Dort, wo unsere Sprache endet...

Dort, wo unsere Sprache endet … ist eine Versuchsanordnung im Kulturzentrum bei den Minoriten, die Prozesse des Teilens und der Teilhabe (das Leitmotiv des steirischen herbst 2014) unter den Vorzeichen sprachlicher Verweigerung beleuchtet: Eine große Ausstellung mit 30 teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern in der Galerie, eine "Open Workingstation" vor dem Minoritenkloster im „Atelier Schmuckes" und inmitten der Ausstellung, eine Soundinstallation zwischen den ausgestellten Werken, zahlreiche öffentliche Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern, die an diesem Projekt beteiligt sind, sowie wöchentliche Ausstellungsführungen (darunter auch eine ohne Worte) laden vom 27. September bis zum 23. November 2014 zu vielschichtigen Besuchen ins Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten ein.

Ausstellung / EXHIBITION Peter Angerer (AT), Alexander Apóstol (VE), Fritz Bergler (AT), Milena Bonilla (CO), Helmut Brandt (DE), Wolfgang Buchner (AT), Étienne Chambaud (FR), Michael Endlicher (AT), GAPasterk (AT), Kerstin Gennet (DE), Peter Gysi (CH), Vlatka Horvat (HR), Renate Krammer (AT), Wen-Cheh Lee (TW), Gerhard Lojen (AT), Monogramista T.D (SK), Ahmet Oran (TR), Société Réaliste (FR/HU), Irmgard Schaumberger (AT), Ruth Schnell (AT), Hajnalka Tarr (HU), Endre Tót (HU), Charwei Tsai (TW), Veronika Tzekova (BG), Adam Vackár (CZ), Leo Zogmayer (AT), 0512 (AT) Open Workingspace: Volker Buchgraber (AT), Uta Eisenreich (DE/NL), Barbi Markovic (RS), Eva Meyer-Keller (DE/SE)
Kuratiert von Theresa Pasterk und Johannes Rauchenberger (Ausstellung), Birgit Schachner und Birgit Pölzl (Open Workingspace)

 

Dort, wo unsere Sprache endet …

Von Johannes Rauchenberger

Sprache ist nicht nur das Medium der Kommunikation, die verbindet, sondern auch das Medium der Definition, die scheidet. Das babylonische Sprachengewirr ist Last, es ist aber auch Vielfalt: Wenn unsere Sprache endet – was kommt dann? Ist diese Verweigerung und das Zu-Ende-Kommen angesichts eines unüberschaubar gewordenen Kommunikationsangebotes vielleicht der einzige Ausweg?

Diese Ausstellung legt Spuren. Sie führt mit Kunstwerken einen an sich unerwarteten Gegenentwurf vor, der die Logik des Verschweigens, Verdrängens oder der Gewalt beiseite lässt, aber das Aufdecken des Missbrauchs und der Banalisierung im Blick hat. Und den Gedanken frei setzen möchte, zu welchen Mitteln Kunst fähig sein könnte, wenn sie Sprache anders deutet – jenseits sich abgrenzender Artikulation oder der bedingungslosen Unterwerfung ökonomischer Kreisläufe. Welche Arten von Mitteilung kann Kunst dabei entwerfen? Welche Sinne sind dabei notwendig? Welche Verfahren werden dabei sichtbar, wenn sie selbst „Bedeutung" außen vor lässt? Was würde also passieren, wenn unsere Sprache plötzlich verschwände? Kann man dabei den Gedanken denken, dass nicht blindes Dreinschlagen die Folge wäre, sondern dass im Auflösen altbekannter Ordnungen und Ideologien Neues, vielleicht Besseres entstünde? Würde eine sinnentleerte Sprache oder ihre vollständige Abwesenheit vielleicht eine neue, bessere Welt erschaffen, die Erfahrungen der Stille und des Schweigens dabei miteinbeziehend? Solchen Fragen geht das Cross-Genre-Projekt „Dort, wo unsere Sprache endet, komme ich jeden Tag vorbei" nach.

