DICHOTOMIEN

Superlative erwecken Misstrauen. Übertreibung, Vereinfachung oder es sitzt ihnen einfach schlechter Geschmack im Ärmel, wir laufen und lügen ja nicht ständig um die Wette, und auch der Elativ, der dem Superlativ zunehmend unter die wattierten Schultern greifen muss, hat ein Problem mit der Glaubwürdigkeit. Und dennoch muss er hier aufgerufen werden – chapeau, Kunsthaus, chapeau, KULTUM, chapeau, Diözese, die Ausstellung „Glaube, Liebe, Hoffnung“ war höchst inspirierend, die Zusammenarbeit mehr als in Ordnung. Zwischen Kunst und Kirche war ein Dialog auf Augenhöhe möglich, wie Colette Schmidt im Standard anmerkte, ein Dialog, der seit den 1960er Jahren in Graz geführt wird und mitunter ganz schön zur Sache ging. Wie diese Ausstellung, die künstlerische Positionen versammelte, die kritisch nachfragten und klug ironisierten, Verbindungen herstellten, die unter die Haut gingen und im Verzicht auf Ironie immer wieder anrührten.

Und nach der Schau ist nicht vor der Schau. Nach einer solchen Schau atmet man durch, nach einer solchen Schau denkt man nach und in die Zukunft. Einen besseren Zeitpunkt, die Tür aufzumachen und jemand anderen, sagen wir, den steirischen herbst einzuladen, eine Zeit lang kuratorisch zu werken, gibt es gar nicht (tja, diese Elative). Ein Teil von Volksfronten, der erweiterten Gesamtausstellung, die die neue Intendantin Ekaterina Degot gemeinsam mit einem Kuratorinnen-Kollektiv konzipiert hat, wird in der kultum-Galerie von 21.9. bis 14.10. zu sehen sein. Ideologische Kämpfe werden thematisiert und das Kollabieren politischer Dichotomien vor Augen geführt, in Dämonische Leinwände, der Heimat-Horror-Filmserie des Duos kozek hörlonski etwa mutieren Fetischlandschaften des Heimatfilms zu Schauplätzen des Horrors, in Intercession on Karl Marx Street setzt Victoria Lomasko entmächtigte Menschen in einen postsowjetisch wie religiös definierten Rahmen. 

So weit, so spannend. Spannend bleibt das Dichotomie-Thema auch für die anderen Sparten des Kulturzentrums. Denn Dichotomien kollabieren zwar, werden aber ständig und gerade in rechtspopulistischen Milieus neu konstruiert, fast scheint es, als gingen Kollaps und die Konstruktion Hand in Hand. Dichotome Denkmuster, die unzulässig vereinfachen, ausgrenzen, Vorurteile hervorbringen und Alltagsrassismen Vorschub leisten, knüpfen sich die Sprechperformerinnen Fatima Moumouni, Omar Khir Alanam und Mario Tomic mit Witz und Verve vor. Eine Möglichkeit gegen das Dichotome ist der Blick auf Gemeinsamkeiten: Die Reihe Ost_West erkundet – bei allen Unterschieden – Parallelen in den poetischen Verfahren von AutorenInnen. Am 11. Oktober werden wir Juan Gómez Bárcena aus Spanien und die polyglotte Natascha Gangl auf die Bühne bitten. 

Literatur, insbesondere Lyrik, hat Tools und Verfahren entwickelt, die Komplexität abbilden und generieren können, gerade weil sie nicht dichotom sind. Literatur kann die Mehrdeutigkeit von Sprache ins Bewusstsein spielen und das vermeintlich Vertraute derart aus seinen Zusammenhängen lösen, dass es neu, anders oder fremd erscheint und der Logik der Verfüg- und Verwertbarkeit entzogen wird. Genau diese Facetten rückt der Schwerpunkt „Was kann Lyrik #02“, der an drei Tagen Lyriker und Lyrikerinnen von Björn Kuhligk bis Kinga Tóth auf die Bühne bittet, in den Fokus (24., 29., 30. Oktober). Am 19. Oktober rufen die SlammerInnen zum Dichterwettstreit, zu Septemberbeginn schlägt die Literatur-Werkstatt-Graz ihre Zelte auf. 

We Have Taken and Eaten. Am 12. und 13. Oktober wird Scott Wollschlegers Monodrama für Perkussion vom Verein NOW! Oper der Gegenwart zur Aufführung gebracht. Das künstlerische Verfahren klingt zeitgemäß (und wenig dichotom): In den Müllhaufen der Kulturgeschichte habe er gekehrt, um aus Bruchstücken des Abfalls eine Geschichte zu konstruieren, sagt Scott Wollschleger. Ein spannender Herbst-Auftakt, den Christoph Renhart setzt, oder, um den Elativ wieder ins Spiel zu bringen, ein ausgesprochen spannender Auftakt. 

Im Theater für Junges Publikum wird im Oktober der Kasperl ein wenig eigensinnig und ohne sich über die Qualität von Elativen oder die Macht von Dichotomien den Kopf zu zerbrechen einen Goldschatz retten.

Bleibt die Frage, ob es, wenn alle Dichotomien kollabieren bzw. aufgelöst sind, eine letzte große bleibt, die nämlich zwischen Leben und Tod oder ob so viel Tod im Leben erkennbar ist und so viel Leben im Tod, dass auch diese Dichotomie aufgehoben erscheint, eine Frage, die ins Religiöse, in die Kunst und/oder ins Schweigen führt. 

 

 

Birgit Pölzl

 
 


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