Ein Museum, das sich in Form von Ausstellungen realisiert

Kommt Religion in der Kunst der Gegenwart vor? Am Beginn dieses Jahrtausends erhält die Frage ein neues Interesse: Nicht nur die fortschreitende Säkularisierung, sondern auch ein „post-säkularer Blick“, geschichtliche Daten wie 9/11 und der heraufziehende religiöse Fundamentalismus, Globalisierungsprozesse, die auch und gerade an den Religionen nicht halt machen, das Potential für Widerstand durch Religion, die mediale Inanspruchnahme religiöser Bildwelten und die schlichte Übersättigung eines am Nutzen orientierten Gebrauchsdenkens und Weltgefühls sind treibende Momente einer neuen Auseinandersetzung mit einem uralten Thema, das zwischenzeitlich erledigt erschien. 
Das KULTUM, ein Zentrum für zeitgenössische Kunst, Gegenwartskultur und Religion in Graz, bearbeitet diese Aspekte seit mehr als 40 Jahren. Seine Gründungserzählung Mitte der 1970er Jahre - nur 10 Jahre nach Abschluss des II. Vatikanischen Konzils - den Dialog von Kunst und Kirche wieder neu zu beleben und Fragen der Religion als gegenwärtige anzusehen, blieb bis heute lebendig. 
Mittlerweile zählt dieses Haus zu den wichtigsten Zentren Europas in der Klärung des Verhältnisses von Religion und Gegenwartskunst. In "GOTT HAT KEIN MUSEUM. Religion in der Kunst des  beginnenden XXI. Jahrhunderts " (IKON. Bild+Theologie Verlag Schoeningh 2015), hat Johannes Rauchenberger, der seit 2000 dieses Zentrum leitet, die gezeigten Ausstellungen der letzten 20 Jahre in 10 virtuellen Räumen neu sortiert und in Form eines Buchmuseums zugänglich gemacht. Große Ausstellungen, wie "reliqte, reloaded. Zum Erbe christlicher Bildwelten heute" (2015), "VULGATA. 77 Zugriffe auf die Bibel" (2017 bzw. 2019 im Dommuseum Mainz), "Glaube Liebe Hoffnung. Zeitgenössische Kunst reflektiert das Christentum" (2018 im Kunsthaus Graz und Kultum) haben dieses virtuelle Museum erneut maßgeblich erweitert.
Begleitet hat Kurator Johannes Rauchenberger diese über 100 Ausstellungen in zahlreichen weiteren Veröffentlichungen, in der Zeitschrift "kunst und kirche" (2002-2016) und in Vorlesungen an den Universitäten Wien (seit 2004) und Graz (seit 2009).
Er macht sich dabei für ein Museumskonzept stark, das als Prozess verstanden wird und
 dem in Form immer neuer Ausstellungen Raum geboten wird. Musealisierung meint hier also nicht sammeln, was verloren zu gehen droht, sondern Ausschau zu halten, was sich in der Gegenwart ereignet: Reibebäume, Widerständigkeiten sind dabei ebenso willkommen wie ungeahnte Symbiosen.

Das dreibändige Buchmuseum umfasst Essays, Interviews und Aufsätze, die im letzten Jahrzehnt in dieser Ausstellungsarbeit entstanden sind, sie zeigt aber vor allem Bilder und führt in ein Museè Imaginaire von zehn „Räumen“, die frei und assoziativ beide Themenfelder stimuieren. Das Projekt wurde vom "Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst in München e.V.", vom Innovationstopf der Diözese Graz-Seckau und der Kulturabteilung der Stmk. Landesregierung mitunterstützt.
Zehn virtuelle Museumsräume sind auf 1200 Seiten aufgeteilt:

  • 01 Wahrheiten müssen robust sein | Truths Must Be Solid
    ÜBER DIE FRAGILITÄT DER WAHRHEIT

     
  • 02 Glauben bedeutet keineswegs an etwas zu glauben  | To Believe Does Not Mean at All to Believe in Something
    CHRISTLICHE BILDCODIERUNGEN: ÜBER NARRATION, FIGURATION UND ANTLITZ

     
  • 03 Die abstrakteste Liebe ist die Nächstenliebe | The Most Abstract Kind of Love is Brotherly Love
    ÜBER DEN ZUSAMMENHANG VON ETHIK UND ÄSTHETIK

