto: David Immanuel
Ein Dreivierteljahrhundert bin ich jetzt auf dieser Welt, auf diesem Planeten Erde, dieser blauen Perle im Universum, fühlend, denkend, malend, zeichnend, schreibend, bildknetend als Kultdiener des Bild-haften. Die Ausstellung zeigt Radierungen aus den frühen 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts und neueste Arbeiten aus den letzten Jahren.
Die Radierungen entstanden alle während der Studienzeit (1978-1982) auf der Akademie der Bildenden Künste in Wien, in der Meisterklasse für Druckgraphik. Angetan von den Möglichkeiten, die dort geboten wurden, nützte ich die Zeit, um mich in diese Technik einzuarbeiten, selbst in den Ferien, oft ganz allein in der dunklen Werkstatt mit den großen, alten, ehrwürdigen Druckpressen und Ätzkammern seiend. Die Technik der Radierung kam damals wohl auch meiner Befindlichkeit sehr entgegen, hinausgeworfen aus einer vertrauten Berufung, war angesagt aufzubrechen, Neues zu beginnen und Schmerzliches zu verarbeiten. Ich konnte der Faszination des Zeichnens, Ritzens, Grabens und Furchens nachgeben, nachgehen und all die Eindrücke, Wundkerben und Scherben der Welt damals und meines eigenen Lebens in die Metallplatten, ritzen, drücken, ätzen, durchlöchern bis zum Grund und Sehnsüchte und Hoffnungen wachrufen. In dieser jahrelangen Auseinandersetzung mit der Technik der Radierung kristallisierte sich zunehmend eine Bildgestaltung heraus, die prägend wurde für meinen weiteren künstlerischen Weg.
Nach dieser essentiellen und existentiellen Erfahrung in und mit der Radierung stand ich vor der Frage, wohin der Weg weitergehen sollte. Weiter hinein in das Welten- Zeitendunkel, in die Abgründe der Zeit damals und der Zeit unserer Eltern und auch des eigenen Lebens? Die vorherrschende Kunstströmung damals empfand ich entweder zu sehr im Ausschlachten des Welt-Schrecklichen verhaftet oder zu sehr geflüchtet in eine doch etwas nicht so tiefgründige, damals hochgelobte, sogenannte „neue, wilde Malerei“. Mir war auch klar, der „Wiener Aktionismus“ hat das Welt- und Menschen-Dunkle, den Welt-Zerriss und den Selbst-Zerriss bis ist Äußerste vor Augen geführt. Tiefer und weiter geht es in diese Richtung nicht.
Andererseits: Vor meiner Akademiezeit in den 70er Jahren hatte ich bereits wild, ungestüm und großflächig, großzügig gemalt. Die sogenannte „neue, wilde Malerei“ war insofern für mich nichts Neues und etwas durch das ich bereits hindurchgegangen war. Wenn dann war sie ein Impuls neu und anders, feiner, stiller und sensibler an die Malerei heranzugehen. So entstanden bereits in der Akademiezeit neben den Radierungen auch Malereien auf sehr kleinen, fragilen, rissigen, durchgearbeiteten Blättern, die in der großen, zweiteiligen Ausstellung „Neue Malerei in Österreich“(1981) auch gezeigt wurden.
Mit dem Abgang von der Akademie war der Beschäftigung mit der Radierung ein Ende gesetzt. Sie war für mich im Grunde auch ausgeschöpft und ausgelotet. Danach anknüpfend öffnete sich wie von selbst, das in der Radierung Erforschte und Ergangene hinein ins Räumliche, in die dritte Dimension, zuerst farblich noch sehr zurückhaltend und gedunkelt, sich aber allmählich ins stark Farbliche hinein-weitend. Die Bildgestaltung der Radierung formte sich ins Plastische. Erwähnt sei dabei, die Radierung mit ihren Vertiefungen und Durchlochungen ging bereits in die dritte Dimension. Die Bilder wurden reliefartig, plastisch, leiblich. Licht und Farbe inkarnierte. Licht inkarnierte dabei nicht nur farblich, sondern wurde unter meinen Hängen buchstäblich LEIB, leibhaftig, Körper. Ich empfand diesen Vorgang durchaus auch als etwas Heiliges und Kultisches.
Dieses Grundereignis begleitet seitdem mein künstlerisches Schaffen. Es ist das Licht, das Leib wird in den Farben. „Das Licht kommt in die Finsternis“ und wird „Fleisch“. Dieses Licht leuchtet über Allem und in Allem. In dieses Licht ist jedes Bild- und Weltereignis getaucht. War das Radieren ein Furchen und Graben in Tiefen und im Dunklen, so erhob sich das plastische Malen ins Gehöhte, ins rein Farbliche, Sonnenhafte, Leibliche.
