Ninja Reichert, Fotos: Richard Edelsbrunner / IHAG

BUCHPRÄSENTATION: DAS HEMD. 1863- 1914 - 2014

Szenisches Spiel. Gespräch. Musik

Szenisches Spiel: Ninja Reichert
Musik:
 Trio Ćuprija mit Sandy Lopičić, Boris Mihaljčić und Miloš Milojević 
Gespräch: Kulturstadträtin Lisa Rücker, Florian Bieber, Dževad Karahasan, GR Peter Piffl-Percevic, Max Aufischer
Moderation: Alida Bremer
Übersetzung: Mascha Dabić

33 Autorinnen und Autoren rufen in Erzählungen, poetischen Texten, Gedichten und Essays die Zeit des Ersten Weltkrieges ins Gedächtnis. Bezugspunkt aller Texte ist das Hemd, das der Haut als Kleidungsstück am nächsten liegt und als Alltags-, Tauf und Totenhemd Assoziationen ins Historische, Persönliche und Archetypische eröffnet. Die Texte der Autorinnen und Autoren, die aus den ehemaligen Kronländern der Habsburger-Monarchie, der Entente-Staaten und den Staaten der Mittelmächte stammen, berühren, indem sie von Erfahrungen und Schicksalen berichten, die in der großen Geschichte keinen Platz haben, erzählen. Ninja Reichert wird die Texte szenisch umsetzen, das Trio Ćuprija musikalisch intervenieren.

„Jedes Hemd spricht von dem Schicksal der Haut, auf der es liegt, jedes hat einen Augenblick, in dem es sich bindet, ein Geschlecht, einen Geschmack oder einen Status, dem es angehört, das Hemd mit Blumenmuster, mit Taschen, mit einer Brosche, mit Orden, mit Schweißflecken unter den Ärmeln, mit Löchern von einer Kugel …“ 
​Ivana Sajko, aus: Das Hemd. 1863 – 1914 – 2014

Die Autorinnen und Autoren sind anwesend.
Im Anschluss an die Veranstaltung lädt Herr Bürgermeister Siegfried Nagl sehr herzlich zu einem Buffet ein.

DAS HEMD. 1863 – 1914 – 2014 ist eine Veranstaltung der Kulturvermittlung Steiermark und des Internationalen Hauses der Autorinnen und Autoren Graz in Kooperation mit dem Kulturzentrum bei den Minoriten, ISOP – Innovative Sozialprojekte und dem Leykam Verlag.

Die Publikation wurde finanziert und unterstützt durch Stadt Graz - Kultur, Stadt Graz - Bürgermeisteramt, Land Steiermark – Kultur, Traduki. Dieses Projekt wurde weiters durch eine Förderung des Landes Steiermark im Rahmen des Gedenkjahres 2014 ermöglicht. Die Veranstaltung wird getragen von Kulturvermittlung Steiermark – Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, Kulturzentrum bei den Minoriten – Literatur, ISOP – Innovative Sozialprojekte, Leykam Verlag. Unterstützt durch Rumänisches Kulturinstitut in Wien, Caritas Graz, Stadt Graz - Kultur, Stadt Graz - Bürgermeisteramt, Land Steiermark – Kultur, Italienisches Kulturinstitut Wien.


ALIDA BREMER IM GESPRÄCH MIT MAX AUFSICHER
Alida Bremer: Sie sind Bildender Künstler und Ideengeber des Projekts und der Publikation „Das Hemd“. Sie wählten ein konkretes, bildhaftes und haptisches Symbol, um an den Ersten Weltkrieg zu erinnern. Ausgehend von der Vorstellung des ersten Hemdchens, in das Franz Ferdinand in Graz gewickelt war, und dem letzten Hemd, das Franz Ferdinand am Tag seines Todes in Sarajevo getragen hat, haben Sie die vielen Facetten der Bedeutung des Hemdes für den Menschen ausgearbeitet. Ich finde die Idee großartig und ich glaube, dass das Ergebnis beeindruckend ist: 33 Hemdgeschichten in einem Band! Welches wäre Ihre Hemdgeschichte, von welchem Hemd hätten Sie gerne erzählt? 

Max Aufischer: Mir gingen mehrere Ideen durch den Kopf. Ein Thema kristallisierte sich immer stärker heraus, das ich gerne bearbeitet hätte – vielleicht werde ich es auch noch einmal tun: die Geschichte eines Mannes, eines Vermittlers zwischen Österreich-Ungarn und der Serbischen Regierung, der sich mit all seiner Kraft bemüht, eine gütige Einigung herbeizuführen, und der versucht, als neutrale Person den Krieg zu verhindern. Und dies aus der Perspektive seines Hemdes, das als stummer Begleiter die Erlebnisse und Erfahrungen, sowie Hoffnungen und Enttäuschungen nicht nur protokolliert, sondern hautnah, oft auch schweißnass miterleben kann und muss. 

