WELT ANSCHAUUNG

Herzlich willkommen zu unserem Herbst-Programm! Der Sommer war heiß, der Herbst wird heiß. Aus aktuellem Anlass hatten wir noch vor der Sommerpause eine Ausstellung eingeschoben – don’t forget: es waren die „verstörenden Sittenbilder“ (UHBP) im Ibiza-Video, die den Ausgangspunkt der Neuwahl im Herbst gesetzt haben. Die „Grimassen des Realen“ von Michael Petrowitsch (bis 26. Juli) waren ein feines Nachdenken über Medienvermittlung, Gesicht, Begehren und einer möglichen Wahrheitsvermittlung.

In diesem (steirischen) Herbst, der in Graz dem Blick in den Abyssus gewidmet sein wird – schon bei der Eröffnung wird der epochale Untergang der Titanic als aktuelles Zeitphänomen zelebriert –, wagen wir im KULTUM dennoch einen subtil-hoffnungsvolleren Blick. Denn die Ausstellung, die ab 11. September (9/11 also) zu sehen sein wird, versammelt sieben höchst preiswürdige Positionen zeitgenössischer Kunst, die mit den Methoden, Strategien – oder besser: mit den poetischen Mitteln der Kunst im weitesten Sinne „forschen“. Auch und vor allem, ob man so etwas wie eine zeitgenössische Utopie entwerfen könnte. studio ASYNCHROME (Marlene Leitner und Michael Schitnig) zum Beispiel prüfen mit ON-LINE die gegenwärtigen Möglichkeitsräume innerhalb von Überlagerungen aus Zeit, Raum und Gesellschaft. Wendelin Pressls „Planetothek“ lädt den Betrachter zu einem Blick ins Fernrohr ein, um Planeten zu entdecken – sind sie wirklich da? Pressl sieht seine Arbeit nicht als ästhetisches Spiel, sondern in unsere derzeitige Weltwahrnehmung eingebettet, in der Täuschung, Lüge und Verängstigung durch das Anzweifeln unserer Grundfesten (gesellschaftlicher wie wissenschaftlicher Natur), wie es gerade in Mode zu sein scheint.

Katrin Bucher Trantow, Roman Grabner und Astrid Kury waren diesmal die ExpertInnen der Vorjury für den „Preis der Diözese Graz-Seckau für zeitgenössische Kunst“, der exakt einen Monat nach Ausstellungseröffnung, am 11. Oktober, von Bischof Wilhelm Krautwaschl übergeben wird. Dieser seit 1983 bestehende Kunstpreis, der zu den ältesten kirchlichen Kunstpreisen Österreichs und Deutschlands zählt, wird wieder mit einer besonders schönen Ausstellung ausgestattet. Was Kunst am fortgeschrittenen Jahrtausendbeginn bewegt, sind Zeitindizes: Die Ressourcenfrage, der Klimawandel, die Verteilung der Güter, die Grenzen. Anita Fuchs meint dazu in ihrem Forschungsprojekt an der österreichisch-ungarischen Grenze: „Tiere und Pflanzen kümmern sich nicht um Grenzen.“ Markus Jeschaunig lässt für diese Ausstellung fossilen Quarzsand zu Glas schmelzen. Und erinnert daran, dass vor 23 Millionen Jahren dieser Sand die „Skelette“ des Meeresplanktons (in unseren Breiten) war. Ulrike Königshofer holt das Geräusch des Windes in die Ausstellung und stellt dem Sonnenuntergang in Wien den Sonnenaufgang in Los Angeles gegenüber, ein sehr poetisches Statement in einer Zeit der permanenten Gleichzeitigkeit! Max Frey lässt in einem fantastischen Farbenspiel im Cubus das Bild nur als drehendes gelten. Und Alfred Lenz, der sich schon lange mit dem Regenbogen beschäftigt – in Graz St. Andrä läuft ja von ihm seit Jahren ein Monitor neben dem Presbyterium, der die „Hitze des Sakralen“ dort misst –, hilft dem Romantik-Maler Caspar David Friedrich schließlich mit einem Pinsel aus. Es sind also irgendwie „Welterkundungsmaschinen“, die zu sehen sind. Aber auch Reisen in eine andere Zeit – nicht nur um Jahrmillionen zurück, sondern ebenso auch nach vorne. Notieren Sie sich nicht nur den Termin, nehmen Sie sich Zeit. Auch für Schulklassen: Eine besondere Empfehlung! 

