Heute morgen fiel mir beim Umbau dieser Ausstellung ein, dass der 10. Todestag von Alex Stock in diesen Tagen wiederkehren müsste. Und das ist heute. Deshalb möchte ich mit aller Kraft und Zuneigung an diesen außerordentlichen Theologen erinnern. Die Katholische Akademie in Berlin (Joachim Hake) wird Alex Stock um Allerheiligen eine Gedächtnistagung widmen.
Beim heurigen "dies academicus" der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Graz, wo ich den Festvortrag hielt, habe ich an Alex Stock erinnert, daran, dass Dogmatiker zu seiner Zeit nie die Kunst für eine Tagung bemüht hätten, aber auch daran, wie er bei meiner Dissertationsvorstellung gleich mal Hegel hinterfragte, der gemeint hatte, wir beugten unsere Knie nicht mehr, selbst wenn wir die Götterbilder noch so vortrefflich dargestellt sähen: "Was machen Sie, wenn doch jemand sein Knie beugt?" Auch Friedrich Nietzsche glaubte er nicht so ganz...
Dabei hatte dessen Parabel vom „tollen Menschen“ das Verhältnis der Religion zur Moderne geprägt: Am „hellen Vormittage“ hatte dieser auf dem Marktplatz die Menschen mit seinem Blick durchdrungen und ihnen die Nachricht vom Tode Gottes überbracht. Mittlerweile hat man sich längst daran gewöhnt. Und mit ihm an den Horror, die Geschichte, die Banalität. Man hat sich damit abgefunden, was dieser tolle Mensch von sich gegeben hat.
Alex Stock glaubte an den Tod Gottes nicht. Und doch war er im Grunde seines Herzens selbst ein „toller Mensch“. Denn es ging ihm ums Ganze, um das „Wegwischen des Horizonts“ und das „Losketten der Erde von der Sonne“ – allerdings als Vorgang innerhalb der eigenen Religion und vor allem der Theologie.
Sein Grundsatzproblem als Zeitgenosse war, wie es mit der Religionsgeschichte weitergehen wird. Er sah die Ausdünnung des Christentums in den letzten Jahrzehnten – und diese machte er nicht an soziologischen Studien, sondern an den eigentlichen lehramtlichen Texten, den geltenden Riten und Räumen dieser Religion fest. Er sah, dass die kirchlichen Reformer, zu denen er sich in jungen Jahren selbst gezählt hatte, mit ihrem alles überdeckenden Gemeinschaftsaxiom auf das falsche Pferd gesetzt hatten. Und dabei den Kern der Religion verschoben hatten. Er war unerbittlich, dies aufzuzeigen: Insofern war er unter heutiger Terminologie „konservativ“.
Stock war allerdings nicht konservativ im Festhalten. Er koalierte auch mit keinem kirchenpolitischen Flügel. Er machte keine Politik damit. Er forderte aber Respekt ein für „die Werke, der Vergangenheit, die unsere Kultur ausmachen“ (Ph. Jaccottet) und setzte sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Sprachmitteln dafür ein, dass sie „nicht erdrücken, sondern erleuchten“, und dass sie „nicht eine Last sind“, sondern dass sie „beflügeln“. Jeder hatte dabei sein Recht: eine Oration des 7. Jahrhunderts, ein Bild Rembrandts oder ein Gedicht der Gegenwart.
Der Theologe Alex Stock war irgendwie allein. Er hatte kein Amt, keine Institution, keine theologische Fakultät hinter sich. Seine Schriften werden zwar bewundert, sind aber dennoch im Kernbereich weitgehend unbekannt. Mit den Kriterien heutiger, auch universitärer Erfolgsbemessung kann man also nicht sagen, dass es sich hier um einen der größten Theologen der Gegenwart gehandelt hat, der vor 10 Jahren, am 17. Juli 2016 in der Nähe von Köln verstorben ist.
Und doch.
Der Anspruch, den dieses Werk birgt, ist derart unermesslich, ja im wahrsten Sinne des Wortes „gigantisch“, wenn diese Bezeichnung nicht schon so ein Machtgefälle im Schlepptau hätte: Gegen jenes war er allergisch, und es trieb ihn mit seiner spitzen Feder zu Formulierungen, die so manche noch posthum erbleichen lassen wird, wenn sie es erst einmal zur Kenntnis nehmen. Selbst wenn es Texte im Status von Konzil und Ritus sind. Alex Stock schrieb seit dem Beginn der 1990er Jahre ununterbrochen und täglich, unterbrochen von seinen Forschungsstunden in den Bibliotheken und dem täglichen Spaziergang im Park, an seinem Schreibtisch – mit der Hand – an einem Werk, dessen letzter und abschließender (der elfte (!)) Band wenige Tage vor seinem Tod erschien: Er nannte es „Poetische Dogmatik“. Daneben gab es auch kleine „Abfallprodukte“, die man freilich mehr zu Kenntnis nahm: Aufsätze zur Bildtheologie, Studien zum Kirchenlied, eine Neuübersetzung und Kommentierung „Lateinischer Hymnen“ sowie der „Tagesgebete der Messe“, sowie ein letztes Büchlein, schon im Angesicht des Todes geschrieben, zur „Theologie des Morgens“.
Die Kurzfassung dieser mehr als 5000 Buchseiten ist einfach. Sie ist – ja, „am hellen Vormittage“ – eigentlich ein einziger Aufschrei: „Was habt ihr nur mit meiner Religion gemacht? Hättet ihr sie doch ein zweites Mal angesehen – in ihren (Kunst-)Werken, in ihrer Sprache, in ihrer Liturgie, in ihren Liedern!“ Eben deshalb beharrte er auf dieser marketingtechnisch scheinbar so misslungenen Polarität seines Opus magnum: „Poetische Dogmatik.“
Aber man muss sich ja nicht zu den Tätern zählen. Dann hat man es leichter. Denn dann gibt es eigentlich nur einen einzigen Oberton dabei: „Seht, so schön ist dieses Christentum!“ Im Nachhinein mutierte dieser Gelehrte, ohne dass er es freilich beabsichtigt hatte, zu so etwas wie einem Grundsatzgutachter zur Aufnahme der christlichen Religion in das religiös-kulturelle Menschheitserbe. Allein deshalb ist die Halbwertszeit seiner Schriften mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit mit keinem zweiten Theologen aus der Gegenwart vergleichbar.
Meinen Nachruf zu Alex Stock im Magazin "feinschwarz" können Sie hier nachlesen.