Ulrike Grossarth zeigte in ihrem Vortrag Projekte, in denen sie mit der Umkehrung der Aktionsrichtung experimentiert. Handlung geht dann nicht mehr selbstverständlich vom Subjekt aus. Durch das Zurückstellen bewusstseinsmäßiger Kontrollmechanismen kann der Einfall, die Aktivität des Objektiven zugelassen werden. Dem klassischen Raumbegriff, in dem ein repräsentativer Modus herrscht, stellt sie die Definition einer reinen Aufnahmefähigkeit zur Seite: Mit ihr beginnt die Reihe "Gott - Raum - Kunst", die in Kooperation mit dem Fachbereich Fundamentaltheologie (UProf. Martina Bär/René Corvaia-Koch) im KULTUM stattfindet. (Im Herbst folgen weitere Abende.)
Ulrike Grossarths ursprüngliche Ausbildung liegt im Tanz. Von 1969 bis 1975 studierte sie an der Folkwang Universität der Künste in Essen und an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden. Danach entstand bis 1989 ein Werkkomplex aus Solotänzen, Performances und Aktionen. In dieser Zeit entwickelte sie auch ihre empirische Methode der public exercises, Übungsreihen zum raum-zeitlichen Handeln.
Von 1980 bis 1983 war sie Teil der Free International University, die von Joseph Beuys gegründet wurde. Hier begann auch ihre Reisetätigkeit nach Polen — wegen Solidarnosc.
Seit 1984 entstanden vermehrt Videofilme und Ausstellungen. Mit den Wendejahren verlagerte sich ihr künstlerischer Schwerpunkt stärker zur bildenden Kunst.
1997 war Ulrike Grossarth auf der documenta X mit der Arbeit BAU I vertreten. Nach mehreren Gastprofessuren erhielt sie 1997 die Professur für Übergreifendes künstlerisches Arbeiten an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Diese Professur hatte sie bis 2018 inne. Dort etablierte sie ihre Methodenforschung über Mischformen mentaler und empirischer Kulturinhalte, besonders in Reiseprojekten in Osteuropa, in Ungarn, Polen, Serbien, Tschechien und der Ukraine.
Eine zentrale Rolle spielten seit 2006 ihre Projekte in Lublin. 2013 gründete sie die Schule von Lublin, ein mobiles Institut zum Studium jüdischer Themen an authentischen Orten des Lernens in Südostpolen. 2015-20 gab es mit SYMBOL gotowe / sklep einen öffentlichen Projektraum in Lublin, der der anschaulichen Aufbereitung europäischer Kulturarchive dient.
Literaturtipp: Ulrike Grossarth, Die Schule von Lublin / School of Lublin
Ulrike Grossarth erhielt 2009 den Käthe-Kollwitz-Preis und 2019 die Medaille des Bürgermeisters der Stadt Lublin. Aus ihrer umfangreichen Ausstellungstätigkeit seine auszugsweise einige genannt: 2005 die Retrospektive 1,2,3,4,5 — Umgebung im Hamburger Bahnhof in Berlin, 2014/15 die Retrospektive "Wäre ich von Stoff, ich würde mich färben" in der Generali Foundation in Wien und 2023 ihre Retrospektive Badischer Kunstverein Karlsruhe.