Die ersten plastischen Arbeiten aus dieser Zeit wurden 1984 in der Hauptausstellung im „steirischen Herbst“ unter dem Titel „Neues plastisches Gestalten in Österreich“ gezeigt und 1985 in der Ausstellung „Neue Kunst in Österreich“
Der zweite Teil der Ausstellung hier im Spiegelgitterhaus zeigt neueste Arbeiten aus den letzten Jahren, vorwiegend mehrdimensionale Malereien, auch größerformatige, dazu plastische Köpfe und Figuren, an der Wand hängend. Sie sind von der Bild-und Farbstimmung, von der Gesamtgestimmtheit her ein Gegensatz zu den frühen Radierungen. Sie erzählen von einer anderen helleren Welt, die für mich über die Zeit hinweg, über die vielen Jahre und Jahrzehnte hinweg seit der Beschäftigung mit der Radierung trotz allem immer präsenter und prägender wurde. Das Licht strahlt dabei nicht vordergründig und glänzend, großmächtig und blendend, nicht voll heller, hüpfender Freude. Es scheint eher nachdenklich, matt, zurückhaltend, verhalten, auch melancholisch, getrübt, sanft, mild und mit vielen nichtsonnigen Tönen gemischt. Es tropft auch und regnet, Sonnentropfen. Es kann auch weinen.
Meine farbigen Bildwelten bis heute künden von keiner heilen Welt. Sie sind auch nicht schön und wohnzimmertauglich, wenn überhaupt, dann nur beim ersten oberflächlichen Blick. Sie entstanden und entstehen auch nicht aus Lust und Freude am kreativen Tun. Vieles ist da in langen Prozessen, Wegen und Arbeitsvorgängen mühsam erarbeitet, durchgegangen, durchgestanden, auch durchgekniet und erlitten. Ihre Schönheit liegt tiefer und auch schmerzlicher, näher bei der Musik eines Schubert als sonst wo. Die Welt der Radierungen ist dabei nicht vom Tisch gewischt. Sie ist nicht ausgeblendet und flieht nicht in eine zugerechtgezimmerte Wohlfühl-Welt. Sie ist gegenwärtig und in einem größeren Zusammenhang hineingehoben. All das Unschöne und Zerrissene, all die Schmerzscherben, Wundkerben und Abgründe sind mitgemalt und auch einsehbar.
Und trotzdem sind sie auch so etwas wie ein HYMNUS, immer wieder auch ein Hymnus an die Schöpfung und die schöpferischen Kräfte, an das Wunder, an den Zauber, an die Vielfalt, an die Poesie des Lebens. Und sie sind aus meiner Empfindung auch ein AUFRUF. Es ist Zeit vom Sitzhocker aufzustehn! In den neuesten Arbeiten ist eine Vision sehr präsent: Mensch und Tier, Blume und Mensch, Stein und Stern, Sonne und Baum, alles in der Natur, in der Schöpfung steht in einer tiefer Verbindung, Kommunion, in einer Verwandtschaft - ein Miteinander, Ineinander, ein Auf- einaderbezogen- sein herrscht vor, alles mündet in einen vielstimmigen Ein-Klang, in eine große gemeinsame Schöpfungs-Symphonie. Auch dieser Hymnus der Schöpfung ist nicht wohnzimmertauglich. Er ist nicht nur schönklingend. Er ist nicht schmerzfrei.
Im formalen Bildaufbau blieb das in der Radierung langsam Erarbeitete, Erreichte und Ergründete entscheidender Bestandteil meiner Bild-Gestaltung bis heute. Insofern sind die Radierungen auch mein wichtiges Opus 1. Die elementaren graphischen Elemente von Linie und Punkt blieben auch im malerisch-plastischen Reich das entscheidende Grundvokabular, ebenfalls die feine, Binnen-Innen-Strukturierung, die Durchwebung und die durchgestaltete Einrandung des Bildes. Auch das lange Arbeiten, Ausharren an einem Bild, dieses Zelle-an-Zelle-Knüpfen, spinnen, ein Bild bis in feinste und letzte Fasern zu ergehen, zu erkunden, zu ertasten, zu erschöpfen und etwas immer neu heraus zu arbeiten ist bereits in den Radierungen wesentlich grundgelegt um nur Einiges zu nennen…
Mit Radierungen aus dieser Zeit war ich 1985 (zusammen mit Weiler, Brus, Klinkan, Schmalix) als österreichischer Beitrag eingeladen zur 4. Biennale der Europäischen Graphik in Baden-Baden.
Alois Neuhold, September 2026