Luther reicht nicht!

Künstlerische Impulse zur ständigen Reform. Kunsthalle Kaufbeuren. 4. Februar - 22. Mai 2016. Johannes Rauchenberger

Beteiligte KünstlerInnen: SIEGFRIED ANZINGER | NICOLE AHLAND | WALTER BAUSENWEIN | HERBERT FALKEN | DOROTHEE GOLZ | EDITE GRINBERGA | JÜRGEN HAFNER | BERTRAM HASENAUER | JOACHIM HAKE / THOMAS HENKE | ANNE HITZKER-LUBIN | LENA KNILLI | ZENITA KOMAD | JULIA KRAHN | THOMAS LANGE | SHIMON LEV | MICHAEL MORGNER | ADRIAN PACI | MIMMO PALADINO | HANNES PRIESCH | ARNULF RAINER | KEIKO SADAKANE | TOBIAS TRUTWIN | HOLGER WALTER | EDUARD WINKLHOFER | JÜRGEN WOLF | YONGBO ZHAO | 0512
kuratiert von JAN T. WILMS

  • Ausstellungsansicht: "Luther reicht nicht. Künstlerische Impulse zur ständigen Reform". Foto: Kunsthaus Kaufbeuren

Ursprünglich war es als „Wanderausstellung“ konzipiert – nach einer ersten Station im Kreuzgang des katholischen Würzburger Doms. Ökumenisch aufgesetzt war das Projekt „Luther reicht nicht!“ also von Anfang an. Doch Jan T. Wilms, der junge, engagierte Direktor der Kunsthalle Kaufbeuren, keineswegs im Dunstkreis von Kunst-und-Kirche-Ausstellungen beheimatet, war irgendwie unglücklich damit und machte daraus seine ganz eigene Schau mit viel kuratorischem Gespür: Erkenntnisleitendes Interesse waren die „künstlerischen Impulse zur ständigen Reform“. Einiges übernahm er aus Würzburg, viel Neues – wohl mehr als 70 % – setzte er hingegen aus verschiedenen Sammlungen (aus Berlin, Admont und Graz) hinzu. Zum Programmbild am Eingang der Ausstellung wurde der vom chinesischen Künstler Yongbo Zhao abgewandelte „Fenstersturz zu Prag 1618“ (1889) des tschechischen Malers Wenzel Brozik: Jenes zeigte den Sturm der protestantischen Stände auf die Prager Burg und den Rauswurf der königlichen, katholischen Statthalter aus dem Fenster. Dieser (zweite) Fenstersturz markiert den Beginn des 30-jährigen Krieges. Im aktuellen Bild (2008) ist der damals noch amtierende Benedikt XVI. zu sehen, der von den verschiedenen Kräften in seiner Amtshalle – alle tragen das Fratzengesicht des Künstlers – fast zerrissen wird.

 

  • Ausstellungbeginn mit Yongbo Zhao, Kelch der Päpste II, 2008, Öl auf Leinwand, Privatsammlung Berlin; Ausstellungsfoto: J. Rauchenberger

