|
|
Schillernd erscheint der Lebensweg von Gor Chahal. 1961 in
Moskau geboren, beginnt er 1983 mit poetischen Veröffentlichungen. Ab 1985
bis Ende der 80er Jahre bewegt er sich dann in der Moskauer
Untergrundrock-Szene. Er tritt zusammen mit der Gruppe „Parallelaktionen“
auf Moskauer Rockbühnen auf; mit der Gruppe „The underground“ führt er
sozialkritische Performances wie „The Earth and Factory“ oder „AIDS in
times of plague“ durch. Diese Auftritte bewegen sich gattungsübergreifend
zwischen Theater, Performance und Musik. Studiert hat Gor Chahal zunächst
Zeichnung, dann Mathematik, dann Performance.
Äußerst umfassend erscheint dementsprechend sein Werk. Eine Phase des
Übergangs zwischen dem Schreiben und dem Bildnerischen stellt die
Bild-Text-Serie ‚Poet and pistol’ dar. 1992 folgt mit ‚At the bottom’ eine
vielteilige Serie, die aus Fotografien, Lichtboxen und Objekten
unterschiedlicher Materialien besteht. Stilistisch hier von der Pop Art
und ihren Nachfolgern beeinflusst, steht in diesem Frühwerk – wie bei
vielen jungen KünstlerInnen – die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem
Künstlertum. 1993 dann mit ‚Eye Arming’ bestehen die Arbeiten im Prinzip
aus Fotografie: manchmal klassische C-prints, aber auch im Computer
bearbeitete Bildvorlagen, die weit entfernt sind von dem Blick auf die
Realität. Technisch experimentiert der Künstler mit Mixed media,
Ausdrucken auf Leinwand oder Spezialdrucken, die aber wie Fotografie
ausschauen.
Inhaltlich wendet sich Gor Chahal vom Erzählerischen seines Frühwerkes ab
hin zu allgemeinen Themen und Motiven: So zur Natur in ‚Fields’. Auch
verarbeitet er Einflüsse der griechischen Mythologie. So ist z.B. ‚309,6K’
von 1995 eine Adaption des Narziss-Motivs gegeben, oder Kentauren und
Neriden erahnt man in ‚Eye Arming’. Ab 1995 mit der Serie ‚Thorses’
konzentriert sich der Künstler auf die Darstellung des Menschen: als
Ganzfigur, Bildnis oder Kopf vor abstraktem Hintergrund.
Nun dominiert als Leitmotiv die Transformation: sowohl inhaltlich, wenn
Mann und Frau z.B. in ‚Love’ (1997) dargestellt sind, aber viel stärker
auf der ästhetischen Ebene. In derselben Serie erscheinen die Körper wie
von einer inneren Glut durchleuchtet; so, als würde in Töpferfiguren noch
das Feuer brennen. In der Tat hat Gor Chahal eine zeitlang die
dargestellten Figuren aus Ton aufgebaut, abfotografiert und dann noch
digital bearbeitet. Transformation versteht der Künstler somit auch aus
Sicht der künstlerischen Materie. Bei seinen Ideen verfolgt er einen
universellen Ansatz: er verbindet archaisches und mythologisches
Gedankengut mit seinem Künstlerselbstverständnis.. Im Folgenden gewinnt
der Einfluss von religiösem Denken immer mehr an Dominanz und wird mit den
Vorangehenden zu einem sehr eigenwilligen Weltbild vermengt. „Mein Gold“,
2001, gehört eigentlich zur Gattung des Porträts. Die Bildnisse, die in
der Tat dieser Serie zugrunde liegen, sind jedoch so weit abstrahiert,
dass sie Schönheit, die golden erstrahlt, ausdrücken. Frauen werden so
eher zu Idolen. Dem Künstler geht es um generelle „Schönheit“, um „Freude“
(‚Joy’ ein anderer Bildtitel). Nackte Frauenkörper wie in der Serie „Lisa“
und „Sophia“ werden ebenfalls entrückt. Sie unterscheiden sich nur in der
Farbe ihres Hintergrunds von „Maria“. Diese Serie ist mit ihrer goldenen
Farbe auf blauem Grund eindeutig der religiösen Ikonographie zuzuordnen.
Und wie ‚Chorus’ aus demselben Jahr 2002 sind es die ersten beiden Werke
mit religiösen Titeln. So liegt es im Prinzip Nahe, dass Gor Chahal
während seiner Einzelausstellung in Graz, die Galerieräume liegen im
Priesterseminar, auch einen Abend lang eine Installation in der Grazer
Leechkirche zeigt.
Das Leitmotiv der Transformation ist an die Darstellung des Schwebens
gebunden. Und dies ist eine Konstante im Werk des Künstlers: Schwebende
Figuren finden sich ab seinem Frühwerk (siehe ‚Poet and pistolet.
Expositional project’, 1990) bis heute (‚Stages’, 2005). Körper als wären
sie in der Luft, nicht von der Erdanziehungskraft und seiner eigenen
Schwere bestimmt, jenseits davon, fallend, aufsteigend, durchwirbelt, von
unsichtbaren Kräften erschüttert. Man erinnert sich altmeisterliche Bilder
von Himmelfahrt oder Höllensturz. Dieser Zustand des ‚Equilibre’, eines
Zwischenbereichs, könnte für Gor Chahal zu den Grundkonstellationen des
Menschen zählen.
Andrea Domesle |
|
|
www.chahal.ru
zu sehende Werke >> 1961 born in Moscow
1972-76 study in a drawing in studio Tatiana Kiparisova
1983 first poetic experiences
1985 finished with distinction Moscow physical-engineering institute on a
speciality «The Applied mathematician»
1985-87 organised group «Parallel actions», acquainting Moscow rock -
stage with poetic performance (with poet Arcadiy Semenov)
1987-88 with a composer Camil Chalaev and group «The underground» created
creative association «Theatre - post», carrying out the whole number
actions and performances, among which are the most known: «The Earth and
Factory», «Afonasiy», «AIDS in the time of Plague»
1988 realised a number of the joint projects with group «Champion of the
world»
1988-89 made a series of «hermetic» actions
1989 transit from actions to virtual performance
1993 expanded art practice to a level postinstallation
1994 start working with virtual sculpture
1995-96 grant of Berlin’s Academy of Arts
2000 begin to developing a theory and practice of active imagery
2004 grant of MuseumsQuartier, Vienna
|