|
<< Home >>
HIMMELSCHWER. Transformationen der Schwerkraft(Graz 2003 - Kulturhauptstadt
Europas)
|
>>
Graz OFFSITE
Maaria Wirkkala

 Maaria Wirkkala
Tiramisu II. Back to the Roofs, Graz 2003, temporäre Installation;
vergessene Bauleiter, mit einer Glassprosse ersetzt: THE FRAGLIE
unten: Installation von Leitern auf historischen Dächern der Altstadt: THE
VIEW IS THE PRECIOUS |
Maaria Wirkkala, feinsinnige visuelle Poetin aus Finnland,
hat zur Ausstellung
HIMMELSCHWER.
Transformationen der Schwerkraft(Graz 2003 - Kulturhauptstadt
Europas) die Installation “TIRAMISU II. Back to the roofs” geschaffen und
damit die Stadtkrone von Graz zu einer begehbaren Skulptur gemacht:
Ausgangspunkt ihrer sparsamen wie wohl durchdachten Zeichensetzungen war
eine fehlende Sprosse einer von Bauarbeitern bei Restaurierungsarbeiten in
der Turmkammer der Katharinenkirche vergessenen Leiter. Die Künstlerin
beließ die Leiter am Fundort, ersetzte das fehlende Glied durch eine
Glassprosse und platzierte in den Blickachsen der an einem erhöhten Ort
über dem Stadtzentrum gelegenen Kirche vier goldene Leitern, die die
Horizontlinie der Stadtlandschaft markierten.
Vorbereitet und wie in einem Brennglas verdichtet fand sich dieser
Ausblick in und über den Horizont unseres Menschseins im Dachstuhl des
benachbarten Domes: Inmitten der strengen Rhythmik der hölzernen
Balkenkonstruktion schwebte eine spärlich beleuchtete Glasleiter. Der
Schatten, den sie auf den Pfosten hinter ihr warf, war deutlicher sichtbar
als die Leiter selbst: Materielles an der Grenze seiner optischen
Auflösung, des Überstiegs in eine andere, utopische Welt menschlicher
Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume.
|
|

|
>> Clip:
Eine goldene Leiter wird auf das Landhaus gehoben
Maaria Wirkkala
Tiramisu II. Back to the Roofs, Graz 2003, temporäre Installation
Installation von Leitern auf historischen Dächern der Altstadt, unteres
Bild: THE VIEW IS THE PRECIOUS (Eine Leiter wird auf das historische
Landhaus gehoben; Aussicht auf eine Leiter vom Turm der Katharinenkirche
aus).


 ”THE INVISIBLE”:
Glasleiter im Dachboden des Grazer Doms Fotos: J. Rauchenberger
|
Die Horizontlinie ist mehr als die optische
Markierung einer physikalischen Tatsache, der Himmel – nicht nur für
gläubige Menschen – Existenzielleres als die Ansammlung von Luft und
Wolken über uns.
Die Türme unserer wie jeder Stadt sind sinnenfällige Zeichen für den
Wunsch des Menschen den Horizont unserer Kulturlandschaft in einen anderen
Bereich zu öffnen. Der Mausoleumsturm – am höchsten Punkt der historischen
Altstadt und Teil der Grazer „Stadtkrone“ – lässt diesen Aufstieg in
sinnlicher Unmittelbarkeit erleben: Gleich neben der Grabeskrypta führt in
einer Spiralbewegung eine Treppe nach oben in einen Raum, der sich in alle
vier Himmelsrichtungen öffnet, der in luftiger Höhe frei atmen lässt und
überwältigende Blicke auf unsere berühmte Grazer Dachlandschaft freigibt.
Genau diese Stelle hat die finnische Künstlerin Maaria Wirkkala, die dafür
bekannt ist, dass sie durch sparsame, aber wohldurchdachte,
hochkonzentrierte künstlerische Zeichen Innen- wie Außenräumen subtil
aufzuladen vermag, für eine Installation ausgewählt. Im Inneren des
kreisrunden Raumes macht die durch einen Glasstab ersetzte fehlende
Sprosse an einer dort gefundenen alten Holzleiter auf die Fragilität
dieser Auf- und Überstiegsbewegung aufmerksam, beim Blick aus den Fenstern
markieren goldene Leitern in den Blickachsen über die Firstlinie der
Dächer hinausragend die Schönheit der Aussicht in eine unerreichbare Ferne
und in die Weite unseres Menschseins. Vorbereitet und wie in einem
Brennglas verdichtet findet sich dieser Ausblick in und über den Horizont
unseres Menschseins im Dachstuhl des Domes: Nach dem Aufstieg über die
Friedrichskapelle mit der preziösen Darstellung des Leidens Christi in die
darüber liegende Romualdkapelle mit dem Fresko „Christus an der
Geißelsäule“ in einem prächtigen Renaissanceraum von eindringlicher
Klarheit führt eine steile Treppe zu einer Tür, die normalerweise
verschlossen ist. Wirkkala öffnet ihn optisch und lässt unvermutete
Schönheit zu Tage treten. Inmitten der strengen Rhythmik der hölzernen
Balkenkonstruktion hängt eine spärlich beleuchtete Glasleiter: Materielles
an der Grenze seiner optischen Auflösung, des Überstiegs in eine andere
Welt. Die Metapher der Himmelsleiter, seit Urzeiten der religiösen
Erzählungen bekannt, wird hier mit poetischer Kraft zur hintergründigen
Aufforderung, sich dem zu stellen, was am Limes, am Horizont unserer
Wünsche steht: ein Aufstieg in einen Himmel, ein Jenseits unseres Inneren,
wie immer es aussehen mag. Zerbrechlich, zerbrochen oder golden.
Alois Kölbl / Johannes Rauchenberger
|