Rezension Peter B. Steiner

"... von dieser Sorge, diesem Rechtfertigungszwang: 'Ist das auch christlich?' spürt man bei KULTUM bemerkenswert erfreulich wenig."

"Von Rechtfertigungszwang erstaunlich frei."

Mit Staunen verfolgt ein Kollege (i.R.) seit Jahren, was in Graz alles möglich ist, wie weit der Blick aus dem Murtal reicht, nach Osten, nach Westen, nach  innen und nach oben. Aber das Grazer Becken liegt doch für viele hinter den Tauern, erreichbar nur über Pässe oder durch Tunnel. Darum kann der Rezensent kaum alles verfolgen, was im KULTUM, dem Kulturzentrum bei den Minoriten, geschieht. Umso mehr freut er sich über einen Brocken von 5 ¼ kg und 1121 Seiten in drei Bänden im Schuber: Johannes Rauchenberger, Gott hat kein Museum, no museum has god, Religion in der Kunst des beginnenden XXI.Jahrhunderts. Zwischen dem Namen des Autors  und dem Titel tanzen vier Giraffen, ein Zebra, drei Elefanten, ein Tiger und ein Löwe (von Maaria Wirkkala modelliert) auf einem Drahtseil (fotografiert von Sakari Vika). Das verspricht vieles, vom sechsten Tag der Schöpfung, als Gott sah, dass es gut war, bis zum 21. Jahrhundert nach der Geburt seines Sohnes. Aber es geht eigentlich um 20 Jahre Ausstellungs- und Museumsarbeit von Johannes Rauchenberger, dem Kunsthistoriker und Theologen, der bei Alex Stock in Köln an der Bildtheologischen Arbeitsstelle der Universität gearbeitet hat, ehe er in seine Heimat zurückgekehrt ist, wo er seit 2000 das KULTUM leitet.

In seinem magistralen Überblick über das Feld von Kunst und Kirche(S 4-54) im deutschsprachigen Raum, zwischen Graz, Köln und Basel, verstellen die Alpen ein wenig den Blick nach München, auf die jahrzehntelange programmatische Arbeit der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst und auf die vom Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst seit 1998 geförderten Maßnahmen in München und Freising. Aber auch Johannes Rauchenberger kann schlecht Hauptakteur und objektiver Berichterstatter zugleich sein.

Die 3 Bände sind in 10 Kapitel, hier „Museumsräume“ genannt, gegliedert. Sie haben hintersinnige Titel:

01 Wahrheiten müssen robust sein
02 Glauben bedeutet keineswegs an etwas zu glauben
03 Die abstrakteste Liebe ist die Nächstenliebe
04 Widersprüche sind für den Glauben kein Hindernis
05 Fanatiker sind gleichgültig gegenüber ihrem Fanatismus
06 Sich mit dem Realen zu konfrontieren, macht noch nicht fähig es auszuhalten
07 Der Gedanke des Todes ist unannehmbar
08 Das Glück ist ohne Pardon
09 Die beharrliche Sinnsuche ist eine bedauerliche Disposition des Geistes
10 Das Nichts ist indiskutabel

