Sonnentropfen am Bildzerriss der Welt: Alois Neuhold

Sonnentropfen am Bildzerriss der Welt
Rückschau und Jetztschau
Durchtiefte Radierungen – gehöhte Bilder
Ein Dreivierteljahrhundert bin ich jetzt auf dieser Welt, auf diesem Planeten Erde, dieser blauen Perle im Universum, fühlend, denkend, malend, zeichnend, schreibend, bildknetend als Kultdiener des Bild-haften. Die Ausstellung zeigt Radierungen aus den frühen 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts und neueste Arbeiten aus den letzten Jahren.
Die Radierungen entstanden alle während der Studienzeit (1978-1982) auf der Akademie der Bildenden Künste in Wien, in der Meisterklasse für Druckgraphik. Angetan von den Möglichkeiten, die dort geboten wurden, nützte ich die Zeit, um mich in diese Technik einzuarbeiten. Selbst in den Ferien verbrachte ich oft ganz allein in der dunklen Werkstatt mit den großen, alten, ehrwürdigen Druckpressen und Ätzkammern viele Tage und Wochen. Die Technik der Radierung kam damals wohl auch meiner Befindlichkeit sehr entgegen. Hinausgeworfen, herausgerissen aus einer vertrauten Berufung war angesagt aufzubrechen, Neues zu beginnen, Schmerzliches zu verarbeiten. Ich konnte der Faszination des Zeichnens, Ritzens, Grabens und Furchens nachgeben, nachgehen und all die Eindrücke, Wundkerben und Risse der Welt damals und meines eigenen Lebens in die Metallplatten, ritzen, drücken, ätzen, durchlöchern bis zum Grund und Sehnsüchte und Hoffnungen wachrufen. In dieser jahrelangen Auseinandersetzung mit der Technik der Radierung kristallisierte sich zunehmend eine Bildgestaltung heraus, die prägend wurde für meinen weiteren künstlerischen Weg.
Nach dieser essentiellen und existentiellen Erfahrung in und mit der Radierung stand ich vor der Frage, wohin der Weg weitergehen könnte, weiter hinein in das Welten- Zeitendunkel, in die Abgründe der Zeit damals und der Zeit unserer Eltern und auch des eigenen Lebens. Die vorherrschende Kunstströmung damals empfand ich entweder zu sehr im Ausschlachten des Welt-Schrecklichen verhaftet oder zu sehr geflüchtet in eine doch etwas nicht so tiefgründige, damals hochgelobte, sogenannte „neue, wilde Malerei“. Mir war auch klar, der „Wiener Aktionismus“ hat das Welt- und Menschen-Abgründige, den Welt-Zerriss und den Selbst-Zerriss bis ist Äußerste vor Augen geführt. Tiefer und weiter geht es in diese Richtung nicht.
Andererseits: Vor meiner Akademiezeit in den 70er Jahren hatte ich bereits wild, ungestüm und großflächig, großzügig gemalt. Die sogenannte „neue, wilde Malerei“ war insofern für mich nichts Neues und etwas durch das ich bereits hindurchgegangen war. Wenn dann war sie ein Impuls neu und anders, feiner, stiller und sensibler an die Malerei heranzugehen. So entstanden bereits in der Akademiezeit neben den Radierungen auch Malereien auf sehr kleinen, fragilen, rissigen, durchgearbeiteten Blättern, die in der repräsentativen, zweiteiligen Ausstellung „Neue Malerei in Österreich“ (1981) auch gezeigt wurden.
Mit dem Abgang von der Akademie war der Beschäftigung mit der Radierung ein Ende gesetzt. Sie war für mich im Grunde auch ausgeschöpft und ausgelotet. Danach öffnete sich das in der Radierung Erforschte und Ergangene zunehmend hinein ins Räumliche, in die dritte Dimension, zuerst farblich noch eher zurückhaltend und gedunkelt, sich aber allmählich ins stark Farbliche hinaus-weitend. Malerei und Zeichnung formte sich ins Reliefhafte und Plastische. Erwähnt sei dabei, die Radierung mit ihren Vertiefungen und Durchlochungen ging bereits in die dritte Dimension. Licht und Farbe inkarnierte. Licht inkarnierte dabei nicht nur farblich, sondern wurde unter meinen Händen buchstäblich LEIB, leibhaftig, Körper. Ich empfand diesen Vorgang durchaus auch als etwas Heiliges und Kultisches.
Dieses Grundereignis begleitet seitdem mein künstlerisches Schaffen. Es ist das Licht, das Leib wird in den Farben. „Das Licht kommt in die Finsternis“ und wird „Fleisch“. Dieses Licht leuchtet über Allem und in Allem. In dieses Licht ist jedes Bild- und Weltereignis getaucht. War das Radieren ein Furchen und Graben in Tiefen und im Dunklen, so erhob sich das plastische Malen ins Gehöhte, ins rein Farbliche, Sonnenhafte, Leibliche.
