Plakat zur Ausstellung, mit der Arbeit von Dorothee Golz: "Maria als Mutter und Hausfrau" (2016), KULTUMdepot Graz

VULGATA. 77 zeitgenössische Zugriffe auf die Bibel im Dommuseum Mainz

Seit dem 6. März 2019 ist die große Ausstellung „FREMD und VERTRAUT. VULGATA. 77 zeitgenössische Zugriffe auf die Bibel“ im Dom- und Diözesanmuseum Mainz zu sehen. Kurator Johannes Rauchenberger (Graz) hat mit Co-Kuratorin Birgit Kita (Mainz) für die ökumenische „Stiftung Bibel und Kultur“ anlässlich ihres 30. Gründungsjahres diese Ausstellung mit 30 Künstlerinnen und Künstlern aus ganz Europa im Dom- und Diözeanmuseum in Mainz gestaltet. 
Auf mehr als 2000 Quadratmetern wird damit in der Domstadt am Rhein bis zum 7. Juli 2019 ein weiteres Kapitel jenes Museumskonzepts aufgeschlagen, das Kurator Johannes Rauchenberger in den letzten Jahren begonnen hat: aus konkreten Ausstellungen eine Sammlung aufzubauen, die den Dimensionen von Religion in der Gegenwartskunst im Blick hat. Erstmals wurde sie 2015 im dreibändigen Buchmuseum „Gott hat kein Museum. Religion in der Kunst des beginnenden XXI. Jahrhunderts“ publiziert. Seither ist sie kontinuierlich gewachsen. Nun wird sie unter dem Blickwinkel „Was inspiriert zeitgenössische KünstlerInnen an der Bibel?“ groß in Mainz gezeigt. Gleichzeitig ist sie damit nicht nur eine Sonderausstellung im zweitgrößten kirchlichen Museum Deutschlands, sondern sie fügt sich in die dortige großartige Sammlung des Domschatzes ein. VULGATA ist ein starkes „Exportstück“ heimischer Kulturarbeit und der Arbeit des KULTUMs. 

Mit Werken von: 

Eija-Liisa Ahtila
Julia Bornefeld
Guillaume Bruère
Danica Dakic
Dorothee Golz
Jochen Höller
Lisa Huber
Zenita Komad
Zlatko Kopljar
Nina Kovacheva
Julia Krahn
Erwin Lackner
Shimon Lev
Gerhard Lojen
Muntean/Rosenblum
Alois Neuhold
Adrian Paci
Hannes Priesch
Werner Reiterer
Bettina Rheims/Serge Bramly
Keiko Sadakane
Claudia Schink
Valentin Stefanoff
Michael Triegel
Lidwien van de Ven
Mark Wallinger
Daphna Weinstein
Daniel Amin Zaman

 
 
 
 

 

 

Die Bibel - genauer gesagt: die VULGATA - war jene Inspirationsquelle, die über Jahrhunderte als die zentrale Inspirationsquelle in der abendländischen Kunst gegolten hat. Diese Vorrangstellung hat sie in der Moderne zwar weitgehend eingebüßt, doch verschwunden ist sie weder in der modernen noch in der gegenwärtigen Kunst. Die Schau zeigt eine Auseinandersetzung mit einem für die Gegenwartskunst inspirierenden Buch, die in sieben Bereiche gegliedert ist: Von „Glauben und Wissen“, „Schöpfung, Schrift und Gottesnamen“, „Fundamentalismus und Politik“, bis hin zum „Nachdenken über die zentrale Message“ und dem „Jetztrausch in der Bilderzählung“ reichen die Themenfelder.

  • Kurator Johannes Rauchenberger, der Mitglied des künstlerischen Beirats der Stiftung ist, hat mit Co-Kuratorin Birgit Kita (Mainz) eine für das Dom- und Diözesanmuseum Mainz adaptierte Form der Ausstellung „VULGATA. 77 Zugriffe auf die Bibel“ gestaltet und für die Räume neu gedacht. Dazu ist auch ein umfassendes gleichnamiges Katalobuch in der Reihe "IKON. Bild+Theologie" im Verlag Ferdinand Schöningh und eine Ausstellungsbroschüre erschienen.
  • Bundesministerin a.D. Annette Schavan (Vorsitzende der Stiftung Bibel und Kultur) und Prof. Peter Kohlgraf, der Bischof von Mainz, haben die Ausstellung am 6. März 2019 eröffnet. 
  • Ermöglicht wurde die Ausstellung durch Annette Schavan, die „Stiftung Bibel und Kultur“ (Stuttgart), die Deutsche Bischofskonferenz, die EKD, den Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst und die PAX-Bank.

