AUFWACHEN

Willkommen zu unserem neuen Programm im KULTUM: April bis Juni. Was, so frage nicht nur ich mich immer mehr, kann man gegen den schleichenden Umbau unserer Gesellschaft tun? Es liegen dunkle Wochen hinter uns: die Karfreitagsdebatte, die Mindestsicherung neu, die zynische Umbenennung des Innenministers von Asylaufnahmezentren in „Ausreisezentren“ mit offiziellem Logo, der 1,50 Stundenlohn für die Asylwerber, der Entzug der Flüchtlingsberatung durch die NGOs, der beginnende Umbau des ORF durch die Gebührenfrage... Das also ist unter einem „schlanken Staat“ zu verstehen? Aufwachen! Ohne Zweifel, wir taumeln autoritär werdenden Zeiten entgegen. Aber es gibt auch starke Zeichen, die wenigstens von außen nach Österreich drängen: SchülerInnen streiken für die Einhaltung der Klimaziele – eine 16-Jährige aus Schweden hat einen beachtlichen Schulterschluss von Wissenschaft und SchülerInnen erreicht. Die Botschaft ist klar: So kann, so darf es nicht weiter gehen!

Die öffentliche Debatte um den Karfreitag hat aber auch klar gezeigt: Die Kirchen haben einen großen Nachholbedarf, ihre ureigensten Sachen nicht bloß konfessionsspezifisch oder säkulargesellschaftlich, sondern auch wieder neu theologisch vorzutragen. Sonst werden ihre Zeichen missbraucht, man braucht nur nach Bayern vor einem Jahr oder nach Ungarn zu blicken. Dann nämlich wird das Kreuz zum Abwehr- und Identitätszeichen fürs Abendland. Aber das Kreuz ist das Gegenteil: es ist der Ort der totalen Schwäche und der Gottverlassenseins. Das abgründigste Bild, das derzeit in der aus Beständen unserer Sammlung bestrittenen großen VULGATA-Ausstellung im Mainzer Dommuseum hängt, ist eine Kreuzigung von Guillaume Bruère, wo in großen Lettern steht: „GOTT WO BIST ICH?“ So, in dieser Gebrochenheit, müsste man fragen! Der Bielefelder Medienkünstler Thomas Henke hat zwar diese Wortkonstruktion nicht gekannt, aber in seiner neuesten FilminstallationFilm der letzten Zuflucht, die er mir vor kurzem zugesandt hat, ist sie mir in den Sinn gekommen. Sie passt genau zum Karfreitag bzw. zum Karsamstag. Was dort erzählt wird, hat vordergründig nichts mit Kreuz oder Christentum zu tun. Nein, es geht um das Zufluchtnehmen in die Sprache im Angesicht einer unheilbaren Krankheit, um das „Scheitern“ einer liebevollen Vaterbeziehung, um das mögliche Sich-Öffnen eines unendlichen Raumes angesichts des Sterbens, um das Nachdenken über „Zuflucht als unsere vornehmste Aufgabe“ (F. Hoppe). Zwei Stunden geht es also um „vertikale Fluchtbewegungen“ – es ist so etwas wie eine paradoxe Intervention angesichts der gesellschaftlichen Migrationsdebatten (und ihrer so hässlichen, ja schändlichen Auswüchse in der Politik wie derzeit). Wir zeigen nun im KULTUM diese großartige Arbeit als exklusive Preview bewusst an den drei Kartagen. Ich lade Sie herzlich ein: Geben Sie sich diese Zeit! Sie erleben eine existenzielle Verdichtung unerhörten Ausmaßes. Und nehmen Sie sich auch noch Zeit für die Fasteninstallation „The Hollow Men“ von Ivana Radovanovic, die bis zum Karfreitag in St. Andrä zu sehen ist.