     
  • 04 Widersprüche sind für den Glauben kein Hindernis | Contradictions Are No Obstacles for Belief
    ÜBER MEDIALISIERUNG

     
  • 05 Fanatiker sind gleichgültig gegenüber ihrem Fanatismus | Zealots Are Indifferent to Their Zealotry
    ÜBER RELIGIÖSEN FANATISMUS UND ALTERNATIVEN, IHM ZU ENTKOMMEN

     
  • 06 Sich mit dem Realen zu konfrontieren, macht noch nicht fähig, es auszuhalten | To Confront Ourselves With the Real Does Not Enable Us to Bear It
    ÜBER DIE ABGRÜNDE VON EXISTENZ - UND RELIGION

  • 07 Der Gedanke des Todes ist unannehmbar | The Idea of Death Is Not Acceptable
    ÜBER BILDER ZUM LEBENSENDE


     
  • 08 Das Glück ist ohne Pardon | Happiness Is without Mercy
    ÜBER BILDER DES LEBENSANFANGS

     
  • 09 Die beharrliche Sinnsuche ist eine bedauerliche Disposition des Geistes | The Persistent Search for Meaning is an Unfortunate Disposition of the Mind
    ÜBER BILDER ZWISCHEN MEDIALITÄT UND BEDEUTUNG


     
  •  10 Das Nichts ist indiskutabel | The Nothing Is Out of the Question

 

Orte der Präsentation
Was als Buchmuseum auch im Feuilleton auf große Resonanz stieß - "Wer die Kunst, die Politik, die Religion in der Gegenwart verstehen will, wird dieses virtuelle Museum immer wieder besuchen", (Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, 2015) - hat aber einen ganz konkreten Austragungsort: Das KULTUM ist seit März 2010 im 1. Stock des aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts stammenden Minoritenklosters in Graz untergebracht. Bis dahin waren es Galerieräume im II. Stock des Minoritenklosters, aber es waren vor allem auch andere Orte wie ungenutzte Räume des ehem. Jesuitenkollegium/Priesterseminar (seit 2009 Diözesanmuseum), der barocke Stiegenaufgang zum Miinoritensaal oder das Grazer Mausoleum. Auf jeweils etwa 550m² – so groß ist die 2010 neu gestaltete Ausstellungsfläche des KULTUMs – kann man zwar keinen Museumsstandort markieren. Aber man kann sehr präzise arbeiten, mit kleinen Zellen, mit Gängen, mit Bezügen aus Räumen, Werken, Übergängen. Man kann die Ausstellungen zeitlich nacheinander setzen und dann immer wieder eine Gesamtschau in der Erinnerung imaginieren.

 

Ein kurzer Abriss zur Entstehung dieses "Museumskonzepts"

 

Das Museumskonzept ist also weniger dadurch ausgezeichnet, ein wirkliches Museum bespielen zu können, als vielmehr eines in der Zeit, in der Aneinanderreihung und präzisen Gestaltung von Ausstellungen. Einige Markierungen aus seiner Geschichte seien hier angeführt: Zwei Jahre bevor der diplomierte Kunsthistoriker, Kurator und promovierte Theologe Johannes Rauchenberger von Josef Fink, der 1975 gemeinsam mit Harald Seuter das Kulturzentrums bei den Minoriten gegründet und bis zu seinem Tod 1999 geleitet hatte, die Gesamtleitung des Kulturzentrums übernommen hatte, verantwortete er im Jahre 1997 anlässlich der II. Europäischen ökumenischen Versammlung in Graz mit Alois Kölbl (jetzt Hochschulseelsorger für die Grazer Universitäten) das erste große Ausstellungsprojekt mit dem Titel:  entgegen.  ReligionGedächtnisKörper in Gegenwartskunst. Anish Kapoor, Roman Opalka, Leo Zogmayer, Siegfried Anzinger, Günter Brus, Herman Nitsch waren damals wichtige Positionen der Ausstellung mit mehr als 30 KünstlerInnen im Grazer Kulturhaus und Kirchen der Grazer Innenstadt. Diese Ausstellung war für ihn der Ausgangspunkt, auf internationalem Niveau sich fortan kuratorischen Fragen zwischen Religion und Kunst zu stellen. Fünf Jahre später konnte er im Programm von "Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas" das Großprojekt "Himmelschwer. Transformationen der Schwerkraft(11. 4.-15.6. 2003) (Kuratoren: Johannes Rauchenberger, Alois Kölbl, Eleonora Louis) im Landesmuseum Joanneum, im Priesterseminar und an weiteren Kirchen von Graz realisieren: Von Fra Angelico über Gianlorenzo Bernini, von Kasimir Malewitsch bis herauf zu James Lee Byars, Antony Gormley und Maaria Wirkkala wurden Bilddiskurse zur Überwindung der Schwerkraft gezeigt: Es waren Ausstellungen, die sich mit internationalen SpitzenkünsterInnen dem produktiven Verhältnis von Gegenwartskunst und Religion gewidmet haben: Zwei internationale Großausstellungen standen also am Beginn einer beruflichen Tätigkeit, die sich fortan mit kleinen Ausstellungen begnügen musste. Bis zu 12 Ausstellungen pro Jahr wurden in der Folge im Kulturzentrum bei den Minoriten gezeigt.


