Die Vortragsreihe wird von der Ausstellung von
Barbara Philipp: DAS SCHLARAFFENLAND umrahmt, die der Beitrag der
Minoriten zum Schwerpunkt "Paradies - Jagd nach dem Glück" von instyria.at
bildet.
Im Jahr 2003
begann die Zusammenarbeit des Kulturzentrums bei den Minoriten mit
WissenschaftlerInnen von Grazer Universitäten, gemeinsam rief man ein
neues Veranstaltungsformat ins Leben. Man wollte akademisches Nachdenken
und wissenschaftliche Diskussion an einen öffentlich kulturellen Ort
binden. Und es gelang. Auch dieses Jahr setzen wir mit der Vorlesungsreihe
„Überlebensstrategien“ den Diskurs mit Universitäten, Kultur und
Öffentlichkeit weiter fort.
In den
Blick geraten diesmal kreative Überlebensstrategien, mit deren
Hilfe Menschen in verschiedenen Lebensbereichen Wege zum Überleben finden,
und die dafür förderlichen oder hinderlichen gesellschaftlichen und
politischen Bedingungen.
Die
interdisziplinäre Veranstaltung geht damit einen weiteren Schritt hinter
die Frage nach dem „guten Leben“ („Puzzle Leben“ 2004) als Grundfrage
menschlichen Lebens zurück und bedenkt die Voraussetzungen dafür, dass
Menschen sich ethische Fragen zu stellen in der Lage sind und genug
Reflexions- und Handlungsspielraum besitzen, um soziale und politische
Verantwortung zu übernehmen. Grundlegende materielle Absicherung,
Zukunftsperspektiven Jugendlicher, barrierefreie Alltagsbewältigung, Leben
als MigrantIn, Bewältigung täglicher Herausforderung zwischen Familien-
und Berufsarbeit und die Tapferkeit und der Widerstand derer, die diese
offenen Fragen sehen und bearbeiten, sind die ausgewählten Themen aus
dem großen Feld der Überlebensstrategien von unterschiedlicher Gestalt.
Diese
interdisziplinäre Veranstaltungsreihe findet wiederum in einem
Kunstkontext statt, der jenes Umfeld thematisiert, an dem die genannten
Überlebensstrategien scheitern können: Die Welt des Massenkonsums, die
sich als immanenzerstickendes Paradies präsentiert. Die aus Graz stammende
und in den Niederlanden lebende Malerin und Performancekünstlerin
Barbara Philipp
verwandelt drei Räume der in den Minoriten Galerien in ein
„Schlaraffenland“. In ihm wird gepflückt, still gegessen und blind
imaginiert.
Markus Schlagnitweit ist Theologe und
Sozialwissenschafter (Schwerpunkt Sozialethik) und seit 2005 Direktor der
Katholischen Sozialakademie Österreichs.
Anschließend:Markus
Schlagnitweit
Überleben am Ende der Arbeitsgesellschaft: Grundeinkommen für alle!
Die aktuellen Verwerfungen in der Arbeitswelt kündigen das Ende der
neuzeitlichen, erwerbsarbeitszentrierten Gesellschaftsordnung an. Ein
Sozialsystem, das auf einer engen Koppelung von sozialer Sicherheit an
Erwerbsarbeit aufbaut, erscheint vor diesem Hintergrund dringend
reformbedürftig, ein Umbau in Richtung Relativierung der Bedeutung von
Erwerbsarbeit geboten – als mittel- bis langfristige Überlebensstrategie
des „europäischen Sozialmodells“, das sich bislang durch ein hohes Maß an
sozialer Sicherheit und politischer Stabilität bewährt hat.
Gerlinde Malli ist Soziologin und
Kulturantropologin. Gilles Reckinger ist Kulturantropologe. Diana
Reiners ist Kunsthistorikerin und Kulturantropologin.
Die Vortragenden sind VerfasserInnen der Studie „BÜRGERSCHRECK PUNK.
