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<< Home >> Kuratoren: Adam Budak/ Johannes Rauchenberger Die Ausstellung wird vom Polnischen Institut Wien mitunterstützt
1. April – 15. Mai 2006 Minoriten-Galerien im Priesterseminar, Bürgergasse 2, 8010 Graz
>> "Girls don't want to be Virgins": Interview von Joanna Zielinska mit Marta Deskur
Marta Deskur Foto (c) Marta Deskur
Geb. 1962, lebt und arbeitet in Krakau und Paris 2003 Biennale Prag; Neuer Berliner Kunstverein; Alexander Ochs Galleries, Berlin; Künstlerhaus Bethanien, Berlin, 2004 Art Basel: "Art Unlimited"; 2005 Prague Biennale |
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not to be touched: Farbe zur Unschuld bekennen Johannes Rauchenberger
Menschen, ihre sozialen Rollen, ihre Beziehungen zur Modernität, zur Identität, zur Spiritualität sind die Themen der 1962 geborenen polnischen Künstlerin Marta Deskur, die heute zu den innovativsten Schaffenden ihres Heimatlandes zählt. Ihre kritischen Annäherungen zu den Stereotypen von Familienbeziehungen, zu religiösen und identitätsstiftenden Codes haben eine unbeschwert feminine Schärfe. Das Kopftuch islamischer Frauen, scheinbare Uniformisierung, wird zum individuellen Schmuckstück, indem die Bilder auf Fliesen gebannt werden: eine Referenz an die Mosaikkunst des Orients. Während eines Künstlerstipendiums Deskurs 2002 am Berliner Kreuzberg mit der Videocamera anonym gefilmt, werden die Kopfformen dieser Frauen durch mehrfach gebrochenen Medienwechsel – von digital zu analog, von Videostill zu Industriefliesen – von Marta Deskur erneut anonymisiert und verewigt. Zwar bleiben Hüllen, Schalen nur übrig, aber als solche sind sie Bedeutungspromotoren, die keineswegs ausschließlich der westlichen Sicht einer erotischen Besitzergreifung bzw. ihrer Abwehr entsprechen, sondern in ihrer Wurzel, aus der das Kopftuch ja kommt, von einem „Gefühl der Sakralität“[1] (Olga Stanislawska) durchweht sind. Damit werden auch die Verhüllungsstrategien vor den heiligen Bildern und deren Inszenierungen der Sakralität aufgerufen. Doch Marta Deskur geht hier noch weiter. Ihre Ornamente sind körpervoll, doch ohne Gesicht. Auch die Kunst des Ornaments wurde in ihrer Entwicklung beeinflusst durch das Verbot der Darstellung der göttlichen Personen oder Gottes selbst. Die mystische Dimension von Marta Deskurs Bildinszenierung ist nicht nur der Ästhetik der Negativität verschrieben, sondern auch jener der A-Dimensionalität: Die gefüllten Körperhüllen sind auf weißen Fliesen, ohne Ort, wie einst das Gold: Sie schweben – und sind doch nicht Engelsköpfe. Nicht nur der Erinnerung wegen an die Kunst des Mosaiks, die im Orient, in der byzantinischen und in der islamischen Tradition ihre Hochblüte erreichte, sondern auch weil das Glitzern dieses Goldes sich in die Banalität der ewigen Reproduktionstechnik vervielfacht hat, ins immergleiche banale Ornament auf Badezimmerfliesen. „FANSHON“, der Titel der Arbeit, ist nicht nur ein Vorname, sondern bedeutet im Polnischen ein dreieckiges Tuch, das im Zuge alter polnischer Volkstrachten auch „türkisches Tuch“ genannt wird, weil es unter dem Kinn gebunden wurde und so den Hals bedeckte: eine Art das Kopftuch zu tragen, wie es bei den älteren Frauen am Lande auch in Österreich üblich war. „Fanshon“ ähnelt „fashion“, aber auch dem polnischen „fason“ (Stil, Mode). Diese Kopftuchfliesen werden in der Ausstellung im Grazer Priesterseminar unter der IHS-Decke zum ornamentalen Referenzpunkt religiöser Identitäten – und korrespondieren mit dem Schleier einer Nonne im letzten Ausstellungsraum, die ihre Identität mit ihren Fingern zärtlich streichelt: „Veil is my hair“. Es ist das Gleiche mit dem Schleier, hier wie da, nur ist dort das Thema anders aufgerollt. Der Nonnenschleier, einst (und für die Trägerinnen) ein sichtbarer Ausdruck der Hingabe an die göttliche Welt, hat in der radikalen Sexualisierung der Gegenwart eine Bedeutungssprengung erfahren, indem er ausschließlich als Symbol des Kontrasts rezipiert wird: als Absage ans Begehren. Doch hier sehen wir zwei Frauenhände, die ihr imaginiertes Haar ganz zärtlich fassen. Um nicht berührt zu werden, berühren sie ihr Haar, den Schleier. Voll Stolz über so viel Pracht. Haare, ja Haare, sind nämlich die verführerische Klammer dieser Ausstellung. Nicht nur der Schleier der Nonne, sondern auch „Engelshaare“ eines schwimmenden Mädchens. Das Eintauchen seines Körpers in das Wasser lässt dessen blonde Haare auf