MAN KÜSSE SICH JETZT IM STEHEN

ALBANA SHALA + ANDREA GRILL + CHRISTOPH SZALAY

Die Lyrik muss sich in der Gegenwart ihre Existenz und ihr Geheimnis selbst erarbeiten. Die Art und Weise, wie Albana Shala, Andrea Grill und Christoph Szalay das tun, ist witzig und klug, ironisch, philosophisch und politisch engagiert. Es ist ein Blick auf die Welt, der immer wieder überrascht.

.. / als wären wir / engel // .. / die Flügel / gezückt (Szalay, flimmern), Albana Shala, Andrea Grill und Christoph Szalay nehmen die Welt auseinander und fügen sie neu zusammen, montieren die Versatzstücke so, dass Bekanntes verfremdet erscheint und Alltägliches spannend und frisch. Die Verfahren, die sie anwenden, der Geschmack, den sie erzeugen, ähneln einander punktuell, sind zugleich auch (wunderbar) divers. Andrea Grill etwa, die nicht nur als Autorin sondern auch als Biologin arbeitet, entwickelt Bilder und Metaphern immer wieder aus dem Bereich der Flora und Fauna, die durch Fügung, Schnitt und Kontextualisierung urbane, polyglotte Volten erhalten und zugleich sinnlich aufgeladen werden, verlasse mich auf deine Wörter / dieses Grau musst du angemalt haben / sagst du // mit einer Höflichkeit / wie ich sie sonst nur / von Bäumen kenne (Grill, Safari, innere Wildnis), Albana Shala verschneidet ironisch und mit Witz Privates mit Öffentlichem, Alltägliches mit Bedeutsamem (oder mit dem, was wir für bedeutsam halten) und hebelt dabei eingefahrene Denkmuster aus; Christoph Szalay generiert in seinen Gedichten atmosphärische Ambivalenzen, die aus Wahrnehmung und Erinnerung des lyrischen Ich gefügt sind und lässig auch in der poetischen Verdichtung bleiben, physische Grenzerfahrung beschreibend, Entfremdung im großstädtischen Raum, Beziehungsalltag und – zunehmend politisch und in dringlicherem Ton – Krieg und Repression. Schreiben ist immer auch ästhetisch strukturiertes Nachdenken, das zugleich kognitiv ist und über die Sinne läuft, ein Nachsinnen also ist, das stark vergegenwärtigende Qualität hat und auf den Leser überspringt, man könnte auch sagen, man wird sich seiner selbst in der präsentischen Qualität gerade dieser Texte intensiver bewusst. Im Gestus des Vergegenwärtigenden und Gewitzten ähneln die Gedichte Albana Shalas und Andrea Grills einander denn auch. Andrea Grill hat etliche Gedichte Albana Shalas aus dem Albanischen ins Deutsche übertragen. „Es war zu Beginn der 90er Jahre“, sagt Andrea Grill, „und ich hatte das Gefühl, etwas bewegen zu können, gemeinsam mit allen jungen Albanern, die sich nach der Diktatur ein besseres Leben wünschten – 17 war ja ein ideales Alter dafür (…) In Albanien machte ich auch meine ersten Bekanntschaften mit Schriftstellern. Leute, die ich heute übersetze, mit denen bin ich ‚aufgewachsen‘, wie z.B. Albana Shala“ (Online Kultur Magazin 14. Mai 2014). Albana Shala, ähnlich kosmopolitisch wie Andrea Grill, hat Albanien längst verlassen und lebt in den Niederlanden, wo sie als Autorin und Programmkoordinatorin für Free Press Unlimited in Amsterdam arbeitet. Immer wieder werden von Andrea Grill und Albana Shala Beziehungsformen und -qualitäten poetisch bedacht, zwischen dem lyrischen Ich und einem Geliebten etwa, sinnlich und in (für zeitgenössische Literatur) ungewöhnlich hellen Farben, deine Handgriffe nachahmend / Rezepte für Extasen; / Delikatessen aus Wildfang: / leere Hände voller Finger (S.62), zwischen dem lyrischen Ich und der Großmutter, von Albana Shala mit „Oma Korça“ überschrieben und von Andrea Grill mit „Resurrektion“ oder zum Vater in einem Gedicht Albana Shalas, das in seiner Lakonie berührt, hart gemacht hat das Blei des Stiftes seine Finger / die jetzt den Knoten der Schuhbänder lösen / Vorhang des vergangenen Tages // seine runzligen Lippen flüstern einander zu / „sogar diese Schuhe lassen Wasser durch“ („Überflutete Seelen“). Auch Christoph Szalay spielt in der Spannung von Du und Wir das Thema Beziehung immer wieder an, wenngleich viel zurückgenommener als Albana Shala und Andrea Grill, .. / als WIR vor dem regen davon / laufen / bin ICH aus zucker. Lyrik bildet nicht nur Beziehung ab, handelt und erzählt davon, Lyrik ist Beziehung, Laute nehmen aufeinander Bezug, Silben, Wörter, Zeilen, Strophen, das Gedruckte zum Weiß der Seite. Es ist diese formale Qualität von Beziehung, die Christoph Szalay in vielen0 seiner Texte untersucht, meist sind es kleine, fast unmerkliche Eingriffe wie einfache oder doppelt gesetzte Interpunktionszeichen und Klammern, die die gewohnten Beziehungen auf sprachlicher Ebene aufbrechen und neue Bezüge eröffnen. Auch springen die Gedichte von Christoph Szalay, Albana Shala und Andrea Grill über Grenzen, seien es nationale, ideologische oder sprachliche, switchen ins Englische, Französische, Italienische, rufen Orte in allen Erdteilen auf, an die Erinnerungen, Sehnsüchte und Kritik gebunden werden, Christoph Szalay etwa Ashbury Park, den er in einem buchfüllendenZyklus historisch und soziologisch erkundet oder Albana Shala, die auf den Kaukasus ein kritisches Gedicht schreibt, Im Kaukasus sieht man manchmal keine Berge, / sie sind in der Nacht gestohlen worden / und erheben sich nun im Nachbarland. Dann wieder werden bei Andrea Grill frei fliegende Assoziationsketten ausgefaltet, die in ihrer entgrenzenden Qualität zugleich lebenszugewandt und subversiv sind. Überhaupt zeichnet die Gedichte ein antiheroischer Zug, ein unpathetischer Zugang aus, bei Andrea Grill und Albana Shala blitzt und zwinkert das Leben in lakonischen Bildern und (scheinbar) leichthändig montierten Metaphern, in Christoph Szalays Gedichten werden Sehnsüchte nach Glücksempfindungen und Erfahrungen von Verlust, Vergänglichkeit und Schmerz in schlanken, minimalistischen Formen aufgerufen, lakonisch, ins frei Schwebende des Ausatmens laufend. Das Formbewusstsein, das Christoph Szalay, der in Berlin ein Postgraduate-Studium absolviert und Möglichkeiten des Performativen und Transdisziplinären untersucht, dabei an den Tag legt, ist beeindruckend. 

Birgit Pölzl


Eine Veranstaltung in Kooperation mit ISOP, dem Internationalen Haus der Autorinnen und Autoren Graz, unterstützt durch
die Kulturvermittlung Steiermark. Albana Shala ist Stipendiatin des Internationalen Hauses der Autorinnen und Autoren Graz.





Grüß Gott auf unserer Website! Wir verwenden Cookies, um die Bereitstellung unserer Inhalte und Services zu erleichtern. Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.Mehr Informationen

OK