In memoriam Alex Stock

Alex Stock, Begründer der „Bildtheologie“ und Autor der 11-bändigen „Poetischen Dogmatik“, ist am 17. Juli 2016 79-jährig gestorben. Wenige Wochen vorher erst hatte er seine bildtheologischen Sammlungen dem Kulturzentrum bei den Minoriten geschenkt. Sein immenses, gigantisches Werk ist erst an seinen Rändern rezipiert. Das hat Zeit: Denn die Halbwertszeit  seiner Schriften ist unverhältnismäßig lang. 

Ein Nachruf von Johannes Rauchenberger

 

  • Alex Stock bei seinem letzten Aufenthalt in Graz und der Ausstellungsführung bei "reliqte, reloaded. Zum Erbe christlicher Bildwelten heute" im Dezember 2015. Foto: Elias Rauchenberger

 

Theologie, die sich in der 2000-jährigen Geschichte des Christentums in Form von Gebeten, Liedern und Bildern manifestiert, hat der Kölner Bildtheologe Alex Stock (1937-2016) anschaulich dargestellt: Dabei ist er weder als Kunsthistoriker, Historiker oder Liturgiewissenschaftler aufgetreten, sondern als systematischer Theologe. Die Forschungsergebnisse der Fachwissenschaften hat er sich in peniblem, täglichem Studium erarbeitet. Dieses dezidierte Selbstverständnis eines Gegenwartstheologen, das ihm interdisziplinäre Allianzen freilich weitgehend versagte, findet man kaum ein zweites Mal.

Ausschluss und Weite
Mit hoher poetischer Kraft und einer Jahrzehnte langen täglichen Arbeitshaltung bis nur wenige Tage vor seinem Ableben, die wohl nur aus einem „jesuitischen Training“ (er hatte bei den Jesuiten in den 1960er Jahren in Innsbruck studiert) heraus erklärbar ist, hat er in diesem singulär zu nennenden Lebenswerk eine neue „Summa Theologiae“ vorgelegt. Diese besteht freilich nicht aus „Quaestionen“, sondern aus dem poetisch-liturgischen, kulturellen Schatz der christlichen Religion. Sie ist ökumenisch angelegt, wirbt auf vielen Seiten auch für das orthodoxe, mehr aber noch für das reformatorische Erbe, aber es hat das Nervensystem des Katholischen, aus dem der Theologe ursprünglich kommt und das ihn bis auf die letzte Faser seiner Existenz durchzogen  hat. Diese selbstverständliche Ökumene war auch seinem langjährigen Arbeitsplatz an der Kölner Universität geschuldet, dessen „Seminar für Theologie und ihre Didaktik“ das einzige im deutschsprachigen Raum war, das weder das Präfix „katholisch“ oder „evangelisch“ trug. Bis 1997. Dann wurde diese Singularität, vom damaligen Kölner Kardinal ganz wesentlich betrieben, wieder rückgängig gemacht. Stocks Forschung übersiedelte in den Raum des Evangelischen. Als typisches Opfer kirchlicher Repressionspolitik der späten 1970er Jahre für verheiratete Priester wollte man ihm die Lehrbefugnis entziehen, doch ließ er sich nicht entheben: Für Halbheiten war er nicht zu haben. Immer wieder kam der Satz, bis zu seinem Lebensende: „Ich kann nichts anderes.“ Mehr als 25 Jahre war er folglich im Vorlesungsverzeichnis der Kölner Universität mit einem Asteriskus versehen: „Von der katholischen Kirche nicht anerkannt“. Freilich war der rheinische Katholizismus nicht so streng  wie es die erzbischöfliche Kirchenpolitik war: Die Prüfungen des Sternchenprofessors wurden von seinen katholischen Kollegen dennoch abgezeichnet.

Einblick in den Kristall einer Religion
Dieser biografische Hintergrund macht vielleicht verständlich, warum die Energie dieses Mannes derart gigantisch war, eine Theologiegeschichte als Glaubenslehre zu schreiben, die diese Religion dieses alten Europas, ihren Reichtum und ihr Fehlverhalten, wie von außen und gleichzeitig tausendfach gespiegelt in einem Kristall betrachtete. Er war folglich nie mehr ein Teil des Systems, sondern widmete sich diesem Licht. Er liebte  diesen Glauben, seine Lieder und Gebete und seine Bilder, die – und auch das merkte Stock natürlich – mehr und mehr entschwanden. Er mutierte so, ohne dass er es freilich beabsichtigt hatte, irgendwie zu einem Grundsatzgutachter zur Aufnahme des Christentums in das religiös-kulturelle Menschheitserbe.
Mit der ihn treffenden kirchenrechtlichen Strafe war aber in den Niederungen eines Universitätslehrers auch etwas eröffnet, das sonst niemals möglich gewesen wäre: Ein Leben als purer Forscher. Die Welten, mit denen sich heutige Universitätslehrer mit dem Lehrprogramm, mit Drittmitteleinwerbungen und Evaluierungen etc. herumschlagen müssen, berührte diesen alten Forscher nicht.

