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Das Herbstprogramm bei den Minoriten: September-Oktober 2006

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Willkommen beim Minoriten-Herbstprogramm! 

Controlling heißt unser Ausstellungsschwerpunkt, der ab 20. September zu sehen sein wird und an vier Orten, sowie an öffentlichen Plätzen stattfinden wird. Nicht, dass wir Buchhalter geworden wären oder dezentrale Steuerungsstellen, die qualitätssichernde und effizienzsteigernde Maßnahmen installieren wollten – nein, die Ausstellung Controlling ist eine ironisch-lächelnde Schelte – ob subtil in grafischen Strukturen oder ziemlich deutlich in eruptiven Schimpforgien – gegen jene (un-)geschriebenen Gesetze, denen wir meinen uns ausliefern zu müssen.  

Controlling bedeutet zwar – in der letzten Phase des Wahlkampfs zur Nationalratswahl – nicht Wahlbeobachtung, aber sollte doch ein Statement sein zur Verfasstheit unserer Gesellschaft. Controlling kann auch als künstlerischer Einwurf zu den Evaluierungen verstanden werden, denen sich Kulturinstitutionen in letzter Zeit auszuliefern hatten; die Rechnung wird demnächst präsentiert werden.

Es weht also ein kräftiger Herbstwind gegen das „Kamma halt nix machen“, auch oder gerade weil eine Zeitdiagnose eines ausstellenden Künstlers hier lautet: „Wir leben in einem neuen Biedermeier“ (Klaus Mosettig). Heimatliche Idyllen, (davon werben nicht nur Wahlkampfplakate oder „spitzenpolitische“ Wandertouren der letzten Wochen), wie meisterlich mit Bleistift gezeichnete zwei Meter große Kuhfladen, werden plötzlich gekippt. Wie, das sehen Sie in den Minoriten-Galerien. Die richtige Zeit, der wir uns wohl oder übel fügen müssen – auch wenn wir den Minoritensaal besuchen – treibt ihren eigenen Zeitfluss voran und spielt mit unserem Zeitgefühl (Günther Pedrotti). Der anerkannte Münchener Soziologe Kurt Weis hält passend zu dieser Installation am 11. Oktober einen Vortrag zum Thema „Leben wir in Zeitgefängnissen?“. Sich durch Vernetzungen buchstäblich gefangen nehmen zu lassen, ist der künstlerische Kick von Constantin Luser (2005 Kunstpreisträger der Diözese Graz-Seckau) den wir im Priesterseminar präsentieren. Sein subjektives „mind-mapping“ wird in zwei Kuben, einem hellen und einem dunklen, von außen und von innen erfahrbar. Es gerät zur lustvollen „Augenfahrt“. Controlling kann schließlich auch Privates erfassen: Der von der KHG im Rahmen des Semesterschwerpunkts „Lebenskunst“ eingeladene Künstler Martin Bruch, der durch MS an den Rollstuhl gefesselt ist, zeigt mehr als tausend Schnappschüsse von geöffneten Kofferräumen. Zu sehen sind kurze Öffnungen eines privaten Stauraums, als „fahrbare Installation“ vom Laderaum eines LKWs aus projiziert, der an verschiedenen Orten in Graz geparkt werden wird.

Den Ausflug in andere Orte zeichnet auch die Reihe „Schreiben. Positionen aus Südosteuropa“ aus: „Women of the Ruins“, eine Klanginstallation sowie ein Frauen-Schrei- und Klagechor besetzen die Baulücke des abgebrochenen Kommod-Hauses am 14. und 15. September. In der gleichen Reihe liest Georgi Gospodinov, einer der bekanntesten bulgarischen Literaten, am 20. Oktober unter „Gaustín Goes Graz“: Der Künstlername ist übrigens ein Verschnitt aus dem Namen des italienischen Revolutionsführers Garibaldi und dem des Heiligen Augustinus. „Literatur vor Ort“ präsentiert am 19. September mit „Stiften Gehen die beiden jungen Autorinnen Linda Stift und Andrea Stift. Und die erfolgreiche Reihe „Spoken Poetry“ wird mit den irischen Rappers Stephen Murray und Neil McCarthy am 5. Oktober fortgesetzt.

Der Protagonist einer erweiterten postmodernen Musiksprache jenseits aller Beliebigkeit, Hans Zender, der im November für einige Wochen an der Grazer Musikuniversität lehrt, wird mit einem Geburtstagsgruß zu dessen 70. Geburtstag am 17. Oktober bei den Minoriten beehrt. ARIA – neue Werke für Frauenstimme (Pirjo Kalinowska) und Soloinstrument versammelt „die andere saite“ am 23. Oktober. Texte von Gottfried Benn, Hannes Waltl, Arno Schmidt, Olga Flor, und Sonja Harter bilden die Grundlage für Kompositionen von Hermann Markus Preßl, Peter Lackner, Elisabeth Harnik, Florian Geßler und Charris Efthimiou.

Für unser Junges Publikum ab fünf spielt das Theater Trittbrettl am 20. und 21. Oktober die japanische Legende von den „Drei Rätseln“. Tom Klengel zeichnet bei der Präsentation der zweiten CD-ROM der Kinderbibel, die – nach der Weihnachtsgeschichte –  dem Leben Jesu gewidmet ist, mit und für Kinder am 28. Oktober in den Minoriten Galerien.

Passend zu Allerheiligen (30. Oktober bis 1. November) schließlich findet Konrad Paul Liessmanns Herbstvorlesung in Kooperation mit der Akademie Graz zur „Zukunft – Über säkularisierte Heilserwartungen“ statt. Den ungedingten Willen zum Neuen, zur Zukunftsfitness, zum Wachstum, zu Zukunftsmärkten gilt es philosophisch kritisch unter die Lupe zu nehmen. Wenn Sie so wollen: ein reflexiver Lassowurf zu dem, was wir mit „Controlling“ begonnen haben.

Seien Sie herzlich willkommen.

 

Johannes Rauchenberger