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Aleš Šteger - Foto: Edith Cota

Transit. Aleš ŠTEGER + Kirstin SCHWAB + Jure TORI

LESUNG + Buchpräsentation: Aleš ŠTEGER + Kirstin SCHWAB
Musikalische Intervention: Jure TORI
Einführung + Moderation: Birgit PÖLZL
Eintritt pay as you wish

  • Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Internationalen Haus der Autorinnen und Autoren Graz, ISOP, unterstützt durch das Slowenische Kulturinstitut  SKICA , den Slowenischen Lesesaal Graz und die Kulturvermittlung Steiermark.

Aleš Šteger, einer der bekanntesten Dichter Sloweniens und die junge österreichische Lyrikerin Kirstin Schwab werden Gedichte lesen, die lakonisch und mit Witz erste und letzte Dinge in den Blick nehmen. Jure Tori wird musikalisch intervenieren.

Über dem Himmel unter der Erde. Aleš Šteger packt seine Gelehrtheit gerne in Koffer und begibt sich auf Reisen: Im Rahmen eines groß angelegten Schreibprojekts sucht er Orte in aller Welt auf, um sich dort in genau definierte Zeitspannen dem Schreiben zu widmen und auf die Umgebung zu reagieren. Mit griechischer Philosophie im Gepäck ist er jüngst nach Japan gereist, hat Augen, Ohren, Herz, Verstand aufgemacht, und Matsuo Basho für sein Schreiben entdeckt oder Zhuangzi, Selbst ohne Kyoto,/ohne Sehnsucht im Gepäck,/vermisse ich Basho. „Über dem Himmel unter der Erde“, der neuer Gedichtband, den Matthias Göritz fein übersetzt hat, ist dabei als dritter Band einer Trologie entstanden und in der Edition Lyrik Kabinett bei Hanser erschienen.
Liebe ist/eine kleine Katze/die Wasser trinkt/aus einer Schale mit/Sprung – konzentriert sind die Gedichte, immer wieder von der Form des Haikus inspiriert, jener japanischen Gedichtform, die aus drei Wortgruppen von 5 – 7 – 5 Lauteinheiten bestehend als kürzeste Gedichtform der Welt gilt. Waren die ersten beiden Bände der Trilogie, Das Buch der Dinge und Das Buch der Körper, von einer staunenden Haltung den Dingen, dem Leben, der Sprache gegenüber geprägt, ist Über dem Himmel unter der Erde eine Art Weisheitsbuch geworden, das sich mit dem Schweigen als Existenzform, dem Raumlassen für das Andere und mit Fragen der Erkenntnis auseinandersetzt.

Ellipse und Oxymoron. Die Gedichte in „Über dem Himmel unter der Erde“ verschränken Dinge paradox, verlassen gesichertes Terrain, lassen abgestecktes Wissen, akklamierte Übereinkünfte hinter sich, holen Stille, Augenblicke des Verharrens in ihren Rhythmus und denken die andere Seite des Lebens: das Nichtsein und den Tod mit. Das Leben wie die Beschreibung des Lebens in seiner Brüchigkeit, seiner Absurdität und seinen heiligen Momenten wird als Spiel, als Konstellierung von Ellipse und Oxymoron beschrieben. Ellipse und Oxymoron sind von der griechischen Antike entwickelte rhetorische Figuren, die Satzverkürzung und die Formulierung einander widersprechender Begriffe bezeichnen, und ja, auch in japanischen Gedichtformen wird verkürzt, extrem verkürzt, und paradox gedacht – eleganter kann der Bogen von westlicher zu östlicher Philosophie und Literatur kaum geschlagen werden. 