 

VULGATA. 77 zeitgenössische Zugriffe auf die Bibel 

"Tolle lege!" - "Greif zu und lies!"  Das ist nicht das Erste, wenn wir heute an „Zugriff“ denken: Vielmehr sind es heute Indikatoren der Häufigkeitsbemessung im Netz, vielleicht auch einer latenten Gewalt. Die Anklänge verleihen dieser Ausstellung einen Hauch von Ambivalenz. "VULGATA" – der Titel – rührt an die Verständlichkeit. Was einmal verständlich war, ist es heute nicht unbedingt. VULGATA war das Markenzeichen schon der ersten Übersetzung durch den Heiligen Hieronymus zwischen 380-400 am Rande von Bethlehem in die damalige Volkssprache des Lateins. Die VULGATA hielt über 1100 Jahre. Sie war für die abendländische Glaubens- und Bildkultur die zentrale Quelle. Martin Luthers geballte Sprach- und Wortschöpfungskraft am Beginn der Neuzeit hat sie schließlich abgelöst. Im heutigen öffentlichen Diskurs ist die Bibel erneut wieder fremd. Das Bibelwissen sinkt rapide. Der öffentliche Umgang mit der Bibel erschöpft sich meist nur mehr in Zitaten. Er rutscht nicht selten ins Vulgäre ab.  Sind die Mythen, Geschichten und Erzählungen der Bibel mit der derzeit gültigen Welterklärung, ja mit dem heuten Leben in Verbindung zu bringen? 

Potential der Brüche

Die Heilige Schrift ist für Gläubige ein Text, der bindend und inspirierend für das eigene Leben ist – trotz allen Wissens, dass er historisch entstand, vollkommen unterschiedliche Textgattungen enthält, höchst unterschiedlich in seiner literarischen Qualität und immer weniger kompatibel mit einem modernen, durch die Erkenntnisse der (Natur-)Wissenschaft determinierten Weltbild ist. Dort befinden sich allerdings die Brüche, die Abbrüche, die Ironien und zugleich die kreativen Energien ihrer mythischen und spirituellen Kraft. Gerade dort ist auch der Ort einer Kunst, die daraus ihr kreatives Potential bezieht. „VULGATA. 77 Zugriffe auf die Bibel“ setzt  nicht auf „Programmkunst“. Sie ist keine Bebilderung der Bibel, wie sie es jahrhundertelang war. Keines der in der Ausstellung gezeigten Werke ist als kirchlicher Auftrag entstanden, sondern aus eigenem Antrieb von Seiten der Künstlerinnen und Künstler. Die Ausstellung setzt vielmehr auf das Potential der Brüche, das sich mitunter in den Werken zeigt. 

Zwischen Bibelwissen, Wissen und Glauben

Künstlerinnen und Künstler setzen in ihrer Auseinandersetzung mit der Bibel dort an, wo sie etwas zu verarbeiten, sich abzusetzen haben oder eben durch die Erzählungen, ihre Texte oder Einzelsätze neu inspiriert werden. Grassierender Fundamentalismus ist dabei ebenso ein Thema, wie die biblische Poesie, ihre Matrix, ihre Texte über Anfang und Ende, Leben und Liebe, Schuld, Schmerz und Gewalt, Schönheit und Lobpreis.  Was an der Bibel fremd ist, was neu glänzt, was neu zu entdecken ist und was sich dem gegenwärtigen Denken auch kreativ widersetzt: Das wird in dieser Ausstellung mit Werken der Gegenwartskunst beleuchtet.

 

 

FOYER
Führen die Heiligen Schriften buchstäblich in den Himmel? Wie ist ihr Verhältnis zu Glaube und Wissen? Sind sie gar ineinander verwoben? Das Foyer zu dieser Ausstellung rührt an diese Fragen. Künstlerinnen und Künstler stellen die Grundfragen von Glaube und Vernunft subtiler: nicht selten mit Poesie, mit Hintergründigkeit und auch mit Humor. Wie oft kommen „Glaube“ und „Wissen“  in den Heiligen Büchern der Weltreligionen vor? Am Beginn dieser Ausstellung über die Bibel häuft Jochen Höller auf einer großformatigen Papierarbeit Papierschnitzel mit den beiden Worten aus der Bibel, den Upanishaden, dem Koran, den „Lehren des Buddha“ und der Tora zu Bergen auf und klebte sie einzeln an. Im Werk gegenüber lässt er eine Treppe aus unterschiedlichen Bibeln in den ersten Stock emporwachsen. Die Blätter der Bibel werden von Erwin Lackner mit jenen des Koran verklebt: Sind sie so eine gemeinsame Skulptur?