Summa Theologiae im 21. Jahrhundert
Nur wer Stocks Werk auch gelesen hat, wird dem Vergleich mit der „Summa theologica“ nicht widersprechen können. Auffällig oft zitiert Alex Stock Thomas von Aquin. Und dessen Sprache war ihm mehr als Liebhaberei. Stock liebte das Latein bis auf die Faser. Er übersetzte die lateinischen Texte, Gebete, Hymnen und Lieder immer alle selbst. Hin und wieder, wie in „Lateinische Hymnen“ (Verlag der Weltreligionen), erreichte er auch ein viel weiteres Publikum als jene der Theologen, von denen er mehr und mehr zur Kenntnis nehmen musste, dass sie nicht mehr lesen. Nahezu hymnisch pries ihn in jenem Büchlein die FAZ. Dabei war jenes kleine Buch eigentlich nur ein kleines „Abfallprodukt“ eines viel größeren Projekts, das er vor 20 Jahren startete und das erst wenige Tage vor seinem Tod seine buchstäbliche Vollendung fand: Nicht wurde es durch den Tod abgebrochen, wie wohl dessen letzter Band vor allem auch über den Tod handelt: Sein Titel. „Zeit“.

Das Schmelzen zweier Pole
Alex Stock nannte dieses Projekt, das zum Lebenswerk werden sollte, 1995 „Poetische Dogmatik“. Es war angelegt als etwas wirklich Großes, etwas so Großes, wie es die Theologie in ihren dogmatischen Traktaten eben behauptet: Das Reden von Anfang und Ende, von Schöpfung und Weltgericht, von Gottes Orten, Namen und Bildern, von der Sendung und dem Erlösungswerk Jesu Christi, die mit der Realisierung dieses Glaubens in Raum und Zeit und über die Zeit hinaus eben Gestalt annimmt. Stock wusste damals nicht, was aus dieser Uridee, eine Geschichte des christlichen Glaubens mit Hilfe der kulturellen Artefakte zu schreiben, genau werden sollte. Es hatte, wie er mehrfach selbstbewusst schrieb, keinen „Ansatz“. Statt dessen war es die Evidenz einer carte d'identitè, der gefeierten Liturgie, der Orte für Gott in dieser Welt, der Zeiten, des Raums. Er schrieb es auch nicht herbei, sondern er erarbeitete es sich. Jahr für Jahr, Tag für Tag. Dabei unternahm er auf mehr als 4000 gedruckten Buchseiten einen Drahtseilakt zweier scheinbar sich ausschließender Pole in der Theologie: Dogmatik als den Begriff abgegrenzter und abgrenzender Glaubenssätze und Poesie als den Raum künstlerischer und poetischer Freiheit. Am Ende waren es dann vier Bände zur Christologie, drei zur Gotteslehre, und je zwei zur Schöpfungslehre und zur Ekklesiologie.

Gefasstes Glaubensuniversum
Mit einem  unvorstellbaren Fleiß erarbeitete sich Stock, der zu Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn bei Karl Rahner in Innsbruck über „die Einheit des Neuen Testaments“ promoviert hatte, das theoretische Rüstzeug, mit dem er Gipfel, Schluchten, Abgründe und unendlich weit sich öffnende Horizonte seiner Religion abschritt. Alles, was eben dieses Christentum kulturell ausmacht, kam dabei vor: Jesus, die Trinität und Gott, Maria, die Heiligen, Himmel und Erde, Menschen, Mächte, Räume und Gewalten. Im Finetuning konnte man dann am Leben Jesu, seinem Gesicht, seinem Namen und seinem „Beruf“ drehen, an Gottes Orte, Namen und Bilder, an der Theologie der Schöpfung, und wie sich die Christen ihre Häuser vorstellten oder ihre Zeit strukturieren – von den Zeiten für das Gebet, über ihre Partizipations- und Abschiedsriten. Buchstäblich unendlich scheint dieses Meer zu sein. Und doch ist es nun gefasst, es ist kein Fragment geblieben, sondern es ist vollendet.