 

Den Anfang nimmt eine unscheinbare Land-Art-Installation auf dem Rasen des Kreuzgangs: Die bulgarische, in Graz lebende Künstlerin Veronika Tzekova ist Worten auf der Spur, die auf uns Druck ausüben, die uns beeindrucken und die uns unterdrücken. SCHULD GIER VERGANGENHEIT ANGST KONTROLLE GRENZEN sind etwa zu lesen. „Druck" ist dabei sehr wörtlich zu nehmen: Sie legt Pflastersteine zu Worten auf das Gras, lässt sie so eine Zeit lang liegen und entfernt sie wieder: Zurück bleibt der Text, zurück bleibt auch das leblos gemachte Gras. Wie lange braucht die Natur (das Leben!), um die Spuren der Unterdrückung rückgängig zu machen?

 

Dort, wo unsere Sprache endet … tun verstärkte politische Analysen not. Es ist angemessen, die Schau selbst im 1. Ausstellungsraum mit einem Blick auf Landkarten zu beginnen. Wer definiert eigentlich die Grenzen? Étienne Chambaud schneidet Löcher in Atlanten und schreibt so die politische Kartografie neu. Anders, als ökonomische, historische oder touristische Vernetzungen es tun, kreiert der in Paris lebende Künstler so mit seinen „shortcuts" ein neues Bild dieser Welt. Willkürlich, als Kunstobjekt im Glassturz enthoben, verweigert er auch eine andere Lesbarkeit des Atlas.

Politik wird von Menschen gemacht – das Prinzip ihrer Legitimation ist in unserer Zivilisation die Demokratie. Es gab und gibt bekanntlich anderes. Was bedeutete es aber für die Legitimation von Macht, wenn nicht einfach die Stimme das ausschlaggebende Kriterium wäre, sondern das Vertrauen der Bürger? Der in Wien lebende Künstler Michael Endlicher hat Ikonen der Macht im ersten Raum aneinandergefügt – Wladimir Putin, Silvio Berlusconi, Recep Tayyip Erdo˘gan, Alexander Horvath, Angela Merkel, Che Guvarra: Seine „Inverted Icons" tragen Masken, auf denen schwer entzifferbar zu lesen ist: „Ich glaube dir nicht mehr /
I don’t believe you anymore."

Europa, meinte vor kurzem Forum-Alpbach-Präsident Franz Fischler bei der Emeritierung von Gerhard Larcher an der Grazer Theologischen Fakultät, benötige dringend ein neues Narrativ, eine große Erzählung, die eine soziale Gemeinschaft, ein politisches Gebilde zusammenhalten könne. Das französisch-ungarische Künstlerduo Société Réaliste legt ein solches (abgelaufenes) Narrativ über diesen Kontinent: Das Kapital von Marx und Engels, jeweils in seinen Begriffen ins Gegenteil verkehrt. Wohin haben sich die politischen Utopien entwickelt?

Narrative können sich in Ideologien, Nationalismen, historische Erzählungen flüchten: Stellvertretend für die vielen derartigen Nester in Europa von Schottland bis Flandern, vom Baskenland bis Katalonien, der Ukraine und dem Balkan steht das „Ende von Stalingrad" desselben Duos: Die Schrift dieser Ortstafel ist im Runen-Alphabet verfasst; rechtsradikale ungarische Gruppen haben es sich zu eigen gemacht, um eine derartige „Erzählung" umzuschreiben: „Stalingrad" wurde unmittelbar nach Stalins Tod in „Donaustadt" umbenannt. Alexander Apóstol stellt das Versagen solcher „Erzählungen" in der Form ihrer Entwertung vor: Der lateinamerikanische Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar (1783-1830) hatte einst in „The Jamaica Letter" seine politischen Ideale erklärt: Vielfach wurde er adaptiert und auch instrumentalisiert. Sein Video zeigt, wie ihn unterschiedliche Menschen in jeweiligen Amtsstuben lesen – ohne Englisch zu können: Die Utopie verkommt zur Floskel, populistische Versprechungen höhlen Politik schließlich aus.

„Alles vergessen?" Die kroatische Künstlerin Vlatka Horvat überlagert mit „FORGE EVERTHING" das „Vergessen" mit dem „Fälschen". Letzteres („forge") wird sogar zum Imperativ: „Umformen", „Neuerfinden" verbildlicht förmlich den bildlichen Vorgang des Vergessens.

