Der Aschermittwoch 2006 bei den Minoriten ist wieder als Zusammenspiel aller Künste geplant: ein Versuch einer offenen Totalität – paradox, ja – um der Totalität des Todes gerecht zu werden. Das Memento an den Staub an diesem Tag hatte vor einigen Monaten für die beteiligten KünstlerInnen einen einschneidenden Beginn: den Besuch der Grazer Feuerhalle. Aus dieser Erfahrung der Totalität entwickelte sich der künstlerische Abend, in Klang, Lesung, Tanz und Bild.



 

 


 

Konzept: Johannes Rauchenberger, Birgit Pölzl, Florian Geßler, Christian Klein, Eveline Koberg, Assistenz: Roman Grabner

>> Wenn wir brennen. SPECTRUM/DIE PRESSE, 4./5. März 2006, 1-2

>> Künstler: Nah am Leben, nah am Tod, Orientierung ORF 2, 6. 3., 3 Sat 9. 3. 2006. VIDEO ON DEMAND

>> Aschermittwoch-beilage, Sonntagsblatt Spezial, 26.2. 2006, 1-8(1,2MB)

>> VIDEO ON DEMAND: ORF Steiermark Heute (1.3.06)

>> Ö1, Künstleraschermittwoch bei den Minoriten

>> Salzburger Nachrichten, 12.4.06: "Faszinierende Stille"

>> Radio Soundportal (1.3.06)

SCHLAGWERK

 

vier epigramme“ (die flamme / das knirschen / die geburt / der tod): Christian Utz (Komposition), Berndt Thurner (Percussion)
Der in Wien lebende und an der Musik-Universität Graz lehrende Komponist Christian Utz erhielt für den Aschermittwoch einen Kompositionsauftrag für Schlagwerk und Live-Elektronik, den der Percussionist Bernd Thurner in „vier epigrammen“ (die flamme / das knirschen / die geburt / der tod) zur Aufführung bringen wird. Ausgangspunkt bildet die ausführliche Besichtigung der Feuerhalle sowie die Erkundung der rituellen und magischen Dimensionen des Schlagzeug-Spiels. Das Instrumentarium enthält nahezu keine traditionellen Schlaginstrumente mehr: Semantisch „geladene“ Klangobjekte wie Glas, Glocken, Holz, Stein, Styropor oder Aluminium werden vom Percussionisten Berndt Thurner in der Aufführung eingesetzt und spektral durch Live-Elektronik behutsam erweitert. Zudem treten in den epigrammen 1 und 3 rhythmisch aufgefasste konkrete Klänge (Flammen, Öfen, Gehen auf Kies und Schnee) als Spiegelbild zu den Schlagzeugklängen.


1) die flamme
symbol des todes (krematorium) wie der ekstase (skrjabin). brennender rausch und das "verzehren" durch die flamme stehen eng nebeneinander. die musik – beruhend auf ständig zu- und abnehmenden dichtegraden (hitzewellen) – geht an grenzen, wirbelt klänge, "erhitzt", entzündet, verbleibt aber gleichzeitig in der abstraktion einer den widersprüchlichen materialien abgelauschten spektralen grundfarbe.
2) der tod
glockenklänge, bei webern und mahler symbole zwischen idylle und tragik; "unharmonisches" spektrum der glockenklänge verweist auf die geräuschhaftigkeit des "knirschens" und anderer zuvor berührter klängen; der tod vielleicht als einzig denkbare "synthese", als verbindung der vereinzelten, beziehungslosen (klang/lebens-)stränge. jedenfalls kein requiem aeternam.
3) das knirschen
gehen auf den wegen des friedhofs, geräusche im ofen des krematoriums – dagegen die geräuschlose glätte der särge, die stille im kühlraum... klang kurz vor dem nicht-klang, "wie ein hauch", aber doch von beruhigendem gleichmaß. einfachheit; geriebene, geschüttelte, geritschte klänge, vertraute kargheit.
4) die geburt (für Raffaela, geboren am 17.1.2006)
zerbrechlichkeit, kostbarkeit des lebendigen symbolisiert durch glasklänge. skalen wie aus dem inneren eines körpers, bewegung des atems, laute wie herztöne, kontinuierliche bewegung.

 

Musik: Christan Utz, Komposition, Berndt Thurner Percussion: „vier epigramme“ (die flamme / das knirschen / die geburt / der tod)

 

LESUNG / FILM

 

Der in Deutschland lebende Autor und Georg-Büchner-Preisträger Arnold Stadler wurde im Rahmen dieses multimedialen Projekts mit einem Schreibauftrag betraut. Arnold Stadler, der u.a. auch eine eigene Psalmenübersetzung herausgebracht hat („Die Menschen lügen. Alle“) hat sich in seinem Werk intensiv mit dem Thema Tod beschäftigt und über die Jahre einen Stil entwickelt, der sich hintergründig zwischen Schwermut, Ironie, Verzweiflung und Wortwitz spannt. Er hat seinen Text mit „Kommen Sie in hundert Jahren vorbei, dann sehen wir weiter. Ein Besuch der Feuerhalle zu Graz. Es hätte aber auch Wien sein können. Oder Berlin“  betitelt. Additiv der Lesung zugeordnet sind die Videobilder von Richard Techt, der die Begehung der KünstlerInnen in der Grazer Feuerhalle gefilmt hat.

Lesung: Arnold Stadler (D): „Kommen Sie in hundert Jahren vorbei, dann sehen wir weiter. Ein Besuch der Feuerhalle zu Graz. Es hätte aber auch Wien sein können. Oder Berlin“. Abgedruckt am 4./5. März 2006 im SPECTRUM der Tageszeitung Die PRESSE, Wien.

