SPIRO. SPERO

Herzlich willkommen zu unserem Herbstprogramm! 50 Jahre steirischer herbst – das wird ein spannendes Festival des Rückblicks, auf das wir uns alle freuen. Was da nur alles passiert ist! Wie sich unsere Stadt einst in der „Avantgarde“ versuchte. Ach, wir. Aus heutiger Sicht, in Zeiten der Echokammern, der Gleichzeitigkeit, und des „synchronistischen Bewusstseins“ (wie Thomas Macho in einem Essay dieser Programmzeitung das Empfinden nennt, wenn wir, während wir unser Essen verzehren, gleichzeitig von Sturzfluten, Trump-Geschichten und zum Schließen beabsichtigten Mittelmeerflüchtlingsrouten unterrichtet werden), ist das etwas verschoben. Da bleibt offenbar kein Raum für Imperative des Gedenkens oder des Widerstands wie noch vor Jahrzehnten. Und von einer messianischen Hoffnung, wie sie Walter Benjamin einst mit dem „Engel der Geschichte“ beschrieb? Weit entfernt. Überall nur mehr die Flucht in die Echokammern der totalen Selbstbespiegelung durch Followers und Likes? Wie weitblickend, um es an dieser Stelle von einer kleinen Partnerinstitution aus einmal zu sagen, waren da Leitmotive des herbsts in der Intendanz  von Veronica Kaup-Hasler, die hoffentlich noch von vielen bedankt werden wird. Das „Wir schaffen das“, das von Politikern Stück für Stück besudelt wurde, bis es die öffentliche Meinung nicht mehr glaubte und nun (von unseren höchsten Volksvertretern!) als „Flüchtlingstourismus“ abgetan wird. Die „Parallelwelten“, die erst Jahre später öffentliche Aufmerksamkeit erhielten. Der „Arabische Frühling“, der sich am Ende als ganz gescheitert erwies, aber dennoch in den herbst einfloss.  Nur drei von zehn. Danke für dein Gespür, was weltweit im Fokus stand und worauf sich Kunst verpflichten konnte, Veronica!

50 Jahre steirischer herbst – da können im Gesamtüberblick ernsthaft also nur die mindestens 70-Jährigen mitreden, alle anderen sind irgendwann später in die Geschichte eingestiegen. Was den Vorteil hat, in Wirklichkeit niemand Hoheit über die Geschichte hat. Das ist gut. Oder…

Wir selbst blicken in diesem Jahr nicht zurück, sondern nach vorne: „Hoffnung als Provokation“ ist unser Beitrag für den Jubiläums-herbst – das sind Ausstellungen im KULTUM, der Leechkirche und der QL-Galerie und ein Literaturfestival im Minoritensaal, an deren Gelingen wir mit zahlreichen Partnerinstitutionen zusammenarbeiten. Gleichzeitig stecken wir gemeinsam mit dem Kunsthaus mitten drin in einem großen Ausstellungsprojekt anlässlich des 800-jährigen Diözesanjubiläums nächstes Jahr. „Glaube Liebe Hoffnung“ (ab 12. April) wird sozusagen mit diesem jetzigen herbst-Projekt kräftig vorbereitet – und stellt ein viel schillerndes Lebenszeichen zeitgenössischer Kunst zur großen Frage des Jubiläumsjahres „Glauben wir an unsere Zukunft?“ dar. Mit Michael Kos ist die Trias bereits jetzt in der Ausstellung zu sehen – nur eben schwarz. Schwarz ist auch die Gummileiter im Minoriten-Innenhof, die zu besteigen man scheitern wird. „Tagträumen“, der Titel der Leiter, hat einst Ernst Bloch in seinem „Prinzip Hoffnung“ das erste Kapitel genannt. Existenziell und selbstironisch sind die Zugänge zur Hoffnung von Michael Endlicher; eine Beschwörung der Endlichkeit inmitten einer Biedermeier-Luxus-Kultur jene von Tom Schmelzer; im wörtlichen Sinne (be-)fragend jene von Jochen Höller; die (steirische) Populärkultur hinterfragend jene von RESANITA: PARADISE? 