Plädoyer für das Außer-Gebrauch-Gestellte
Alex Stock schloss dabei ein unendlich erscheinendes Reservoir großer, bekannter wie auch unbekannter, längst vergessener oder auf das Abstellgleis der Geschichte abgestellter Kunst und Poesie anschaulich auf. Er vergaß auch die Lieder nicht und auch nicht die Gebete, die zu all dem verfasst worden sind, besonders kunstvolle, wie auch einfache des Herzens. Allein deshalb ist die Halbwertszeit seiner Schriften mit einer an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit keinem zweiten Theologen aus der Gegenwart vergleichbar. Er öffnete Tore nicht nur ganz nahe ins Evangelium, sondern eben auch in jene unterschiedlichen Epochen, die sich näher oder auch entfernter oder eben ganz abgebrochen zu diesem realisierten. Er schrieb freilich auch über eine Religion, die es in Wirklichkeit nicht mehr gibt. Aber um die, das spürt die Leserin, der Leser fast auf jeder Seite, es eigentlich ziemlich schade wäre. Hat man doch eben erst so spät erkannt, was sie eigentlich war. Und dort, wo es sie eben nicht mehr gibt, kommt die zeitgenössische Poesie ins Spiel. Montageartig kommt dann ein Versatzstück von diesem und jenem Gedicht. Oder, eher selten, von zeitgenössischer Kunst. Den Ursprung dieser Methode kann man bei Joseph Beuys sehen, der ein Museum als „geistiges Laboratorium“ bezeichnet hatte. Poetische Dogmatik war für Stock ein geistig-theologisches Laboratorium: Die Kunst etwas zusammenzustellen, zu montieren und dadurch eine neue, einleuchtende Evidenz hervorzuzaubern.

Scharfe Zunge
Doch war Alex Stock dabei nicht nur Werber. Die Immunisierungsstrategie der gesellschaftlichen (und bei ihm wohl systematisch-theologischen) Diskursführer gegen Menschen, die sich für Kunst und Poesie einsetzen, ließ Stock platzen: Mit scharfer Zunge geißelte er in seinem Werk Verfehlungen. Besonders klerikales Getue und Machtgehabe hatte es ihn zum Widerstand angetan. Aber auch die eigenen Fachkollegen bekamen ihr Fett ab, was man freilich erst realisiert, wenn man die sogenannten „Endnoten“ im penibel genauen Literaturapparat zu Kenntnis nimmt: Stock hat nichts zitiert, was er nicht auch gelesen hat.
So ist es eigentlich auch nicht verwunderlich, dass ihm in den zahlreichen Rezensionen zu seinem Werk zwar großer Respekt und Bewunderung gezollt werden, aber dass ihm die Aufnahme in den sogenannten innertheologischen Fachdiskurs weitgehend versagt geblieben ist. Das hat ihn geschmerzt. Es hat realiter freilich auch ganz arbeitsökumenische Gründe: Es gibt immer weniger Fachkollegen, die sein Werk mit dem Anwachsen der Bände detailreich zur Kenntnis genommen haben – aus Zeitmangel. Um es überspitzt zu sagen: Man hat keine Zeit mehr, all das zu lesen, sondern ist mit dem eigenen facility-report beschäftigt.

Rezeption an den Rändern
Einen breiten Rezipientenkreis erfuhr Alex Stock vor allem über seine Veröffentlichungen zu liturgietheologischen Themen sowie über seine Forschungsarbeit zum Kirchenlied. Überraschend war sein Plädoyer für die „Tagesgebete“, die er neu übertragen und interpretiert hat: Für ihn ein Musterstück lateinischer Poesie aus dem ersten Jahrtausend der Kirche.

Zwischen Tempel und Museum
Seinen Weg zu den Bildern, der ihn später zum Begründer der „Bildtheologie“ werden ließ, hatte er allerdings erst allmählich gefunden: In den ersten zwei Jahrzehnten seiner wissenschaftlichen Laufbahn interessierten ihn mehr wissenschaftstheoretische Zugänge. Endgültig den Bildern, den Liedern, Gebeten und Hymnen zugewandt hatte er sich nach einem Forschungsprojekt über die „theologische Bildtheorie der Moderne“, das 1991 in der Publikation „Zwischen Tempel und Museum“ ein bis heute bleibendes Standardwerk hinterließ.