Noch widersteht der Papst den antagonistischen Kräften, aber nicht mehr lange. Des Papstes Privatsekretär Gänswein (damals ganz offensichtlich noch nicht Erzbischof) fällt gerade. Das Bild fügt sich ein in die zynische Zeit- und Gesellschaftskritik des bekannten Künstlers, der keineswegs ein Kirchenkritiker ist: Reform oder Untergang! Entstanden ist das Bild vor dem damals spektakulären Rücktritt Benedikts. Zhao, dessen primäre europäische Meister ganz offensichtlich Hieronymus Bosch und Francisco di Goya sind, hat in Peking wie in München gleichermaßen ein Atelier: „Bayern ist so schön“, sagt er und lacht. Doch in seiner die Historienmalerei aufnehmenden Bildkritik lässt er nichts und niemanden aus. Im zweiten Bild (2015) (im Hauptausstellungsraum auf der I. Etage) finden die religiösen, aber auch weltlichen Machthaber nur den ergötzenden Tanz unter den entblößten Hinterteilen von Flamingobeinen als gemeinsamen Nenner. Will heißen: die libidinöse Natur wird bleiben, sonst vergeht die Geschichte. So scharf aber ist (fast) nichts mehr in der Ausstellung. Einzig das Ölbild von Jürgen Wolf, das die dritte Ausstellungsetage eröffnet, zeigt einen an Land zurückgelassenen Schiffskutter, merklich verwittert und so dem langsamen Verfall ausgesetzt, nicht mehr befahrene Eisenschienen liegen vor ihm. Das ist nicht wirklich beruhigend, auch wenn er fast romantische Zeiten heraufbeschwört: Wolf ist nicht nur Maler, sondern auch studierter evangelischer Theologe, er jedenfalls empfindet seine Kirche „etwas blutarm“: Am Schiffskutter erkennt man bei genauem Hinsehen den Schriftzug „MS Luther“. Ist er ein Relikt der Geschichte, sind die damals fortschrittlichen Ansätze und Neuerungen des Reformators längst einge- bzw. überholt? Es wird zu keiner Ausfahrt mehr kommen: „MS Luther / Heiliger Bimbam / Sie / Haben Luther / Einer Diät / Unterworfen / Kein Fleisch / Nur Gerippe / MS wie / Meiner Seele / Kein Blähen / Kein Wind“.

  • Detail aus: Jürgen Wolf, MS Luther, 2015, Mischtechnik/Leinwand, Ausstellungsfoto: J. Rauchenberger

Am anderen Ende der Ausstellung war er noch zu sehen, der „Herr Martin“: Die Wiener Künstlerin Dorothee Golz versteht es meisterhaft, in ihrer mittlerweile ziemlich umfassenden Serie der „Übertragungen“ von Figuren Alter Meister in das Heute, die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie verschwimmen zu lassen. „Herr Martin“ (2015), mit Namenschild ausgezeichnet, ist sozusagen ein Kongressteilnehmer am kunsthistorischen Seminar im Museum oder auch einfach nur Museumswärter. Hat man die Zeitreise angetreten, wird man auch Lucas Cranach d. Ä. treffen: seines Zeichens der Portraitist des berühmten Reformators 1528, zudem Freund, Trauzeuge und Taufpate des ersten Kindes Luthers. Die Sinnlichkeit des Urelternpaares hinter dem Reformator (ein weiteres Bild Cranachs aus dem Jahre 1520) wandte der einstige Augustinermönch ja auch offiziell auf die eigene Lebensform an, und zwar in seiner neuen Kirche sanktioniert: Das offizielle Ende des Zölibats, die ermöglichte Priesterehe und folglich die Entstehung des protestantischen Pfarrhauses waren die Konsequenz, letzteres war aber in den folgenden Jahrhunderten auch eine Kulturleistung, die ihresgleichen sucht. Die intergenerative Kulturweitergabe, die dort geschah, hat auf der katholischen Seite keine Parallele, selbst in den Orden nicht – den immerhin nicht einholbaren Kulturträgern über viele Jahrhunderte. Doch auch das protestantische Pfarrhaus gibt es so nicht mehr. Wie also diesen geistigen Tanker weiterdenken?

  • Dorothee Golz, Herr Martin, 2015. Ausstellungsfoto: J. Rauchenberger


Vierter Versuch zur ständigen Reform, diesmal wiederum eher von der „Gegenseite“: Die Wiener Künstlerin Lena Knilli lebte über viele Jahre in Prag und war von den dort befindlichen Barockkirchen fasziniert. Sie sammelte Grundrisse und legte darüber Schneider-Schnittformen von meist intimer (Unter-)Wäsche. Ersichtlich wird, wie die Barockkirchen nicht einfach nur sinnlich, sondern schon in ihren Grundrissen deutlich biomorph angelegt sind. Was liegt näher, diese Sinnlichkeit des Biomorphen, gleichsam wie ein tragendes Gerippe, gerade mit dem eigenen Körper zu verbinden? Dieser ist gerade in seiner Verletzlichkeit der spezielle Ort eines spirituellen Raums. Die Sinnlichkeit der Kunst und der Architektur in den Kirchen ist das eine, die Sinnlichkeit des Körpers in den Religionen das andere: Sie schlossen sich, hart gesagt, ja auch lange aus. Vom Zudecken oder Missbrauch ganz zu schweigen. („Amoris laetitia“ ist in der katholischen Kirche bekanntlich eine relativ junge Entwicklung).

