THEORIE

 

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Die Aktualität der Schwerkraft-Thematik in der bildenden Kunst

Eleonora Louis


 

 

 

 

 

1.

Die vereinzelt in den letzten 15 Jahren erschienenen Bücher, Ausstellungen und dazugehörigen Kataloge, die man dem Thema der Schwerkraft zurechnen kann, kreisen ausnahmslos um einen Punkt — der Überwindung der Gravitation und dem Scheitern daran, dargestellt an Hand des künstlerischen Bildes.[1] Waren es zunächst noch die Träume des Fliegens und der unvermeidliche Sturz, die sich in den Bildbeispielen mit visueller Ausdruckskraft zeigten, so hat sich in jüngster Zeit der praktisch-funktionale Umgang mit der Schwerelosigkeit hinzugesellt, vermittelt über das Design, das uns für ein Leben in der Schwerelosigkeit zur Verfügung gestellt werden soll. Der Wunsch zu Fliegen liegt all diesen Projekten wie eine gemeinsame, unterschiedlich stark durchscheinende Folie zugrunde.

2.

Der Flugtraum ist trotz der technologischen Errungenschaften nicht ausgeträumt. Im Gegenteil. Der Schritt zu einem physischen Erleben des Schwerelosen wird mehr denn je herbeigesehnt. Die bemannte Raumfahrt erweckt neuerdings (mit "Laien" an Bord) allgemein neues Interesse. Die Forschung testet abgesehen von medizinischem und naturwissenschaftlichem Fachpersonal mit einer Tänzerin, einem Maler, einer Theatergruppe, Architekten und Designern die körperlichen Reaktionen in der Schwerelosigkeit und erkundet die neuen Bedürfnisse. Und dennoch lassen diese technologischen Errungenschaften das Fliegen nicht Wirklichkeit werden. Es sind weiterhin Apparate und Maschinen, die bedient werden müssen, um uns für ein paar Minuten ein neues Raumgefühl zu geben — und um uns anschließend umso mehr die Erdenschwere spüren zu lassen. Weiterhin gilt, was Nietzsche imaginiert hat:  "- so aber spricht Vogel-Weisheit: 'Siehe, es gibt kein Oben, kein Unten! Wirf dich umher, hinaus, zurück, du leichter! Singe! Sprich nicht mehr!" Die Unterscheidung zwischen unserer und der  Blickrichtung von Gott und Göttern ist mit dem Eintritt in den Luftraum nicht mehr gegeben. Und dennoch kann auch hier nicht der Mensch sich sogleich erheben, sondern erst nach einem Verwandlungsprozeß in einen Vogel, dessen Preis für die Möglichkeit des Fliegens die Aufgabe der Sprache als kulturelles Kennzeichen des Menschen ist.

3.

Ist dieser Wunsch nach einer Erfüllung der körperlichen Leichtigkeitserfahrung auch eine Reaktion auf jene künstlerischen wie kommerziellen Medien-Bilder, die uns die virtuelle Befreiung aus den Gravitationskonstanten vor Augen führen? Aber woher kommen wiederum diese Bilder? Und dabei, dies vorweg, handelt es sich keineswegs um Bilder, die das Fliegen thematisieren. Diese Bewegungsform ist rückblickend zwar engstens verbunden mit einer Technikgeschichte und ihrer Frage "Wie überwinde ich die Schwerkraft?", ist aber dennoch nur ein Teil des künstlerischen bildgebenden Umgangs mit der physikalischen Gegegebenheit. Die Auseinandersetzung mit der Schwerkraft in der Kunst ist wesentlich breiter gefächert, als es die Einschränkung auf eine Ikonografie des Fliegens glauben macht. Mit neuen 'Sichtweisen' in der Wissenschaft und ihren technischen Errungenschaften bzw. Innovation haben auch die Künste neue Blickrichtungen, neue ästhetische Imaginationen vorgeführt. Gerade in dieser Verbindung von Wissenschaft und Kunst gesellt sich unter dem Aspekt der Erdanziehung wesentlich die Religion und ihre Bildmotive hinzu, ja, sie wartet mit den eindrücklichsten Bildbeispielen im Spannungsbogen zwischen irdischer Schwere und einem göttlichen Jenseits- aller-Schwerelosigkeit auf.

Aus unserer Perspektive des 21. Jahrhunderts gesehen ist diese klare Einteilung der Welt in ein schwerkraftbedingtes Oben und Unten, das moralischen Symbolcharakter besitzt, nicht mehr so eindeutig. Die selbstverständliche Vertikalität, die in der religiösen Welt wie eine thermometerhafte Skala der Moralität und der daraus folgenden Gottesnähe oder -ferne funktionierte, ist längst aufgehoben. Die Eroberung des Himmels hat diesem seinen Zauber genommen, die Physik hat zahlreiche Leerstellen des nicht Erklärbaren, die Gott eingenommen hatte, füllen und in Formeln gießen können. 