Einen Einschnitt markierte schließlich ein Raumveränderung innerhalb des bisherigen Standorts: Den Beginn dieses ungewöhnlichen "Museumsprojekts" machte eine Ausstellung aus "Resten" von früheren Ausstellungen, meist Schenkungen von KünstlerInnen, die in "RELIQTE. Profan.sakrale Bilddiskurse 2000-2010" in sieben Abteilungen präsentiert wurden, verbunden mit einem Irrealis im Ausstellungstext: "Wie könnte ein Museum für Gegenwartskunst und Religion aussehen? Wie eines, das sich nicht der Bestandssicherung verpflichtet weiß, sondern das Ausschau hält nach Bildern, die sich mit jenen von Religion produktiv reiben - sie stärken, kritisieren, womöglich auch verändern?" Sechs Jahre später  (2016) wurde diese Möglichkeitsform in eine Wirklichkeitsform überführt - mit der Ausstellung: reliqte, reloaded": Zum Erbe christlicher Bildwelten heute.
Konsequent wurde seit 2010 ein Museumskonzept verfolgt, das sich aus streng kuratierten Ausstellungen aufbaut: PROMETHEUS! (2010), MUTTER. Neue Bilder in zeitgenössischer Kunst (2010),  1+1+1=1 TRINITÄT (2011), SHARING: Maaria Wirkkala (2011)IRREALIGIOUS! Parallelwelt Religion in der Kunst (steirischer herbst 2011) waren die ersten Ausstellungen in den neuen Räumen. Mit  MITLEID | COMPASSION (2012) war eine erste Probe auf Exempel gegeben, wie ein Zusammenspiel von neuer, noch nie gezeigter Kunst (Adrian Paci, Petra Sterry) mit bereits in früheren Ausstellungen gezeigten Werken denkbar ist (Zlatko Kopljar, Maaria Wirkkala, Madeleine Dietz), und wie sich daraus auch eine Fragestellung ergibt, die über einen Kunstdiskurs im engeren Sinne hinausgeht. Es folgte BERESHIT - Buchstäblich von Anfang an von Daphna Weinstein und Renate Ilsinger, ein Projekt über Sprache, Schrift und Schöpfung anhand des hebräischen Alphabets.  I LOVE GOD von Zenita Komad, die Ausstellung im Sommer 2012 bei den Minoriten, führte in ungewohnter Frische und gleichzeitiger Präzision existenzielle, ethische wie kosmische Fragestellungen der Gegenwart zusammen.  NICHT VON HIER hob mit Alois Neuhold im steirischen herbst  einen ungewöhnlichen Künstler in das Licht der Kunstöffentlichkeit (auch mit einem Werkbuch im VerlagSpringerWienNewYork, 544 Seiten). Dies vor allem deshalb, weil er mit seinem Bildbegriff einen wichtigen Beitrag zum Fragehorizont des KULTUMdepots beiträgt: Er handelt von "Erdflechtromanik, Zweigerlgotik und Schachtelbarock". Am Ende geht es um Bildmagie, um heilige Schreine und um das Ineinanderfallen von Schauen und Essen. Der Maler-Eremit im Wortlaut: "Ich kenne die Trennung von Kunst und Religion nicht. Sollten sie geschieden sein, ich wiederverheirate sie." Die Ausstellung transformiert sich im Mehrspartenprojekt STILLE. im Dezember 2012. DER FILM DER ANTWORTEN von Thomas Henke führte die Frage von radikalen Sinnentwürfen in Form von Gesprächen mit Nonnen im Winter weiter.

