REDE AN DIE KUNSTSCHAFFENDEN:

Dr. Egon Kapellari, Diözesanbischof von Graz-Seckau bei der Eröffnung der neuen Räume des Kulturzentrums bei den Minoriten in Graz und zur Ausstellung „PROMETHEUS“ am 5. März 2010
 

 

 

>> I.      Die Kraft des Mythos

 >> II.      Das Leiden zur Sprache bringen

>> III.      Kunst und Theologie umkreisen durch eine Ars negativa und eine Theologia negativa ein unauslotbares Geheimnis

 

 

I.      Vorbemerkungen

Seit 400 Jahren steht das Minoritenkloster inmitten der alten Grazer Vorstadt und ist vor allem durch seine Kirche und den prächtigen Minoritensaal, das frühere Refektorium des Klosters, ein kostbarer Teil des kulturellen Erbes von Graz. Seit 35 Jahren ist hier auch das diözesane Kulturzentrum „bei den Minoriten“ untergebracht. In der in Graz und in der übrigen Steiermark überaus vielgestaltigen Auseinandersetzung mit Kultur und zumal mit Kunst der Gegenwart ist dieses Zentrum längst schon eine weithin bekannte und anerkannte Adresse geworden. Der Minoritenorden ist in diesem Haus als Eigentümer durch drei Patres präsent und es obliegt ihm auch die Leitung der Pfarre, die das Kloster umgibt. Ich danke dem Orden, der nun wieder die Gesamtverantwortung für den ganzen Gebäudekomplex übernommen hat, dass die Diözese von ihm die für ihr Kulturzentrum neu gewidmeten Räume mieten konnte. Diese Räume dienten bisher dem Diözesanmuseum, das nun in das Gebäude des Priesterseminars nahe der Domkirche übersiedelt wurde und dort in Kürze eröffnet werden wird.

 

Seit 36 Jahren besteht das Kulturzentrum bei den Minoriten. Nach den Jahren des pionierhaften Wirkens von Josef Fink, dem unvergessenen Priester und Künstler, und seines Teams ist hier nun Doktor Johannes Rauchenberger mit einem sehr kompetenten und dynamischen Ensemble von Mitarbeitenden tätig und erfährt dabei die Unterstützung zahlreicher Kunstschaffender sowie finanzielle Hilfe durch die Diözese Graz-Seckau und in hohem Maße auch durch die öffentliche Hand. Ohne beides wäre es nicht möglich, dass hier und von hier aus für das Lebensmittel Kunst ein Dienst von so hoher Qualität getan wird. Ich bringe beim heutigen Anlass allen daran Beteiligten meinen herzlichen Dank zum Ausdruck.

 

II.      Die Kraft des Mythos

 

Zur Eröffnung der neuen Räume besinnt man sich „bei den Minoriten“ auf das alte Thema des Mythos. Mythen haben als uralte Versuche zur Deutung von Welt und Leben und als Hilfen zur Daseinsbewältigung trotz der heute dominanten Weltdeutung durch wissenschaftliche und zumal durch naturwissenschaftliche Weltbilder viel von ihrer Kraft behalten. Gleiches gilt für die Religion, freilich mit Metamorphosen, auch in weithin säkularisierten Ländern Europas.

Religion war von jeher mit Mythen vielfach verbunden oder mit ihnen sogar deckungsgleich. Dort, wo Religion sich ihres mythischen Kleides entledigen wollte und wo ihr dies weitgehend gelungen ist, hat sie nicht nur viel von ihrer Rätselhaftigkeit und Dunkelheit, sondern auch viel von ihrem Glanz und ihrer Kraft verloren. Das Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten eröffnet heute seine neuen Räume in Zuwendung zum Mythos des Prometheus, der in einer als frevelhaft empfundenen Grenzüberschreitung den Göttern das Feuer gestohlen und in den Dienst der Menschen gestellt hat. Karl Marx nannte Prometheus, der für diesen Tabubruch von den Himmlischen auf schreckliche Weise bestraft wurde, den vornehmsten Heiligen im philosophischen Kalender. Mit dem Thema Prometheus wird bei den Minoriten ein Schicksalsmythos Europas mit seiner prekären Dialektik in den Kontext einer Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst gestellt. Als Unsterblicher führt Prometheus – sein Name bedeutet wörtlich übersetzt „der Vor-Denker“ – die unsterblichen Götter hinters Licht und kann nur so den Sterblichen das Feuer bringen. Dieser tragische, an einen Felsen im Kaukasus geschmiedete Held, dessen Leber dem Fraß des Adlers – des heiligen Vogels des Zeus – ausgeliefert ist, wurde in unterschiedlichen Epochen auch als Leitfigur für das Schaffen von Kunst angesehen: Prometheus der Vordenker als Zerrissener, als widerständiger Revolutionär, als Schöpfer und Innovator, als Spötter, als Zivilisator, als Befreier und als einer, der ungezügelte Kräfte entfesselt. Als Gymnasiast bin ich erstmals dem ihm gewidmeten „Sturm und Drang“-Gedicht Goethes begegnet mit seinem schon in der ersten Zeile gezielt frevlerischen Ton: „Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst.“

