Ausstellung: SPIRO.SPERO. Hoffnung als Provokation, steirischer herbst 2017, 24. Sept. 18. Nov.2017
Kurator: J. Rauchenberger

Michael Endlicher, SPERO, 2017

SPIRO. SPERO

Hoffnung als Provokation. Mit Michael Endlicher (AT), Jochen Höller (AT), Michael Kos (AT), RESANITA (AT), Tom Schmelzer (DE)

 

„Spiro. Spero.“ Ein Zauberspruch? Eine Behauptung? Eine Zumutung?
Ein uralter Satz. „Dum spiro, spero.“ „So lange ich atme, hoffe ich“ (Cicero).
Das ist existenziell, betrifft uns, jede und jeden – nicht erst, wenn die Gesundheit bedroht ist. Das ist zweitens auch sozial – so wie es jetzt ist, kann es doch nicht bleiben. Oder soll es so bleiben, für uns jedenfalls, möglichst ohne die anderen? Wir fühlen den Zynismus unserer gesellschaftlichen Fundamente hierzulande, wir bewegen uns auf gefährlichem Terrain. Und schließlich drittens, bereits am Eingang zu dieser Ausstellung unverkennbar, weist es zu den Reichen von Mythos und Religion. Auch dabei: Hoffnung. Eingesperrt in der Box der Pandora oder eine Sehnsucht am Ende der Leiter, ganz oben? Der Horizont der Hoffnung ist heute eng geworden. Können Bilder, kann Literatur diesen weiten? Sechs KünstlerInnen setzen im öffentlichen, im sakralen und im musealen Raum Statements.

 

kultum [galerie], QL-Galerie und Leechkirche
Mit Michael Endlicher (AT), Jochen Höller (AT), Michael Kos (AT), RESANITA (AT), Tom Schmelzer (DE)

Kuratiert von Johannes Rauchenberger (KULTUM) und Alois Kölbl (QL-Galerie und Leechkirche)

  • Michael Endlicher, SPERO, 2017, Acryldruck auf Plexiglas, 120x160 cm, Courtesy der Künstler

Hoffnung ist eine Provokation, zeitdiagnostisch, politisch, existenziell. Wörtlich verstanden oder eben im Sinne purer künstlerischer Produktion. Die Ausstellungsbilder greifen in alle eben genannte Bereiche ein. Die Semantik, das Programm – die Hoffnung in Atem-Zeiten ist allerdings nicht mehr zu entziffern, im Sinne der Vernunft ja auch nicht allein zu erfassen – der Schriftkünstler Michael Endlicher hat die Buchstaben von SPER0 zu einem signifikanten Ornament, skulptural als Schriftzug ausgeschnitten, überblendet. Dieser Schriftzug hat zwei Begleiter, im selben Verfahren: Wenn schon so groß in der Behauptung, dann sollte die Bestätigung auch gegendert sein:  AMEN! AWOMEN! Auch wenn man sich nicht sicher ist im Gemix aus Credos, das einen so umgibt: Es kann ja, um die Gattung zu fixieren, noch mit dem christlichen Credo beginnen, aber dann auch abgleiten in den Glauben an die Mutter Erde, die heilige Familie, an Buddha, an Engel, die Wurmlöcher, die göttliche Kreativität, die Tierseele und die (verzweifelte) Erkenntnis, dass es ohne den Glauben nicht geht: „Ich glaube ohne Glauben geht es nicht ich will glauben ich muss glauben ich werde glauben so lange ich atme dann werden wir glaub ich weitersehen.“

 

Dennoch: Die Bilder, die einmal von Hoffnung erzählten, sind abrufbar, auch wenn nicht (mehr) alle von ihnen „begehbar“, geschweige denn erfahrbar sind. Aber auch da: die Hoffnung bleibt. JOCHEN HÖLLER setzt sie als Wolke in den Aufgang, unter die man seinen Kopf stecken muss. Die Fragen bleiben jedenfalls – das markiert die Skulptur am Beginn der Ausstellung in unmittelbarer Sichtweite zur Wolke. Oder gibt es sogar fragenlose Bücher? In der QL-Galerie zeigt Höller ein ganzes Orakel und mit ihm das uralte Bild der Zukunftsschau. 28 im Kreis angeordnete Science-Fiction Bücher am Rand verbinden sich mit in Streifen geschnittenen Texten zu einer ins Zentrum laufenden Spirale. Die Mitte verdichtet eine blaue Glaskugel zu einem mythischen Auge, das die Schriftbahnen bündelt und gleichzeitig die BetrachterInnen spiegelt. Inszeniert von Niccolo Machiavellis Diktum „Um vorauszusehen, was sein wird, muss man betrachten, was gewesen ist“ hält er den aus Angst und Unübersichtlichkeit erwachsenden Irrationalismen gegenwärtiger Zukunftsmodelle den Spiegel vor.