Lebenswelten einer unerwünschten Randgruppe“ (2006) im Auftrag der Stadt
Graz und arbeiten im Rahmen eines DOC-Team Stipendiums der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften an einem Dissertationsprojekt
über soziale Umbrüche in jugendlichen Lebenswelten.
Mittwoch
03.05. 19.00 Uhr Gerlinde Malli, Diana Reiners, Gilles Reckinger
Biografische Brüche Jugendlicher und ihre Umgangsstrategien
Welche Auswirkungen haben die gegenwärtigen gesellschaftlichen
Veränderungen auf die Lebensrealitäten Jugendlicher, wie gehen sie damit
um, welche Handlungsspielräume bleiben ihnen? Gerade Jugendliche scheinen
die Eigenschaften des „flexiblen Menschen“ zu verkörpern, anpassungsfähig,
belastbar, mobil und ungebunden zu sein. Anstelle von unbegrenzten
Wahlfreiheiten erwartet aber jene, die nicht über genügende symbolische
und ökonomische Kapitalien verfügen, Prekarität, Austauschbarkeit und
Entbehrlichkeit. In einer besonders sensiblen Lebensphase gefährdet die
Erfahrung der Uneinlösbarkeit des Erfolgsdrucks die kulturelle Identität.
Anomische oder selbstzerstörerische Reaktionen vertiefen aber die Spirale
der Marginalisierung sozial benachteiligter Jugendlicher.
Judith Schwentner ist Germanistin und
Slawistin und seit 2004 Chefredakteurin des „Megaphon“ in Graz. Klaus Starl ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter und
Geschäftsführer des Europäischen Trainings- und Forschungszentrums für
Menschenrechte und Demokratie in Graz.
Mittwoch 10.05. 19.00 Uhr
Judith Schwentner
Neuland
Alles hinter sich lassen und ankommen im Nichts: Wie (über)leben Menschen
in einem Land, in dem sie eigentlich nicht erwünscht sind. Was hilft
ihnen, sich zurechtzufinden, den Alltag zu bestreiten, ein Auskommen zu
haben. Welche sozialen Netzwerke fangen Menschen in dieser Situation auf
bzw. wie finden sie ihren Weg durch die ihnen fremde Gesellschaft?
Und: Was macht einen Megaphon-Verkäufer zum Megaphon-Verkäufer?
Klaus Starl Weltweite Migration und Menschenrechte
Die vielfältigen Ursachen und Motivationen für Migration stellen große
Herausforderungen an das globale, regionale und nationale
Menschenrechtssystem. Was kann das Menschenrechtssystem im Spannungsfeld
zwischen erwünschter „Mobilität“ und unerwünschter „Migration“ leisten?
Klaus Posch ist Soziologe, Psychologe und Theologe
und seit 2001 Studiengangsleiter „Sozialarbeit und Sozialmanagement“ an
der Fachhochschule Joanneum in Graz.
Elisabeth Katschnig-Fasch ist Volkskundlerin und lehrt am Institut
für Volkskunde und Kulturanthropologie an der Karl Franzens-Universität
Graz.
Mittwoch 17.05. 19.00 Uhr
Klaus Posch
Von der Tugend der Tapferkeit.
Überleben in der Sozialen Arbeit
Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sind berufsbedingt tagtäglich mit
dem „Elend der Welt“ konfrontiert: wirtschaftlichem, sozialem, psychischem
und existentiellem Elend, welches von ihren Klientinnen und Klienten
erlitten, erduldet aber auch hervorgerufen wird.
Das in der Sozialen Arbeit notwendige Engagement droht auf Seiten ihrer
Akteure stets in Überidentifikation zu kippen, welche der Feind
intelligenter Analyse und intelligenter Praxis ist. Auf Seiten der
medialen Öffentlichkeit wird soziale Arbeit je nach vermeintlicher
Stimmungslage in der Bevölkerung verkitscht, verteufelt oder lächerlich
gemacht. Sie sollte daher weitgehend ignoriert werden.