 

Bezogen auf die anschließend hier im Haus zu eröffnende Ausstellung hat Dr. Rauchenberger den Künstler Joseph Beuys zitiert. Beuys war ebenso dem katholisch-christlichen wie dem mythischen Erbe Europas zugewendet. In einem seiner Texte (ich zitiere) sagte er Folgendes: „... man muss feststellen, dass diese heutige Kultur eine spezielle ist, nämlich (einerseits) die Kultur des Epimetheus, des Bewahrers, [...] der die Sinnzusammenhänge der Kultur aufrechterhält. Dagegen gibt es aber Prometheus. Das Prometheische und das Epimetheische sind zwei Urbilder. [...] Können wir nicht eine Kultur haben, wo diese beiden Urbilder, Prometheus und Epimetheus, in ein sinnvolles Gespräch kommen? Wo wir sowohl das Bewahrende, wie auch das die Entwicklung nach vorne Treibende – auch durch scheiternde Experimente, Explosionen usw. – harmonisieren könnten? Ich glaube, - so Joseph Beuys – es ist die Aufgabe der Kunst, dies zu leisten; aber sicher nicht der traditionellen Kunst, sondern einer Kunst, die wir erst noch erfinden müssen.“ Soviel aus einem Text des Joseph Beuys. Er entlastet Kunst von bedrängenden Ansprüchen und stellt doch  zugleich die unaufgebbare Frage, was Kunst kann und – wenn auch weniger drängend und nicht moralisch engführend – die Frage, was Kunst darf.

Mythen haben ebenso wie die Kunst eine ästhetische und eine ethische Dimension. Antike Mythen reden viele Male von der Schönheit, aber auch von der Gefährlichkeit der Kunst und sind dabei selber ein literarisches Kunstwerk: so die Geschichte vom betörenden, aber todbringenden Gesang der Sirenen, den der Dulder Odysseus zuhörend nur deshalb überstehen konnte, weil er sich mit unverklebten Ohren von den Gefährten, deren Ohren er schützend verklebt hatte, an den Mastbaum seines Schiffes binden ließ. Kirchenväter haben Jahrhunderte später den an den Mastbaum gebundenen Odysseus mit dem Christen verglichen, der seine Fahrt im Schiff der Kirche durch das Meer der Zeit nur dann unbeschädigt übersteht, wenn er an den aufrichtenden und maßgebenden Mastbaum des verklärten Kreuzes Christi gebunden ist.

An einen anderen Mythos hat der Dichter Rainer Maria Rilke am Ende seiner ersten Duineser Elegie erinnert. Er erzählt über den Ursprung der Musik: Durch die Klage um einen jungen Toten namens Linos sei der Äther in jene Schwingung geraten, die uns nun als Musik immer wieder „anruft und tröstet und hilft.“ Kunst und Schönheit gehören untrennbar zusammen – das sagen die Mythen von Odysseus im Bannkreis der Sirenen und vom erschütternd frühen Tod des Linos.

