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REAKTION PROMETHEUS. Zur
Ausstellung in den neuen Räumen. Von Johannes Rauchenberger |
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Vorausdenken oder Hinterherdenken? In der Reflexion dessen, was Weltdeutung sein kann, kommen dem Mythos keine Begriffe aus der Militärsprache in den Sinn („Avantgarde"), sondern vielmehr Fi-guren, die mit Geschichten unterlegt werden. Als Projektionen sind PROMETHEUS (der „ Vorausdenker") und EPIMETHEUS (der „Hinterherdenker") jene beiden Protagonisten, die mit den entscheidenden Kulturtechniken (Feuer), mit List, Verführung, Rebellion, Emanzipation in Verbindung gebracht werden.Joseph Beuys (+1986) hat kurz vor seinem Tod in der Kultur seiner Zeit mehr den Epimetheus erkannt. Ihm schwebte aber ein sinn-volles Gespräch beider Urbilder – des Bewahrens und des Vorausdenkens – vor: „Aber man muss
feststellen, dass diese heutige Kultur eine spezielle ist, nämlich die
Kultur des Epimetheus, des Bewahrers, [...] der die Sinnzusammenhänge der
Kultur aufrecht erhält. Frage: Wie sehr ist es der Kunst gelungen, das Vorausdenken und das Bewahren zu harmonisieren? Wo sind heute solche Schnittstellen des Scheiterns, der Ex- und Implosionen sichtbar? Letztere sind für das prometheische Denken und Handeln, das sich in alle Wirklichkeitsbereiche verströmt hat wie die Übel nach dem Öffnen der Büchse der Pandora (mit Ausnahme der Hoffnung), schließlich überall greifbar: Technik verselbständigt sich zusehends. Der medizinische Fortschritt hat die weißen Götter keineswegs auf den Kaukasus, sondern in den zeitgenössischen Götterhimmel gehievt. Innovation und Fortschritt, die am meisten beanspruchten „Musts" der letzten Jahrzehnte, sind zusehends in den Hülsenverdacht gerutscht und werden eher nur mehr von Politikern und einzelnen Betriebsberatern in den Mund genommen. Emanzipation bringt mittlerweile Autoritäten hervor, die den alten um nichts nachstehen. Erlösungsstrategiefeldzüge finden zwar nicht mehr mit dem Fackelträger, aber im gleißenden Scheinwerferlicht medialer Selbst-darstellung und Unterhaltung statt. Leere breitet sich nicht als Fülle, sondern als Bedeutungslosigkeit aus. Der Kampf der Götter und Titanen hat sich zu einem täglichen Ranking heruntergespult. Und die Frage des Euripides in seiner Elektra ist aktueller denn je: „Verflucht, welcher Mensch, welcher Held, welcher Gott? Wer sind diese Menschen?"In einer solchen Zeitsituation die mythische Figur des Prometheus als Bezugspunkt für Kunstwerke vor Augen zu stellen bedeutet, „Vorausdenken" und „Hinterherdenken" als Versuchsanordnung mit ungewissem Reaktionsausgang zu entwerfen: Künstlerinnen und Künstler haben für diese Ausstellung meist aus dem Zeichenrepertoire ihres Kunstschaffens ein Verhältnis zur Projektion „Prometheus" zu setzen versucht, einige Werke entstanden neu. Was zunächst rätselhaft wie in einem Versuchslabor erscheinen mag, legt Reaktionen frei, die durch das Abarbeiten an einem Leitmotiv entstehen. Und immer wieder bleibt das schwelende Motiv der Strafe des Zeus an Prometheus aufrecht: Hat dieser den Menschen doch etwas gebracht, was er hätte besser bleiben lassen sollen? Petra Sterry s „Premotors, Inc." führt am Sterbeentzug das Problem der Unsterblichkeit vor. Ist es nicht längst zu spät für uns, um Menschen (also Sterbliche) bleiben zu können? Sollten wir Prometheus nicht gleich in den Unterhaltungsshows von Siegfried & Roy und ihren weißen Tigern in Las Vegas suchen (G.R.A.M.)