  • Lena Knillis "Kirchengrundriss und Becken" (2012), dahinter: Felizitas Hoppe in einem der "Portraits 1.13". Ausstellungsfoto: J. Rauchenberger


Woher aber nehmen nun die Kirchen ihren Impuls zur ständigen Reform? Die Formel war eigentlich immer: Back to the roots! Das machte Luther mit seiner Bibelübersetzung, das machte der Protestantismus mit seiner hohen kultivierten Schriftkunde in Exegese, täglicher Losung und Predigtkompetenz, ja das machte sogar der jüngere Katholizismus mit seiner jüngsten Liturgiereform. Und heute, in Zeiten all dieser Um- und Abbrüche in den herkömmlichen Formen? Was die protestantische „Losung“ war, ist heute das „Wort des Lebens“ für den Tag. Doch Bibelsprüche können auch ganz schön gefährlich sein. Die Bibelzitate der „Rumsfeld-Bible“ (festgehalten vom in NY lebenden Künstler Hannes Priesch) sind ein erschütterndes Dokument, den damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush für die tägliche Unterschriftenmappe seines Verteidigungsministers überhaupt erst zu interessieren. Bush war evangelikal. Und der religiöse Fundamentalismus feiert weltweit starke Zuwächse, nicht nur im Islam, auch im Christentum, besonders bei den Freikirchen. Wenn sich dieser noch mit Politik vermischt, sind wir nicht nur beim aktuellen Problem mit den Islamisten.

  • Hannes Priesch's "Rumsfeld-Bible" und "Revelation" - ein dokumentiertes Telefongespräch zwischen Präsident Georges Bush und Präsident Jaques Chirac vor dem 2. Irakkrieg.
     

George Bush hat in den frühen 2000er Jahren vorgeführt, wie ein christlicher Bibel-Fundamentalismus auch die hohe Weltpolitik vor sich her treiben kann: In einem weiteren Schriftbild von Hannes Priesch wird ein historisches Telefongespräch zwischen dem damaligen amerikanischen mit dem damaligen französischen Präsidenten vor Beginn des 2. Golfkriegs dokumentiert. „God’s Will“ wird auch von Bush für den heiligen Krieg beschworen. „Zurück zum Ursprung“ kann aber auch heißen, das Verblasste oder aber auch Außer-Gebrauch-Gestellte künstlerisch fokussiert zu sehen. Die zu leeren Ikonografien heruntergekommenen Madonnenfiguren, vom (aus der arte povera Szene stammenden) in Düsseldorf lebenden Künstler Eduard Winklhofer, verkehrt aufgestellt und ebenso festgezurrt mit Stacheldraht, sind der neue Uvor sich nterbau für einen Molotov-Cocktail. Sie bilden ein optisches Zentrum im Hauptausstellungssaal. Wie viel an Bild-, Energie-, aber auch Gewaltpotential steckt in den religiösen Figuren oder Hülsen? Im Judentum gibt es einen Ort, um eine Tora-Rolle, die nicht mehr verwendet wird, abzustellen: die Geniza. Diese Schriftrolle bleibt dort, nicht selten eingemauert, sie darf nicht entsorgt werden. Sie wird aufbewahrt. Ihre Energie ist da, noch immer: Der israelische Künstler Shimon Lev fotografierte und montierte zwei solcher Rollen. Die Arbeit steht im Zusammenhang mit seiner umfassenden Gedächtnisrecherche seiner eigenen Familie: Auch was ausgelöscht ist, ist da. So präsent dieses Abgelaufene ist, so gegenwärtig könnten die ZEUGEN sein, die durch eine derartige Nacht hindurchgegangen sind.