Das Ausstellungsprogramm von 2013 führte die Fragestellung des Kultischen, wie es Alois Neuhold, der tief im katholischen Kulturkreis wurzelte, auszeichnet, auf einer ganz anderen Ebene weiter:  Daniel Amin Zaman, dessen zweiter Teil seiner Seele indisch ist, ging diesem gespürten Teil in der Vorstellung des ZAMANISMUS nach (24. Jän - 24. Feb. 2013). Daniel Zaman trägt seit jeher „ein eigentümliches Interesse an Kontemplation, einer Affinität für ‚kultische‘ Orte, eines Bedürfnisses nach Entschleunigung und Achtsamkeit und einer Suche nach einer entsprechenden künstlerischen Praxis“ in sich. Seine künstlerische Praxis ist immer ununterscheidbar auch „kultische“ Praxis.

Die  Frühjahrsausstellung 2013Seelenwäsche (09. Mrz - 09. Jun. 2013) zeigte künstlerische Positionen, die das vom damaligen Papst Benedikt XVI. ausgerufene "Jahr des Glaubens", das anlässlich des 50. Jahrestages der Eröffnung des II. Vatikanischen weltweit begangen wurde, aufnahm, dieses aber unkonventionell möglichst weit zu denken suchte. Schließlich gehört die Seele zur "Kernkompetenz" des Glaubens. Kunst kann die Unverhülltheit einer Seele hervorkehren, so dass ihre Hüllen nicht nur zur Projektionsfläche eines möglichen Verlusts werden, sondern zum Kleid – zur Wäsche für die Seele, zur Seelenwäsche.  Diese ist prekär, fragil, zart, erotisch, vergeistigt, verschämt, geschändet – was auch immer. Jedenfalls ist sie dort, wo Glauben eine Rolle spielt.  Neue Werke wie jene von Lena Knilli, Till Velten, NINA Kovacheva, Julia Krahn, ILA, Amadeus Regucera, Ronald Kodritsch stehen einer Neuinterpretation bereits in den vergangenen Jahren einmal gezeigter (von Claudia Schink, Madeleine Dietz, Peggy und Thomas Henke, Johanes Zechner) gegenüber. (Die Ausstellung erhielt den 1. Preis für innovative Projekte zu diesem Jahr.)

Im Herbst 2013 wurde in der Ausstellung nichtvonmenschenhand (11. Sept. - 1. Dez. 2013) mit einer Doppelausstellung von Bertram Hasenauer und Eduard Winklhofer ein weiter Spannungsbogen eröffnet, der von Erscheinung, Dauer und Verpflichtung handelte.  Mit zwei in ihrer Formensprache diametral verschiedenen Künstlern wurden Erfahrungsräume von Aura, Epiphanie und Erscheinung eingeholt. Die These wurde gewagt, dass Modernität so sichtbar werden kann, dass sie Zeitgenossenschaft mit Zeitlosigkeit verbindet. Bertram Hasenauer zeigte virtuos gezeichnete Gesichter von zeitloser Dauer. Eduard Winklhofers Maß der Kunst ist von einer unsäglichen Wucht, die Freiheit ermöglicht und an Verpflichtung gemahnt. Dauer als Sedimentierung der Zeit stand schließlich zum Jahreswechsel mit der Einzelausstellung "STILLE MUSTER" von Alfred Graf im Blickpunkt der musealen Präsentation.

2014 stand der Blickwinkel des KULTUMdepots unter dem Leitmotiv der Sprache: Drei Einzelausstellungen - Franz Dodels große Lyrikinstallation: "NICHT BEI TROST" (27. Jan - 12. Feb. 2014), Johanes Zechners Mayröcker-Übersetzung (15. Mrz - 27. Apr. 2014) und Werner Hofmeisters "Sprachbilder" (10. Mai - 8. Juni 2014), sowie eine große Gruppenausstellung im steirischen herbst mit mehr als 30 teilnehmenden KünstlerInnen loteten aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln das Terrain aus: Dort, wo unsere Sprache endet, komme ich jeden Tag vorbei (27. Sept. - 23. 11. 2014). Der Fotokünstler Paul Albert Leitner, Träger des Österr. Staatspreises für Fotografie, zeigte in einer eindrucksvollen Ausstellung einen globalen Blick auf das Weihnachtsfest, skurrill, bizarr und doch von einer beeindruckenden Authentizität: Christmas - A Universal Message.

