1+1+1=1: KUNSTFESTIVAL über die TRINITÄT im Kulturzentrum bei den Minoriten -

Eine Nachreflexion über veränderte Grenzpfähle von Theologie und Kunst

Von Johannes Rauchenberger

 

 
  Das Kunstfestival zur Trinität in Graz, bestehend aus einem Kunst- und Literaturwettbewerb (mit 600 TeilnehmerInnen aus Mittel- und Osteuropa), zehn Schreib-, sechs Kompositions- und zwei Tanzaufträgen – eingebettet in Liturgie, Lesung, Konzert, Performance, Ausstellung und theologischem Symposium um den Dreifaltigkeitssonntag 2011, angestoßen und gestiftet vom renommierten Grazer Liturgiewissenschaftler Philipp Harnoncourt, und schließlich durchgeführt vom Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten – hat einige bisherige Grenzpfähle von Kunst, Religion und Theologie verändert und neu gesetzt. Dazu zählen fortan etwa: Dass Religion im Diskurs der Gegenwart nur unter den Paradigmen von Medialisierung und Politik (d.h. Gewalt) vorkommen soll, ist eine grobe Engführung. Dass Religion kein kreativitätsstiftendes Potential mehr hat, ist gerade außerhalb enger Kirchenmauern nicht aufrechtzuerhalten. Und dass die „Bildgeschichte des christlichen Gottes abgelaufen“ sei, wie Wolfgang Schöne dies vor 50 Jahren so treffend formuliert hat, ist nur insofern fortzuschreiben, als dass man ihr keine attraktive Möglichkeit gibt, sie auch weiter schreiben zu können, anders gesagt: ihr attraktive Produktionsbedingungen gibt. Denn das was Philipp Harnoncourt vor rund einem Jahr an das Kulturzentrum bei den Minoriten herangetragen hat, grenzt in einem gewissen Sinne für mich im Nachhinein fast an eine paradoxe Intervention: Die Künstlerinnen und Künstler sollten sich mit dem Zentrum des christlichen Glaubens auseinandersetzen, (denn die Theologie sei langweilig geworden), dazu schreibe er einen Wettbewerb aus! Jahrelang kuratorisch und theoretisch erfahren im schwierigen Schnittfeld von Kunst und Religion musste ich ihm antworten, dass dies so nicht gehe. Harnoncourt, 80 Jahre alt, fast 60 Jahre Priester, Prälat, Kanonikus, Gründer des Instituts für Kirchenmusik und der Liturgiewissenschaft in Graz, langjähriger Ordinarius, ein Mann von großem Geist und ökumenischer Weite, fühlte sich getroffen. „Wirklich nicht?“ Und an dem Punkt beginnt die unglaubliche Erfolgsgeschichte dieses Projekts, über deren „Erfolgsfaktoren“ es nachzudenken lohnt:

 

 

>> Pressemeldungen zum Kunstfestival "1+1+1=1 Trinität"

 

>> Was war "1+1+1=1"? Ein Überblick über das Projekt >>

 

>> PROGRAMMABLAUF des FESTIVALS
(19. Juni - 22. Juni)

 

 

>> Eine Nachlese zur Ausstellung (J. Rauchenberger)

 

>> Eine Nachlese zur Literatur (Birgit Pölzl)

 

 