 

Dort, wo unsere Sprache endet … wird ihre Auflösung zum Thema: Der Westkorridor des Kulturzentrums bei den Minoriten eröffnet den zweiten Themenkreis dieser Ausstellung. Das Narrativ des Marxismus, das die eine Hälfte Europas realsozialistisch immerhin viele Jahrzehnte lang prägte, ließ der in Prag lebende Künstler Adam Vaˇckár mit dem „Kapital" von Karl Marx durch einen Dada-Gedichte-Generator im Netz laufen: Zufällig stehen Worte und Bedeutungen nebeneinander, die völlig neue Bedeutungen generieren. In keine Maschine lässt hingegen der in Wien lebende Künstler Fritz Bergler seine „144 Hauptwörter" hineinziehen, doch man hat den Eindruck, dass sie dort auch waren – nur setzte er sie, auf Blechplatten zu je 1x1 Meter gestanzt, der Witterung aus. Die Patina ihres fortschreitenden Rosts erfüllt den Prozess der Auflösung mit einer ungeheuren Aura. (Diese 33-teilige Arbeit, erstmals 2007 im Kreuzgang gezeigt, ist der jüngste Neuzugang des KULTUMdepots). Die Reihung der Worte, aus den Schlagzeilen der „Kleinen Zeitung" mit ihrer charakteristischen Typographie entnommen, wurde von Bergler so arrangiert, dass diese keine Erzählung ergeben. Dafür bleiben monolytische Versatzstücke, die ihre Konkurrenz mit der Dauer, dem Verfall oder der Schönheit antreten: die Heimat die Schönheit die Welt die Angst die Erde die Einsamkeit die Wirklichkeit die Liebe die Wahrheit die Mutter die Namen die Hoffnung die Politik die Zeit die Kultur die Zukunft …Während Bergler diese Worte einer erodierenden Materialität übereignet – und so ihre Ewigkeit sichert – stellt Peter Angerer die Normierung von Wörtern, die uns in den letzten Jahren mehr und mehr bestimmt haben, aus. Sie sind für ihn „Plastikwörter": Sie haben als Stereotype der Alltagssprache ihre Bedeutung verloren oder wenigstens sind sie so „konturunscharf" (Uwe Pörksen), dass sie sie de facto verloren haben: „STANDARDISIERUNG" ist ein solches Wort: 16 weiße Sammelordner mit einem schwarzen Buchstaben sind als Raum-Installation verdichtet. (Andere, ähnlich quälende Zeitgeister wären vielleicht „Qualitätssicherung", „Evaluierung", „Transparenz" …) In jedem Kontext verwendbar sind diese Worte letztlich schal und buchstäblich unbedeutend. Der in Frohnleiten lebende Künstler lässt uns, wie Werner Fenz kürzlich in den „Lichtungen" treffend geschrieben hat, darüber nachdenken, „wie Kunst über das Thema Sprache zu jener zugleich sinnlichen und intellektuellen Sprachform findet, derer die Gesellschaft bedarf, um nicht in den oberflächlichen Stereotypen zu ersticken".

Dort, wo unsere Sprache endet … ist die Suche nach ihrem Gehalt angezeigt. Wenn Sprache, wie sie uns mehr und mehr entgegentritt, durch scheinbare Normierung eigentlich bedeutungslos, flach, nichtssagend wird (wie in Peter Angerers „Plastikwörter"), sind Verfahren von einem besonderen Interesse, die zwischen den Zeilen einen Metatext schreiben. Michael Endlichers „Dramenbleche" sind dafür treffende Beispiele: Sie zeigen jeweils drei Zeilen mit drei Worten. Gemeinsam sind ihnen die „alphanumerischen Codes". Das ist eine bis in die jüdische Kabbala reichende Technik, nach einer Mystik des Wortes zu suchen und sie scheinbar rational zu begründen. Jeder Buchstabe entspricht aufgrund seiner Stellung im Alphabet einem Zahlenwert: a = 1, b = 2, c = 3 ... z = 26. Summiert man die einzelnen Buchstabenwerte in Wörtern, ergibt sich für jedes Wort eine bestimmte Zahl (z.B. Painting = 90, Börsenkrach = 119, Apokalypse = 121). Die vom Künstler gewählten Wortverwandtschaften erzeugen poetische „Minidramen". Endlicher behauptet, dass die Quersummenwörter irgendwie zusammenpassen. MARXISMUS WIDERGEBURT SÜDSEEINSEL zum Beispiel. Das ist natürlich eine willkürliche Setzung. Aber genau darin ist es Kunst.

