Was kann ein Bild? Der Karikaturenstreit 2006 hat die religiösen Implikationen des Bildes weltweit zum drängenden und bedrohlichen Thema gemacht  - er geht als "Bilderstreit 2006" in die Geschichte ein.

Bilder können jenseits von Rationalität und Argument nicht nur Devotion, Andacht und Erkenntnis entfachen, sondern auch Politik und Gewalt: selbstverständlich stehen alle diese Fakten hinter dem so genannten "Bilderverbot" das die jüdische Tradition entwickelt und das die islamische übernommen hat.

Und wie steht es mit dem Christentum und dem Verbot, Gott darzustellen?

 

 

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Vorlesung

Univ.Lektor MMag. Dr. Johannes Rauchenberger

SS 2006

Institut für Kirchengeschichte, Uni Wien

 

geblockt 14 täglich

Do 16.00-

19.00 Uhr

9.3. / 23.3. / 6.4. / 4.5. / 8.6./22.6./ 29.6.

 

Schottenring 21

1010 Wien, 4. Stock

 

Als ständiges Korrektiv ist das Bilderverbot eine Begleitung der Reformer in der Bildgeschichte des Christentums.  Im Gegensatz zum Islam hat das Christentum dem Bilderverbot die Vorstellung der Materialisierung des Göttlichen in der Fleischwerdung entgegengestellt. Im Kern trifft genau dies die Theologie der Christusbilder.


Angefangen von ihrer radikalen Bestreitung, ihrem allmählichen Eindringen in der Praxis, ihrer beginnenden und definitiven theologischen Legitimation gibt die Vorlesung einen historisch-systematischen Querschnitt. Als Leitlinie für den geschichtlichen Parcours vom 3. bis 21. Jahrhundert gilt das Motiv der Strittigkeit, dem auch christliche Bilder aufgrund des 2. Gebotes des Dekalogs unterstehen, auch wenn sie den Impuls der Fleischwerdung des Göttlichen in sich tragen.
 

     
09.03.2006

 1. Einleitung: "Bilderstreit 2006". Und wozu Bilder im Christentum?

   

 

Bilder gehören nicht zur Grundverfassung der Kirche. Der urkirchliche Heilshaushalt ist ohne Bilder ausgekommen. Er ist nicht ausgekommen ohne das Wort. Reden und Zuhören, Lesen und Schreiben, Beten und Singen gehört zur elementaren Praxis der frühchristlichen Gemeinden. Auch das Tauchbad der Taufe, Auflegen der Hände, gemeinsames Essen, einfache rituelle Zeichenhandlungen also. Wort und Sakrament in diesem Sinn gehören von Anfang an zum heilsökonomischen Grundbestand der Kirche. Nicht aber die Bilder.

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23.03.2006

2. Auf schwachen Beinen. Zur Bildbegründung im Neuen Testament

 

 

 

 

Wenn sich die frühchristliche Bewegung vom zeitgenössischen Judentum absetzt mit ihrer exzessiven Aufmerksamkeit für die Erscheinung Gottes in diesem einen Menschen und seiner Geschichte, so betrieb sie diese Verehrung Jesu Christi doch fraglos unter der Prämisse des alttestamentlichen Bilderverbots, das es entschieden untersagte, einem Bild, was immer es darstellte, religiöse Verehrung zukommen zu lassen. "Was mit Händen gemacht werde, das seien keine Götter" (Apg 19,26), sagt Paulus. In Athen entrüstet er sich bei seiner religionskundlichen Stadtbesichtigung, "da er sah, wie die ganze Stadt voller Götterbilder war" (Apg 17,16), "kateidolon", voller Idole.

23.03.2006

3. Die Anfänge:  Polemik, Apologetik, Streit 

 

>> Katakombenmalerei

>> Christussymbole

>> Imperiale Ikonografie

>> Basiliken

 

Unter solchen theologischen Vorgaben etwa eigene Bilder haben zu wollen, ist ganz undenkbar. Sie haben den unverkennbaren Geruch des Paganen. Heidentum ist in seinem religiösen Kern genau dies: Idololatrie, Bilderverehrung, Beten und Opfern vor Bildern. Bilder kommen also im frühchristlichen Heilshaushalt nicht nur nicht vor, sie sind ausgesprochen gegenbesetzt als religiöser Indikator des Heidentums.

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06.04.2006

4. Was ist theologisch "Bilderstreit"?
 

Wir wissen, es gibt in der späteren Geschichte des Christentums Bilder zuhauf. Aber es ist bemerkenswert, dass immer, wenn unter Berufung auf die Heilige Schrift, die normative Urkunde des Ursprungs, zur Reform gerufen wird, die Bilder ins Visier geraten

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06.04.2006

5. Die theologische Entscheidung für die Bilder: Das II. Nizänum, Libri Carolini, Mittelalterliche Bildtheologien
 

>> Andachtsbild

In der abendländischen Kirche ist das II. Nizaenische Konzil mit seinem Bilderbeschluß anerkannt worden, das Konzil von Trient hat sich zu Beginn des 16. Jh. ausdrücklich darauf bezogen, als es die Praxis der Bilderverehrung gegen die reformatorischen Attacken verteidigte. Aber Bilderkult in jenem genau umschriebenen Sinne hat doch im Westen nicht jenen Rang erhalten, den es im Osten hatte.

