Der Aschermittwoch 2006 bei den Minoriten ist wieder als
Zusammenspiel aller Künste geplant: ein Versuch einer offenen Totalität –
paradox, ja – um der Totalität des Todes gerecht zu werden. Das Memento an den
Staub an diesem Tag hatte vor einigen Monaten für die beteiligten KünstlerInnen
einen einschneidenden Beginn: den Besuch der Grazer Feuerhalle. Aus dieser
Erfahrung der Totalität entwickelte sich der künstlerische Abend, in Klang,
Lesung, Tanz und Bild.
Konzept:
Johannes Rauchenberger, Birgit Pölzl, Florian Geßler, Christian Klein,
Eveline Koberg,
Assistenz: Roman Grabner
vier epigramme“ (die flamme / das knirschen / die geburt / der
tod): Christian Utz (Komposition), Berndt Thurner (Percussion)
Der in Wien lebende und an der Musik-Universität Graz lehrende Komponist
Christian Utz erhielt für den Aschermittwoch einen Kompositionsauftrag für
Schlagwerk und Live-Elektronik, den der Percussionist Bernd Thurner in „vier
epigrammen“ (die flamme / das knirschen / die geburt / der tod) zur Aufführung
bringen wird. Ausgangspunkt bildet die ausführliche Besichtigung der Feuerhalle
sowie die Erkundung der rituellen und magischen Dimensionen des
Schlagzeug-Spiels. Das Instrumentarium enthält nahezu keine traditionellen
Schlaginstrumente mehr: Semantisch „geladene“ Klangobjekte wie Glas, Glocken,
Holz, Stein, Styropor oder Aluminium werden vom Percussionisten Berndt Thurner
in der Aufführung eingesetzt und spektral durch Live-Elektronik behutsam
erweitert. Zudem treten in den epigrammen 1 und 3 rhythmisch aufgefasste
konkrete Klänge (Flammen, Öfen, Gehen auf Kies und Schnee) als Spiegelbild zu
den Schlagzeugklängen.
1) die flamme
symbol des todes (krematorium) wie der ekstase (skrjabin). brennender rausch und
das "verzehren" durch die flamme stehen eng nebeneinander. die musik – beruhend
auf ständig zu- und abnehmenden dichtegraden (hitzewellen) – geht an grenzen,
wirbelt klänge, "erhitzt", entzündet, verbleibt aber gleichzeitig in der
abstraktion einer den widersprüchlichen materialien abgelauschten spektralen
grundfarbe.
2) der tod
glockenklänge, bei webern und mahler symbole zwischen idylle und tragik;
"unharmonisches" spektrum der glockenklänge verweist auf die geräuschhaftigkeit
des "knirschens" und anderer zuvor berührter klängen; der tod vielleicht als
einzig denkbare "synthese", als verbindung der vereinzelten, beziehungslosen
(klang/lebens-)stränge. jedenfalls kein requiem aeternam.
3) das knirschen
gehen auf den wegen des friedhofs, geräusche im ofen des krematoriums – dagegen
die geräuschlose glätte der särge, die stille im kühlraum... klang kurz vor dem
nicht-klang, "wie ein hauch", aber doch von beruhigendem gleichmaß. einfachheit;
geriebene, geschüttelte, geritschte klänge, vertraute kargheit.
4) die geburt (für Raffaela, geboren am 17.1.2006)
zerbrechlichkeit, kostbarkeit des lebendigen symbolisiert durch glasklänge.
skalen wie aus dem inneren eines körpers, bewegung des atems, laute wie herztöne,
kontinuierliche bewegung.
Musik:
Christan Utz, Komposition, Berndt Thurner Percussion: „vier
epigramme“ (die flamme / das knirschen / die geburt / der tod)
LESUNG / FILM
Der in Deutschland lebende Autor und
Georg-Büchner-Preisträger Arnold Stadler wurde im Rahmen dieses
multimedialen Projekts mit einem Schreibauftrag betraut. Arnold Stadler,
der u.a. auch eine eigene Psalmenübersetzung herausgebracht hat („Die
Menschen lügen. Alle“) hat sich in seinem Werk intensiv mit dem Thema Tod
beschäftigt und über die Jahre einen Stil entwickelt, der sich
hintergründig zwischen Schwermut, Ironie, Verzweiflung und Wortwitz
spannt. Er hat seinen Text mit „Kommen Sie in hundert Jahren vorbei,
dann sehen wir weiter. Ein Besuch der Feuerhalle zu Graz. Es hätte aber
auch Wien sein können. Oder Berlin“ betitelt. Additiv der Lesung
zugeordnet sind die Videobilder von Richard Techt, der die Begehung
der KünstlerInnen in der Grazer Feuerhalle gefilmt hat.
Zwei Künstler aus Slowenien,
die Schauspielerin und Performerin/Tänzerin Mojtina Jurcer so wie der Regisseur
Saso Jurcer, erhielten den Auftrag das Thema Sterben und Tod in Bewegungssprache
umzusetzen. Der ursprüngliche Sinn des Theaters ist für S. Jurcer nicht so sehr
die Erkundung der menschlichen Horizontale der Alltäglichkeit, sonder vielmehr
die der Dimensionen der Vertikale eines Lebens:
"Obwohl wir wissen, dass der Tod die letzte Station unseres Lebens ist,
vergessen wir jeden Tag, dass unser Ende ein stilles Ausatmen sein wird.