Subtext, Metatext, Zwischen-den-Zeilen-Lesen…: Sind die wirklichen Dinge oder Worte des Lebens in Worten übersetzbar, geschweige denn ausstellbar? Der erste Schrei? Das letzte Seufzen? Die letzten Worte eines geliebten Menschen – des Vaters, der Mutter? Irmgard Schaumbergers „Alphabet", auf Tontafel gebrannt, erinnert zwar an eine Zeit, bevor Schrift als Schrift überliefert ist: Es ist aber doch keine Keilschrift– eine andere Blindenschrift vielleicht? –, es sind nur ertastbare Striche. Die Vorstellung, dass die darin enthaltene Information ewig währt, ist radikal subjektiv gebrochen: Nur ein einziger Mensch (die Künstlerin als Tochter) kann sie enträtseln, weil sie für den Rest der Welt nicht mitzuteilen ist: die letzten Worte der eigenen, sterbenden Mutter. Es gibt Worte, die eine Ewigkeit brauchen, die aber dennoch niemand anderer sich zu Eigen machen berechtigt ist.

Ein Menschenleben währt – angesichts der evolutionären Entwicklung der organischen und anorganischen Materie – nur kurz, die Reflexion über Zeitlichkeit und Ewigkeit zeichnet es dennoch aus. Und wenn es nur das Staunen ist, das angesichts der uns umgebenden Ordnungssysteme ausgelöst wird: Der Grazer Wolfgang Buchner hat seit Jahrzehnten die Poesie der Technik, der Materie, der Botanik, des Kosmos in seinen unvergleichlichen Modellen frei gelegt. Eine bereits vor 40 Jahren (!) entstandene Arbeit holte er für diese Ausstellung hervor – als Wegesystem von Apfelnamen, die sich sternförmig mehr und mehr verzweigen und sich in der Poesie verlieren. Schließlich verbinden sie sich neu, nehmen eine neue Identität an. Die „Flügelsätze", (bereits 1972 entstanden) legen sich wie Brücken zwischen die „Brückenkopfwörter", sodass ein neues System von Sätzen entsteht, gesteuert durch die unergründlichen Strömungen des Bewusstseins.

Eine „Schmetterlingssammlung" der in Budapest lebenden Künstlerin Hajnalka Tarr fügt sich zu Buchners Modellen als weiterer Ausstellungsbeitrag ein. Die Schmetterlinge sind allerdings aus einem Oxford-Wörterbuch geschnitten. Die in ihm erhaltenen Definitionen wurden dadurch unbrauchbar, der Versuch wissenschaftlich überhaupt etwas zu beschreiben, durch ein ästhetisch übergreifendes Gebilde an ihre Grenzen verwiesen.

Dort, wo unsere Sprache endet …schafft sich der Respekt vor dem Unsagbaren Raum: Die taiwanesische Künstlerin Charwei Tsai schreibt im Cubus das einfache Wort „Ah" mit Tusche ins Wasser. Die Ränder verlaufen sich langsam, die Tusche verschwimmt, und das Wort selbst löst sich vollkommen im Wasser auf. Im Hintergrund chanten unterschiedliche Stimmen den Klang „Ah", der in vielen Religionen der Welt von großer Bedeutung ist: „A-llah", „A-men", „A-mitabah", „A-lleluia", und „A-OM". Drei Werke aus unserer Sammlung konfrontieren dieses „Ah": In der Arbeit von Ruth Schnell werden Urlaute im absichtslosen Blick (und nur in diesem!) in den im dunklen Raum plötzlich aufscheinenden Worten sichtbar, ein Relief aus Gips des Künstlerduos 0512 visualisiert als Sonagramm in seiner lautesten Ausprägung von „Allah" das an sich undarstellbare Wort „Gott", Leo Zogmayer erinnert Wittgensteins berühmten Satz zu schweigen, doch ordnet er die Worte alphabetisch: DARÜBER KANN MAN | MAN MUSS NICHT | REDEN SCHWEIGEN WOVON.