Suche nach Erkenntnis. Aleš Šteger ist ein erfahrener Dichter, der weiß, dass (Selbst-) Ironie ins poetische Spiel gehört, gerade dann, wenn es um letzte Dinge geht, plätscherndes Versprechen, dass wir alle einmal zurückkehren werden/Ins Fruchtwasser, und sei’s auch chloriert. Und Aleš Šteger lässt nicht locker in seiner Suche nach Erkenntnis, er treibt sein lyrisches Ich aus Platons Höhle an die Sonne und in die Höhle zurück, schafft der Sprache Raum, sich Seele oder etwas wie Seele zu denken und dabei zu scheitern, weil es in diesem Kontext nur Scheitern gibt, weil Scheitern in diesem Kontext Gelingen ist, Süße, nennt es Aleš Šteger lyrisches Ich: Nichts ist süßer/Als ein vorbeiziehendes/Reh zu sein,/Das diesen Ort beleckt/mit blutender Zunge. Auch das eigene Schreiben wird im Spannungsfeld von Sehen und Wissen bedacht und als Suchbewegung ins Ungewisse beschrieben, Blinder Teiresias, der seine Finger tränkt/In Letternschwärze. Risse tastet. Spuren folgt.

 


Atemraub. Kirstin Schwab arbeitet als Schauspielerin, solo und im aktionstheater ensemble, Kirstin Schwab schreibt, zeichnet, lehrt – und alles auf erstaunlichem Niveau. Bislang hat sie mit dramatischen Texten wie dem 2017 uraufgeführten Solostück Kirstin Schwab sitzt auf dem Sarg und feiert Geburtstag auf sich aufmerksam gemacht, mit Atemraub ist ihr erster Lyrikband in der Reihe keiper lyrik erschienen. 
Kirstin Schwabs Gedichte sind ähnlich konzentriert wie jene von Aleš Šteger, wie er reflektiert sie das eigenen Schreiben, denkt über die Tragfähigkeit von Sprache nach, setzt sich mit den letzten Dingen auseinander, doch das lyrische Ich, das sie einführt, bleibt näher an der Alltags-Erfahrung, die es verdichtet und in präzisen Sprachbildern beschreibt. Vor die Wahl zwischen Mutterwitz und Abstraktion gestellt, entscheidet sich ihr lyrisches Ich für Mutterwitz, der Wörter, hochwirft, fängt, in Spannung setzt mit Assoziationen, die störrisch auseinanderstreben. 

Der Augenblick. Das Jetzt, in das Vergangenheit und Zukunft eingeschlagen sind, ist das Fundament von Kirstin Schwabs Unmittelbarkeit, das Jetzt evoziert den einen Gedanken, der mehr weiß als man selbst, the original thought – aus dem Nichts/dem Selbst/dem Allem//allem/darunter davor danach//aber nur jetzt/ist er hier/und spielt/mit mir –, das Jetzt löst Verstummen, Verstillen und die Erfahrung des nicht Sagbaren aus. Schon der Titel Atemraub deutet Körper-Erfahrungen in Zusammenhang mit dem Jetzt als verdichteten Augenblick an, der Atem stockt, setzt aus, wird anhalten, geraubt. Im Tod wird der Atem endültig gekappt, was Angst macht und eine Verknappung anstößt, die an Štegersche Ellipsen erinnert, Angst/vor dem Tag/an dem der Teller/für immer/leer bleibt/vom Zeitfleisch.

 

Eigen-Sinn. Die Liebesgedichte, die im Kapitel Liebesdichte versammelt sind, beschreiben Begehren, glückliche und weniger glückliche Erfahrungen, Liebe eben, und beziehen ihren Reiz aus einer Verschränkung von Leichthändigkeit und Eigen-Sinn. Es sind einschneidende und alltägliche Ereignisse, Träume, Übergriffe, Missstände, die Kirstin Schwab literarisch bedenkt, mal beherzt und keck, mal vorsichtig und skeptisch den Möglichkeiten des Sagens gegenüber. Wenn sie Ansprüche ans eigene Schreiben formuliert, findet sie (selbst)ironische Bilder für die Notwendigkeit von Reduktion und Pathosverzicht, der Dichter muss immer etwas/wegknabbern/die Blähhaut eines Gedichts aufstechen, oder: du hast es nur/hineingedacht/die Schale voll/geredet/leg den Körper/zum Wort. Der sinnlich-emanzipatorische Anspruch, der alle Gedichte grundiert, verdichtet im Kapitel ich lebe im wilden Eigenstand, das selbstironisch Konventionen zerpflückt und das, was gemeinhin als Erfolg gilt, dekonstruiert.

Birgit Pölzl

 




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