Und dennoch bleibt die physikalische Bedingung der Schwerkraft, die sich in den religiösen Motiven so oft als aufgehoben zeigt und in zahllosen Werken der bildenden Künste dargestellt wurde — am eindrücklichsten wohl in den Zeugnissen der Barockkunst.

4.

Die Prägung unserer Bilderwelt durch die Geschichte der religiösen Bildkonzepte darf nicht unterschätzt werden. Deshalb sind auch gerade ihre Veränderungen, die Abweichungen und -wanderungen, und ihre ästhetischen Torsionen Indiz und Zeugnis für die Veränderungen des Weltbildes. Sie verweisen auf Wahrnehmungsveränderungen, auf Änderungen der Perspektive. Verändern sich die Vertikalen der gotischen Kathedralen und die Waagrechten der barocken Zentralperspektive in eine Halbkugel, die einen Raum mit mehreren gleichberechtigten Richtungen zuläßt, in dem man sich drehen und dennoch immer dasselbe Bild sehen kann, dann ist das Konzept eines eindeutig religiös definierten Oben und Unten gebrochen und der Himmel nähergerückt. Gerade die ästhetisch-formalen Utopien des späten 18. Jahrhunderts — durch Spiegelungen sich zur Kugel ergänzende Halbkugelbauten, ein Sternenhimmel am helllichten Tag u.ä.[2] —  sind den gegenwärtigen Bildern der Medienkunst vielleicht deshalb nicht so fern, da es sich beide Male um die Kreation imaginärer Welten handelt, um die Schaffung neuer Wahrnehmungsräume, die von der Säkularisierung der alten Bildmotive im Zuge eines Verlusts des Glaubens an diese zeugen.

5.

Hier hat auch die Fotografie ihren Stellenwert, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Vom zu bearbeitenden Material gelöst kann sie sich gänzlich dem Blick darauf widmen. Brancusis Aufnahmen der Werke in seinem Atelier, die Fotos von TänzerInnen im Sprung, die Kandinsky in abstrakte Liniengefüge übersetzt oder die Aufnahmen von Gleichgewichtsstudien, die die zarten Gebilde aus einem Materialmix von Holz, Metall, Spiegel, etc. durch den besonderen Blick darauf erst endgültig in einem eigenartigen Schwebezustand verharren läßt: Sie alle zeigen die Fotokunst als adäquates Medium, dort, wo es um eine künstlerische Diskussion der Schwerkraft geht, um einen zusätzlichen eigenständigen Aspekt beizusteuern.[3] Film und Video haben als künstlerisches Handwerkszeug wie Arbeitsmaterial die Ausdrucksmöglichkeiten der Künstler im Bereich der Neuen Medien erweitert. Gerade hier trifft man auf unterschiedlichste Spielarten im Umgang mit dem Thema zwischen Schwere und Schwerelosigkeit. Die Aufhebung des oben und unten, des links und rechts, kann die Kunst mit ihrer Hilfe ganz selbstverständlich betreiben.

6.

Speziell das 20. Jahrhundert hat mit seiner Eroberung des Weltalls, mit dem Menschen in der Schwerelosigkeit und den Bildern davon unsere Wahrnehmung verändert. Parallel dazu haben die neuen Medien den Künstlern jenen visuellen Darstellungsraum eröffnet, der den Körper und die Dinge endgültig außerhalb des Wirkungsbereiches der Schwerkraft zeigt, und haben damit gänzlich neue Bildfindungen ermöglicht. Gerade hier finden sich die augenfälligsten Überkreuzungen der einmal aufgestellten religiösen Bildmuster der Gravitation und der säkularisierten Erfassung der Welt unter dem Eindruck der Naturwissenschaften.

Dabei kann man schon in den 50er- und 60er Jahren von einer gewissen Virtualisierung der Objekte sprechen, die ihre Loslösung von Volumen und Schwere andeutete. Die Projekte von Heinz Mack und Otto Piene in der Wüste transformieren Brancusis endlose Säule in eine Lichtskulptur. Obwohl Mack dabei vom Menschen spricht, „der aufrecht – mit Würde – im grenzenlosen Raum steht“, lässt sich die im reflektorischen Licht sich auflösende Masse auch von jener Seite her denken, die an die Lichtmetapher anknüpft, und damit religiöse/metaphysische Aspekte einbringt.[4] Richard Serra nimmt in einem Film das konzeptuelle Spiel mit der Schwerkraft und dem horizontal-vertikal-‚Kreuz’ auf, das er mit seinen Skulpturen später dreidimensional umsetzt.[5]

7.