Eine Nummerierung in römischen Ziffern von I bis X ordnet die Essays von Johannes Rauchenberger, die aus Vorträgen, Artikeln in Katalogen oder  Zeitschriften, vor allem „Kunst und Kirche“, hervorgegangen sind. Beim Versuch aus jedem Raum für diese Besprechung ein Werk hervorzuheben, scheitert der Rezensent schon im ersten Raum. Denn unter den „robusten Wahrheiten“ sind zwei Werke, die ihm gleichermaßen zu Herzen gehen: Die Videoarbeit „Threshold to the kingdom“ von Mark Wallinger (geb.1959) und die Installation von Eduard Winklhofer (geb. 1961). Wallinger zeigt eine automatische Schiebetür mit der Überschrift „International Arrivals“ bewacht von einem Uniformierten. Durch die Türe kommen zögernd, verunsichert oder schnell entschlossen Männer, Frauen, Alte, Kinder. Sie werden erwartet, umarmt, geküsst oder gehen ungeküsst allein schnell davon. „Kingdom“ heißt Königreich, in der ersten Bedeutung hier United kingdom of Great Britain, aber die Musik, die alle Bewegungen begleitet (das Miserere von Gregorio Allegri, „Herr, sei mir Sünder gnädig“) legt als zweite, eigentliche Bedeutung das Königreich des Himmels nahe. Wann wurde die Himmelspforte zuletzt gezeigt? Der Papst führt zwar die Schlüssel dazu in seinem Wappen, aber das Schloss und die Türe, die damit zu öffnen wäre, sind längst aus unserer Vorstellung verschwunden (obwohl sie zum Kern des Christenglaubens gehören). Eduard Winklhofer zeigt zwölf Stühle an einem Esstisch. Auf die Pfosten der Stuhllehnen hat er eine Betonplatte gewuchtet (1,2 t schwer). Sie berührt nicht den Tisch, wird von den leichten Flechtstühlen gehalten. Der Widerspruch ist unaufhebbar, im Anblick bannend und erinnernd an so viele Widersprüche.

Aus dem 2. Raum, der „Christliche Bildcodierungen: Narration, Figuration und Antlitz“ zusammenfasst, sei eine Fotografie, gedruckt auf Aluminium, 142x113 cm, von Julia Krahn (geb. 1978) erwähnt: „Ultima cena, 2012“. Wir sehen einen langen Tisch bildparallel aufgestellt, ein weißes Tischtuch, Mehl auf dem Tisch, Mehl am Boden mit Fußspuren darin, eine mehlbestäubte Taube. Die Künstlerin erzählt von der Reaktion ihrer Mutter: „da kommt jemand“. Ihre Schwester dagegen: „Siehst du, der ist selbst auch aus dem Bild rausgegangen. Der wollte auch nicht mehr mitmachen.“ Die Fotografie lässt beide Deutungen zu. Sie ist Denkmal einer AnAbwesenheit. Die Betonplatte und die Fotografie sind Antworten unserer Zeit auf eine lange christliche Bildgeschichte und eine noch längere Glaubensgeschichte.

Im 3. Raum hängt ein Regal mit 24 Wachsabgüssen von Händen, die in Gebärdensprache „LIEBE DEINEN NÄCHSTEN, SEHR“ buchstabieren. In das Wachs ist ein Docht eingezogen; sie können als Kerzen verbrannt werden. Zenita Komad (geb.1980) hat die Installation 2012 für die Ausstellung „I Love God“ geschaffen. Im 4. Raum erscheinen wieder Werke von Julia Krahn und Mark Wallinger, im fünften stehen „Preserving Jars“ (Einweckgläser), die plastische und gedruckte Andachtsbildchen von Christus und Maria enthalten. Der polnische Künstler Robert Rumas (geb. 1966) verschiebt die Bildwelt des Katholizismus in andere Kontexte, um „Bedeutungsebenen, die sich hinter dem Vorhang des Heiligen verbergen, sichtbar zu machen“ (S 533). Im 6. Raum hängt ein Menschenleib, lebensgroß, verformt und verzerrt an einem Haken. Das Werk von Berlinde de Buyckere (geb.1964) ist angeregt von alten Bildern der Kreuzigung Jesu und erinnert zugleich an Kriegsreportagen von heute. „The horror does not stop“ (S. 647). Im 7. Raum frägt eine große Papierarbeit von Petra Sterry (geb. 1967): WIE LANGE DAUERT DAS EWIGE LEBEN Zwischen DAUERT und DAS erscheint ein Totenkopf auf schwarzem Leib, als Sprecher, als Fragesteller. Im 8. Raum zeigt Jitka Teubalova, eine junge Tschechin, die in Buenos Aires lebt, Fotografien von jungen Frauen, die meisten mit Kind, die als Madonnen posieren, in der Haltung, Beleuchtung, Inszenierung populärer Andachtsbilder. Sie werden aus ihrer eigenen Erfahrung als junge   Mutter befragt. Einer der ältesten Künstler in diesem Nichtmuseum ist Klaus G. Gaida (geb.1950). Von ihm sind in Raum 9 sieben große Leimfarbenbilder (180x140 cm) zu sehen, die ein Gemälde von Caroto von 1520 befragen: „Was ist ein Bild? Wie entsteht Sinn?“ ( S 854). Im letzten Raum mit dem Titel „Das Nichts ist indiskutabel“ zeigt Leo Zogmayer (geb. 1949) drei schwarze Hinterglasbilder mit einem leicht verrückten Satz von Ludwig Wittgenstein: DARÜBER KANN MAN / MAN MUSS NICHT / REDEN SCHWEIGEN WOVON