? (Ist der Biss des weißgestreiften Tigers mit dem Picken des Adlers zu vergleichen?) Sind es die Stereotypen von Kraftprotzertum, Macht und Sex-Appeal, die die prometheischen Fäden durch die Datenleitungen jagen? Die sechs Meter hohe Drahtsäule Marianne Madernas im Innenhof des Minoritenklosters mit seiner typischen Säulenarchitektur des frühen 17. Jahrhunderts lässt Männerfiguren aufmarschieren, Marionetten, versklavte Figuren, die sich in die Höhe ranken wie einst in den Siegessäulen Roms. Aber die „Reaktion Prometheus", der dazugehörige Song der feministischen Entgegnung, relativiert den Anspruch dieser Siegesfiguren bis auf den Grund: Ihre Kraft liegt im „bang-bang". Oben, in den beschaulichen Zellen, hat sich ein Gott eingenistet, längst mit den modernen Kommunikationstechniken vertraut – nur ist er eben gerade kurz weg: Somit haben wir Prometheus an seinem einsamen Arbeitsplatz erwischt, wo er den Heiligenschein (also seine Amtscodierung) abgelegt und sein Handy vergessen hat, und wir können nur eine kurze Notiz zur Kenntnis nehmen: „Will be back in 5 minutes – God", (Werner Reiterer). Kann Prometheus nach all den Missbräuchen von Napoleon bis Hitler als der Überbringer von Feuer und Licht noch gedacht werden – oder ist nicht eine Zuckerdose am Fuß eines durchtrainierten Männerbeins von Manfred Erjautz viel sympathischer? Die Banner von Andreas Hofer markieren Schnittstellen, an denen Utopien in Totalitarismus, die Errungenschaften der Aufklärung in verkitschte Mythologien kippen (die Künstlersignatur, die das Jahr dieses Umschlags für Andreas Hofer markiert, lautet meist: „Andy Hope 1930"). Sie verweisen auf die historischen Missbrauchs-spitzen der an Prometheus angelehnten Erlösungsfiguren. Schemen des Nazi-Propagandakünstlers Arno Breker werden aufgegriffen, Superman-Comics und andere Pathosformeln werden verwendet, montiert und verschoben, um der beklemmenden Travestierung dieser Bild- und Ideologieformeln eine zeitgenössische Bearbeitung zu verleihen.Was aber, wenn gar kein Kampf zwischen den Göttern und Titanen denkbar ist, ja das Göttliche vom Standpunkt der Nichtberücksichtigung betrachtet wird („denn die atheistische Negation wäre hier schon wieder zu göttlich", Klaus Mosettig). In den großformatigen Bleistiftzeichnungen Klaus Mosettigs wird das Motiv zurückgeführt auf das Nichts, das immer noch voll der Details ist – wie die Staubpartikelchen, die sich auf der Linse von Diaprojektoren gebildet haben. Nach „Niemals Genuss ohne Bitterkeit" – den großformatigen Kuhfladenzeichnungen samt eruptiven Beschimpfungen, die vor vier Jahren bei den Minoriten ausgestellt waren – geraten diese Annäherungen an Staubpartikelchen fast zu einer Mystik des Wertlosen. Diese Leere und die künstlerische Würdigung wird bei Wendelin Pressls künstlerisch-konstruierter Sternenkarte scheinbar remythologisiert, als ob sich der Künstler auf die Suche nach einem Sternenhimmel begäbe, den die Naturwissenschaft mit ihren Erklärungsmodellen einst entmythologisiert hatte. Und doch sind es die Naturwissenschaften, die schon längst die Bilder der Weltdeutung liefern. Diese beanspruchen Deutungskraft, wie sie einst nur Mythen und Allegorien besaßen. Das alles geschieht nach der Entmythologisierung. Ein solches Bild einer Weltdeutungsformel liegt zum Beispiel in der Doppel-Helix der DNA, die nicht nur von Wissenschaftern, sondern auch von Künstlern als Icon des gemeinsamen Codes aller Lebensformen verwendet wird. Der Grazer Künstler ILA arbeitet seit geraumer Zeit mit diesem Motiv. Auf der Ebene einer künstlerischen Allegorie setzt der in früheren Lebensphasen auch studierte technische