Im internationalen Jahr des Lichts schließlich gestaltete die Kölner Künstlerin Claudia Schink  in DE LUCE (15. Juni-27. Juli 2015) einen künstlerisch-wissenschaftlichen Blick auf das Licht, zuvor trugen die Personalen von Peter Angerer ("REFLEXION") und KRI Kammerhofer ("KRISTALLATIONEN") (11. Apr.-3. Mai 2015) diesem Schwerpunkt Rechnung.
Zum 40. Geburtstag des Kulturzentrum bei den Minoriten zeigte das KUTUM die größte Ausstellung, die je im Kulturzentrum zu sehen war: reliqte, reloaded": Zum Erbe christlicher Bildwelten heute  (27. Sept. 2015 - 24. Jan. 2016). Die Schau hielt nach künstlerischen Lösungen in der Gegenwartskunst Ausschau, in denen das Erbe christlicher Bildwelten als inspirierend bearbeitet wurde: Referenz war das Thema des sterischen herbst 2015, der von "Relikte, Spuren, Hinterlassenschaften" handelte. Es ging dabei um „Reste“ von Bildmotiven, die „wiederaufgeladen“ wurden – als Spiel, als Prozess, als Beweislast, als Funktion, als Nutzen. Jedenfalls gingen eine Entladung, eine Erschlaffung voraus, ein Prozess der Entropie, mitunter auf ein Nullniveau hinab. Die unterschiedlichen Herangehensweisen entwickelten sich aus der Wahrnehmung einer Wiederkehr von Elementen christlicher Ikonografie am Beginn dieses Jahrtausends. Gezeigt wurden mehr Werke bzw. Werkgruppen von drei Dutzend KünstlerInnen um die Motivkomplexe "Abendmahl", "Madonna", "Kreuz", "Figuration", "Religionskritik", "Antlitz" und "letzte Dinge". Als Oberton der Ausstellung war mit 6 Videoportraits von Thomas Henke und Joachim Hake 1 Kor 13,12 vernehmbar: "Jetzt schauen wir wie in einen Spiegel dunkle Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht": Höchste malerische Meisterschaft und radikale Bildverweigerung standen in rund 100 verschiedenen Arbeiten von 36 Künstlerinnen und Künstlern, die in der Präsentation auf zwei Stockwerken aufgeteilt waren, dicht nebeneinander, von Malerei und Installation bis zu Videokunst und Performance. In einem reichhaltigen Begleitprogramm wurde in über 60 Führungen dieses Ausstellung vermittelt.