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4.5.2006

6. Reformatorische Bilderkritik

 

>> Bilderstreit

In den ersten Jahrzehnten des 16. Jh. sammeln und steigern sich jene mittelalterlichen Reforminitiativen zur konfessionsbildenden Reformation, die nicht zuletzt Gottesdienstreform ist unter Berufung auf das Evangelium. Und wieder stehen die Bilder im Visier der Kritik. Radikal, was die Forderung der Reinigung der Kirchen von allem Bildwerk angeht, bei Karlstadt, Zwingli, Calvin, Bucer, moderater bei Luther.

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8.6.2006

7. Der katholische Bildkult des konfessionellen Zeitalters

 

Die katholische Kirche hat ihre Kontroverstheologen gegen die reformatorische Bilderkritik aufgeboten und auf dem Trienter Konzil, in dessen letzter Sitzung 1563, nicht nur die Lehrfunktion, sondern auch die Bilderverehrung verteidigt. Sie erlebt in der barocken Heiligen- und Marien-Verehrung eine von der kirchlichen Obrigkeit und den neuen Orden der Jesuiten und Kapuziner geförderte Blüte.

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8.6.2006

8. "... und beugen das Knie nicht mehr." Hegel. Schelling. Schleiermacher

 

 

Der religiöse Bildergebrauch in seiner ganzen Breite bleibt also dem neuzeitlichen Katholizismus erhalten und gerät dann auch mit dem Beginn der Moderne in eine Krise.

Hegels "... es hilft nichts, wir beugen die Knie doch nicht mehr" ist symptomatisch für den gewandelten "modernen" Bildgebrauch und den Wandel vom "Bild" in die "Kunst". Einige bildtheologische Positionen, die sich aus der Aufklärung ergaben, werden vorgestellt: Hegel und Schellings Kunstphilosophie sowie das Bild im Denken von Schleiermacher.

22.6.2006

9. Das Christusbild im 20./21. Jahrhundert

 

 

Die Geschichte des Christusbildes ist im 20./21. Jahrhundert keineswegs zu Ende gegangen. Es wurde personalisiert, transformiert und in neue Kontexte gestellt, oft unabhängig von bisherigen Traditionen. Konfliktzonen und Beispiele moderner und zeitgenössischer Auseinandersetzung mit diesem Thema werden abschließend vorgestellt.

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29.6.2006

10. Epilog und Prüfung

 

 

 

 
   
     
  LITERATUR
 

• Alex Stock: Poetische Dogmatik, Christologie 1-4, (4 Bde.) Paderborn 1995-2001.
• Alex Stock: Bilderfragen. Theologische Gesichtspunkte, IKON. Bild+Theologie, Paderborn u.a. 2004.
• Alex Stock (Hg.): Wozu Bilder im Christentum? Beiträge zur theologischen Kunsttheorie, EOS St. Ottilien 1981.
• Alex Stock, Keine Kunst. Aspekte der Bildtheologie, Paderborn 1995

• Alex Stock, Gesicht - bekannt und fremd. Neue Wege zu Christus durch Bilder des 19. und 20. Jahrhunderts, Kösel, München 1990
• Johannes Rauchenberger, Biblische Bildlichkeit. Kunst - Raum theologischer Erkenntnis (IKON. Bild+Theologie), Paderborn u.a. 1999.
• Hans Belting: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, 5. Aufl. München 2000 (1. Aufl. 1990)
• Günter Rombold/Horst Schwebel, Das Christusbild im 20. Jahrhundert, Freiburg u.a. 1983.
Werner Hofmann, Luther und die Folgen für die Kunst, München u.a. 1984.

• Günter Rombold, Der Streit um das Bild. Zum Verhältnis von moderner Kunst und Religion, Stuttgart 1988.

• Ansichten Christi. Christusbilder von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, Hg. von Roland Krischel / Giovanni Morello / Tobias Nagel, Du Mont, Köln 2005.

• Heinrich Pfeiffer, Gottes Wort im Bild. Das Christusbild in der Kunst, Verlag Neue Stadt München 1986.
• Nissan Perrez, Corpus Christi. Das Christusbild in der Fotografie von 1850-2001, Edition Braus, Heidelberg 2003.

Eckhard Nordhofen (Hg.), Bilderverbot. Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren (IKON. Bild+Theologie), Schöningh, Paderborn 2001.
• James Clifton u. a. (Hg.), The body of Christ in the art of Europe and New Spain. 1150-1800, Ausst.-Kat. Museum of Fine Arts Houston, München 1997
• Neil MacGregor / Erika Langmair, Seeing salvation. Images of Christ in art, London 2000
• Giovanni Morello (Hg.), Il volto di Cristo, Ausst.-Kat. Palazzo delle Esposizioni Roma, Milano 2000
• Jaroslav Pelikan, The illustrated Jesus through the centuries, 2. überarb. Aufl. New Haven, Conn. 1997
• Christoph Schönborn, Die Christus-Ikone. Eine theologische Hinführung, 2. Aufl. Wien 1998 (1. Aufl. 1984)

• Glaube, Hoffnung, Liebe, Tod, Hg. von Ch. Geissmar-Brandi,/E. Louis, (Ausstellungskatalog KUNSTHALLE Wien) Wien 1995.
 

  (c) Johannes Rauchenberger 2006