Judith Zillich führte durch die Ausstellung: MUTTER GOTTES. Eine ONLINE-Führung
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Judith Zillich kommt mit ihren Erklärungen beim ersten Hören ganz sanft daher... Doch beim zweiten Mal des Hinhörens haben es alle ihre Aussagen in sich. Genauso wie ihre Malerei.
Wenn Sie Interesse haben, so können Sie hier die Führung, die die Künstlerin vergangenen Sonntag im KULTUM vor ihren Bildern hielt, nachhören bzw. -sehen!


Judith Zillich bei ihrer Führung durch die Ausstellung "MUTTER GOTTES" am 9. Jänner 2022. Fotos: J. Rauchenberger

 Ikonen, die Bilder des "Ostens", gelten als "heilige Bilder". Sie zogen in den letzten Jahrzehnten auch im "Westen" ein. Zumindest die Faszination darüber. Die Gründe mögen unterschiedlich sein. Jedenfalls haben Ikonen die Aura des Sakralen. So sehen es auch Intellektuelle wie Martin Mosebach im jüngsten Heft der communio. Und auf diese Weise werden sie erneut sakralisiert – und damit auch tabuisiert. Aber kann man die sakrale Atmosphäre einfach so in unsere Breiten verfrachten?

Die Wiener Künstlerin Judith Zillich wollte das wissen. Zumindest im Nebeneffekt, denn hauptsächlich interessierte sie sich für alte Maltechniken: Im Zuge eines Auslandsstipendiums vor drei Jahren landete sie in Lemberg (Ukraine) – doch (obwohl sie im dortigen Priesterseminar einquartiert war) erwarteten sie nicht "betende Mönche", wie sie erwartet hatte, sondern "Frauen, die Kuschelrock hörten und sich so ihren Lebensunterhalt verdienten"... Die Ikonen würden diese nicht für den Osten, sondern für uns, für den Westen, für Ausgewanderte vielleicht..." malen.  


Nach und nach merkt man, dass Judith Zillich mit den heiligen Bildern durchwegs hart zur Sache geht. Da ist schon einmal die Voraussetzung, dass sie als Künstlerin Ikonen "eigentlich hässlich" fand. Das Jesuskind werde gemalt "wie verweichlichte Männer". Die "Mutter Gottes in ihrer geometrischen Strenge verabscheute" sie als Malerin sogar.  Und doch unterwarf sie sich freiwillig diesen Regeln. Sie fand dabei auch eine "Lust am Kopieren".

Und dann?

Judith Zillich beginnt die Ikone in dem Moment für sich zu entdecken, wo sie den Symbolgehalt der Einzelteile entdeckt: Die Linien des Mundes, der Augen, der Wangen, des Halses. Aus jeden von ihnen macht sie mit ganz kleinen Verschiebungen oder durch Weglassen in je eigenen Ausstellungsräumen eine ganz neue Erzählung auf.

Und sie entdeckt in ihnen die unterschiedlichen Phasen einer Beziehung von Mutter und Kind. Diese fällt keineswegs nur idyllisch aus.
Ein kleines Beispiel: Indem Zillich den Kopf des Kindes vor den Mund schiebt, wird daraus ein Schrei.

Oder: Die vielen Händchen, die die Mutter zwicken, werden selbständig: Einmal, indem sie das Gesicht der Mutter in die Höhe heben (Zitat: "Viele Frauen benützen ihre Kinder für ihre eigene Selbstdarstellung.")
Dann wird aus dem Zugriff des Kindes der Zugriff der Mutter.
Dann gibt es auch Bilder, die eine Mutter voller Leere zeigen. Oder solche, die aus den Händchen des Kindes eine Haarpracht generieren, "ein Heiligenschein für die Mutter", "wie wir es zum Beispiel bei Renate Bertlmann finden". Judith Zillich seziert mit ihren Bildern eigene Frauen- und Mutterrollen.

Parallel zu diesen nahezu hundert Einzelwerken ("Ikonen auf Papier, das hat wohl auch noch niemand sonst so gemacht") zeigt Judith Zillich im Ausstellungsraum des ehemaligen Refektoriums Skulpturen aus Ton: "Ich habe neben Malerei auch Bildhauerei studiert – einmal im Jahr habe ich Lust, etwas zu formen, das mich in diesem Jahr persönlich sehr beschäftigt hat."
Es beginnt mit "Angst vor Schwangerschaft" vor fast 20 Jahren, setzt fort mit dem stillenden Baby, das sie einst vielfach bemalt hat und auch geformt hat, geht weiter mit "Mutter mit einem Kind" zu "Mutter mit zwei Kindern." "Es geht darum, so viel zu stemmen. Ich wollte eine möglichst männliche Form dafür finden."
Es fallen Sätze wie: "In dieser Zeit hat die Mutter keinen Kopf, nur Körper."
Aber auch: "Wenn man als Mutter sieht, wie schwach Buben in dieser Zeit sind, kann man sich einfach nicht vorstellen, dass sie später die Welt beherrschen. Entschuldigung."

Schließlich ist die jüngste Skulptur aus dem vergangenen Jahr zu sehen: "Mutter mit Tochter": Zwei ineinander verschlungene Körper entstanden aus der Beschäftigung mit den Erzählungen von Frauen aus dem 6. Lebensjahrzehnt, "die mit ihrer alten Mutter nicht mehr zurecht kommen und psychosomatische Symptome entwickeln". 

Der dritte Ausstellungsflügel enthält ein Video, in dem die Künstlerin ihren Aufenthalt in der Ikonen-Malschule in Lemberg erklärt. Auch die alten Maltechnicken werden erläutert.
Die Ausstellung endet im "Cubus" mit einer eintönigen Psalmodie. Die Künstlerin summt auf einem Ton den Psalm 139. Wie sie dazu gekommen ist? Voriges Jahr hätte sie in einem Kloster hier bei uns an einer Vesper teilgenommen. Die Psalmen, so hatte man ihr erklärt, wurden nicht gesungen, sondern nur auf einer Tonhöhe gebetet – das seien die aktuellen Corona-Regeln.
Der Lobpreis verstummt also aus dem Mund der Künstlerin: Das ist dann doch der religiöse Aspekt dieser Ausstellung. 

Judith Zillich und ihre Kunst wirken verhalten, fast scheu. Doch ihre Beobachtungen sind so präzise lebensnah, wie es das Leben eben ist. Dabei bricht sie die gewöhnlichen Vorstellungen eines "heiligen Bildes" bis in seine Einzelteile auf. Von Projektionen ist Judith Zillich freilich weit entfernt. Das ist jedenfalls die Lehre, die die Künstlerin jenen erteilt, die mit Ikonen in eine andere Welt als das Leben nebenan, vor Ort oder in uns ausweichen wollen.

Johannes Rauchenberger

Ein Terminaviso: Judith Zillich wird am Samstag 12. Februar 2022 um 11.15 Uhr die abschließende Führung durch die Ausstellung halten.

 



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