In seinen Frühlingsausstellungen 2016 nahm das KULTUM die 2015 hierzulande ausgebrochene Flüchtlingskrise zum Anlass, mit den Mitteln der Kunst ein (Gegen-)Statement zu setzen, das sich dem Schmerz und der Passion dieser Menschen näherte und am "Antlitz des Anderen Verantwortung" (E. Lèvinas) spüren ließ. Jedenfalls aber eine andere Blickrichtung öffnete, die später, von der Sprache der Politiker mächtig unterstützt, sich immer mehr verengte und dieses Land zusehends nach rechts abdriften ließ. Schon ein Jahr zuvor (Jan/Feb 2015) war ein anderer Blick auf "Migration" gewagt worden, indem in "SHIFTING CONSTELLATIONS" von 13 nach Graz zugezogenen Künstlerinnen aufbereitet wurde, was diese dieser Stadt gleichsam geschenkt haben. Die Münchener Künstlerin Reinhild Gerum stellte mit den "Blumen der anderen" (9. März bis 8. Mai 2016) einen buchstäblich anderen Blick auf das Thema vor, am 2. April fuhr der in Berlin lebende französische Künstler Guillaume Bruère (GIOM) mit dem "Antlitz der anderen" in Form gezeichneter Flüchtlingsportraits fort - beide Ausstellungen waren bis zum 8. Mai zu sehen. Den Abschluss fand eine öffentliche Zeichenperformance von unbegleiteten Flüchtlingen am Grazer Hauptplatz bei "aktuelle kunst in Graz". Ebenso gegenwartsbezogen, aber in einem viel umfassenderen Ausmaß, war das Kunst- und Literaturprojekt "Im Kampfgebiet der Poesie" (24. Mai - 9. Juli 2016). In einer Zeit zunehmender Radikalisierung und Vereinnahmung gilt es widerständige Formen mit den Mitteln der Kunst zu entwickeln, einen "poetischen Kampf" zu führen. Wie selbstverständlich kann man doch Verhetzendes und dreist Vereinfachendes öffentlich formulieren darf und wie subtil, wie scheinbar selbstverständlich sich eine vor nichts Halt machende Verwertungslogik breit gemacht hat:  Wir leben in einer seltsam ambivalenten Welt, in der wir „ich, ich“ zu denken und uns freiwillig zu unterwerfen und leidenschaftlich auszubeuten lernen. Sechs LiteratInnen (Franz DODEL, Dieter SPERL, Daniela SEEL, Christian STEINBACHER, Sophie REYER und Paul DIVJAK), eine Phiosophin und vier bildende KünstlerInnen (Francois BURLAND, Toni KLEINLERCHER, Heike SCHÄFER und Eric MOINAT) entwarfen Bilder und Texte, die in eine Ausstellung, in literarische Performances und in einen Buch mündeten.
Die aktuellen Probleme der Gegenwart standen schließlich erneut in der Ausstellung SCHATTENGEIST (17. Sept. - 11.Nov. 2016)  im Zentrum des kuratorischen Interesses. Aus einem Schaffensbogen von 25 Jahren liest sich das künstlerische Werk von Matta Wagnest wie eine konzentrierte künstlerische Prophetie, die aktuelle Gegenwart zu beschreiben. Mit ihr aber auch die angedrohten und hereingebrochenen Katastrophen, den Wandel im Selbstverständnis der eigenen Geschichte und Tradition, ihre Werte zu einem neuen Miteinander. Eine Retrospektive der Künstlerin, die in den frühen 1990-er Jahren zu den shooting stars damals junger Kunst zählte, stieß auf große Resonanz. Die Botschaften Wagnestes waren an Deutlichkeit kaum zu überbieten sind: Das soziale Überleben steht bei ihr im Zentrum: Ihre zentrale message: Wie kann man Werte weiterdenken, die jenseits der traditionellen, verlorenen oder verblassten liegen?

Das erste Halbjahr des Jahres 2017 stand ganz im Zeichen des 500 jährigen Reformationsjubiläums. "VULGATA. 77 Zugriffe auf die Bibel" (01. Mrz. -08. Jul. 2017) befragte die Bibel in unterschiedlichsten Zugängen aus zeitgenössicher Kunst. Die Schau, die auf große Medien- und BesucherInnenresonanz stieß, wird im Mai 2018 im Dom- und Diözesanmuseum in Mainz und 2018/2019 auch im neu erbauten "Museum of the Bible" in Washington gezeigt werden. Es erschien ein, auf Deutsch und Englisch verfasstes Katalogbuch mit einem begleitenden Bildessay von Kurator Johannes Rauchenberger. Die Schau befragte mit Werken von 33 Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart ein Buch, das in der Menschheitskultur zu den wesentlichsten Inspirationsquellen der Kunst zählt. Und das Gläubige als Heilige Schrift betrachten, das heißt als einen Text, der heilig ist, bindend und inspirierend für das eigene Leben – trotz allen Wissens, dass er historisch entstand, vollkommen unterschiedliche Textgattungen enthält, höchst unterschiedlich in seiner literarischen Qualität und immer weniger kompatibel mit einem modernen, durch die Erkenntnisse der (Natur-)Wissenschaft determinierten Weltbild ist. Dort befinden sich die Brüche, die Abbrüche, die Ironien und zugleich die kreativen Energien ihrer mythischen und spirituellen Kraft. Dort ist auch der Ort einer Kunst, die Vertrautes, Verlorenes oder Fremdes neu sehen lässt.

