Themenführung #19: Fundamentalismus. Special guests: Werner Reiterer und Hannes Priesch
Die „Kühlung“ durch das „Propellerkreuz“, das an den Sparren des Dachbodens der Minoriten befestigt ist, hätte man angesichts der Hitzewelle zur Zeit des Künstlergesprächs in Anspruch nehmen wollen – doch wenn die Hitze zu hoch ist, wirbelt es nur weitere Hitze auf: Das ist eine von der Realität eingeholte Prognose für eine metaphorisch gemeinte von Werner Reiterer aus dem Jahre 2014: „Wer Wind sät...“: Er war am 27. Juni 2026 (gemeinsam mit Hannes Priesch) in der der 19. Themenführung der großen Schau "Gott hat kein Museum" bei Johannes Rauchenberger special Guest. Religiöser Fundamentalismus wird zum immer drängenderen Thema – und mit ihm die Vereinnahmung der Religion durch die extreme Rechte, nicht nur in Amerika unter der derzeitigen Regierung mit ihren Konvertiten, Apokalyptikern, Kreuzrittern und Erlösungsfiguren, auch in Deutschland und Österreich, wo Parteien schamlos in ihren Werbestrategien christliche Feste kapern. Die Werke, die sich im Dachboden der Ausstellung „Gott hat kein Museum“ befinden, sind ein umso stärkerer Protest gegen diese Vereinnahmung. Das Gespräch beginnt mit der Installation „Draft for an Altar" (2008), das Werk, das sich im Turmzimmer der Ausstellung befindet; es ist das am meisten fotografierte der Schau. "I'll be back in 5 minutes. God" ist als Notiz zurückgelassen, ebenso ein Heiligenschein. Johannes Rauchenberger und Werner Reiterer sprechen über den Erkenntniswert durch Kunst mit den Mitteln der Ironie. Reiterer lässt im Gespräch mit dem Dreieck "Theologie, Philosophie und Kunst" aufhorchen, zwischen denen sich Kunst mit ihren Koordinaten bewegt: Ein hochspannender Ansatz, der in letzter Zeit auch mit Reiterers "Heiligenfiguren" fortgesetzt wird: Er sieht in den Heiligenlegenden die ersten Biografien auf dem Weg zur Subjektivität der westlichen Kulturgeschichte.
Gespräch zwischen Kurator Johannes Rauchenberger und Werner Reiterer am 27. Juni 2026 im KULTUMUSEUM Graz
Hannes Priesch war am 27. Juni 2026 (gemeinsam mit Werner Reiterer) in der der 19. Themenführung der großen Schau "Gott hat kein Museum" bei Johannes Rauchenberger special Guest.
Rauchenberger bekannte zu Beginn, dass das Werk von Hannes Priesch den Anlass geliefert habe, dass er sich mit dem Thema "Fundamentalismus" überhaupt erst auseinandersetzte. Priesch, der in den 1990er und 2000er Jahre in New York lebte (und auch amerikanischer Staatsbürger ist), hat sich nach 9/11 intensiv mit dem wachsenden Fundamentalismus in Amerika auseinandergesetzt, vor allem während der Administration von George W. Bush jun. Über einen Zeitraum von einem Jahrzehnt schuf Hannes Priesch „Bibelbilder“. Den lange in New York lebenden Künstler interessierten vor allem Stellen des Alten Testaments, die von der Eifersucht Gottes berichten, vom zweischneidigen Heil und angedrohten Unheil – „God‘s Statements“ im entstehenden Monotheismus. Eine Installation, die beim Symposium „KUNST ZU GLAUBEN“ anlässlich des 70. Geburtstags von Bischof Egon Kapellari 2007 im Stiegenaufgang zum Minoritensaal zu sehen war. Hier wird die auf dieser Installation basierende Bibelstelle (Dtn 32, 39-42) als Malerei interpretiert, die Priesch 2004 im Bild festhält. Sie bringt letztlich – wenngleich der Künstler den Autor nicht kannte – die zur Jahrtausendwende vieldiskutierte These der Korrelation von Monotheismus und Gewalt auf den Punkt, die der bekannte Religionswissenschaftler Jan Assmann (1938–2024) propagiert hat.