RELIGIONSTHEORIE ZEITGENÖSSISCHER KUNST:

religionende Gegenwartskunst

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vorlesung

Dr. Johannes Rauchenberger

SS 2001 

Institut für Fundamental-theologie, KF-Uni Graz

 

GLIEDERUNG:

 

I. Gründe

Die „Poiesis“ einer Religion oder: Das kreative Hervorbringen von Weltdeutungen.  

 

II. Auslöschen - Persiflieren - Zitieren

Exkursion Claudia Schink

 

III. "Spuren des Transzendenten"

(Über die negative Theologie in der Kunstdiskussion, über Ausstellungen im Verhältnis von Kunst und Religion)

Exkursion Werner Hofmeister

 

IV. HIMMELSCHWER: Ein neuer Ansatz in der Geschichte der Ausstellungen zu Kunst und Religion

 

V. Wahrheit und Schönheit: Regression, Traum oder Wirklichkeit theologisch-ästhetischen Denkens

 

Die Dispersion des Religiösen – dieser längst schon bekannte Prozess, dass sich nämlich heutzutage „Religion“ großteils nicht mehr in der Kirche, sondern in ganz säkularem Kontext abspielt, in der Jugendkultur, in der Werbung, im Sport, in der Kunst etc.– ist nicht nur von fundamentaltheologischer, sondern auch von theologisch-praktischer Bedeutung: Dieser Vorgang des „Religionens“ (Hermes Phettberg) – als Verbum verstanden – erfordert nicht nur ein Auflesen dessen, wo Religion sich heute abspielt, sondern vielmehr eine systematische Reflexion, was die „Poiesis“, also das kreative Hervorbringen von Weltdeutungen angeht. Der Anspruch der Kunst, mit einem völlig eigenständigen Sinnkonstrukt eine Gegenwartsbestimmung vorzunehmen, muß TheologInnen a priori interessieren, befinden sie sich doch dabei auf einem Konkurrenzfeld oder in einer (oft unheimlichen) Allianz. Von einer Beerbung der Religion durch die Kunst bis hin zu einer Behauptung einer allgemeinen „Transzendenz“ in der Kunst reicht das Spektrum wechselseitiger Ansprüche und Erwartungen.

Für „Graz 2003 – Kulturhauptstadt Europas“ wird in einer europäischen Projektgruppe (u.a. unter Beteiligung der Bildtheologischen Arbeitsstellen der Universitäten Köln und Münster, sowie des Instituts für Fundamentaltheologie in Graz) ein Ausstellungskonzept erarbeitet, das diesen Vorgang des „Religionens“ anhand internationaler Positionen der Gegenwartskunst dokumentiert und in einem Symposium eine Religionstheorie zeitgenössischer Kunst entwickelt. Die Lehrveranstaltung stellt Kristallisationspunkte des Verhältnisses von Religion und Gegenwartskunst vor und diskutiert anhand konkreter Positionen einen theologisch fruchtbaren Umgang.

Die Vorlesung ist mit einem Diskussionskolloquium kombiniert.

 

     

 

 

I: GRÜNDE

 
   

Die „Poiesis“ einer Religion oder: Das kreative Hervorbringen von Weltdeutungen.  

(Über die ästhetische Dimension des Glaubens und ihre fundamentaltheologische Begründung.)

 

  Die Probleme der christlichen Religion mit der modernen Kunst

(Über Beerbungs- und Säkularisationsdebatten, über den Anspruch der Kunst, mit einem völlig eigenständigen Sinnkonstrukt eine Gegenwartsbestimmung vorzunehmen und über das drängende Interesse von TheologInnen in einer Konkurrenz- oder in einer (oft unheiligen) Allianzsituation)  

 

 

   
   

II. Auslöschen – persiflieren – zitieren

 
   

Vom Umgang der zeitgenössischen Kunst mit dem Erbe der Vergangenheit

Der Blick auf die religionsgeschichtliche Entwicklung der Kunst zeigt keinesfalls ein vielbehauptetes „Ende“ der christlichen Kunst, als vielmehr eine Transformation des christlichen Erbes, die mit verschiedenen künstlerischen Mitteln passieren kann.

Konkrete Positionen, wie z. B. Joseph Beuys‘ Herz-Jesu-Bildlichen oder MUNTEAN/ROSENBLUMs Zyklus „Why die?“ sollen hier vorgestellt und auf ihre religionstheoretische Bedeutung hinterfragt werden.

