Die sieben mal sieben, die 49 freistehenden plastischen Statuetten dieser Aufstellung entstanden in den Jahren 2020 bis 2024. Es gab von meiner Seite keinen Anlass für dieses Entstehen, kein Wollen. Keine inhaltlichen Überlegungen drängten dazu. Sie entstanden einfach. Immer neue Figuren, Figürchen, gesicht-augen-betont, menschliche, auch tierische, koboldische, selbst engelhafte entstanden, erschienen, wollten das Licht der Welt erblicken. Eine ganze Legion stellte sich ein, eine Ansammlung, eine Armee. Und es war, als ob diese Gesichter und Augen mit mir redeten und etwas zur Sprache bringen wollten. Es müsste Einiges gesagt werden, lautlos, still, schweigend, über die Augen.
So stumm, wie sie erschienen, waren sie also nicht. Denn immer lag ein Sprechen, Worte lagen in ihren Gesichtern, in ihren Augen. Ich konnte sie nicht übersehen, nicht überhören und es stellte sich mir die Frage: wer sind sie, was wollen sie oder wen stellen sie dar?
Sind sie Propheten, Prophetinnen, Wächter, Aufwecker, Mahner? Sind sie Richter, Richterinnen, Richtweiser? Sind sie Geläuterte, geläutert im Fegefeuer des Lebens von ihren Verkehrungen und Irrungen, von Blindwegen und Blendwerken? Stehen sie an Stufen von Ahnungen, an Leitern zu Visionen, an Fensterstiegen zu Ein-Sichten in tiefere Welten und Weisheiten?
Sind sie stumme Zeugen der Erniedrigten, der Gedemütigten und Entwürdigten dieser Welt? Sind sie Anwälte der Armen, der Kriegsgezeichneten, der Vertriebenen und Heimatlosen, der Ausgenützten und Ausgebeuteten und all derer, die behandelt werden wie „Ab-fall“ oder als billiges Benützungs- und Arbeitsmaterial für die Wohlhabenden und Satten? Sind sie ein Fastenzug von Vergessenen und Obdachlosen, von Hungernden, Rechtlosen und Ausgegrenzten, von Suchenden und Leidgeprüften? Sind sie Flüchtlinge auf einem Flüchtlingsboot?
Sind sie etwa ein Faschingszug von Unangepassten und von jenen, die in kein Normfass zu fassen, zu pressen sind, ein Zug von Sonderlingen, von Außenseitern und Einzelgängern, von komischen Käuzen und Entflohenen aus Sonderanstalten? Sind sie Heilige, heilige Narren, Dummlinge der Märchen, die Don Quichotes, die Wenigen, die noch das Himmelreich des Kindes in sich tragen? Sind sie eine Abordnung von Unmündigen, von Kranken und Ungeborenen, von Alten und Greisen, von unermüdlich Liebenden trotz Gegenwind? Sind sie die weggesperrten, unliebsamen Gestalt-Werdungen in uns selbst?
Oder sind sie Vorausgegangene, Seelen der Verstorbenen, Ahnen, gebündelt wie Garben auf den Feldern? Sind sie eine „himmlische Heerschar“, Schutzengel, Schutzgeister, die unsichtbaren Begleiterinnen, Beschützer und Behüter unseres verletzbaren Daseins? Sind die weiblichen Repräsentantinnen in dieser Legion Urmütter, enttrohnte Göttinnen, Priesterinnen, Heldinnen, Heilende und Erleuchtete? Sind sie Manifeste und ein Aufbegehren gegen verdrängte und niedergehaltene Weiblichkeit?
Ist diese illustre Schar ein Chor von Erlösten, von Befreiten, von Entrückten und Verzückten oder ein vielstimmiger Gesangsverein, ein Singen und ein In-Einklang-Kommen aus Vielfalt und Diversität, ein Divertimento, eine festliche Runde, eine Friedensarmee, eine Schar Betender?
Sprechen aus ihnen Wesenheiten der Schöpfung, der Natur, kosmische Kräfte, jeder Baum, die Blume, der gesellige Käfer, der Stern, das Elektron ein Wesen, ein lebendiges Wesen, eine Engelserscheinung, ein Tanz der Atome? Sprechen ihre großen, offenen Augen: „Mensch wie gehst du mit uns um, mit uns Engelsgleichen der Schöpfung? Wir sind doch dein Atem, dein Leben, dein Halt?“
Hallt in den Tieren dieser Armee nicht auch ihr Leiden, ihr Ausgeliefertsein in den Hallen der Schlacht- und Konsumregale, in den Zimmerfluren und Streichelzoos einer Aus-Beutewelt?