Dieser Respekt vor dem Nicht-Sagbaren ist in der Ausstellung die Klammer zum Südtrakt, wo eine Rauminstallation des türkischen Künstlers Ahmet Oran die Besucherinnen und Besucher am Beginn des Gangs begrüßt: Eine Wand aus „Zeichen", die an arabische Kalligraphie erinnert, die eine besondere Rolle in Orans Leben spielt. Der Koran lebt vor allem von der Schönheit. (Das hat der bekannte islamische Schriftsteller Navid Kermani bereits vor 15 Jahren – als er noch nicht berühmt war – im Kulturzentrum bei den Minoriten in der Vorstellung seiner Dissertation „Gott ist schön" vorgetragen.) Oran stellt mit seiner Arbeit die Frage, wie uns Texte beeinflussen, die uns zwar begleiten, die wir aber nicht lesen können. Das ästhetische Erleben von Schrift ist der arabischen Kultur besonders anheim gegeben, auch die klösterliche Schriftkultur der Buchmalerei hat diese Sicht besonders hochgehalten (und der Schrift zusätzlich Bilder beigestellt). Durch die technischen Möglichkeiten der letzten Jahre wohnen wir einem Verschwinden bei, das kulturgeschichtlich ein tiefer Einschnitt ist: dem Verlust der Handschrift. Diese ist immer wieder ein Teil der Bildstrukturen des Kölner Malers Helmut Brandt, die verbunden sind mit Schichten, archäologisch erscheinenden Überlagerungen, die die der Schrift innewohnende Lebenskraft in Anmutungen und Erahnungen überträgt. Jedes Verschwinden setzt immer auch eine kulturelle, auch religiöse Energie frei, die diesem Prozess, der als Verlust erlebt wird, eine Rettung entgegenstellen möchte. In der Malerei des in Kärnten lebenden Künstlers GAPasterk geht es seit vielen, vielen Jahren um diesen Prozess. Sein Bildraum ist voll mit Handgeschriebenem, das im Schreiben unlesbar geworden ist. Die Unlesbarkeit steht für den Verlust von Worten und Sprachen, ganzer Kulturen, aber auch für den Anreiz, eigene Worte für eine Neugestaltung im Sinne der Vielfalt zu finden.

Dort, wo unsere Sprache endet …
hat der Klang eine höhere Hörbarkeit.
Den Blick auf den Sternenhimmel als Partitur lesen zu lernen schlägt der Schweizer Künstler Peter Gysi vor. Ein ganz eigenes Klangbild kosmischer Weite entsteht, eines, das manchen Partituren aus zeitgenössischer Musik nicht unähnlich ist. Sternkonstellationen werden zu Noten, einzelne Sterne durchbrechen die Linien und verteilen sich lose im Raum. Gysis Arbeiten sind seriell. Aus der Vielzahl wird das Eine sichtbar, auch in der Art, wie es seit dem ersten philosophischen Nachdenken über die Natur – in der griechischen Naturphilosophie – begonnen wurde. Partituren ziehen sich durch die Ausstellung weiter: Der slowakische Künstler Monogramista T.D greift in die Notenlinien selbst ein – er verkürzt sie, übermalt sie („Eine kleine Nachtmusik"), setzt auf sie Punkte (Planeten?) („Sternenhimmeltrauer"), löscht sie weitgehend bis auf kleinen Rest („Abschnitt von Stille"), schreibt neue, maßstabverkleinerte Notenzeilen in die Seiten („Stille. Stille! Stille?"), („Metastille"), setzt eine zackige Linie als Sternbewegung darauf („Sternagonie"), rollt sie wie Zwirnsfaden auf („Heilung der Stille"). Am Ende setzt er kleine Halbkreise unter die Notenlinien („Nach dem Regen"). Worte, so schlägt der Künstler vor, könnte man auch wie die Realität betrachten.