Und die gotische Leechkirche besetzt Höller mit einem großen skulpturalen Fragezeichen. Vor der Kirche ist ein Schriftzug auf einem Holzgerüst des steirischen Künstlerduos RESANITA angebracht: PARADISE, so schillernd und surreal wie die zum Superevent gewordenen Osterfeuer auf dem Lande, wo die Trash-Ästhetik immer fröhlichere Urständ feiert.

 

 

 

Ein Bild, das einmal von Hoffnung erzählte, ist auch die Leiter zum Himmel, zum gleißenden Licht: Im Minoriten-Innenhof befindet sich eine über zwei Geschoße hängende schwarze Leiter des Bildhauers und Installationskünstlers MICHAEL KOS, die das helle Licht an ihrem oberen Ende verspricht. Kleine Tagträume tituliert Ernst Bloch das erste Kapitel seines „Prinzip Hoffnung“. Wir jedenfalls können diese Leiter nicht beschreiten – höchstens die Vögel, eine Katze vielleicht. Die Sprossen wären zu elastisch. Denn sie sind aus schwarzem Gummi. Mit diesem Material arbeitet Kos auch in anderen Werken dieser Ausstellung: BLACK LOVE, BLACK FAITH, BLACK HOPE, das Dreigestirn der christlichen Tugenden („Trinity“), erscheint in seinem Nagelambiente ebenso von einer sehr dunkler Art eines Himmelskörpers, eines schwarzen Lochs sogar?

 

 

Metaphysisch war sie immer auch, die Hoffnung. Ja, sie war dann der Rest, als das Drama der Menschwerdung im Mythos erzählt wurde – Menschwerdung im Sinne des Selbständig-Werdens: Als Prometheus den Menschen das Feuer brachte, wurde er, wie sollte es anders sein, von den Göttern bestraft. Aber das reichte nicht: Alle Menschen sollten die Strafe des Feuerstehlens vorgeführt bekommen. Seinem Bruder Epimetheus wurde die zu dieser Strafaktion der Götter eigens erschaffene schöne Pandora vorgeführt – dieser musste sich in sie verlieben. Nach der Hochzeit wurde die Büchse, das Geschenk der Hera an die Menschen, geöffnet, obwohl es nicht hätte sein dürfen: Alle Übel und Untugenden auf dieser Welt entwichen und waren nicht mehr einzufangen. Das Einzige, was positiv in der Büchse war, war die Hoffnung. Doch zu spät – oder zu früh – hatte Epimetheus sie wieder verschlossen: Alles Üble war schon da, allein die Hoffnung blieb in der Büchse. Kos‘ Auseinandersetzung mit diesem Rest an Hoffnung wird im Cubus zu erleben sein.

Nietzsche meinte, die Hoffnung sei die wirkliche Strafe der Götter, denn sie sei in Wahrheit das Übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen auch noch verlängere – allein sie sei der Grund, warum der Mensch das Leben nicht wegwerfen würde.

Ganz im Gegenteil, würde dazu MICHAEL ENDLICHER sagen: Sein Körperscanner LEIBHAFTIG PLURIFTAKT spuckt alle möglichen „Diagnosen“ aus – BUTHOPHOTTER, GENOPLASTER zum Beispiel – während sein nackter Körper auf einem Leintuch liegend, ganz so wie diese Haltung aus dem Grabtuch von Turin bekannt ist, im Sinne digitaler Einstampfung am Ende ganz verschwindet. Am Ende dieser Scanreise sieht man ja noch, wie er spricht, ehe auch dieser Kopf im Nichts verschmilzt, doch man hat ihn nicht gehört – vielleicht waren es nur Worte des Widerstands?