Doch nun der Reihe nach: Den Anfang in diesem KULTUM-Herbst machen die ganz jungen Autorinnen und Autoren in der Schreibwerkstatt vom 2. bis 5. September, veranstaltet von der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz um Martin Ohrt. Junge Menschen ab 8 Jahren lassen sich von unserem schönen Ambiente inspirieren; am Ende gibt es dann auch eine große Abschlusslesung – für viele JungautorInnen natürlich das erste Lesedebut! 

Aleš Šteger, einer der bekanntesten Dichter Sloweniens, und die junge österreichische Lyrikerin Kirstin Schwab werden am 10. September in der Reihe „Literatur. Ost><West“ lesen, lakonisch und mit Witz erste und letzte Dinge in den Blick nehmen. Jure Tori wird musikalisch intervenieren.

Am 17. September werden die LICHTUNGEN mit einem Griechenland-Schwerpunkt präsentiert: Michaela Prinzinger wird über die griechische Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum sprechen, Elena Pallantza aus ihrem in den Lichtungen veröffentlichten Briefwechsel lesen und Daniel Doujenis Lyrik von Katerina Iliopoulou und Kyoko Kishida vortragen. Am 25. September lassen Austrofred, Irene Diwiak und Wolfgang Pollanz die Pop- und Rockmusik hochleben: „Noch mehr Lärm!“ Das Marinski Trio verwebt feines Songwriting mit experimentellen Geigenklängen, schrägen Gitarren und herzpulsartiger Percussion. 

Am 4. Oktober stellen sich in der Reihe „Slammer.Dichter.Weiter“, die im Jänner so fulminant gestartet hat, die in Graz lebende Spoken Word Artistin Anna-Lena Obermoser und der Wiener Regeltextmeister Simon Tomaz dem Publikum. Lassen Sie sich diesen Wortvulkanausbruch nicht entgehen!

„Literatur. Ost><West“ lässt mit Dubravka Đuric und Eli Krasniqi am 14. Oktober deren Erkenntnisse zur Gender-Theorie in den Mittelpunkt des eigenen literarischen Schreibens stellen: mit Themen, die die gesellschaftliche Praxis kritisch in den Blick nehmen und auf die Notwendigkeit von Veränderung aufmerksam machen. Zwei Tage später, am 16. Oktober, liest Drago Jancar aus seinem neuen Roman „Wenn die Liebe ruht“, wo er sich mit der Diktatur der Nazis in Slowenien auseinandersetzt. Immer wieder laufen die Fäden des genau recherchierten Textes in Graz, der „Stadt des Hasses“, zusammen. Ebenfalls mit dem Faschismus, aber in Spanien, setzt sich ein Schwerpunkt am 28. Oktober auseinander – der spanische Bürgerkrieg endete vor 80 Jahren mit dem Sieg der Faschisten. Eine Lesung von Erich Hackl, ein Gespräch mit Azucena Guggenberger und eine Einführung zu einer kleinen, dichten Ausstellung von Kurator Georg Pichler (Universität Alcalá, Spanien) zeichnen den dichten Abend aus. Was ja weniger bekannt ist: Zwischen 1936 und 1939 unterstützten 1.400 Freiwillige aus Österreich die spanische Republik gegen den Faschismus. 

Und schließlich, auch wenn sie das Winterprogramm noch bestreitet: Am 25. Oktober – 2 Tage vor ihrem 60. Geburtstag – laden wir zu einem Fest für Birgit. ITA EST VITA: Sie geht in Pension. Sie hat die Literaturschiene bei den Minoriten aufgebaut und unser Haus maßgeblich geprägt. Danke mit Unendlichkeitsschleife, Birgit! Wir werden dich zu feiern wissen.

Johannes Rauchenberger

 

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