Diese Realität ist nach allgemeinem Dafürhalten unsere Umgebung, sind vertraute Landschaften, Gebäude, Monumente. All das, was „postkartenwürdig" ist, überzog der ungarische Künstler Endre Tót (auch vor fast mehr als 40 Jahren) beinahe 10 Jahre lang mit den Anschlägen der Schreibmaschine mit „Regen": „Rechts-Regen", „Links-Regen", „Null-Regen"… Es sind Klänge, die dabei in der Imagination entstehen, doch sie sind nicht frei von einer subtilen Subversion. Diese Regenklänge nimmt der taiwanesische, in Graz lebende Komponist Wen-Cheh Lee in seiner für die Ausstellung konzipierten Soundinstallation auf: Auch sie, von einer Schreibmaschine erzeugt, legen sich über die Räume, deren Hörbarkeit im Durchgehen durch den Südtrakt mehr und mehr abnimmt.

Dort, wo unsere Sprache endet …
setzt Stille ein.
Wenn Schrift als Schrift erscheint stellt sich die Frage nach ihrer Decodierung. Was aber, wenn das, was wir als Schrift zu erkennen meinen, keine ist? Ist es dann Ornament? Ist es Zeitvertreib? Eine andere Art, Information darin zu verpacken? Oder ist es eine Hingabe an die (Lebens-)Zeit? Die im steirischen Kumberg lebende Künstlerin Renate Krammer setzt ihre Linien seit Jahren in einer beeindruckenden Konsequenz und unbeeindruckt von scheinbaren „Erfolgskriterien" des Ausstellungsbetriebes in großer kompositorischer Dichte und Qualität aneinander: Es ist Zeit, diese „stille" Künstlerin in einem Kontext wie diesem zu zeigen. Ihre Vibrationsräume werden durch die Betrachterin, den Betrachter noch erweitert. Ihre Linien sind regelmäßig durch kleine Störungen in Form von Linieneinkerbungen strukturiert. Ist es ein Vogelschwarm, der hier zu einer Landschaft mutiert? Oder wird die Textur der Notenlinien zur Note selbst? Seelenverwandt zu Krammer erscheinen die Arbeiten Vlatka Horvats in den letzten Räumen dieser Ausstellung zu sein: Mit Strichzeilen, die an Schrift erinnern, mit zur Skulptur aufgelösten Büchern nähert sich die kroatische Künstlerin dem Unergründlichen der Sprache im Modus des Unsagbaren. Die Leerstelle wird zur Notwendigkeit, das Unsichtbare zu lesen, die skulpturale Ausfaltung zur Projektionsfläche für das eigene Denken und Entwerfen. Dass dies nicht nur eine Einladung ist, sondern mit großer Gefahr assoziiert werden kann, lehrt uns die Geschichte – und die Rezeption der täglichen Horrormeldungen der letzten Wochen und Monate. Noch einmal, zum Schluss: Was kann Kunst dagegen tun? Sie kann nur Bilder entgegensetzen. Das radikalste dieser Ausstellung – und mit dieser Ausstellung nun auch Teil des KULTUMdepots – stammt von einem, der seit fast 10 Jahren tot ist: Gerhard Lojen (†2005), einem „Doyen der abstrakten Malerei in der Steiermark" (Werner Fenz): Jemand, der um die Verletzbarkeit des Geistes wusste, vernähte die Seiten eines Buches und tünchte es weiß. Dieses weiße Buch wird mit der brachialen Eisenklammer der Zimmermannszunft niedergehalten. Verweigerung ist nicht als romantische Künstlerhaltung zu denken, denn die Gefährdung des Geistes durch Zwang und Gewalt ist ein nie verschwindender Begleiter der Geschichte. Das Schweigen des Geistes: Obsiegt die Klammer, obsiegt das Tünchen in Weiß und das Vernähen der Seiten? Oder sind all diese Indizien das genaue Gegenteil? Ein Niederhalten und Vernähen, weil das Buch ob seiner Geisteskraft sonst gesprengt würde, ein Weißmachen in eine Unschuld, die an die Zeit erinnert, bevor die Seiten beschrieben wurden? Mit dem Unterschied freilich, dass sie eben beschrieben sind.

 



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