An diesem Abend wurde eine Zerrissenheit spürbar, die sich weder in Parolen auflösen noch moralisch vereindeutigen lässt. Rabinovici benannte die weltweiten antisemitischen Folgen des Massakers und gab auch der Trauer um die unschuldigen Toten in Gaza Raum.
Was diese Veranstaltung besonders machte, war die Form der Aufmerksamkeit, die sich im Raum entwickelte. Die Stimmung war von Respekt und wachem Zuhören geprägt. Bei einem Thema, dessen öffentliche Verhandlung zunehmend von Frontstellungen, Zuschreibungen und sprachlicher Eskalation bestimmt wird, war diese Haltung keineswegs selbstverständlich.
Im Anschluss an die Lesung entwickelte sich eine außerordentlich konzentrierte Diskussion. Präzise und engagierte Wortmeldungen aus dem Publikum erschlossen weitere Zusammenhänge und ermöglichten Doron Rabinovici, seine Überlegungen fortzuführen. Das Gespräch gewann so den Rang einer eigenen Denkform: Es wurde zur dialogischen Fortsetzung des Essays, gleichsam zu einem zweiten Referat, das erst aus der Begegnung mit dem Grazer Publikum hervorgehen konnte.
Der Abend führte eindrücklich vor, was antisemitischer Agitation entgegengesetzt werden kann. Gerade Formen des sekundären Antisemitismus, die sich in Schuldabwehr und moralischer Umkehr artikulieren, werden häufig aus Unwissenheit reproduziert oder gezielt unter Berufung auf Menschlichkeit in gesellschaftliche Debatten eingespeist. Aufklärung beginnt mit der Bereitschaft, Erfahrungen ernst zu nehmen, genau zuzuhören und antisemitische Deutungsmuster als solche zu erkennen. Aus einer solchen Haltung kann ein Denken entstehen, das das vielfältige Leid anerkennt und antisemitische Gewalt zugleich unmissverständlich benennt.
Auch die Bedeutung des KULTUM als Ort öffentlicher Kulturarbeit wurde an diesem Abend deutlich. Es gibt Veranstaltungen zu gesellschaftlich dringlichen Fragen Raum und unterstützt sie mit Ernsthaftigkeit und Sorgfalt. Die besondere Qualität des Abends entstand aus Doron Rabinovicis Lesung, seiner Bereitschaft, die Überlegungen des Essays im Gespräch weiterzuführen, und den klugen, engagierten Beiträgen des Publikums.
So bewahrt die nun veröffentlichte Videoaufzeichnung weit mehr als die Erinnerung an eine gelungene Veranstaltung. Sie macht einen Denkprozess zugänglich, in dem sich Rabinovicis Essay im Gespräch öffnet und weiterarbeitet.