Geologe buchstäblich seine Versuchsanordnung zum Prometheus-Motiv. Eis und Feuer, die elementarsten Aggregatzustände, setzt ILA in ein poetisches Geflecht von innen und außen, von zarter Eisschicht auf den spiralförmig sich wendenden Kupferrohren und einem Feuerball im Zentrum dieses Lebensweisheitssymbols.Christian Eisenberger s Prometheus-Reaktion stellt die vielschichtigen Auseinandersetzungen um das Kreuz in einen neuen Kontext. Durch mitunter brachiale Bearbeitungen reißt das Werk immer neue mythische Dimensionen auf, ob mit der Metaphorik des schmelzenden Zuckers, des verwesenden Frosches, des Fliegenfängers, der Kreuzkeule oder der Wasserwaage. Unbeabsichtigt rückt Eisenberger damit Prometheus in die Christus-Analogie: Darin wird der ungezwungen schnelle Künstler ein überraschender Kollege der frühen Kirchenväter. „Hic enim est verus Prometheus" ließ etwa Tertullian am Anfang des 3. Jahrhundert n. Chr. mit Blick auf das Kreuz ausrufen.In diesem Zusammenhang lassen sich auch Berlinde de Bruyckeres geschundene Leib-Skulpturen nicht aus der Ikonografie des Leidens und des Opfers herauslösen, sondern finden darin erst ihren Sinn: Ihre an einem Stahlpunkt aufgehängten, gemarterten und verzerrten Körper machen das Projektionsverhältnis frei für einen Blick auf den Schmerz, der in den schockierenden wie tief unter die Haut gehenden Arbeiten einen Zusammenhang von Leiden und Erlösung eröffnet. Die in Graz gezeigte Arbeit entstand in der Auseinandersetzung mit einer Kreuzigungsgruppe aus dem 14. Jahrhundert und macht im Kontext der Ausstellung jene verbindende Horizontlinie sichtbar, die sich vom Kaukasusfelsen zum Felsen von Golgotha zieht.Den gefesselten Prometheus in die Christus-Analogie zu ziehen war freilich nur in einer kreativen Zeitspanne einer damals noch sehr jungen christlichen Theologie denkbar. Prometheus hat fortan noch viele Interpretamente erlebt. Bis herauf zu Goethe, Camus oder Gide. „Wir müssen uns Prometheus als Menschen vorstellen." (Freilich, auch Sysiphos lässt grüßen.) Jaume Plensa s Buchstabenfigur eines zwar offenen, aber in sich kauernd zusammengezogenen Textkörpers führt auf der Ebene des Versuchs, der Einsamkeit eine Sprache zu geben, die Schmerzmetaphorik de Bruyckeres weiter – als Skulptur verwandelt sie den leeren in einen inhaltlichen und geistigen Raum. Dieser Impuls kann sich wieder in das verändern, wofür Prometheus traditionell steht: in den Überbringer von Feuer und Licht.Ob dieses Bringen des Heils ein Geschenk an die Menschen sein kann, das ohne das Gesetz von Strafe und Leiden zu funktionieren vermag, haben die Mythen mit einem Nein in Geschichten gegossen. Franz Kapfer, der wie kaum ein anderer teilnehmender Künstler dieser Ausstellung sich in seinen Performances mit Mythen auseinandergesetzt hat, hat in seiner Arbeit „Liebeserklärung" die Zerrissenheit zwischen dem Anstiften und dem Zu-weit-gegangen-Sein thematisiert. Er zündet an, und er löscht: Vor dem Modell des Stephansdoms in der Mitte der Arbeit steht der Künstler mit seiner typischen Kopfbedeckung – als der Insignie seiner Performancemacht. Wien also, mit ihm diese Stadt, dieses Land, das sich von seinem Adler als Repräsentationszeichen von Macht und Herrschaft ebenso wenig trennen konnte wie der durch Unsterblichkeit verurteilte Prometheus am Kaukasusfelsen. Der Adler musste diesem Leider immerfort seine Macht zeigen. Doch ist es Strafe? Opfer? Verdammnis zur Unsterblichkeit? Die Reaktion Prometheus ist eine Kettenreaktion. Unterbrechung ist gefragt.
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