Gerade in den Neuen Medien hat eine Reflexion des Phänomens Gravitation eingesetzt, das die Geschichte ihrer Bilder, die Bedingungen der Bilderzeugung und der Wahrnehmung thematisiert. Es scheint, als ob gerade die eingangs beschriebenen Aktivitäten in Hinblick auf physische Erprobung des gravitationsfreien Raums Künstler zur ästhetischen Befragung dieses Komplexes herausfordert und die Wahrnehmungsveränderung konzeptuell ins Zentrum ihrer Werke stellt. So werden in der Fotografie Motive gezeigt, die die Grenzen zwischen Abstraktion und Realität irritierend in Schwebe halten, die Reaktion eines möglichen Betrachters in das Kunstwerk schon miteinbeziehen, die Täuschung des Betrachters mit einem angeblichen Raum der Schwerelosigkeit gleich im Werk selbst offen legen.

Eine physikalische Bedingung unseres Seins wird — wieder einmal — bewusst in Bilder umgesetzt. Sie bringen technologische Realität, Wunschträume und den spezifischen Umgang des Künstlers mit dem von ihm gewählten Material zusammen, wandeln die Blickperspektive der Zeit in Bildkonzepte um.

In einem Jahrhundert, das nach den ersten Visionen und Versuchen, den Weltraum zu erobern, in seiner zweiten Hälfte dies Realität werden ließ, stellt sich dabei die Frage nach der künstlerischen Bewältigung von neuem, wenn im Laufe der Abfolge physikalischer Erkenntnisse und technologischer Errungenschaften Metaphysisches nicht als Lückenbüßer für das jeweils noch nicht Geklärte verwendet wird.

 

Dr.phil. Eleonora Louis

geb. 1959, Kunsthistorikerin, seit 1991 Lektorin für Kunstgeschichte an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz, 1992-1996 Kuratorin an der Kunsthalle Wien, seit 2002 Chefkuratorin der Grafischen Sammlung Albertina in Wien, Kuratorin von „HIMMELSCHWER. Transformationen der Schwerkraft“.

Veröffentlichungen: Ausstellungkatalog „Glaube Hoffnung Liebe Tod“ (Hg. zusammen mit Christoph Geissmar-Brandi) u.a.

 


 

1] z.B. Im Gleichgewicht – Paul Klee und die Moderne, Ausstellungskatalog, 1987; Jeannot Simmen, Vertigo und moderne Plastik, 1986; Jeannot Simmen, Schwindel der Modernen Kunst, 1990; Deutsche Lufthansa AG (Hg.), Fliegen — Traum und Sehnsucht. Frankfurt a. M., 1990; Jeannot Simmen, Schwerelos, Der Traum vom Fliegen in der Kunst der Moderne, Ausstellungskatalog Berlin, 1991; All Design. Leben im schwerelosen Raum. Ausstellungskatalog, Museum für Gestaltung, Zürich, 2001; Symposium „Luft“, Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, 24.-26.10. 2002

[2] vgl. u.a. die Architekturphantasien von Nicolas Ledoux, Etienne Boullée oder Lequeu

[3] Es ist bezeichnend im Sinne der Aktualität unseres Themas, dass das nicht zu Ende gebrachte Buch der Bauhauskünstlerin Gertrud Grunow unter dem vom Herausgeber ihm gegebenen Titel „Der Gleichgewichtskreis“ 2001veröffentlicht wurde, und damit den Kern des Konzepts - eine Synthese aus der physiologischen Raumordnung des Menschen mit ästhetischen Grundlagen und religiöser Ausrichtung – zu treffen sucht. Damit findet jene Seite des Weimarer Bauhauses, die mit synästhetischen Konzepten ein neues Weltbild zu schaffen versuchte, wieder detaillierte Aufmerksamkeit.

[4] Heinz Mack und Otto Piene, „Sahara-Projekt“, 1958 konzipiert, 1968/69 teilweise realisiert.

[5] Richard Serra, „Hand Catching Lead“, 1968, 16 mm Film, 13’30”, schw/w. Der Film zeigt ein fallendes Bleistück, das eine Hand (die des Künstlers) versucht zu greifen. Die Vertikalität des fallenden Metalls ergänzt die waagrecht ins Bild gestreckte, sich öffnende und schließende Hand.

Dieser Artikel erschien leicht gekürzt in: Kunst und Kirche /2003/1

 

 

 

 

 

 

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