Um als Sozialarbeiter wirksam sein und zugleich psychisch und physisch
überleben zu können, müssen sie gegenüber ihren Klienten und Auftraggebern
und darüber hinaus sich selbst gegenüber achtsam sein und ihr Handeln
sorgfältig reflektieren.
Die Ethik der Sozialen Arbeit als eine Ethik der Hilfe zum Überleben und
des eigenen Überlebens hat ihre Grundlage demnach nicht in „Engagement“,
„Solidarität“ und medial inszeniertem sozialen Kitsch, sondern in der
Achtsamkeit ihrer Akteure gegenüber ihren Außen- und Innenwelten.
Elisabeth Katschnig-Fasch
Wider die Zerstörung
In diesem Beitrag soll das Gemeinsame der prekären Folgen der
„neoliberalen Invasion“ in den unterschiedlichen Feldern – ob in der
Familien- und Arbeitswelt, im Migrations- oder Behindertenbereich, im
Kunstfeld, in jenem der Jugendlichen oder im Bereich der Sozialarbeit
zusammenfassend verdeutlicht werden. So können die thematisierten
Überlebensstrategien als Widerstand im unmittelbaren Alltags- und
Berufsleben der Einzelnen verstanden und zu Strategien gebündelt werden –
schließlich kann sich erst durch das Erkennen des Gemeinsamen in der
Entwicklung des bedrohlichen Rückschritts ein kollektiver Entwurf zu einer
höchst dringlichen gesellschaftspolitischen Utopie formulieren.
Elisabeth List ist Philosophin und lehrt am
Institut für Philosophie der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Karl
Franzens-Universität Graz.
Sebastian Ruppe ist Germanist und Romanist und seit 2004
Leitungsassistenz am Zentrum für soziale Kompetenz der Karl
Franzens-Universität Graz.
Mittwoch 31.05. 19.00 Uhr Sebastian Ruppe, Elisabeth List
Überleben und Weiterleben mit Behinderung
Elisabeth List:
Was ist Behinderung?
Theoretische Modelle, Praktische Standpunkte
„Normales“ Leben, dann plötzlich Behinderung. Mit Elisabeth List und
Sebastian Ruppe kommen an diesem Abend zwei Angehörige der Universität
Graz zu Wort, deren Leben sich in einem Fall durch eine langsam
fortschreitende Erkrankung, im anderen Fall durch einen Unfall nachhaltig
verändert hat. Welche Überlebensstrategien entwickeln Menschen an solchen
Wendepunkten, wo bisherige Identitäten brüchig werden? Was rettet vor dem
Sturz ins Bodenlose, wie können neue Kraft, neuer Sinn und neue
Lebensperspektiven generiert werden auf dem Fundament einer in Frage
gestellten Körperlichkeit? Wie reagiert die Umwelt? Welche Rolle spielen
Staat, Gesellschaft und Politik für ein Weiterleben mit Behinderung?
Sonja Jagoditsch ist Psychologin, Harald
Lothaller ist Psychologe am Institut für Psychologie/Abteilung für
Sozialpsychologie an der Karl Franzens-Universität Graz. Beide sind an
einem Forschungsprojekt zum Thema Familie und Berufsarbeit beteiligt.
Sandra Beaufaÿs ist Soziologin am Institut für Soziologie an der
Karl Franzens-Universität Graz, Bereich Geschlechtersoziologie und Gender
Studies.
Mittwoch 07.06 19.00 Uhr
Sonja Jagoditsch/Harald Lothaller
Wenn Familie und Beruf kollidieren…Konsequenzen von
Vereinbarkeitsschwierigkeiten und praktische Lösungsstrategien
Die Zahl der freiwillig kinderlosen Paare in Österreich ist steigend. Aus
„Familie und Beruf“ wird vermehrt die Frage „Familie oder Beruf“. Beides
unter einen Hut zu bringen erfordert insbesondere von jungen Eltern große
Anstrengungen. Der Vortrag behandelt folgende Fragen: Wie erleben Paare,
die sich für Kinder und Karriere beider Partner entschieden haben, die
daraus resultierende Mehrfachbelastung? Welche Auswirkungen hat die
Mehrfachbelastung auf Familie, Beziehung und Gesundheit der Betroffenen?
