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MINORITEN LITERATUR GRAZ

 

 


 

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Fr 21. Oktober,
Sa 22. Oktober
jeweils 20.00 Uhr

Minoritensaal

Eintritt: 6,50/3,50

>> Havanna virtuell

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>> Teilnehmende KünstlerInnen

Havanna Virtuell

 

Von Carlos A. Aguilera

 

 

 

©C.Strobl

Vielleicht ist eine der großen Tugenden der zeitgenössischen Städte ihre Ortslosigkeit, eine Art Extraterritorialität, die uns durch Frankfurt spazieren lässt, als gingen wir durch eine Straße in New York oder in Kairo, als würde es sich für Momente um Rom handeln. Es ist tatsächlich so, wie der afrikanische Künstler Kingelez es dargestellt hat: Die klassischen Städte gibt es nicht mehr. Das heißt, sie existieren nicht mehr als kollektive utopische Schöpfung oder als „Traum der Vielen“. Was es aber jenseits der Städte und der großen Performances, die wir Berlin, San Francisco oder Barcelona nennen, gibt, dass sind die Bruchstücke, die sich jeder zu eigen machen kann, jene kleinen und wiederholten Gänge, die Landkarte, die jeder einzelne sich erstellen muss, um sich wiederzuerkennen. Aber wie oft hat uns jemand etwas, sagen wir, von Paris erzählt und wir hatten dabei den Eindruck, dass diese Person uns von einem Ort erzählt, an dem wir noch nie gewesen sind, von einer Art Gespenst oder noch-nie-betretenen-Stadt?

Hinzu kommt, dass sich die zeitgenössischen Städte, jenes Flechtwerk aus Grenzen, Sprachen und sozialen Rhizomen, das wir noch Stadt nennen, immer stärker verändern. Langsam füllen sie sich mit Ortsfremden und was früher eine Ecke war, an der man vielleicht den besten Apfelstrudel von ganz Österreich bekam (wenn wir an diese Art Dinge überhaupt glauben), so gibt es jetzt dort ein türkisches Café mit ecuadorianischen Besitzern, die einem dazu noch versichern, dass ihre italienische Küche jedem Vergleich mit einem venezianischen Restaurant standhält.

Ein wahres Chaos, wenn wir nicht aus der Physik und von solchen „Denkern“ wie Prigogine und Hawkings wüssten, dass es schon immer Chaos gab und dass es vielmehr darum geht, es lesen zu können und zu lernen, innerhalb und außerhalb des Chaos zu leben.

 

Aus diesem Grund ist der Versuch ein kleines oder virtuelles Havanna in Graz zu gründen nicht so verrückt, wie er anfangs erscheinen könnte. Die Kubaner sind wie die Juden, Zigeuner, Kurden, Pygmäen... aus politischen und sozialen Gründen dazu gezwungen worden, laufend ihren Ort zu verändern, und die Tatsache, dass man eine Art Nicht-Ort in einer anderen Stadt gründen kann, der nach der klassische Definition des Exils eigentlich von einer tragischen Aura umgeben sein müsste (der Verlust der Heimat, das Heimweh, die ständige Frage nach der Identität, der Kultur), hat sich für die „moderne“ Mentalität, die besser auf Ironie und Ortsveränderungen trainiert ist, fast in einen Triumph verwandelt. Und zwar in einen Triumph über den Nationalismus und die „schlechte“ Politik der despotischen Staaten. In einen Triumph über die „eindimensionale“ Auffassung der Dinge.

 

Ist diese Virtualität, von der ich spreche, eine andere Möglichkeit die Ideologie im 21.Jahrhundert zu sehen?

 

Ich bin mir dessen sicher und außerdem glaube ich, dass sie uns auch eine andere Möglichkeit in die Hand gibt, das Spiel der Mentalitäten zu verstehen, dem wir tagtäglich in den Zeitungen, im Fernsehen, in den Flugzeugen... ausgesetzt sind. Die Tatsache, dass wir unsere „Virtualität“ so schlecht verstehen, spricht weniger für eine reaktionäre Soziologie, die sich weigert die seitliche Bewegung der Dinge hinzunehmen, als vielmehr gegen das Trägheitstier, das wir alle in uns tragen. Diese Blindheit, die uns oft daran hindert zu erkennen, dass sich alles verändert, ist in Bewegung. Und gegen diese Blindheit, und gegen diese Orwellsche Verteilung des Denkens vereinen sich 6 kubanische SchriftstellerInnen (von denen zwei noch immer in Havanna leben), um eine zeitlang beieinander zu sein und sich gegenseitig in aller Ruhe zuzuhören, so als sprächen wir über Familienangelegenheiten und nicht über Literatur und Politik. Als wären wir nicht vor allem Kubaner, sondern durch Graz’ geheimen Zauber in wahre Engelchen an einem Christbaum verwandelt worden.
 

ÜBERSETZUNG UND MODERATION: Udo Kawasser
KONZEPT
: Carlos A. Aguilera, Rolando Sánchez Mejías, Birgit Pölzl
KOOPERATIONSPARTNER:  
steirisc[:her:]bst, Internationales Haus der Autoren Graz, Literaturzeitschrift LICHTUNGEN
Publikation: Carlos A. Aguilera (Hrsg.): Die leere Utopie. Intellektuelle und Staat in Kuba. Leykam, 2005 //  LICHTUNGEN 103. Dossier: „Havanna. Eine Anthologie“.