10. Themenführung: "God's Codes in Contemporary Art": Special guest: Markus Wilfling
Der Schriftzug „Wir sind da“ des in Graz lebenden Künstlers Markus Wilfling wurde im letzten Moment im Kunstprojekt „1+1+1=1 Trinität“ (2011), das der Liturgiewissenschaftler Philipp Harnoncourt (1931–2020) zu dessen 80. Geburtstag stiftete, als bloßer Zettel eingereicht. Der Satz, so der Künstler damals: „Meint jeden Einzelnen und alles dazwischen“. Leicht übersehbar, mit Fineliner an die Wand geschrieben, ein erdenklich subversiver Akt inmitten einer Welt, der die Präsenzbehauptung Gottes aus unterschiedlichen Gründen fremd geworden ist – nicht nur aus Trägheit, Lärm und Übersättigung, aber auch. Die Selbstbezeichnung Gottes vor Mose beim brennenden Dornbusch ist die stärkste Präsenzbehauptung in der Religionsgeschichte, die sich auch in die Zukunft erstreckt. Das „Ich bin der ICH bin da“ (Ex 3,14) wird hier allerdings in den Plural gesetzt: „WIR sind da“. Das macht einen weiten Sprung in die Entstehungszeit des Monotheismus – auch „Elohim“ steht im Plural – und nimmt gleichzeitig an den Etappen der Herausbildung des christlichen Dreifaltigkeitsglaubens Station. „Vater, Sohn und Heiliger Geist sind (auch) da.“ Die Kalligrafie allerdings ist nicht meisterhaft im Stile hoher Buchkunst. Die drei Worte erscheinen mit den neun Buchstaben bemüht schön geschrieben. Sie heben sich von den grandiosen Inszenierungen der Namen Gottes ab und zeugen vielmehr von Vertrautheit.
Der Monotheismus, der im postmodernen Debattenfeld gegenüber dem scheinbar toleranten Polytheismus eher das Nachsehen hat (Jan Assmann), wird hier mit einem Plural bemüht, in einer starken Ansage der Gegenwart: „Wir sind da.“ Wahrscheinlich schreibt man aber derart nur, wenn man auch erwartet wird.
Markus Wilfling, der special guest dieser Themenführung, hat den Schriftzug erneut für die Ausstellung an die Wand geschrieben.