Vater der Bildtheologie
Zur Etablierung des Faches „Bildtheologie“ hat er an der Universität zu Köln eine „Bildtheologische Arbeitsstelle“ gegründet, mit seinem ehemaligen Assistenten und dem späteren Professor für systematische Theologie in Münster, Reinhard Hoeps, eine wissenschaftliche Reihe „IKON. Bild+Theologie“ (Schoening-Verlag) begründet, in der Dutzende Bände erschienen sind. Zudem entstand eine Aufsatzsammlung und eine über 30 Jahre aufgebaute Diathek mit über 7000 Dias, die nach ikonografischen Gesichtspunkten christlicher Ikonografie sortiert wurde. Diese bildtheologischen Sammlungen übertrug er wenige Wochen vor seinem Tod dem Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten, mit dem er in den letzten 15 Jahren in regem Austausch stand. Zu dessen Sammlung zeitgenössischer Kunst für „Religion in der Kunst des XXI. Jahrhunderts“ gesellt sich nun diese jahrzehntelange Forschungsarbeit Stocks und steht so weiterhin der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Requiem und Morgen
Mit Alex Stock ist ein theologischer Gigant gestorben. Sein später auch eigenes Requiem ist im letzten Band der Poetischen Dogmatik als „Vorschlag für ein Requiem“ nachzulesen. Es rückte wie auch an vielen anderen zentralen Riten jene Texte ins Licht, die man vor Jahrzehnten allmählich abserviert hat. Er ging aber auch kreativ damit um: Auf die Hioblesung über die Hinfälligkeit des Menschen folgte ein Zwischengesang von Oosterhuis. Auf das Evangelium über die Fragen der Auferstehung folgte die Paulus-Lesung über die Theologie der Auferstehung. Und der Einsetzungsbericht war streng gerahmt von "Totenstille". Kein Geschwätz! "Der Chaos schuf zu Menschenhand" (Huub Osterhuis) schließlich war das Ende dieser Messe. Das ist ein Beispiel, wie Alex Stock Theologie betrieben hat, die er nun an seinem eigenen Begräbnis exemplifiziert hat: Alte Sachen, die außer Gebrauch gestellt wurden, noch einmal anzuschauen, anzuhören. Wo Neues Bestand hat ist dieses Neue hinzuzufügen, selbst dort, wo es um die „letzten Dinge“ geht, und nicht um die „vorletzten“.
Alex Stock wurde mitunter Konservatismus vorgeworfen. Er wollte nicht ins Altvordere zurück, aber er forderte Respekt ein für die alten Texte, Riten und Hymnen. Wie die Religionsgeschichte weiter gehen wird, war für ihn eine ungeklärte Frage. Sein Interesse an den Fragen der Gegenwart riss nicht ab. 
In Aunsahmefällen schwang er sich aber auch zu einer öffentlichen „Rehabilitation“ auf: Zeitgleich zu "Sprache der Liturgie" erschien ein Buch über die poetische Theologie des niederländischen Poeto-Theologen Huub Oosterhuis. Ihn wollte man kirchenamtlich genauso mundtot machen. Dessen "Lehrhaus" in Amsterdam hatte in Bremen eine weitere "Zelle", die ihn und seine Frau auch biografisch sehr geprägt haben.
Alex Stock sah seinem Sterben entgegen, wie es nur selten jemandem gegeben ist. Das löst zudem eine große Bewunderung aus. Als er mit seiner unheilbaren Krankheit konfrontiert war, schrieb er neben dem letzten Band der „Poetischen Dogmatik“ ein weiteres Buch, wieder war es ein „Abfallprodukt“, dessen Texte für jenen letzten Band „zu viel gewesen wären“, wie er sagte. Es handelte vom „Morgen“. Es erschien vor wenigen Wochen. Mit dem „Morgen“ ein Leben zu beenden – das ist wirklich Hoffnung.

Zauber
„Ich will fortfahren in der Erkundung zahlreicher bildhafter Wunder. Mehrere Leben bräuchte man, um seinen Zauber zu erschließen.“ Das ist ein Zitat des Poeto-Philosophen Philippe Jaccottet, das auf Alex Stocks Homepage (www. alex-stock.de) steht, zusammen mit einem Bild des Hl. Hieronymus von Josè de Ribera. Mit beiden Sprachkünstlern verband ihn in seinen letzten Lebensjahrzehnten viel. Möge ihn der Zauber seiner Erkundungen in die Ewigkeit führen.

 

 

  • Alex Stock wurde am 22. Juli 2016 am Friedhof Klein-Königsdorf (Frechen-Königsdorf) beigesetzt.


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