Obwohl die Frühlings-Ausstellung der „Bildanhäufungen“ von Hartwig Bischof scheinbar leicht gewebt daher kommt, ist die Komplexität ihrer Bildquellen und -titeln beinahe unerschöpflich. „Exerzitien in Wiederholung“ nennt Bodo Hell seine Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 6. April. Kurator Lucas Gehrmann spricht mit dem Künstler am 5. Mai bei aktuelle kunst in graz. Bei Hartwig Bischof, der nicht nur Kunst, sondern auch Philosophie und Theologie studiert hat, drängt sich nichts auf, das würde auch ganz seinem Naturell widersprechen. Aber es lohnt sich, auf die Bildersuche dieser so konsequenten und über Jahrzehnte erarbeiteten Bildsprache zu gehen: Man findet einfache Postkartenmotive, oft aus Frankreich, Bilder der Kunstgeschichte – selbst unsere Mariahilferkirche! –, Kreuze, Kirchen, Gassen. Das Cover unserer Zeitschrift etwa ist dem Auferstandenen von El Greco entnommen, verwoben ist eine Kreuzigung desselben Malers. Und es wird ein tanzender „Christus in der Kelter“ daraus. Die Ausstellung ist in 12 Abteilungen gegliedert, auf Monitoren erleben wir so eine kleine Philosophie der Bildentstehung im Medium der Fotografie. Nehmen Sie sich – auch dafür – Zeit! Zwei Mal (17. und 24. April) gibt es dazu auch besondere Führungen. Kurzum: Es sind dichte, auch handwerklich hervorragend gemachte Bildverwebungen, und natürlich sind sie auch insgesamt Metaphern, um darüber nachzudenken, was Bilder, die wir doch täglich schaffen, wirklich sind. 

Dieser Osterschwerpunkt ist wiederum gerahmt von zwei Buchpräsentationen: Am Ende (29. April) steht das neue Buch von Ö1-Radio-Stimme Renata Schmidtkunz „Warum wir wieder mehr Transzendenz brauchen“ und am Anfang (12. April) jene von Ö1-Radiolegende Hubert Gaisbauer: „Schonungslos zärtlich“ enthält atemberaubend schöne Texte zur Kultur- und Kunstgeschichte, die der Autor im Gespräch mit seinem Freund Philipp Harnoncourt vorträgt.

Im Bündel des dichten Literaturprogramms: „ost><west“ am 4. April umfasst Texte von Lavinia Braniste, Christine Teichmann und Ilse Kilic zum Thema „Glück“: im wirtschaftlich brutalen Klima von Bukarest, im Finden von Identität und sexueller Orientierung, im ästhetisch-existenziellen Spiel. Die „SHORT STORIES“ von Ingrid Zebinger-Jacobi und Clementine Skorpil am 9. April stellen sprachlich feine Kurzgeschichten vor, in denen menschliche Abgründe mal ironisch, mal boshaft erzählt werden. Olga Flor, die wohl zu den politisch engagiertesten Autorinnen Österreichs zählt, nimmt am 13. Mai die sich ausbreitende Datenkontrolle in den Blick. Im Gespräch mit Bernd Thaller setzt sie sich mit Datensteuerung und deren manipulativen Folgen auseinander. SPOKEN WORD bringt in ihrer Auftrittswucht Mieze Medusa, Josefine Berkholz und Fiston Mwanza Mujila am 15. Mai gemeinsam auf die Bühne. Am 21. Mai steht Albert Drach (1902-1995), einer der radikalsten Vertreter der österreichischen Nachkriegsliteratur, im Zentrum. Der KULTUM-Slam am 24. Mai steht unter dem Thema „Alkohol“ und am 3. Juni schlüpft Kulturstadtrat Günter Riegler in die Rolle eines Literaturmoderators und stellt die italienische Autorin Viola di Grado vor, die gemeinsam mit der österreichischen Autorin Cordula Simon leichthändige Erzähltexte in einer frischen, frechen und zugleich poetischen Kunstsprache über die Liebe – ex negativo – vorträgt.

In der Sparte der Neuen Musik macht am 3. April die Konzertreihe CROSSTALKS der Österreichischen Gesellschaft für zeitgenössische Musik im KULTUM Station. Einen Tag später (4. April) ist das Konzertprogramm „Graz Meets Skopje“ des Ensemble Zeitfluss zu erleben. Am 9. Mai hören wir – in der Besetzung Sopran und Violine! – die Kafka-Fragemente, die Gyorgy Kurtag zwischen 1985 und 1987 vertonte, Texte also, die Max Brod nach 1924 vor dem Vernichtungsurteil seines Autors gerettet hat. Der Klang steht als Schnittstelle am 4. Juni im Programm des Ensemble Schallfeld auf dem Programm. Und schließlich gibt es am Freitag vor Pfingsten (7. Juni) in der Mariahilferkirche eine ungewöhnliche Kombination zweier Leuchttürme europäischer Musikgeschichte zu hören: Luigi Nonos „Das atmende Klarsein“ und Carlo Gesualdos Responsorien für die Karwoche. Das Vokalensemble Cantando Admont führt diese ungewöhnliche Kombination aus scheinbar widersprüchlichen „Glaubensrichtungen“ zu frappierend sakraler Tiefe. 

Viel? Sehr viel, stimmt. Seien Sie zu allem – besonders auch die Jüngsten (siehe Seiten 29/30) – herzlich willkommen!

Johannes Rauchenberger

 


                                                                                                                                                             

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