Im Sommer konnte die Personale „Klaus G. Gaida: Argument wie 1 Tulpmstengel“ gezeigt werden, ein Kunstprojekt an der Grenze zur Literatur, das Entstehungsprozesse literarischer Werke der Autoren Thomas Bernhard (1931-1989) Hermann Burger (1942-1989), Thomas Kling (1957-2005), Arno Schmidt (1914-1979) in Form großer Tafelbilder neu sichtbar machte. Die Ausstellung handelte vom Durchgestrichenen, das als solches das Poetische am Ende stärkt.

Zur 50. Ausgabe des steirischen herbst 2017 beteiligte sich das KULTUM mit "Hoffnung als Provokation", einem international besetzten Literaturfestival und der Ausstellung "SPIRO.SPERO" (23. Sept. - 18. Nov. 2017). Der uralte Satz. „Dum spiro, spero.“ „So lange ich atme, hoffe ich“ (Cicero) wurde von den beteiligten Künstlern Michael Endlicher, Tom Schmelzer, Michael Kos und Jochen Höller existenziell, als subtile Gesellschaftskritik und mit Bildern aus Mythos und Religion bearbeitet. Ist Hoffnung schwarz, eingesperrt in der Box der Pandora oder eine Sehnsucht am Ende der Leiter, ganz oben? Bleibt Hoffnung permanent gefährdet, zu platzen? Der Horizont der Hoffnung ist in Zeiten von Trump und dem Siegeszug von Populisten eng geworden. Können Bilder, kann Literatur diesen weiten? Zum Jahreswechsel 2017/18 wurde schließlich das poetisch-stille Projekt der Linien von Renate Krammer präsentiert:  In einer extremen formalen Reduktion, die die Künstlerin seit nahezu 20 Jahren durchführt, war die Anmutung sinnlich nachvollziehbar, sich in der "Poesie der Linie" ganz auf das Wesentliche zu beschränken: Eine längst fällige „Retrospektive“ Krammers und ein ein öffentlicher Beitrag zur Verlangsamung in einer schnelllebigen Zeit.

Welchen Wert haben Religion, Glaube, Spiritualität und deren Rituale in einer weitgehend säkularen Gesellschaft? Wie sehr wird auch die Gegenwart davon geprägt? Das Kunsthaus Graz und das Kulturzentrum bei den Minoriten widmeten sich diesen Fragen im Jubiläumsjahr "800 Jahre Diözese Graz-Seckau" in der Großausstellung "Glaube Liebe Hoffnung" (12. April - 26. Aug. 2018) mit mehr als 50 Kunstwerken. Die „drei göttlichen Tugenden“, einst Eckpfeiler christlicher Frömmigkeitskultur, gehören heute als Kreuz, Herz und Anker zu den beliebtesten Tattoo-Motiven. Ursprünglich kirchlich geprägte Begriffe finden sich in der Populärkultur, in der Werbung oder in TV-Serien wieder. Die Ausstellung „Glaube Liebe Hoffnung“ folgt diesen Spuren und Reflexionen in der zeitgenössischen bildenden Kunst. Über fünfzig Arbeiten widmen sich unter anderem der Abstraktion und Fleischwerdung, Formen der Liebe, Wundern und Übertragungen, Opfer und Gemeinschaft, Inszenierung, Pathos und Verlust, Machtmissbrauch, Stellvertretung und Hingabe.

Weitere vier Ausstellungen wurden unter der Leitung von Hauptkurator Johannes Rauchenberger in diesem Jahr an historisch starken Orten der Kirchengeschichte dieses Landes realisiert: "Last&Inspiration" (ehem. Jesuitenkollegium/Priesterseminar), "Umbruch,, Geist&Erneuerung" (Abtei Seckau), "Grenze, Öffnung&Heimat" (Schloss Seggau) und "Schönheit&Anspruch" (Stift Admont). 

 

Sammlung für zeitgenössische Kunst und Religion

2011 begann Johannes Rauchenberger auch eine reale Sammlung für zeitgenössische Kunst aufzubauen, die konsequent nur aus Werken besteht, die Teil des bisherigen Museumskonzepts in der Zeit gewesen sind. "Gott hat kein Museum" ist damit auch eine erste Dokumentation einer Sammlung zeitgenössischer Kunst, die ausschließlich aus den Ausstellungen hervorgegangen ist und derzeit mehr als 400 Werke umfasst und seit dem Erscheinen des Buchmuseums noch deutlich ausgebaut werden konnte bzw. wird. 