Im anderen Video hört man ihn aber sprechen: „Ich bin gesund. Ich bin total gesund. Ich bin so gesund, dass es andere krank macht. Gesundheit ist eine Frage des Willens. Ich bin um Lichtjahre gesünder als der Mensch von der Straße. Meine Werte sind durch die Blutbank exzellent. Ich überprüfe sie vier Mal im Jahr. Durchuntersuchen, statt Kreuzfahrt buchen! Ich halte mich immer zurück. Ich trinke nicht. Ich rauche nicht. Ich esse kein Fleisch. Süßes kann mich nicht verführen. Ich esse Grundnahrungsmittel vom Bauern meines Vertrauens. Ich esse selbst Gezogenes oder ich esse – nichts. Ich bin gesund. Ich bin total gesund. Ich bin so gesund, dass es andere krank macht.“ Der so Daliegende sucht den Mittelwert in allen Dingen – und kommt dann zur Erkenntnis: „Das Mittelmaß ist das Maß aller Dinge: Gesundheit!“

Michael Endlicher hat eine ganze Serie von „Litaneien“ in Kunst umgesetzt, in Form von Leinwänden, in Form von Sprechperformances und Videos. „Ich bin Gerhard Richter. Ich bin …“ Suggestiv behauptet Endlicher den Identitätenwechsel mit Namen ganz großer Künstler. Am Ende ist es eine ganze Wolke, an die man sich nicht mehr erinnert. Kombiniert ist dieses Video mit einer Serie von Selbstportraits aus dem Leben des Künstlers, vom Kind bis zum reifen Mann.

Michael Endlicher spielt oft mit Identitäten und Identitätsbildungen, mit Wunschprojektionen, die er – als Künstlerexistenz – stellvertretend für seine Betrachterinnen und Betrachter vollzieht: „Ich halte mich immer zurück.“ „Ich lasse mich nicht von Bildern einschüchtern.“ „Ich mache mir nichts vor.“ „Ich bin kein Mitläufer.“ „Ich bin ein Vorbild.“ Eine Art von Autosuggestion auf dem Körperscanner und der Leinenauflage, die zwar das berühmte Grabtuch ist, die dann aber doch daran erinnert – nur entschwindet dieser Mensch in seinen Selbstbehauptungen, die unter der Perspektive von Hoffnung laufen, ehe des Künstlers Körper auch endgültig digital verschwindet.

 

Vom Verschwinden handeln auch die vieldeutigen Objekte von TOM SCHMELZER Hoffnung, das ist ja eigentlich eine Erwartung, mit der die Zukunft bewältigbar ist – doch in Schmelzers „prospektivem historischen Monument“ unter der Pyramide mit dem Dreieck und dem Auge Gottes, (dem Dollarauge oder dem Freimauersymbol) sind vier Insekten aufeinandergestapelt, eine Erinnerung an die „Bremer Stadtmusikanten“, wenn es die Species Mensch nicht mehr gegeben haben wird, während die Insekten uns Menschen überdauert haben werden, und zwar in Millionen von Jahren. Wer also sind die Giganten, auf deren Schultern sie (oder wir) saßen oder sitzen? (if i have seen further, it is by standing on the shoulders of giants). Kein wirklich aussichtsreicher Ausblick also auf die Zukunft in der Version des Münchner Künstlers, der ausgebildeter Mediziner ist, vielmehr auch ein Blick auf die Liste der Ausgestorbenen (extinct), zu denen wir uns einst zählen werden.

 

Vanitas, das Zelebrieren der Endlichkeit, hat es Schmelzer in ihrer im Barock einstmals so inszenierten Sinnlichkeit besonders angetan. Auch die Kritik an einer Scheinkultur, ein Sich-Aufblasen von Identität durch Luxus, Macht, Borniertheit und Idylle. Denn die zweite Bestätigung von Endlichers eingangs erwähntem Buchstabenmuster „SPERO“ ist der Tanz von zwei oder drei Würmern auf einer Snare-Drum ("Fame"). Die Würmer tanzen, weil sie Nahrung durch Zersetzen erwarten. Oder anders: Was unser Ende sein wird, ist ihre Hoffnung. Schmelzers gefinkelt gebaute Maschinen und mit einem Übermaß an Perfektion herausstechende Skulpturen kreisen latent um diese eine Thema Endlichkeit. Selbst im Kostbarsten, wie Gold und Perlmutter, ist Endlichkeit und Schein eingeschrieben. Die Trommel, die mit Perlen voll gefüllt ist, hat in ihrem Zentrum einen Schleifstein. Langsam aber sicher werden sich so die harten und schönen Perlen zu Perl-Staub verwandeln, es ist eben dieser Tanz der Endlichkeit: La danse or controlled flight into terrain. Das anders, beim Menschen und nicht bei den Perlen, eben als „Memento homine, quia pulvis es et in pulverem reverteris“ bekannt war. Also als Erinnerung, dass man eigentlich Staub ist und wieder solcher oder eben Asche werden wird. Auch der kostbare Verlobungsring, der in Amerika mindestens drei Monatsgehälter wert sein muss, am Finger des perfekt gemachten Frauenarms, ist hier als show off auch ein Vanitas-Symbol. Aber auch die Hinterfragung von Codes, die sich von diesem Land nach und nach auf die Welt ausgebreitet haben. Ein weiterer davon ist ja, dass man nur erfolgreich ist, wenn man mehr verdient als der Vater es tat, so will es eine der einfachen Regeln dieses Landes.