Alida Bremer: Was hat Sie in den Geschichten im soeben erschienenen Band „Das Hemd“ am meisten beeindruckt?

Max Aufischer: „Das Hemd. 1863 – 1914 – 2014“ vereint 33 interessante, spannende und gefühlvolle Beiträge, wobei es sehr schwierig ist, auf einzelne Texte einzugehen. Am meisten fasziniert mich die Mischung der unterschiedlichen persönlichen Blickwinkel und die verschiedenen inhaltlichen Zusammenhänge, die ein Hemd zum Inhalt haben. So dokumentiert dieses Buch ein literarisches und gleichzeitig zeitgeschichtliches Mosaik europäischen Formats. Die Autorinnen und Autoren haben Geschichten aus ihrem Umfeld der gängigen Geschichtsschreibung hinzugefügt und so das Geschehene begreifbar gemacht. 

Alida Bremer: Manche Pessimisten behaupten, dass wir uns bereits im Dritten Weltkrieg befinden: Der Krieg in Syrien, die Lage im Irak, die Situation in der Ukraine, die Verschlechterung der Lage im Gaza-Streifen, die Nachrichten aus Nigeria, die Tragödien am Mittelmeer, auf dem Boote voller Flüchtlinge kentern, aber auch wenn sie Lampedusa, Sizilien oder Griechenland erreichen, endet das Elend der Flüchtlinge nicht. Sie sagen in Ihrem Vorwort für das Buch „Das Hemd“, dass sich die Kriegsbegeisterung bzw. die Akzeptanz des Krieges aus der „Druckkesselsituation“ der damaligen Gesellschaften
erklären lässt. Sehen Sie auch in der heutigen Zeit Parallelen? 

Max Aufischer: Grundsätzlich muss ich zuvor bemerken, dass ich diesbezüglich weder Fachmann noch Hellseher bin. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat es nahezu permanent Kriegssituationen gegeben. Der Kalte Krieg ist noch im Bewusstsein vieler Menschen. Außerdem wurde nie wirklich „demobilisiert“, das globale Vernichtungspotential nie wirklich reduziert. Aufgrund der mittlerweile so stark vernetzten Welt ist praktisch jeder größere Konflikt oder Krieg ein Weltkrieg. Eine Gefahr sehe ich auch im Gewöhnungsfaktor Krieg, der über die Massenmedien täglich in gehäufter Form in die Haushalte geliefert wird: Brutalitäten jeder Form, entweder in Nachrichtensendungen, Kriminal- und Kriegsfilmen oder Dokumentationen. Gleichzeitig wird nicht selten über den sogenannten „sauberen Krieg“ gesprochen.
Eine der am deutlichsten sichtbaren Parallelen ist die immense Dynamik, die unseren Globus wieder überzogen hat. Eigentlich befürchte ich mehrere Ursachen, die den Druckkessel gefährden könnten: Das Wiedererstarken überholt geglaubter Nationalismen, die Ausbreitung extremer Glaubensrichtungen, Hoffnungslosigkeit und Orientierungsverlust aufgrund hoher Arbeitslosigkeit, besonders bei Jugendlichen, vor allem aber die Enttäuschung vieler, die die Versprechungen und die damit zusammenhängenden Erwartungen aus der „Virtuellen Welt“ nicht in ihren realen Lebensumständen wiederfinden können.


Alida Bremer: Was können wir tun, damit die heutige „Druckkesselsituation“ zumindest nicht zu Kriegsbegeisterung führt? Ist Ihre Idee, die internationalen Schriftsteller über ihre zweite Haut – über das Hemd – schreiben zu lassen, aus dem Bedürfnis entstanden, einen neuen Zugang zum Bewusstsein über die Gefahren des Krieges zu finden?

Max Aufischer: Es geht um das Begreifen, das Begreifenkönnen, es geht um die menschliche Dimension. Wird sie zu sehr strapaziert, überzogen, dann kippt sie ins Bedenkliche, Negative und Bedrohliche. Die Masse der Toten des Ersten Weltkrieges beziehungsweise jene aller Kriege des vergangenen Jahrhunderts übersteigen die Vorstellungskraft genauso, wie die Flut der meist wohlgemeinten Information. Über das Hemd, einen alltäglichen und begreifbaren Gegenstand im doppelten Sinn des Wortes, wollte ich auch die menschliche Dimension thematisieren und sie unausgesprochen als Bezugspunkt für die Autorinnen und Autoren anbieten. Ja, es ist wichtig, wahrscheinlich wichtiger denn je, neue Zugänge zu finden, wie die Gefahren des Krieges aufgezeigt werden können. Das rastlose Aufzeigen von Zahlen und Fakten wird zu wenig sein. Wissen über Desaster und Angst davor hat noch niemanden davor bewahrt oder gerettet. Es geht vermehrt um das sichtbare und überzeugte Eintreten für humane Werte, um einen ehrlichen Dialog auf Augenhöhe, aber auch um klare Worte und um die Zivilcourage, diese rechtzeitig zu formulieren.





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