Sind andere Bilder möglich?

(Kuratorisches Statement)

„WIE DU MIR“ befragt in den Ausstellungsteilen in den Minoriten Galerien im Priesterseminar und in der Galerie der Kath. Hochschulgemeinde das Integrationspotential des Fremden im kulturellen, nationalen und religiösen Bereich. Das kuratorische Leitmotiv unserer Bildersuche war: Sind „andere Bilder“ möglich, als jene, die wir bislang für wirklich, real und geschichtsbildend hielten? Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der spätestens seit 9/11 unter ganz neue Prämissen gestellten gesellschaftlichen Relevanz der Religionen unter den Bedingungen der Globalisierung: Bilder für transkulturelles Denken in der Polarität von Integration und Fremdheit, von Subversivität und Schönheit, ja von Ohnmacht und Menschlichkeit sollen aufgelesen werden. Wie könnten solche Gegenbilder unter den Bedingungen globaler Migration, verlassener und fremd gewordener Heimat und Religion aussehen, sodass der Kunst jener verwandelnde Charakter zugesprochen werden kann – die den „Strategien zur Vermeidung des Unglücks“ jene poetische Note verleiht, die vielleicht notwendig wäre, um das schillernde Wort „Glück“ zu bebildern?

Mit künstlerischen Positionen unterschiedlichster Färbung, aus Konfliktzonen wie Einwanderungsländern werden drei Etagen des historischen Gebäudes des Priesterseminars bespielt. Sie öffnen Themenfelder wie die Frage der Identität unter den Vorzeichen globaler Migration, eines anderen - nämlich angstauflösenden - Blicks auf Religion, besonders auf den Islam, einer neuen Sicht auf nationale Be- und Abgrenzungen, oder die Reflexion des Zustandes verlorener Heimat.

Eine ganz zentrale Rolle, solch „andere Bilder“ zu zeigen, spielt dabei die Intimität gesprochener Sprache, der Musik, des Singens und des Spielens. Dort nämlich wird das Dogmatistische des Denkens und Handelns, dem nicht nur Religionen gefährdet sind zu verfallen, sondern alle Arten der Welt- und Selbstentwürfe, im besten Sinne relativ – was nichts anderes heißt als notwendig bezogen auf anderes: im Blick, im Denken, in der Nachsicht. Eine muslimische Mutter mit Kindern wird von der Baumkrone aus beobachtet, wie sie mit Kindern spielt, die augenscheinlich nicht alle die eigenen sind und mit ihnen deutschsprachige (!) Kinderlieder singt (Lidwien van de Ven). Psychisch und physisch Verletzte erzählen vom Überleben der Massaker im südamerikanischen Regenwald und singen Lieder des Verzeihens (Juan Manuel Echavarría). Fünf Roma-Musiker spielen voneinander getrennt in verschiedenen Ländern vom Land ihrer Träume und werden durch die fünf Projektion zu einer berührenden, alle Stimmen vereinenden Komposition verbunden (Ergin Çavusoglu). Eine Bildfläche von 60 Mündern, die das babylonische Sprachengewirr zu zeigen scheint, lässt erst allmählich in die Kongruenz von Mund und Auge eindringen, und das Gewirr des Sprachenteppichs als Erzählungen des individuellen Woher dechiffrieren, die letztlich Identität bedeuten (Danica Dakic).
Das Woher ist immer der letzte Rückbezug von Biografien von Menschen, die auf der Flucht sind, wandern müssen, oder die sich freiwillig zum Nomadentum bekennen. Die Ausbildung einer neuen Sprache ist notwendig, die Bewohnung eines „geistigen Orbits“ (Gyula Fodor) und somit ein anderer Blick auf vermeintlich Vertrautes. Heimat ist nicht nur Chiffre für Geborgenheit, sondern trägt in sich auch den Stachel feindseliger Unbewohnbarkeit, die der aus den bürgerkriegsähnlichen Zuständen Albaniens geflohene Künstler Adrian Paci in eine sprechende Bildsequenz fasst: Ein auf seinen Rücken gezurrtes Hausdach sammelt in sich die niederdrückende Schwere von Golgotha wie die aus den Flügeln des Ikarus sprechende Sehnsucht nach Freiheit.
Von der Kunst, die ohne das nomadische Prinzip nicht zu denken ist, sind keine pragmatischen Lösungsvorschläge für die Migrationsprobleme einer globalisierten Welt zu erwarten, wohl aber deren Reflexion und die utopistischen Konzepten innewohnende Keimkraft, die an unüberwindbar scheinenden Grenzen ruft: „There is no Border“ (Shilpa Gupta)

Johannes Rauchenberger / Alois Kölbl / Roman Grabner


 

ORGANISATORISCHE INFOS ZUR AUSSTELLUNG:

Eintritt: 2 € ,– 1 € ,–
geöffnet:
DI-SA 10-18 Uhr, SO 11-16 Uhr
Führungen für Gruppen und Schulklassen € 2,– inkl. Eintritt
ANMELDUNG unbedingt erforderlich! TEL 0316 711133 29

Kuratorenführungen
Führung I: Donnerstag, 16.10., 18.00 Uhr / Führung: Johannes Rauchenberger + Alois Kölbl
Führung II: Samstag, 8.11., 16.00 Uhr / Führung: Johannes Rauchenberger + Roman Grabner + Alois Kölbl

Samstagsrundgänge zu den verschiedenen Stationen von wie du mir
inklusive Lunchpaket vom Cafe Global (AAI)
Rundgang I: Samstag, 11.10. / Führung: Anton Lederer
Rundgang II: Samstag, 18.10. / Führung: Alois Kölbl
Rundgang III: Samstag, 25.10. / Führung: Roman Grabner
Treffpunkt < rotor >, Volksgartenstraße 6a, 8020 Graz Zeit 11.00 – 15.00 Uhr
Kostenlose Teilnahme, um Anmeldung wird gebeten TEL 0316 688 306

steirischer herbst – Rundgänge
Rundgang I: Sonntag, 5.10., ca. 15.45 Uhr, Minoriten Galerien im Priesterseminar
Gesprächspartner: Johannes Rauchenberger
Rundgang II: Sonntag, 19.10., ca. 15.45 Uhr, Minoriten Galerien im Priesterseminar
Gesprächspartner: Alois Kölbl
Geführt vom Verein Kunst.werk, Kostenlose Teilnahme, Anmeldung nicht erforderlich