Werke der Sammlung stammen u.a. von Maaria Wirkkala, Anna und Bernhard Blume, Adrian Paci, Zlatko Kopljar, Guillaume Bruère, Lidwien van de Ven, Danica Dakić, Werner Reiterer, Dorothee Golz, Claudia Schink, Ela Jablonska, Peggy und Thomas Henke, NINA Kovacheva, Michael Triegel, Keiko Sadakane, Valentin Stefanoff, Hermann Glettler, Klaus G. Gaida, Petra Sterry, Marta Deskur, Muntean/Rosenblum, Wilhelm Scherübl, Madeleine Dietz, Sery C., Julia Krahn, Till Velten, Manfred Erjautz, Fritz Bergler, Shimon Lev, Eric Aupol, Edgar Honetschläger, Gor Chahal, Ruth Schnell, Hannes Priesch, Tobias Trutwin, Alois Neuhold, Zenita Komad, Matta Wagnest, Taline Kechichian, Ronald Kodritsch, Christian Eisenberger, Markus Wilfling, ILA, Heribert Friedl, Leo Zogmayer, G.R.A.M., Marianne Maderna, Bertram Hasenauer, Esther Stocker, Joseph Marsteurer, Nives Widauer, Norbert Trummer, Caroline Heider, Wilfried Gerstel, Irmgard Schaumberger, Walter Kratner, Franz Sattler, Kurt Straznicky, Anneliese Schrenk, Oswald Putzer, Fritz Ganser, zweintopf, Lena Knilli, Gyula Fodor, Judith Zillich, Richard Frankenberger, Werner Hofmeister, Klaus Schafler, Johanes Zechner, 0512, David Oelz, Anderwald + Grond, Heike Schäfer, Toni Kleinlercher, Francois Burland, Eric Moinat, Michael Endlicher, Daniel Amin Zaman, Matta Wagnest.  Wichtig in der Sammlungsgestaltung ist die Austarierung der sowohl auf dem internationalen Kunstfeld vorkommenden wie das lokale Kunstgeschehen einbeziehenden Namen. 2016 konnte das KULTUMdepot eine große Schenkung von 100 Werken aus dem Lebenswerk des steirischen Malers Luis Sammer (*1936) entgegennehmen, die seither in der Bischöflichen Gutsverwaltung Schoss Seggau als Dauerausstellung zu besichtigen ist.

Auch an immer mehr Orten wurden und werden Teile dieser jungen Sammlung gezeigt. In "Luther reicht nicht! Künstlerische Impulse zur ständigen Reform" (Kunsthalle Kaufbeuren, 2016), "Wahrheiten müssen robust sein", "Suche nach der verlorenen Sprache" (Insight-Kunst.de, HDKK Stuttgart) waren zahlreiche Werke unserer Sammlung zu sehen. Bei "SEIN.ANTLITZ.KÖRPER" (Stiftung Neue Synagoge Berlin, St. Marien und St. Petri in Berlin, 2016) steuerte das KULTUMdepot eine stattliche Anzahl an Leihgaben bei u.a. Anna und Bernhard Blume, Adrian Paci, Michael Endlicher, Marta Deskur, Daniel Zaman, Julia Krahn, Claudia Schink. Auch eine Podiumsdiskussion am Berliner Dom fand mit Kurator Johannes Rauchenberger statt. In der Ausstellung "Schönheit & Anspruch" (2018) im Museum für Gegenwartskunt des Benediktinerstifts Admont anlässlich von "800 Jahre Diözese Graz-Seckau" wurden die Sammlungen der Diözese für zeitgenössische Kunst und jene von Stift Admont erstmals gemeinsam präsentiert. 
2019 wird die Ausstellung "VULGATA. 77 Zugriffe auf die Bibel" im Dom- und Diözesanmuseum Mainz gezeigt. Leihgaben konnte das KULTUMdepot auch für die Ausstellungen "Caritas. Eine Geschichte der Nächstenliebe" (2015), Das Alter in der zeitgenössischen Kunst (Belvedere, 2018) zur Verfügung stellen.



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