Doron Rabinovici "Jüdisches Leben nach dem Siebenten Oktober"
Angesichts des immer stärker werdenden Antisemitismus in der öffentlichen Meinung, im Diskurs, auch in jenem der Kunst, wurde im KULTUM einer fundamentalen Stimme verstärkt eine Öffentlichkeit gegeben, die im Essay »Angesichts des Siebenten Oktober. Auslöschung und Geiselnahme« die Auswirkungen der Massaker vom 7. Oktober 2023 ergründet. Der Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici las aus seinem im Buch erschienen Essay "Jüdisches Leben nach dem Siebenten Oktober" am 10. Juni 2026.
Aus rechtlichen Gründen ist die Lesung nicht online verfügbar, wohl aber das anschließende Gespräch, in dem Rabinovici sich in eindringlichster Form nicht nur mit der Gewalteskalation im Nahen Osten auseinandersetzte, sondern vor allem die Wurzeln und Typen des Antisemitismus analysierte, gespickt mit persönlichen Erfahrungen, wie sehr sich die Situation weltweit verändert hat. Eine Anekdote seines eigenen Geburtstages in einem libanesischen Lokals in Wien, wo gefeiert wurde und "Happy birthday" gesungen - bis eben der Name gefordert wurde und es dann "Hans" statt "Doron" hieß: "Da hatte ich einen ganz wesentlichen Teil von mir verloren." Oder die Beobachtungen zum Wiener Songcontest, als die einzelnen Länder für ihre Fans auf Kaffeehäuser aufgeteilt wurde - mit einer einzigen Ausnahme: Israel. Dafür gab es keinen Ort...
Das Wesen des Zionismus kam dabei ebenso zur Sprache wie die Gefahr, das Israel als Staat kollabieren könnte. Eindringlich setzte er sich mit den Boykottaufrufen der internationalen Kulturszene israelischen Künstlerinnen und Künstlern gegenüber auseinander. "Hier aber wird eine Sprache geächtet: Die Sprache der Tora."
Explizit thematisierte Rabinovici - "als Linker" - den linken Antisemitismus, der derzeit allerorten entfacht wird und führte in zurück auf 1789, als es darum ging, dass für Juden und Jüdinnen die gleichen Rechte eingefordert wurden. Am Ende stand der Satz: "Dem einzelnen alles, der Nation nichts - Juden wollten gar nicht gleich sein, weil sie auserwählt seien." Es wurde die Gleichheit für die Gleichen gefordert, nicht die Gleichheit unter Ungleichen.Hannah Arendt hatte bereits darauf hingewiesen, dass der Antisemitismus den Ursprung in der Aufklärung hat. Vor allem benannte er, wie in in Europa, in Amerika oder in Australien in den Monaten nach dem Überfall der Hamas zu antisemitischen Übergriffen, Ausschreitungen und Attentaten kam. Besonders setzte er sich mit dem Begriff "Genozid" auseinander und den Imperativen, die Verbrechen Israels in Gaza als Genozid zu benennen: "Es geht dabei nicht um eine historische Diskussion. Aus dem Begriff 'Genozid" wird ein Lackmustest: Confess! Der Jude soll bekennen. Er soll bekennen, dass er nicht das besondere Opfer ist."
Was im Herbst 2023 viele Juden und Jüdinnen erschütterte, war die Gleichgültigkeit vieler angesichts der Massenermordung von Juden und Jüdinnen. Das unterscheidet diesen Konflikt von allen anderen: Die Diaspora wird zum Ziel. Wenn im Nahen Osten geschossen wird, muss jeder Jude und jede Jüdin weltweit damit rechnen, ins Fadenkreuz zu geraten. Es ist indes kein Widerspruch um die israelischen Opfer und zugleich um die Abertausenden unschuldigen Toten in Gaza zu trauern. Aber überall – nicht nur im Nahen Osten – gewinnt die Hetze der Scharfmacher Oberhand. Der Essay will der Trauer eine Stimme verleihen, gegen Judenhass und Israelhetze anreden, doch auch das vielfältige Leid aller anerkennen.