An konkreten Ausstellungsobjekten der Kölner Künstlerin Claudia Schink im ehem. Jesuitenkollegium/Priesterseminar (Ausstellung der Minoriten-Galerien anläßlich von aktuelle kunst in graz 2001) kann dieses Verhältnis von Erbe und künstlerischer Transformation studiert werden.

Exkursion: Claudia Schink, Das Abendland: SOLILOQUIA

Claudia Schink, (Multimediakünstlerin in Köln), verfolgt seit 1995 konsequent ein Projekt, das sie „Das Abendland“ nennt. Während in den letzten Jahren insbesondere Arbeiten zu Themen der Wissenschaft entstanden, setzt sich diese Ausstellung in konzentrierter Form mit dem Erbe der christlichen Prägung als kollektiver Untergrund der westlichen Kultur auseinander. Mit künstlerischen und poetischen Mitteln wird ein Kreis von Objekten, Bildern und Texten erarbeitet, der historisch aufgeladene Bilder des menschlichen Schmerzes – sie verwendet dafür die frühe Märtyrinnenikonographie - und die immerwährende Aktualität körperlicher Gefährdung miteinander in Beziehung setzt. Durch die Feminisierung kollektiver Zeichen und Bilder wird deren eigentlicher patriarchalischer Bezug in subversiver Weise enttarnt.

 

 

   

 

 

III. "Spuren des Transzendenten“

   

(Über die negative Theologie in der Kunstdiskussion, über Ausstellungen im Verhältnis von Kunst und Religion)

Obwohl die klassische Moderne mit religiösem Pathos die Bühne der Weltgeschichte betreten hat, hat sich das faktisch gelebte Christentum von der „Hochkunst“ immer mehr entfernt. Theorien wie „Verlust der Mitte“ haben zudem die Vermutung der Religionsfeindlichkeit der Moderne noch verstärkt. Mit einem Schlag haben sich diese Vorzeichen ins Gegenteil verkehrt, als Wieland Schmied 1980 in „Zeichen den Glaubens – Geist der Avantgarde“ und 10 Jahre später in „GegenwartEwigkeit. Spuren des Transzendenten in der Kunst unserer Zeit“ das spirituelle Moment der Gegenwartskunst herausstrich. Seitdem gibt es zahlreiche Ausstellungen im religiösen Kontext, vor allem aber in Kirchen selbst.

Die Geschichte der Ausstellungen im Spannungsfeld von Kunst und Religion in den letzten 20 Jahren soll kurz dokumentiert, vor allem aber der religionsgeschichtliche Fragehorizont gestellt werden: Etwa was eine „allgemeine Spiritualität“, die aber „dezidiert nicht kirchlich“ (Schmied) ist, mit der christlichen Theologie zu tun hat/haben muß. 

Exkursion: Werner Hofmeister, Der Große Q (Eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit der Ikonentradition)

 

   

 

 

IV. HIMMELSCHWER.

   

Ein neuer Ansatz in der Geschichte der Ausstellungen zu Kunst und Religion

(Graz, grace and gravity)

(Projektvorstellung Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas)

 Die für die Kulturhauptstadt Europas 2003 geplante Ausstellung „HIMMELSCHWER. Transformationen der Schwerkraft will in einem Zeitalter längst vollzogener Trennung von Kunst und Religion eine neue offene Diskussion - ohne gegenseitige Vereinnahmung vorantreiben. Graz 2003 will dabei über das bloße Gerede von Spiritualität hinauskommen, und Nähe und Differenz von Kunst und Religion an ihrem jeweiligen Umgang mit handfester Realität studieren.

  Exemplarisch soll dabei entgegen allem bisher behaupteten „Geistigen“ in der Kunst die „Materie“ betrachtet werden. Eine solche Fragestellung ergibt sich auch aus dem Befund des Stadtbildes von Graz: irdische Schwere wie die Versuche ihrer Aufhebung, inszeniert in der Sinnlichkeit religiöser, besonders barocker Kultursubstanz.

Die Prägung europäischer Kultur durch die Denk- und Kreativitätsgeschichte, die sich auf die Gravitation, der Schwerkraft oder Anziehung bezieht, ergibt ein Tableau wechselseitiger Beeinflussung zwischen Kunst und Religion, die auch auf ihre heutigen Bedingungen zu hinterfragen wäre. Bildfindungen aus der christlichen Bildgeschichte zur Gravitation werden ausgewählte Positionen der Gegenwartskunst gegenübergestellt.

 

 

   

 

 

V. Wahrheit und Schönheit: Regression, Traum oder Wirklichkeit theologisch-ästhetischen Denkens

   

(Vortrag für das Triangelkolloquium der Guardini-Stiftung Berlin)