Kirchliche Kunsteinrichtungen müssen sich permanent rechtfertigen. „Ist das auch christlich?“ „Was hat das mit unserem Glauben zu tun?“ fragen Bischöfe, Generalvikare oder besorgte Laien bei jedem Event. In der Kunstvermittlung müssen deshalb binnenkirchlich deutlichere Worte gefunden werden, als die  Mehrdeutigkeit des Kunstwerks erlaubt. Der kirchliche Holzhammer ist kein Operationsbesteck für Kunst. Von dieser Sorge, diesem Rechtfertigungszwang spürt man bei KULTUM bemerkenswert, erfreulich wenig. Auf der anderen Seite muss die Öffentlichkeit, müssen die Medien die hier gezeigte Kunst als Kunst anerkennen. Dies ist gelungen und wird durch die monumentale Publikation „Gott hat kein Museum“ dokumentiert. Für die Öffnung zur zeitgenössischen Kunst war das Terrain in Graz durch die Arbeit der Neuen Galerie und an der Universität durch die Theologen Philipp Harnoncourt und Gerhard Larcher vorbereitet. 

Im „Nachwort zum Ort“ schildert Johannes Rauchenberger die bewegte Geschichte von KULTUM. Sie begann 1975 mit dem Auftrag von Bischof Johann Weber an den Kaplan, Maler, Journalisten, Filmemacher Josef Fink (1941-99), sich um Künstler zu kümmern. Sein Arbeitsplatz wurde im barocken Minoritenkloster angemietet, von daher der Name „bei den Minoriten“, der zur Marke profilierter Kulturarbeit auf den Feldern der bildenden Künste, der Literatur, der Musik, des Films und der Religion wurde. „Bei den Minoriten“ hieß es auch noch als die Ausstellungen im Jesuitenkolleg stattfanden, wo heute das Diözesanmuseum untergebracht ist. 2009 übernahm der Minoritenorden sein Gebäude wieder. Seither ist „bei den Minoriten“ wieder zur Miete in einem Teil der historischen Räume. Aus den Ausstellungen konnten immer wieder einzelne Werke erworben werden, die heute im KULTUMdepot eng zusammengesperrt, in der monumentalen Publikation an den Orten gezeigt werden, die sie einst beanspruchten, füllten, erleuchteten.

Die ganze Publikation, die ganze Kulturarbeit „bei den Minoriten“ kommt (von Anish Kapoor abgesehen) ohne Stars der internationalen Kunstszene, ohne Kunsthandelsgrößen aus. Jüngere Künstler(innen) aus Österreich, Tschechien, Polen, dem früheren Jugoslawien, Rumänien erhalten eine Chance und bewähren sich. Religion ist in der Kunst des beginnenden XXI. Jahrhunderts überraschend aktuell.

Peter B. Steiner

 

  • Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Peter B. Steiner, geb. 1942, war von 1979-2007 Direktor des Dom- und Diözesanmuseums Freising/München, das den weltweit größten Sammlungsbestand christlicher Kunst aufweisen kann. Er widmete sich auch zahlreichen Initiativen zu zeitgenössischer Kunst, u.a. mit der Ausstellungstrilogie zur Milleniumswende: Schöpfung, Himmelfahrt. Seit 2007 ist er Honorprofessor für Kunstgeschichte der TU München und freier Publlizist.


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