 

 

 

 

 

LOGOS & CHAOS
Wo anfangen, wenn es um das Wort schlechthin geht? Die Bibel entstand, so der Glaube über viele Jahrhunderte, durch Inspiration. Ganz ironisch hingegen nimmt Mark Wallinger den Anfang des Anfangs auf Korn: Er fotografiert in der Selfie-Manie der Gegenwart jeweils seine beiden Hände: Durch das Arrangement bringt man sie mit Michelangelos Schöpfungsfresko aus der Sixtinischen Kapelle in Erinnerung: Wo springt der Funke über? Die doppelt anmaßende Arbeit ist eine spielerische Neu-Kreation, die wir täglich mit unseren Bildern vollziehen. Was ist Schöpfung heute?
Daphna Weinstein zählte in der Schöpfungserzählung aus Gen 1 144 unterschiedliche hebräische Worte, die sie in Mon-Cheri-Papiere schneidet. Eine Neuschöpfung ist durch eine Neuanordnung durch uns denkbar. Der „Angel“ von Mark Wallinger, der als Blinder gegen die Rolltreppe läuft, zitiert in der Londoner U-Bahnstation „Angel“ den Johannesprolog verkehrt. Wenn man ihn erneut verkehrt abspielt, wird er wiederum verstehbar. Ist ein „blinder Glaube“ und ein verkehrtes Sprechen notwendig, um heute noch ein „Engel“ sein zu können?

 

 

 

 

FUNDAMENTALISTS & POLITICS
Nicht nur der Koran, auch die Bibel wird gerade heute durch Fundamentalisten missbraucht. Unter Biblizisten versteht man Menschen mit einem allzu einfachen Weltbild, das sich jedenfalls im Kampfmodus gegen die abtrünnige Welt befindet. Sätze wie „Und  die Bibel hat doch recht...“ sind nicht nur Buchtitel für Massen, sondern auch Indizien, dass Glaube und Wissenschaft sich offenbar auch heute noch in offensichtlicher Unvereinbarkeit befinden. Ist die Bibel, so gesehen, ein Kampfbuch gegen aufgeklärtes Wissen? Und was, wenn die Bibel auch wieder zum Kampfbuch für politisches Handeln wird? 
Zlatko Kopljar, Lidwien van de Ven, Hannes Priesch und Werner Reiterer schließen mit ihren Werken die Spannung von Religionsfrieden, Fundamentalismus und Gewalt auf: Im Nah-Ost-Konflikt, im Biblizismus früherer amerikanischer Präsidenten, im Drehkreuz mit Heiligenschein: „Wer Wind sät...“

 

 

 

 

 

ESSENTIALS. NACHDENKEN ÜBER DIE ZENTRALE MESSAGE
Die Bibel ist nicht einfach ein Buch gesammelter Texte, die irgendwann kanonisch wurden. Wer sie zur Hand nimmt, tut das ja nur in Ausnahmefällen mit den Augen der Bibelwissenschaft. Vielmehr erwartet man von ihr geistliche Nahrung, Orientierung, Lebenssinn oder eben direkt Gottes Anspruch. 
Ein erster Zugriff auf die unbekannte Bibel lässt nach der zentralen „Message“ fragen: Julia Krahn erinnert dabei mit „SchönerHeit“ an das Lied der Lieder mit prächtigen Fotostillleben, die sie mit beeinträchtigten Menschen inszeniert. Zenita Komad lässt das jesuanische Liebesgebot in abgeformten Wachshänden beinahe anbrennen. Valentin Stefanoff und Daniel Amin Zaman lassen mit einfachen Bildern und kleinen Verfremdungen die Einfachheit der Bergpredigt aufblitzen. Keiko Sadakane lässt die Wucht der Evangelien in einem einzigen Blatt erahnen – alle Verse sind darin enthalten. Und Guillaume Bruère legt ein signalgelbes Lamm auf die Bank.

