Der im Jahr 2020 von Renate Ganser herausgegebene Band „(mühelos) Stüsselchens“ versammelt Prosaminiaturen aus Dominik Steigers Nachlass, Zeugnisse seines täglichen Schreibgeschäfts bis in die letzten Lebensmonate: Betrachtungen und Rückblicke, Wunschprojektionen, aber auch Schreckensvisionen eines „Tagtraumarbeiters“. Wunderhafte Erzählungen von einem holzlosen Eiland, einem Besuch in der Arktis oder von einem Indianer-Prozess halten den Irrläufen „fragmentierter Neuzeitler“ Vorstellungen von einer engen Verständigung zwischen Blumen, Himmelskörpern, Tier und Mensch entgegen. Gleichsam auf das leere Blatt gefallen, eignet diesen Arbeiten ein unverwechselbarer Gestus des Flüchtigen an, der Versprecher und Schreibfehler als Mitteilungen des Unbewussten gelten lässt. Steigers Sprachspiele eröffnen – jenseits der schalen Abstraktheit gängiger Idiomatik – einen unverstellten Zugang zu den Phänomenen, führen Geistiges und Somatisches in der sinnlich-konkreten Neuformulierung unserer Erfahrungen und Phantasiewelten zusammen. Solcher Art verheißt kreatives Schreiben Trost und Auswege aus Atmosphären der Verlorenheit und der Resignation über eine alles in Besitz nehmende, natur- und geistferne Nutzwelt.
Die Dichterin Monika Rinck, als Kollegin ebenso wie als Literaturwissenschaftlerin fasziniert von der Originalität von Dominik Steigers Texten, trägt diese auf kongeniale Weise vor: Der Abend verspricht Momente voll kleiner und großer Überraschungen bei der Wiederentdeckung eines außergewöhnlichen Werks der Neo-Avantgarde.
Paul Pechmann