 

Film: Richard Techt (A), Doku Besuch Feuerhalle

TANZ/PERFORMANCE

 

Zwei Künstler aus Slowenien, die Schauspielerin und Performerin/Tänzerin  Mojtina Jurcer so wie der Regisseur Saso Jurcer, erhielten den Auftrag das Thema Sterben und Tod in Bewegungssprache umzusetzen. Der ursprüngliche Sinn des Theaters ist für S. Jurcer nicht so sehr die Erkundung der menschlichen Horizontale der Alltäglichkeit, sonder vielmehr die der Dimensionen der Vertikale eines Lebens:
"Obwohl wir wissen, dass der Tod die letzte Station unseres Lebens ist, vergessen wir jeden Tag, dass unser Ende ein stilles Ausatmen sein wird.

Ich frage mich oft, was die Bedeutung der Bewegung zwischen Leben und Tod ist. Weniger oft fragt sich der Mensch, ob es Bewegung zwischen Tod und Leben gibt. Gibt es einen Kreis, der das letzte Ausatmen und erste Einatmen verbindet?

Der ursprüngliche Sinn des Theaters ist nicht so sehr die Darstellung der menschlichen Horizontale der Alltäglichkeit, sondern vielmehr die der Dimension, die von der Vertikale seines Lebens erzählt.
Und der Tod ist immer die Tür, die die Frage zur Wiederauferstehung öffnet.

Ich denke, dass das Theater ein möglicher Ort ist, wo der Mensch durch diese Tür gehen kann, erkunden kann, was geschehen wird. "

Sašo Jurcer
 

Performance: Mojtina  und Saso Jurcer (SLO)

AUSSTELLUNG

 

Madeleine Dietz,



Mit Madeleine Dietz,  Ernst-Barlach-Preisträgerin 2004, beteiligt sich für das Aschermittwoch-Projekt in der Sparte Bildende Kunst eine Künstlerin, die mit Materialien wie getrockneter Erde, Stahl, Lehm für künstlerische Transformationsprozesse bekannt geworden ist und sich jahrelang mit der Thematik des Todes auseinandergesetzt hat. Ihre gestalteten Abschiedsräume in Spitälern waren Initialzündungen und richtungweisend in Deutschland, eine Diskussion, die in Österreich noch aussteht. Für das Grazer Projekt zeigt sie eine Arbeit im Hof des Minoritenklosters „Wo du auch bist, dort will ich sein“ und gestaltet drei Räume mit Erde, Stahl und Licht. Die Gestalt eines Mädchens wandert beispielsweise in einem Raum von der Säule zur Wand: "Kein Wesen kann zu nichts zerfallen." Lichtfelder, die ein Grab markieren, scheinen durch ein Erdenfeld. Getrocknete Lehmziegel sind in einem Tresor verwahrt. Ein Video zeigt, wie eine pflegebedürftige, alte Frau gewaschen wird.
www.madeleinedietz.de

Franz Sattler


Franz Sattler ist Kunstfotograf und beschäftigt sich seit Jahren mit Friedhöfen und Abschiedszeremonien. Er wird eine große Anzahl seiner „Friedhof-Rhapsodie“, aber auch medial vermittelte Bilder des Todes, wie ein Begräbnis eines Mafiamordes in Palermo oder die gespenstische Ruhe eines Schiffes auf hoher See während der Tsunamikatastrophe 2004 zeigen.

 

Ausstellung: Madeleine Dietz (D), Franz Sattler (A)

 

VORLESUNGEN

 

TOD und TODESERFAHRUNG. Zur Sterbekultur in unserer Gesellschaft.
In Kooperation mit der Akademie Graz
 

 

 

THEATER MUNDWERK

 

        SPOONFACE STEINBERG


 
Theater Mundwerk zeigt "Spoonface Steinberg" von Lee Hall, aus dem Englischen von Michael Raab.

Was ist eigentlich der Sinn von allem, wenn du doch sterben musst? Bäume, Sträucher, Hungersnöte, der Krieg und das Unglück, die Bleistifte oder der Kugelschreiber: Was ist der Sinn all dieser Sachen?

Spoonface Steinberg zeichnet durch feinsinniges Spiel das Sterben eines autistischen Mädchens nach und offenbart dadurch einen faszinierenden Blick auf einen uns fremd gewordenen Umgang mit dem (eigenen)Tod. Uns vertraute Gefühle wie Angst, Hilflosigkeit und Mitleid bestimmen wesentlich das Verhalten der Eltern und vieler dem Kind nahe stehenden Menschen, nicht aber das des Mädchens. Mit einer wunderbaren Mischung aus Naivität und Weisheit begegnet das Mädchen dem Unfassbaren und lässt uns mit seinen Augen sehen. Untrennbar ist der Tod mit dem Leben verbunden. Mit der so scheinbaren Weltfremdheit einer Autistin stellt Spoonface immer wieder die richtigen und großen Fragen und findet für sich einen Weg, der jenseits von Angst und Verzweiflung vermag mit dem Tod Schritt zu halten.
 

THEATER FÜR ERWACHSENE UND JUNGE MENSCHEN AB 12

 

Schauspiel_ Nadja Brachvogel

Regie_ Martin Horn

Animation_ Marc Backhausen

Illustration_ Christian Pölzler

Der Autor Lee Hall, 1967 in Newcastle geboren, lebt heute als erfolgreicher Drehbuch-, Hörspiel- und Theaterautor in London. Er schrieb unter anderem das Drehbuch zu "Billy Elliot". Für die Uraufführung von "Spoonface Steinberg" 1998 als Teil der BBC Hörspielreihe erhielt er nahezu alle wichtigen Preise Englands (so auch die Auszeichnung "Bestes Stück des Jahres").