Ich frage mich oft, was die Bedeutung der Bewegung zwischen Leben und Tod ist.
Weniger oft fragt sich der Mensch, ob es Bewegung zwischen Tod und Leben gibt.
Gibt es einen Kreis, der das letzte Ausatmen und erste Einatmen verbindet?
Der ursprüngliche Sinn des Theaters ist nicht so sehr die Darstellung der
menschlichen Horizontale der Alltäglichkeit, sondern vielmehr die der Dimension,
die von der Vertikale seines Lebens erzählt.
Und der Tod ist immer die Tür, die die Frage zur Wiederauferstehung öffnet.
Ich denke, dass das Theater ein möglicher Ort ist, wo der Mensch durch diese Tür
gehen kann, erkunden kann, was geschehen wird. "
Sašo Jurcer
Performance:
Mojtina und Saso Jurcer (SLO)
AUSSTELLUNG
Madeleine Dietz,
Mit Madeleine Dietz, Ernst-Barlach-Preisträgerin 2004, beteiligt sich für das
Aschermittwoch-Projekt in der Sparte Bildende Kunst eine Künstlerin, die mit
Materialien wie getrockneter Erde, Stahl, Lehm für künstlerische
Transformationsprozesse bekannt geworden ist und sich jahrelang mit der Thematik
des Todes auseinandergesetzt hat. Ihre gestalteten Abschiedsräume in Spitälern
waren Initialzündungen und richtungweisend in Deutschland, eine Diskussion, die
in Österreich noch aussteht. Für das Grazer Projekt zeigt sie eine Arbeit im Hof
des Minoritenklosters „Wo du auch bist, dort will ich sein“ und gestaltet drei
Räume mit Erde, Stahl und Licht. Die Gestalt eines Mädchens wandert
beispielsweise in einem Raum von der Säule zur Wand: "Kein Wesen kann zu nichts
zerfallen." Lichtfelder, die ein Grab markieren, scheinen durch ein Erdenfeld.
Getrocknete Lehmziegel sind in einem Tresor verwahrt. Ein Video zeigt, wie eine
pflegebedürftige, alte Frau gewaschen wird.
www.madeleinedietz.de
Franz Sattler
Franz Sattler ist Kunstfotograf und beschäftigt sich seit Jahren mit Friedhöfen
und Abschiedszeremonien. Er wird eine große Anzahl seiner „Friedhof-Rhapsodie“,
aber auch medial vermittelte Bilder des Todes, wie ein Begräbnis eines
Mafiamordes in Palermo oder die gespenstische Ruhe eines Schiffes auf hoher See
während der Tsunamikatastrophe 2004 zeigen.
Ausstellung:
Madeleine Dietz (D), Franz Sattler (A)
Theater Mundwerk zeigt "Spoonface Steinberg" von Lee Hall, aus dem Englischen
von Michael Raab.
Was ist eigentlich der Sinn von allem, wenn du doch sterben musst? Bäume,
Sträucher, Hungersnöte, der Krieg und das Unglück, die Bleistifte oder der
Kugelschreiber: Was ist der Sinn all dieser Sachen?
Spoonface Steinberg zeichnet durch feinsinniges Spiel das Sterben eines
autistischen Mädchens nach und offenbart dadurch einen faszinierenden Blick auf
einen uns fremd gewordenen Umgang mit dem (eigenen)Tod. Uns vertraute Gefühle
wie Angst, Hilflosigkeit und Mitleid bestimmen wesentlich das Verhalten der
Eltern und vieler dem Kind nahe stehenden Menschen, nicht aber das des Mädchens.
Mit einer wunderbaren Mischung aus Naivität und Weisheit begegnet das Mädchen
dem Unfassbaren und lässt uns mit seinen Augen sehen. Untrennbar ist der Tod mit
dem Leben verbunden. Mit der so scheinbaren Weltfremdheit einer Autistin stellt
Spoonface immer wieder die richtigen und großen Fragen und findet für sich einen
Weg, der jenseits von Angst und Verzweiflung vermag mit dem Tod Schritt zu
halten.
THEATER FÜR ERWACHSENE UND JUNGE MENSCHEN AB 12
Schauspiel_ Nadja Brachvogel
Regie_ Martin Horn
Animation_ Marc Backhausen
Illustration_ Christian Pölzler
Der Autor Lee Hall, 1967 in Newcastle geboren, lebt heute als
erfolgreicher Drehbuch-, Hörspiel- und Theaterautor in London. Er schrieb
unter anderem das Drehbuch zu "Billy Elliot". Für die Uraufführung von "Spoonface
Steinberg" 1998 als Teil der BBC Hörspielreihe erhielt er nahezu alle
wichtigen Preise Englands (so auch die Auszeichnung "Bestes Stück des
Jahres").