Die ersten plastischen Arbeiten aus dieser Zeit wurden 1984 in der Hauptausstellung im „Steirischen Herbst“ unter dem Titel „Neues plastisches Gestalten in Österreich“ gezeigt und 1985 in der Ausstellung „Neue Kunst in Österreich“
Der zweite Teil der Ausstellung hier im Spiegelgitterhaus zeigt neueste Arbeiten aus den letzten Jahren, vorwiegend mehrdimensionale Malereien, dazu plastische Köpfe, Gesichter und Figuren, an der Wand hängend. Sie sind von der Bild-und Farbstimmung, von der Gesamtgestimmtheit her ein Gegensatz zu den frühen Radierungen. Sie erzählen von einer anderen helleren Welt, die für mich über die vielen Jahre und Jahrzehnte hinweg seit der Beschäftigung mit der Radierung immer präsenter und prägender wurde. Das Licht strahlt dabei nicht vordergründig und glänzend, großmächtig und blendend, nicht voll heller, hüpfender Freude. Es scheint matt, sanft, mild, verhalten, introvertiert, auch nachdenklich und melancholisch, oft gemischt, getrübt mit nichtsonnigen Tönen. Es tropft und regnet. Sonnentropfen. Es kann auch weinen.
Meine farbigen Bildwelten künden bis heute von keiner heilen Welt. Sie sind auch nicht schön-schön und nicht wohlfühl-wohnzimmertauglich. Sie entstanden und entstehen nicht in einem Wohlfühl-Atelier, nicht aus einer wohligen Wohnzimmer-Gestimmtheit, auch nicht aus Lust und Freude am kreativen Tun. Vieles ist da in langen Prozessen, Wegen und Arbeitsschritten mühsam erarbeitet, durchgangen, durchstanden, durchkniet und erlitten. Ihre Schönheit liegt tiefer und auch schmerzlicher, liegt näher bei der Musik eines Schubert. Die Welt der Radierungen ist nicht vom Tisch gewischt. Sie ist nicht ausgeblendet, flieht nicht in eine zugerechtgezimmerte Wohlfühl-Welt. Sie ist gegenwärtig und in einem größeren Zusammenhang hineingehoben. All das Unschöne und Zerrissene, all die Schmerzscherben, Wundkerben und Abgründe sind mitgemalt und auch einsehbar.
Trotzdem sind meine Bilder ein HYMNUS, kennen Humor und Clownerie, sind immer wieder auch ein Hymnus an die Schöpfung und die schöpferischen Kräfte, an das Wunder, an den Zauber, an die Vielfalt, an die Poesie des Lebens. Und sie sind ein AUFRUF. Es ist Zeit vom bequemen Sitzhocker aufzustehn! In den neuesten Arbeiten ist eine Vision von aktueller Brisanz sehr gegenwärtig: Der Mensch eingebettet in eine große Schöpfung: Mensch und Tier, Blume und Mensch, Stein und Stern, Sonne und Baum, alles in der Natur, in der Schöpfung steht in einer tiefer Verbindung, KOMMUNION, in einer Verwandtschaft, Schwesternschaft - ein Miteinander, Ineinander, ein auf- einander Bezogen- sein herrscht vor, alles mündet in einen vielstimmigen KLANG, Ein-Klang, in eine große gemeinsame Schöpfungs-Symphonie.
Der Hymnus der Schöpfung ist kein Schöntrachtengesang. Er ist nicht leid-entleert und bruchlos. Man gehe nur hinaus und sehe! Man verlasse die romantisierende Kulissen-Ansicht auf die Natur und tauche ein in das bewegende Ereignis SCHÖPFUNG. In diese Schöpfung, in diesen immerwährenden Schöpfungsprozess ist mein Arbeiten und Sein, meine Atelier-Bilder-Klause und mein sie umwachsender Garten der Vielfalt hineingestellt.
Im formalen Bildaufbau blieb das in der Radierung langsam Erarbeitete, Erreichte und Ergründete wesentlicher Bestandteil meiner Bild-Gestaltung bis heute. Insofern sind die Radierungen auch mein wichtiges Opus 1. Die elementaren graphischen Elemente von Linie und Punkt blieben auch im malerisch-plastischen Reich das Grundvokabular, ebenfalls die feine, Binnen-Innen-Strukturierung, die Durchwebung und die durchgestaltete Einrandung des Bildes und das lange Arbeiten, Ausharren an einem Bild, dieses Zelle an Zelle knüpfen, spinnen, ein Bild bis in feinste und letzte Fasern zu ergehen, zu erkunden, zu ertasten, zu erschöpfen und etwas immer neu heraus zu arbeiten ist bereits in den Radierungen wesentlich grundgelegt um nur Einiges zu nennen…
Mit den Radierungen aus dieser Zeit war ich 1985 (zusammen mit Weiler, Brus, Klinkan, Schmalix ) als österreichischer Beitrag eingeladen zur 4. Biennale der Europäischen Graphik in Baden- Baden und vertreten in der Wanderausstellung „Junge Künstler aus der Steiermark“(1983-87) (zusammen mit Bohatsch, Brandl, Klinkan, Mosbacher, Priesch, Schmalix, Wiedner, Wurm) durch viele Länder Europas.
Alois Neuhold, September 2026