der Wasseroberfläche schweben, transformiert sich schließlich zur pathetisch-erotischen Geste einer Maria Magdalena, die die Füße trocknet: All das zu den Klängen von Chopin. Polnische Schwere, trunken von seinem Katholizismus, abgetaucht in dessen Urbilder, und ertrunken in dessen rigider Moral. So schlägt das Bild nämlich voyeuristisch um. Die Magdalena ist noch ein Mädchen, die Tochter der Künstlerin. Die Sünderin (von Lukas Sieben), die die Füße trocknet, kann ein Kind nicht sein, sondern schickt die Projektion an den Betrockneten – an uns – zurück. Zwischen die Magdalena und den Schleier der Nonne, der von den Händen seiner Trägerin gepflegt und zärtlich umkost wird, sind die Werke dieser Ausstellung gesetzt. Leuchtkästen einer konstruierten Familie, die biblische Vorbilder wachrufen: Heimsuchung, Verkündigung, Fußwaschung, Johannesminne, Abendmahl. Sie hinterfragen fest gefügte Rollen von Intimität und Erwartung. Aufgelöst werden die alten Rollen der Familie, die in Polen noch wichtiger sind als anderswo, - wir kennen diesen soziologischen und demografischen Prozess schon längst. Doch die Methode ist hier anders. Ausgerechnet mit jenen Bildmustern, die die Kirche als Institution ihre Eigen zu nennen schien, werden von Marta Deskur moderne Familienmuster vorgeführt: Mit christlichen Bildformeln, die sich nicht zu letzt auf Jesuszitate stützen: „Wer nicht Vater oder Mutter verlässt, ist meiner nicht wert.“ Oder: „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Diese neuen Bilder bilden auch ein Haus. Als Kind schon spielten das Mädchen und ihr größerer Bruder vor der Kamera „schreien“. Erwartungen und Projektionen werden hier auf eine subtile Weise auf die Probe gestellt, hinterfragt und hinterführt. Auf privater Ebene ebenso wie auf gesellschaftlicher. Das Kind, Projektion der Unschuld, wird zum Beispiel zum Ereignisort der Dämonie, wenn auch nur zum karikiert versuchten. THOU SHALT NOT KILL ist das liebevolle Beibringen des 5. Gebotes vom Vater an den Sohn, der wie alle Jungs Revolver liebt: „Töten, weißt du, töten ist ganz blöd.“ Und schließlich sind es die „Virgins“, die Akte schwangerer Frauen, die mit einer Sehirritation ein buchstäbliches Geheimnis weitertreiben. In die Tiefen der Schatzkiste katholischer Kirche gehört die Jungfräulichkeit Mariens, die freilich durch Tabuisierung und Verkitschung in Untiefen gekentert ist. Ein Großteil des katholischen Polen, so eine Umfrage vor kurzer Zeit, glaubt auch daran. Schließlich ist sie ein Dogma der katholischen Kirche. Mit sakralen Tabuthemen umzugehen, hat in der jüngeren Geschichte des katholischen Österreich (im Wiener Aktionismus) etwa das Bildfeld von Blut, Gewalt und Opfer eröffnet, hier hingegen werkt ein ganz anderer Ansatz. Das Thema der Virginität ist ein Thema der Reinheit, feministisch betrachtet auch des Schutzes vor dem sexuellen männlichen Zugriff. Marta Deskurs schwangere „Virgins“ sind voller Stolz auf ihre Fruchtbarkeit und auf ihr werdendes Leben im Bauch. Sie sind dargestellt in „Reinheit und Unschuld“, dem erotischen Blick entzogen. Und Mutterschaft ist schließlich „das schönste Geschenk im Leben einer Frau“ (M.D.). Doch niemand wollte für dieses Thema Modell stehen, denn „Girls no longer want to be virgins“[2]. Also trieb Marta Deskur dieses Dilemma auf künstlerischem Wege weiter. Denn die Akte sind für sie „geliehen“, es ist immer ihr Kopf, die kombiniert sind mit unterschiedlichen Körpern von Schwangeren, beginnend vom traumhaft „schlanken“, bis zum korpulent barocken: Jeder weiß, dass Jungfräulichkeit – die Theologen sind sogar noch weiter gegangen und haben das „post partum“ behauptet – und Schwangerschaft nicht zusammengehen. Doch die Mutationen, die uns ins Haus stehen, die Eingriffe in die Substanzen der Erbanlagen, sind hier nicht Spekulationen wissenschaftlicher Debatten, sondern werden vorgeführt am Körper der bevorstehenden Mutterschaft. „Virgins“ wird zur hintergründigen Metapher des Eingriffs, der in der Zeit der Entstehung heiliger Texte ein göttlicher war. Und auch hier werden wir still – des Umschwenkens der Bilder wegen, der vertauschten Rollen wegen und der Zuweisungen derselben, die eine Qualifizierung entfachen. „Um nicht berührt zu werden“ – werden wir berührt. Oder anders übersetzt: Wir müssen Farbe zur Unschuld bekennen.
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WILLKOMMEN in den MINORITEN GALERIEN Graz!
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