Was sind für die Eltern erfolgreiche Strategien bei der Vereinbarkeit von
Familie und Beruf?
Sandra Beaufaÿs
AkademikerInnen als Eltern – Von der „Vereinbarung“ zur Verausgabung
In die Phase des beruflichen Aufstiegs von AkademikerInnen fällt in der
Regel auch die der Partnerwahl und der Familiengründung. Die
Lebensaltersspanne zwischen ca. 30 und 45 ist damit eine in jeder Hinsicht
extrem intensive Zeit – und dies gälte auch, wenn die besonderen
beruflichen Anforderungen und die Kleinkindphase nicht aufeinander treffen
würden. Hier von einer „Vereinbarkeit“ oder eine Balance zu sprechen,
trifft die Sache nicht ganz, so viel steht fest.
Bisher wurde dieses Dilemma vor allem als ein Problem von Frauen gesehen,
was es de facto auch ist, weil es ihnen zugeschrieben wird und sie es sich
z. T. selbst zuschreiben. In diesem Vortrag soll es um die
Zeitvorstellungen von young professionals gehen und damit um eine
Lebensform, die Familie oder soziale Beziehungen als wesensfremd
ausschließt. In diesem Credo und seiner praktischen Umsetzung liegt
gleichzeitig einer von vielen Selektionsmechanismen, der Frauen den Zugang
zu höheren Positionen versperrt.
VERNISSAGE +
PERFORMANCE Montag, 24. APRIL 19.00 Uhr
VORLESUNGSREIHE Mo 24. APRIL und Mi 03. + Mi 10. + Mi 17. + Mi 31. MAI und
Mi 07. JUNI jeweils 19.00 - 21.00 Uhr
VERANSTALTUNGSORT MINORITEN Galerien, 2. Stock, Mariahilferplatz 3, 8020
Graz
EINTRITT:
Für Studierende, die das Seminar mit einer Seminararbeit abschließen, ist
die Teilnahme kostenlos.
Abo für alle 6 Abende: EUR 20,-
Abo ermäßigt (für Studierende und Ö1-Club-Mitglieder): EUR 10,-
Einzelkarte: EUR 5,00
Einzelkarte ermäßigt: EUR 3,00
FREIES WAHLFACH FÜR HÖRERiNNEN ALLER STUDIENRICHTUNGEN
Diese Lehrveranstaltung kann von HörerInnen aller Studienrichtungen als
freies Wahlfach gewählt werden (LV Nr. 002.006). Dafür ist kontinuierliche
Anwesenheit und eine schriftliche Seminararbeit über ein Vortragsthema
eigener Wahl in Absprache mit dem Betreuer/der Betreuerin zu verfassen;
die Betreuung erfolgt durch die/den fachlich nächststehende/n
Universitätslehrer/in.
Information für Studierende: elisabeth.pernkopf@uni-graz.at oder 0316 380
6180
INFORMATION: http://www.minoritenkulturgraz.at bzw. 0316-711133-29
KONZEPT + WISSENSCHAFTLICHES LEITUNGSTEAM
Elisabeth List (Inst. f. Philosophie/Geisteswissenschaftliche Fakultät,
KF-Uni), Jörg Schaur (Inst. f. Molekularbiologie, KF-Uni), Helmut Hönig
(Inst. f. Organ. Chemie/TU), Gottfried Dohr (Inst. f. Zellbiologie,
Histologie und Embryologie, Med-Uni), Otto König (Inst. f. Dogmatik,
KF-Uni), Richard Sturn (Inst. f. Finanzwissenschaft u. Öffentl.
Wirtschaft, KF-Uni), Elisabeth Pernkopf (Inst. f. Philosophie/Theolog.
Fakultät, KF-Uni), Johannes Rauchenberger (Kulturzentrum bei den Minoriten)
GESAMTKOORDINATION Elisabeth Wimmer (Kulturzentrum bei den Minoriten)