  • Tobias Trutwin: "ZEUGEN", Glastriptychon. Ausstellungsfoto: J. Rauchenberger

Das große Glastriptychon des Berliner Künstlers Tobias Trutwin, von einer scheinbar unerzählerischen Abstraktion getragen, ist eine derart reflexive Spiegelung. Dahinter steht eine intensive Auseinandersetzung mit einer Kreuzigung von Rogier van der Weyden, mit dem Bilderverbot, mit einer dem Bild zugetrauten Macht, Zeugen zu werden. Tod, Auslöschung, Schmerz und Verlust, Hoffnung auf Erlösung sind Zustände, die in der Religion ihren unverzichtbaren Ort haben müssen. Das wird vor allem an drei lebendigen Videoportraits in der Ausstellung sichtbar: drei der sechs „eschatologischen Portraits“ von Joachim Hake und Thomas Henke erzählen mit einer den Betrachter fesselnden Tiefe von Gnade und Rechtfertigung (mit Kulturphilosoph Thomas Macho), Freiheit des Glaubens (mit Schriftstellerin Felizitas Hoppe) und fast absurdem katholischen Bilddenken an der mehrmaligen Grenze zum Tod (mit Regisseur Thomas Hürlimann). „Zeugen“ heißt da, keine Maske anzulegen, sondern so von sich zu erzählen, dass man „unverhüllt“, „von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13,12) über diese letzten Dinge sprechen könnte. Dieser Offenbarungsvorgang, der immer auch etwas mit der Dialektik von Dunkelheit und Helligkeit zu tun hat, wird auch mit Bildern wie jenen von Bertram Hasenauer, Herbert Falken, Edite Grinberga, Jürgen Hafner oder Nicole Ahland vorbereitet. Oder als Farbexplosion wie bei Thomas Langes Auseinandersetzung mit Dürers Apokalypse enthüllt. Oder in der visuellen Umsetzung höchster persönlicher Not und Verzweiflung sichtbar. Anrührend: Der Grafikzyklus „Ich kann nicht mehr“ von  Michael Morgner, wo der Künstler den Tod seiner Ehefrau verarbeitet.

  • Adrian Pacis 15-teilige "Il Vangelo"-Serie (2002) aus dem KULTUMdepot. Ausstellungsfoto: J. Rauchenberger


Ständige Impulse zur künstlerischen Reform finden sich in dieser Ausstellung also durchwegs breit gestreut und rückgebunden in das jeweilige Heute. Zenita Komads Bild-Collagen fallen dabei als besonders zeitgenössisch auf. Man kann, bei aller notwendigen Kritik, dabei das Zentrum des Warums der jeweiligen Reform im Auge behalten. Wenn man es beispielsweise mit dem Charme Pier Paolo Pasolinis „Erstem Evangelium“ macht, so kann man sich der Figur Jesu auch heute nicht entziehen: Etwas von diesem Glanz festzuhalten ist dem albanisch-italienischen Künstler Adrian Paci in seiner 15-teiligen Serie „Il Vangelo“ (2002) gelungen. Auch seine „Studie für eine Kreuzigung“ (2012) ist ganz dieser Pasolini-Ästhetik geschuldet: eine ganz klassische (westliche) Kreuzigungsdarstellung im Atelier des Künstlers. Arnulf Rainers frühe Kreuzigung aus dem Jahre 1957 für die Grazer KHG-Kapelle erinnert an den Anfang einer ernsten Auseinandersetzung mit dem Kreuz am Beginn des langen Rainer-Weges. Mimmo Paladinos Kreuz ist ein weiterer Beleg dafür. Und Siegfried Anzingers beiden großartigen Bilder „Kreuzigung und Taufe“ und „Auferstehung II“ versetzen das christliche Kreuz-, Oster- und Taufgeheimnis auf eine Bildebene, der sich zu stellen niemand entziehen kann: Was davon ist Bild? Was davon ist echt? Und was davon ist Glaube? Eine gelungene, differenzierte Ausstellung.

 

 



Grüß Gott auf unserer Website! Wir verwenden Cookies, um die Bereitstellung unserer Inhalte und Services zu erleichtern. Mit der weiteren Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.Mehr Informationen

OK