GEISTERBESCHWÖRUNG

„Einstein ist tot, Nietzsche ist tot, und mir ist auch schon ganz schlecht.“ Merkwürdigerweise kam mir dieser Spruch aus meiner Schulzeit neulich in den Sinn,  der wohl vermutlich in jeder Oberstufenklasse irgendwann einmal kursiert. Jedenfalls war es in meiner Klasse so. Neben den neuzeitlichen Botschaften aus Physik, Philosophie und Religion schwingen mit diesem Sager ja auch pubertäre Selbstüberschätzungen mit ... 
Und dennoch: diesmal ist es doch eine Epochenschwelle, von der ich Ihnen heute im Editorial schreiben muss. Ich kann nicht anders. Mir ist heute wirklich schlecht.

Vor wenigen Tagen haben wir Birgit Pölzl (nicht in die Pubertät, nein, in die Pension) verabschiedet. Wer im Cubus dabei war, erlebte viel Dankbarkeit über unverwechselbare Jahrzehnte. Sätze, Wünsche, ein literarischer Reigen an Glückwünschen und Beschwörungen von LiteratInnen und Freunden wurden von Ninja Reichert vorgelesen, auf Karten gedruckt, wurden mitgenommen. Florian Geßler, lange für das Neue-Musik-Programm verantwortlich, hat gemeinsam mit einem Kontrabassisten kleine musikalische Kommentare angefügt, dazwischen improvisiert, entrückend. 30 Anmerkungen hat die so bedankte Birgit Pölzl schließlich gemacht. Anrührend und aufrührend. So kann Dankbarkeit über drei Jahrzehnte Kulturarbeit aussehen! Lesen Sie auf der Website nach!
Birgit Pölzl sprach in ihren Anmerkungen auch von drei Bühnen, auf denen sie ihr Programm in den letzten Jahrzehnten realisiert hat. Wer diese Bühnen kennt, weiß ein Lied von ihren Gewichten, ihren Untergründen, ihrem Knarren zu berichten. 

Zwei davon werden ab Februar 2020 renoviert. Das ist gut, notwendig und schön. Weniger schön ist freilich, wie sehr das Kulturzentrum bei den Minoriten, das diesen Saal vom 1975 bis 2009 am meisten von allen in allen nur erdenklichen Varianten – von Vorträgen, Symposien, Konzerten, Theater, Tanztheater und Performance – geprägt hat, dabei außen vor gelassen wird, ja nicht einmal ignoriert wird. Drei Millionen Euro haben Landeshauptmann und Bürgermeister aus Steuermitteln bereits öffentlich zugesagt. Politiker beinahe aller Couleurs kommen zu den Benefizkonzerten und lächeln in die Kameras. Das ist gut, notwendig und schön. Was die Politk aber noch einfordern sollte, ist ein Konzept, wie man diesen Minoritensaal nach seiner Renovierung auch professionell vermieten wird – und zwar eingedenk jener Sätze, die in der Pressekonferenz im leeren Minoritensaal gesagt worden sind: „Kunst bei den 
Minoriten ist weit mehr als ein Aushängeschild und symbolisiert auch die Offenheit und Libertät (sic!) der Kirche“ (Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer, Die WOCHE, 10. Okt. 2019). Ich rufe Ihnen nur von außen zu, Herr Landeshauptmann: „Derzeit haben Sie hier, glaube ich, etwas verwechselt!“
Was ich an dieser Stelle öffentlich sagen möchte: Der Minoritensaal ist nach der Renovierung vor allem ein öffentliches Gut! Denn er wird zu 90 % mit öffentlichen Geldern und mit Spenden renoviert. Und die Politiker haben meines Erachtens die Pflicht, große Geldgeschenke auch an Bedingungen von Transparenz und Professionalität zu knüpfen.

Szenenwechsel: „Josef Fink würde sich in seinem heiligen Zorn im Grabe umdrehen.“ Das noch sehr junge Zitat stammt von Peter Weberhofer, Polizei- und Militärseelsorger, in einem geharnischten Leserbrief im Sonntagsblatt. Der Nachfolger von Martin Gutl als Rektor des eben geschlossenen Bildungshauses Mariatrost bezog sich auf die Zukunft der Hauskapelle, die Fink 1974 in der damals für ihn neuen Sprache des Kon-
struktivismus ausgemalt hatte und die einen Meilenstein in der Sakralraumgestaltung nach dem II. Vatikanischen Konzil in unserer Diözese darstellt. (Man wird diesen Raum retten, selbst wenn man ihn verlegen muss, dafür werde ich kämpfen.) Das Zitat gilt aber wohl in einem noch viel höheren Ausmaß diesem Minoritenkloster selbst, das Fink und Seuter zu einem im deutschsprachigen Raum einzigartigen mehrspartigen Kulturzentrum unter kirchlicher Trägerschaft aufgebaut haben. Am 29. November sind es 20 Jahre, dass Josef Fink gestorben ist. Sein Geist möge gerade in diesen Tagen wieder durch dieses Haus ziehen! Schon die Sammlung zeitgenössischer Kunst habe ich vor 10 Jahren unter diesen Vorzeichen begonnen, weil ich ahnte, was noch kommen wird. Jetzt tritt das Ganze ein. (Im Epilog von „Gott hat kein Museum“ (S. 1034-1057) ist das nachzulesen.)

Birgit Pölzl hat noch zwischen beiden Kämpfern als junge Mitarbeiterin angefangen und vermittelt. Ich kannte nur mehr Josef Fink. 25 Jahre, 20 Jahre – 5 Jahre Unterschied. Wer die Wurzeln der letzten fünf Jahrzehnte derart ignoriert, wird vielleicht bei der Haltung der Gegenreformation ankommen – denn der damalige Sponsor Hans Ulrich von Eggenberg war ein solcher. Man höre es also, bitte! Oder man wird nicht nur mit Barock-Geistern zu rechnen haben, die aus den Gemäuern entfleuchen werden, sondern auch mit solchen jüngerer Gegenwart! 

 Johannes Rauchenberger

 

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Die nächste Vernissage am 30. November, 11 Uhr: FEIN BIST DU SICHT! 1000 Kunstkarten von Reinhild Gerum

 


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