 

 

 

 

 

JETZTRAUSCH. DIE BIBEL ALS BILDERZÄHLUNG - HEUTE?
Die Bibel enthält Erzählungen mythischer Qualität. Ihre Bildkraft liegt gerade in ihren zentralen theologischen Brennpunkten oft jenseits historischer Wahrheit. Und dennoch hält sie in ihren Erzählungen immer wieder fest, historisch zu sein: „Und es begab sich zu jener Zeit...“  Auch in der Kunst drängten Bilder biblischen Inhalts immer ins jeweilige Heute, ja waren sogar von einem „Jetztrausch“ (I. Nagel) beseelt.
Der größte Teil dieser Ausstellung schließt die Erzählstrukturen der Bibel zeitgenössisch auf – mit Werken von Dorothee Golz, Michael Triegel, Adrian Paci, Julia Bornefeld, Bettina Rheims, Muntean/Rosenblum, Guillaume Bruère und Eiija-Lisa Ahtila. Auf je unterschiedliche Weise zitieren sie dabei die Vergangenheit und setzen sie ins Heute, selbst Wunder wie die Verkündigung des Engels an Maria. Auch Filme wie Pier Paolo Pasolinis „Il Vangelo“ werden Themen von Malerei und Fotografie. Die längst fremd gewordenen Figuren Alter Meister aus großen Gemäldegalerien scheinen wieder aufzuerstehen. 

 

 

 

 

SAKRA.MENT. Interventionen im Domschatz Mainz
Der Domschatz in Mainz lässt die Geschichte dieses uralten Ortes besonders erahnen. Mainz mit dem romanischen (neuen) Dom war einst die Kathedrale eines Kurfürsten, der den deutschen König wählte. Mit der Säkularisation ist dieses Erbe und damit auch sein ursprünglicher Schatz verschwunden. Der „neue Domschatz“ wurde vor kurzem in den Strukturen der „sieben Sakramente“ neu aufgestellt. Alois Neuhold lässt mit seiner farbsatten Objektinstallation bunter Becher, Schalen und Gefäße an das Himmlische Hochzeitsmahl denken. Nina Kovacheva lässt ein Kind mit seinen leblosen Spielpuppen das Abendmahl spielen. Gerhard Lojen stellt mit seiner Bucharbeit eine Verbindung zu den  alten Handschriften her und streicht dabei die ihnen angetane Gewalt, die Macht und die Geheimniskraft der Bücher heraus.

 

 

 

 

 

 

SAMMLUNGSINTERVENTIONEN I: Passionen
In der ständigen Sammlung des Dom- und Diözesanmuseums Mainz mit seinen herausragenden Werken der Passion aus dem späten Mittelalter befragen Claudia Schink, Guillaume Bruère und Daniel Amin Zaman die Bilder der christlichen Passion. Diese nehmen einerseits in den Leidensgeschichten der Evangelien einen zentralen Platz ein, andererseits wurden sie in der Kunst- und Frömmigkeitsgeschichte gerade von Künstlern sehr weit ausgefaltet.
Claudia Schink verbindet als Künstlerin und Kulturwissenchaftlerin mit ihren ästhetisch schönen Leidenswerkzeugen aus Glas eine scharfe Kritik an die Leidensverherrlichung im Christentum. Sie setzt Verrats- mit Erfolgsgeschichten in Form von Städtenamen in Verbindung. Guillaume Bruère zählt zu jenen wenigen Gegenwartskünstlern, für den die spätmittelalterlichen Bildfindungen eine unerschöpfliche Quelle seiner Museumszeichnungen bilden, aus denen malerische und skulpturale Neuschöpfungen aus tiefem religiösen Ernst hervorgehen.

 

 

 

 

 

SAMMLUNGSINTERVENTIONEN II: Gegenspieler, Spiegeln
Im Südtrakt der ständigen Sammlung des Dommuseum Mainz stehen einander Gegenspieler gegenüber: Martin Luther, der Reformator und Übersetzer der Bibel in die deutsche Sprache, als Museumswärter (in der Version von Dorothee Golz) vor Adam und Eva, die sein Freund Lucas Cranach d. Ä. gemalt hat, und Kardinal Albrecht von Brandenburg, der Verteter der Papstkirche als Erzbischof von Mainz.
Julia Krahns „Mater Dolorosa“ applaudiert unter der frühbarocken Madonna mit dem nackten Jesuskind. Guillaume Bruère fixiert einen Schuh auf eine Künstlerbibel bzw. seine Fingernägel auf dem Umschlag eines Askese-Buchs. Danica Dakic lässt sieben Händepaare über sieben aufgeschlagene Seiten jener Weltreligionen schweben, die sich auf Heilige Bücher beziehen. Lisa Huber entwirft eine neue Partitur von Psalm 150. Und Adrian Paci zeigt Kinder, die die Sonne spiegeln. Per Speculum bezieht sich auf 1 Kor 13,12: „Jetzt aber schauen wir wie durch einen Spiegel. Dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“





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