Und den „Schmetterlings-Hut“ des Designers Alexander McQueen, der 2008 in der Modebranche viel Aufsehen erregt hatte, verwandelte Schmelzer in einen Insekten-Hut, wobei seine Schmuckstücke am Kopf aber nicht die schönen Schmetterlinge, sondern Blatthorn- und Mistkäfer sind – oder edler formuliert: Scarabäus sacer. Also ein Scarabäus-Hut. 

Aber es ist nicht nur die High-Society-Gesellschaft, der Tom Schmelzer mit seinen Pretiosen den Kunstspiegel vorhält, wenn es um scheinbare Hoffnung, das ist bei ihm aber Endlichkeit, geht: Auch ein einfacher Schriftzug ist in Gefahr einen Buchstaben zu verlieren – und damit sehr viel. GOD (B)LESS AMERICA: Das „B“ liegt im Galerieraum am Boden. „Der Horizont der Hoffnung hat sich verengt“ – so haben wir mit Judith Butler dieses Literatur- und Kunstprojekt am Anfang eingeleitet. Die Übertreibung, zu der der derzeitige amerikanische Präsident bereits bei seiner Amtseinführung neigte – er schwor bekanntlich seinen Amtseid gleich auf zwei Bibeln – verwandelte sich zum täglich vorgeführten erschütternden Verlust, die dieser Schriftzug erschreckend aktuell erscheinen lässt.

I STAND FOR NOTHING, ein Schriftzug, der auf einem Klappstuhl montiert ist, ist so gesehen eine Paraphrase auf den Sitz, der ja nicht nur eine Sitzgelegenheit ist, sondern in unserer Kultur auch eine Bezeichnung für das Amt – der Amtssitz, der Regierungssitz und so weiter. Die Herrschenden „sitzen“, wie auch immer sie heißen. Bei Tom Schmelzer sind sie mit sehr leicht handhabbaren und verstaubaren Sitzen verbunden – ihre Botschaft ist, buchstäblich für nichts zu stehen.

Tom Schmelzer lässt nicht nach, wenn er seinen Zeit- und Gesellschaftsblick in Form von Kunst gießt, die objekthaft ein Teil unseres Alltags ist: Wir leben, gerade die Wohlhabenden, vor allem geistig prekär. Oder anders gesagt, im Status eines Biedermeier for advanced users:  „Die Zukunft“, sagt Schmelzer, „gehört jenen, die sie sich nehmen“. So kann man den Zugriff auch formulieren – und dabei jene Idylle meinen, die in Wirklichkeit den Rückzug in das ewig Gestrige bedeutet. Aber was ist die Alternative?

Einen anderen Lebensstil als jenen des Biedermeier zu pflegen auf alle Fälle, auch auf die Gefahr hin, dass der so gewählte Lebensstil gerade ausverkauft ist – The lifestyle you ordered is currently out of stock. Dass das Böse aufgehen wird, und nicht die Sonne, ist die Bedrohung, die das Stechspiel von Nadel und entweichendem Luftballon ankündigen – maybe next time. or when the time is ripe evil will rise. Aber so lange die Nadel nicht trifft, atmen wir weiter.
Und zitieren im einstigen Gymnasialwissen nicht Harry Potter, sondern Cicero: Dum spiro, spero – solange ich atme, hoffe ich.

Johannes Rauchenberger

 
 

 

 

 

 

 




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