Der, der sich von der Kunst buchstäblich Neues für seine müde Religion erwartete, ging nicht mit der Gönnergeste durch das Land, sondern ließ sich auf einen ernsthaften Diskurs mit Fachleuten und KünstlerInnen ein, der von großem Respekt füreinander getragen war. Und der von den Kunstschaffenden nicht einfach etwas als „Gegengeschäft“ erwartete, sondern der diesen im tiefsten seines Herzens – Harnoncourts Herkunft (mit seinem Bruder Nikolaus spielte er schon im frühen Kindesalter Kammermusik) ist ohne die Dimension „Kunst“ gar nicht zu denken – ganz Zentrales in dem zutraut, das eigentlich seine eigene Lebens-Profession war: „Kunst ist für mich die letzte Hüterin des Heiligen.“ Aber hatte man der Kunst nicht gerade in den Gottesbildern die Kompetenz entzogen oder, anders gesagt, hat sie nicht gerade darin einst gekündigt? Obwohl Harnoncourt seine pastorale Seite bei dem Projekt nie verleugnen konnte, (ja er war mitunter bei der Projektdurchführung dabei wie ein Jugendkaplan längst vergangener Zeiten!), ließ er sich vom unerwarteten Zustrom an Beiträgen nie ganz hinreißen, sondern gewann hochkarätige Fachjurys und akzeptierte in beeindruckender Stifterhaltung deren strenge Auswahl für die Ausstellung und das Text- und Katalogbuch – als einer der unbedingt Qualität wollte. Denn den Spagat zwischen gut gemeint und gut zu schaffen ist das dritte Kriterium, will ein Boden neu bereitet werden.
Somit folgt viertens: Qualitätssuche gelingt nicht ohne die Haltung ernst gemeinter künstlerischer Freiheit. Eng gedachte Zielerfüllungskataloge heutiger „Qualitätssicherungen“ sind solcher Haltung jedenfalls fremd.

 

Philipp Harnoncourt stiftete zu seinem 80. Geburtstag Kunst- und Literaturpreise, sowie Kompositions- und Tanzaufträge zur Trinität.

Foto. J. Rauchenberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Wiener Stadtzeitung „Der Falter“, in der der Theologe Harnoncourt für diese Kunstaktion zu seinem hohen Geburtstag unerwartet ein ganzseitiges Interview erhielt („Gott ist nicht mono“), war vom „hübschen Sümmchen“ die Rede, das er aus dem Privatvermögen und unterstützt von Verwandten und Freunden, einsetze. Wie wäre es, (ein fünftes Kriterium), würde die Idee des Stiftens – das ist etwas anderes als Sponsoring – fortan auch Menschen und Institutionen erfassen, denen Fragen des Transzendenten in der Kunst einfach interessiert? Kunst, auch eine, die vom Heiligen handelt, braucht eben auch Bedingungen, überhaupt erst etwas produzieren zu können. Der „Ertrag“ jedenfalls kann ziemlich hoch sein.


 

>> Magazin zum Kunstfestival "Trinität"

 

 

 

 

 

 

 

Dann kann ein Diskurs beginnen, ob und worin das große Kunst-Projekt der Trinität der Frage und der Sehnsucht nach Gott etwas Neues und Zeitgenössisches hinzugefügt hat. Auch wenn es mitunter auch Beiläufiges war. Nur einige Schlaglichter: Die Dreifaltigkeit bei der „Faltung“ ernst zu nehmen (Juliane Link, Caroline Haider, Klaus Lang). Das Mütterliche, besser: Großmütterliche zu erinnern (Georgi Gospodinov), wenn es wenigstens in der Kindheit um die Sache Gottes ging, Beziehungsrelationen zu erhellen (Helwig Brunner, Lidya Dimkowska, Anna und Maria Obernosterer). Die vertrauten Dimensionen von Zeit und Raum anders lesen zu lernen (Manfred Erjautz, Joseph Marsteurer), ZEUGEN als Bildereignis zu lernen (Tobias Trutwin) und den katholischen Kult mit Tanz zu beschatten (Sebastian Prantl). Hypostasen für heute zu hören (Karlheinz Essl). Den biblischen Gottesnamen zu entziffern oder ihn ganz einfach in den Plural zu setzen (Oswald Putzer, Markus Wilfling). Einwände gegen das Männliche in Gott zu üben (Peter Ablinger, Fritz Ganser), das Schweigen des Absoluten zu ordnen und so aufzubrechen (Leo Zogmayer). Das Rationale durch das Sinnliche auszubalancieren (Heribert Friedl). Oder den Alltag auf seine Mystik des Glaubens auszuleuchten, selbst in der Banalität der Werbung (zweintopf). 

(erscheint in: Kunst und Kirche 3/2011, Springer Verlag Wien.)

 


 

 

 

 

 

1+1+1=1 TRINITÄT. Hg. von Philipp Harnoncourt, Birgit Pölzl, Johannes Rauchenberger, 232 Seiten, Edition Korrespondenzen, Wien 2011,. EUR 29.90.

 

Sie können das Buch auch im Kulturzentrum bei den Minoriten bestellen: office@kultum.at