Internationale, höchst renommierte LiteratInnen, oft aus sehr prekären Ländern wie Syrien, der Türkei, Ukraine oder Russland, werden am 28. September in ihren Texten nach Wegen suchen, das widerständige Potenzial von Hoffnung zu aktivieren: Nehmen Sie sich an diesem Tag Zeit, Hamed Abboud, Ghayath Almadhoun, Radka Denemarková, Asli Erdogan, Alexander Ilitschewski, Jazra Khaleed, Fiston Mwanza Mujila, Shumona Sinha, Serhij Zhadan zu hören! Besonders berührend: Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan, die zwar frei, aber ohne Pass ist, ist mit ihrem Text in Form eines Screenings auch in der Ausstellung vertreten. Sie hat ihren Text gelesen und als Videobotschaft gesendet.  Dazu gibt es dann auch Künstlergespräche, Kuratorenführungen – wie gewohnt, mit dem herbst (10. Oktober) oder in der Langen Nacht der Museen (7. Oktober) zu erleben.

Aber es gibt nicht nur den herbst im Herbst. Bereits vom 4.-7. September war jede Menge Schreibzeit für junge ErzählerInnen im KULTUM. Die „Werkstatt Prosa 2017“, ein Textlabor für junge AutorInnen, hat ihre öffentliche Abschlusslesung am 22. September. Junger österreichischer Gegenwartslyrik ist die 151. Ausgabe der „Lichtungen“ gewidmet. Andrea Stift-Laube stellt das Heft am 19. September vor, Wolfgang Polanz, Barbara Juch, Stefan Schmitzer, Christoph Szalay und Robert Prosser lesen und diskutieren. „SLAM OIDA“ hat gar nichts Anachronistisches, aber ist auch schon ganz schön historisch: Seit 15 Jahren wird in Österreich geslamt, seit 10 Jahren bei uns. Markus Köhle und Mieze Medusa waren von Anfang an dabei. Nun präsentieren sie am 18. Oktober 42 Slamtexte, die einen Einblick in die Vielseitigkeit und Lebendigkeit dieser Szene geben. Mario Tomic, Agnes Maier und Christoph Steiner werden zusätzlich zu erleben sein. Und der „reguläre“ KULTUM-Slam geht am 13. Oktober mit Fixstarterin Zoe Hagen über die Bühne.

Mit dem Ensemble airborne extended eröffnen – ebenfalls am 13. Oktober – vier Musikerinnen mit Cembalo, Blockflöten, Querflöten und Harfe den musikalischen Herbst im KULTUM: Werke von Mirela Ivicevic, Matthias Kranebitter, Alexander Kaiser, Elisabeth Harnik, Sylvie Lacroix und Fernando Riederer kommen zur Auf-, drei davon zur Uraufführung. Am 20. Oktober ermöglicht „die andere saite“ mit dem neu gegründeten Vocalensemble Cantando Admont einen Konzertabend, bei dem die Uraufführungen von Beat Furrer, Florian Geßler und Christian Klein auf Wiederaufführungen von Elisabeth Harnik und Younghi Pagh-Paan treffen und von der Missa Brevis des Komponisten der Spätrenaissance Giovanni Pierluigi da Palestrina umrahmt werden. Und am 25. Oktober schließlich rückt das Schallfeld-Ensemble mit „Jungle’s End“ in der Reihe prattica-E Werke von Yaïr Klartag,  Christof Ressi,  Miroslava Svolikova, Lorenzo Troiani und Ying Wang in den Fokus, die das Zusammenspiel aus instrumentalen und elektronischen Klängen zum Thema machen. Für unsere Jüngsten spielt am 24./25. Oktober das Figurentheater Theatergeist Berlin Helme Heines Kinderbuch „Das schönste Ei der Welt“! Wer sich in unsere Hoffnungsausstellung verliert – Schulklassen ab der 1. Schulstufe sind bei Teresa Schnider willkommen! Wir freuen uns auf Sie, herzlich Ihr

Johannes Rauchenberger

 

 

 


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