Der Mythos des Prometheus aber zeigt, dass Kunst nicht auf Schönheit reduzierbar ist. Anrufen und reichlich helfen (um beim Text Rilkes zu bleiben) kann auch eine Kunst, die provoziert, ja destruiert, die falschen Schein entlarvt und das Schreckliche im Menschen und seiner Welt ernüchternd ans Licht bringt. Kunst kann auch emanzipatorisch sein, kann Fesseln von Gefangenschaft lösen. Sie kann mit List und Augenzwinkern manchen Hinterhalt öffnen und entlarven. Sie kann reinigend, also kathartisch, und befreiend wirken. Sie kann aber auch umschlagen in destruktive Inhumanität. Karl Marx hat, wie schon erwähnt, Prometheus noch den „vornehmsten Heiligen des philosophischen Kalenders“ genannt. Aber 100 Jahre später wurde dieser Prometheus zur Fackelfigur eines der grauenhaftesten Regime der Menschheitsgeschichte. Kunst ist also nicht davor geschützt, von inhumanen Destruktionen missbraucht zu werden.

 

III.      Das Leiden zur Sprache bringen

 

Das Schicksal der Menschen ist es, sterblich zu sein. Menschliches Wissen, Einbildungskraft und Glauben der Menschen haben daran gearbeitet und arbeiten daran, gegen dieses Schicksal in immer neuen Versuchen anzukämpfen.

Das Schicksal des Prometheus aber, der den Menschen das Feuer brachte, ist es eben, nicht sterben zu können, weil er ein Unsterblicher ist. Er wird von Zeus, an den Kaukasusfelsen geschmiedet, bestraft, indem der Adler ihm seine stets nachwachsende Leber auspickt. In unserer Zeit menschheitsgeschichtlich noch nie da gewesener Verlängerungen des irdischen Lebens ist die ars moriendi weithin noch fremder geworden, als es schon der Tod in seiner grundsätzlichen Fremdheit ist. Kunst, und so auch einige Werke der Ausstellung bei den Minoriten, wie auch Philosophie können helfen, Unsterbliches von Sterblichem zu unterscheiden.

 

Kunst leistet aber auch Widerstand gegen die Banalität des Daseins, insofern sie jene Breschen wahrnimmt und interpretiert, die einerseits der Schmerz und andererseits das Schöne immer neu in den Horizont der Banalität schlagen. Prometheus wird von Zeus an den Felsen des Kaukasus geschlagen, weil er den Menschen das für ihre zukünftige Kultur Notwendige brachte: das Feuer. Der Zusammenhang von göttlicher Missgunst, Strafe und geduldetem Opfer ist ein religionsgeschichtlicher Topos, der später immer wieder auch dem christlichen Gottesbild angedichtet wurde, obwohl das Christentum genau das Gegenteil meint und eben diesen Zusammenhang aufgebrochen hat. Die schon in der alten Kirche entdeckte verbindende Linie zwischen dem Kaukasusfelsen des Prometheus und dem Felsen von Golgotha, wo das Kreuz Christi aufgerichtet war, hat die Theologen von damals bei ihrem Versuch inspiriert, die antike Religion mit dem jungen Christentum in einen Dialog zu bringen. Dem verdankt sich auch eine mytho-poetische Aussage des Tertullian, der im Blick auf den gekreuzigten Christus gesagt hat: „Hic est vere Prometheus“ - „ hier ist der wahre Prometheus“. Dies macht freilich nur Sinn, wenn man den geschundenen Körper Christi mit dem Geschenk in Verbindung bringt, das er vor seinem Leiden und durch sein Leiden und durch sein Auferstehen den Menschen gebracht hat. 

Die Kunst kann das Rätsel des Leidens, zumal des persönlich erlittenen Leidens, nicht auflösen. Wohl aber kann sie dieses Rätsel darstellen – und sie hat es vielfach getan, vor allem in der Kunst der Moderne. Entsprechend den Erfahrungen einer schrecklichen Geschichte im 20. Jahrhundert sind der Schmerz, der Schrei und die Wunde zu einem zentralen Motiv in der Kunst geworden. Dies gilt auch für die Gegenwart und deren tägliche Schreckensnachrichten aus aller Welt. Das bekannteste Werk der Ausstellung „bei den Minoriten“, der hängende Fleischkörper von Berlinde de Bruyckere, zeigt dies ungemein eindringlich, auch wenn dieser Körper ohne Wunde am Pfahl hängt.

Viele Passionen der Welt sind anklagbar. An dieser Anklage kann und soll sich Kunst beteiligen. Passionen sind aber nicht selten auch unanklagbar, rätselhaft, unerklärlich, von einem tragischen Schicksal umgriffen. Mythen haben daraus ihre verstrickenden Geschichten geformt, um für die Sterblichen zunächst unerkennbare Zusammenhänge freizulegen. Sie haben den Göttern die Verantwortung dafür zugewiesen.