Vielleicht sind sie auch wache Wächter, Wächterinnen unseres Gewissens, unser Seelenrest, unser Unsterbliches, der Anflug des Göttlichen in uns, Einwohner unseres oft vernachlässigten inneren Tempels, der Herzkapelle, unser Bestes und Tiefstes in uns, die Gestalt-Werdungen zur Mensch-Werdung in uns…
Ist dieses Aufgebot letztlich ein „Jüngstes Gericht“, eine Offen-Legung, eine Ent-Hüllung, ein Ver-Antworten-Müssen im Angesicht, im An-Glanz einer göttlichen, übermenschlichen Instanz, die endlich gerecht Recht und Gerechtigkeit spricht? „Mensch, du hast Verantwortung, du kannst dich davor nicht hinwegstehlen oder gar ´wegbeamen`. Mensch, du wirst zur Verantwortung gezogen! Es ist nicht egal, wie du dein Leben lebst und wie du mit den anvertrauten Gütern und Geschenken des Lebens umgehst!“
Klar ist, eine herkömmliche Armee sind sie nicht. Mit Krieg, Feindbild und Führergläubigkeit, mit Gleichschritt, Drill und Uniformität haben sie nichts „am Hut“. Sie sind auch keine Wutbürgerversammlung, keine Zusammenrottung. Sie schreien keine populistischen Parolen.
Sie sind auch keine Wiederkehr frühzeitlicher Kultfigurinen, keine spiritistische Versammlung, keine Verschwörungsrunde. Kein okkultes Treiben treibt sie um. Sie sind auch kein Fantasiegebilde, keine Erfindung aus dem Kreativtopf, keine Erschaffungen des Wollens.
Diese Armee ist eine Anblick-Armee, ein Angeblickt-werden von vielen Augen, dem Angeblickt-werden nicht ausweichen können.
Die Figuren dieser Armee sind voll Farbe, voll satter, intensiver Farbe. Das Licht ist in ihnen Leib geworden, farbig Leib geworden, Regenbogenfarbe, Regenbogen-Offenbarung. Sie künden vom Leben, von Lebens-Fülle, Lebens-Vielfalt, vom erfüllten Leben. Sie sind beseelt, Wesen, welcher Art auch immer, Inkarnationen, Leibwerdungen jetzt, heute, ganz real!
Sie sind wohl auch ein Auf-Stand, ein Wider-Stand, ein Dagegen-stehen gegen so manches heute, ein nötiger Gegen-Entwurf vielleicht und ein kraftvolles Dafür, für eine gerechte, friedliche und liebevolle, zärtliche Welt, ein Aufruf für ein Miteinander und Füreinander aller Wesen und Geschöpfe dieser Erde. Sie sind klein und eine Minderheit. Man kann sie übersehen, kann leicht über sie stolpern. Man könnte sie auch zertreten oder mit dem Fuß wegkicken. Sie haben nichts Großmächtiges an sich. Doch es liegt Kraft in ihnen, geballte, farb-licht-geballte Kraft und Auf-Erstehung.
Das „Skelett“ dieser Wesen ist Weggeworfenes, Billigware, Verpackung, Fallhüllen des Konsums, alles was meistens im Mülleimer landet, Abfall einer Verschwendungswelt. Die Seele, der Leib darüber ist Farbe und Geist. So auferstehen sie als Abfall-Seelen einer Achtloswelt zu lebendigen, farb- lichterfüllten Wesen, zu einer Auf-Erweckung einer möglichen neuen Welt. Schimmert da nicht auch etwas von der Vision, vom Traum einer „neuen Erde und einem neuen Himmel“ durch die brüchige Luke dieser Welt?
Nun sind sie also über die Jahre in die Welt gekommen, eine ganze Armee, eine kleine Legion. Sie sind ent-standen, von selbst entstanden, erstanden. So stehen sie jetzt da, stehen einfach da, standhaft, unerschütterlich, ungeschützt und bloß, still, lautlos. Es ist dieses bloße Dastehen und Stillstehen, dieses Nur-Dastehen, das bewegt und spricht.
Dieses stillstehende Dastehen ergibt auch eine Haltestelle, eine An-Halte-und Inne-Halte-Stelle. Es könnte einladen den Schnelllauf menschlichen Treibens und die Sintflut einer gegenwärtigen Bilderflut etwas anzuhalten, aufzuhalten, innezuhalten und den nötigen Still-Stand auszuhalten, das Haltbare zu halten, das Nicht-Haltbare loszulassen und einen Blick zu werfen auch ins Unaushaltbare.
Letztlich waltet als letztes Gericht Humor und Lachen, Komik und Feier über allem. So wird diese etwas andere Armee dem Betrachter unverhofft den einen oder anderen Schmunzler oder Lacher entlocken können und trotz Ernsthaftigkeit auch Freude und Leichtigkeit auf den Alltags-Tisch legen.
Alois Neuhold