Die christliche Bilderwelt stellt an den Beginn der Leidengeschichte Christi ein Bekenntnis des Pontius Pilatus, des Repräsentanten der damals größten irdischen Macht, nämlich des römischen Kaisers. Pilatus weist auf seinen wehrlosen und geschundenen Gefangenen hin mit den Worten „Ecce homo“. Wo Kunst die conditio humana in ihrer Breite und Tiefe nicht aus dem Blick verliert, wird sie auch immer wieder dieses Wort des Pilatus entdecken und versuchen, es ins Bild zu bringen. Solche Bilder zur Erhellung der conditio humana sagen auf ihre Weise, was der verstorbene Papst Johannes Paul II. im Jahr 1983 in seiner Wiener Rede vor Wissenschaftlern, Künstlern und Publizisten gesagt hat: „Ecce homo! Übersehen und überhören Sie ihn nie: den hoffenden, liebenden, Angst erfüllten, leidenden und blutenden Menschen. Seien Sie sein Anwalt, hüten Sie seine Welt: diese schöne gefährdete Erde!“

 

III.      Kunst und Theologie umkreisen durch eine Ars negativa und eine Theologia negativa ein unauslotbares Geheimnis

 

Die Frage nach Gott und den Göttern verstummt auch nicht in einem weitgehend säkularisierten Zeitalter. Auch in der Kunst wird sie immer wieder gestellt. Der gegenwärtige Impuls dazu wird verstärkt durch den Stachel von zu Gewalt bereiten Religionsfanatikern. Kunst kann einer religiösen Pathologie den Spiegel vorhalten. Sie kann es auch tun bezogen auf das faszinierend Positive im Christentum und in anderen Religionen.

Die Frage nach Gott kann aber auch in ein vielsagendes Schweigen münden, wie dies in einem Gedicht von Paul Celan über ein Gespräch mit Nelly Sachs im Zürcher Restaurant „Zum Storchen“ exemplarisch präsentiert wird. In dieser alten Gaststätte über dem Fluss Limmat redete Celan mit der Nobelpreisträgerin für Literatur über ihren Gott und er sagt darüber in seinem Gedicht:

 

Von deinem Gott war die Rede,

ich sprach

gegen ihn, ich

ließ das Herz, das ich hatte,

hoffen:

auf sein höchstes, umröcheltes, sein haderndes Wort.

 

Celan spricht dann davon, was die Dichterin seinem Unglauben entgegenhielt und wie sie dies tat:

 

Dein Aug sah mir zu, sah hinweg.

Dein Mund

Sprach sich dem Aug zu, ich hörte:

Wir wissen ja nicht, weißt du,

wir wissen

ja nicht, was gilt.

 

Nelly Sachs und mehr noch Paul Celan haben in ihrer Lyrik bezogen auf die Frage nach Gott mehrfach eine stupende ars negativa geschaffen. Sie haben das Geheimnis Gottes als einen leeren Platz markiert in der Überzeugung, dass für sie jede weitere Festlegung eine Verletzung dargestellt hätte, die selbst mit den Kategorien eines Tabubruchs nicht zu beschreiben wäre. 

Dem Adler, der dem einsam duldenden Prometheus die stets nachwachsende Leber auspickt, steht als Gegenbild ein Adler als Symbol Christi im Prolog des vierten Evangeliums, des Johannesevangeliums, gegenüber.

Aus, bildhaft gesprochen, schwindelnder Höhe, aus dem Schoß der ewigen Dreifaltigkeit kommend, tritt der Logos als Mensch in die Geschichte ein. Nietzsche hat den Dionysos als Gegenbild des gekreuzigten Christus postuliert. Auch der mythische Prometheus ist ein solches Gegenbild. Das Kulturzentrum bei den Minoriten ist offen für die Mythen der Vergangenheit und der Gegenwart und  ihrer Bilder. Es ist auch offen für das Bild Christi, das hier niemandem aufgedrängt aber auch nicht versteckt wird. Ich wünsche den hier immer wieder einkehrenden Zeitgenossen bezogen auf diese Bilder und ihre Stimmen offene Augen und wache Ohren.