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SOME STORIES Künstlerinnen aus Ägypten, Algerien, Iran, Libanon, Palästina, Syrien und der Türkei zeigen in Film und Video Konstruktionen weiblicher Identität |
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Fr., 20. Mai, 19.30
Kuratoren: Róza El Hassan, Gerald Matt, Co-Kuratoren: Alois Kölbl/Johannes Rauchenberger In Kooperation mit der Kunsthalle Wien und dem Magazin 4 |
SOME STORIES wurde ermöglicht durch CROSSING CULTURES |
In der Videoausstellung kommen Künstlerinnen aus Ägypten, Algerien, dem Iran, dem Libanon, Palästina, Syrien, und der Türkei, die in ihrer Heimat oder außerhalb leben, mit ihren individuellen Erzählungen von Weiblichkeit zu Wort. Sie bewegen sich im Spannungsfeld von Tradition und Fortschritt, Regionalität und Internationalität, Exil und Immigration, religiösen Wertesystemen und säkularer Wertschöpfung und zeichnen in ihren facettenreichen Arbeiten unterschiedlichste Möglichkeiten von Identität. |
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Some Stories - Ausstellungstext von Gerald Matt
In der Ausstellung zeigen Künstlerinnen aus Ägypten, Algerien, Iran, Libanon, Palästina, Syrien und der Türkei Film- und Videoarbeiten. Damit wird ein bestimmter geografischer und kultureller Raum umrissen. Ein Raum allerdings, der nach Meinung der Künstlerinnen nicht als monolithisches gesellschaftlich-künstlerisches Zentrum von (islamischer) Machtausübung wahrgenommen werden sollte. Im Gegenteil: Die meisten Teilnehmerinnen von „Some Stories“ haben sehr bewegte Biographien, die vom Überschreiten sowohl geographischer wie auch mentaler und kultureller Grenzen geprägt sind: So zum Beispiel Lara Baladi, die in Beirut geboren wurde, in Ägypten und Frankreich aufwuchs, in London studierte und jetzt wieder in Kairo lebt. Und auch die anonym und unter einem fiktiven Namen auftretenden Schwestern Leila Nura, der Name heißt aus dem arabischen übersetzt soviel wie Nacht (Leila) und Licht (Nura) und spielt auf das Morgen- und das Abendland, aber auch das Licht der Aufklärung an. Leila Nura sind die Töchter eines syrischen Vaters und einer ungarischen Mutter, sie sind in Deutschland aufgewachsen und leben jetzt in Wien. Die Übersetzungsleistung, die ihnen der Alltag abverlangt, spiegelt sich auch in ihrer Kunst: Sie setzt sich genau deshalb kritisch mit Generalisierungen und Projektionen auseinander; sie weigert sich, einfache Definitionen und Zuschreibungen über Nationalität, Geschlecht oder Religion anzuerkennen. Keine der in „Some Stories“ vertretenen Künstlerinnen möchte als ,islamisch’ definiert werden. Zwei Künstlerinnen sind christlich und markieren damit die religiösen Unterschiede des Nahen Osten. Auch ,arabisch’ ist eine Definition, die nicht auf alle vertretenen Länder und Künstlerinnen zutrifft, die Türkei ist muselmanisch, der Iran persisch. Große geografische Einheiten und verallgemeinernde Zuschreibungen an Regionen werden gebrochen. Es geht darum, individuelle Erfahrungen, auch die der nomadisierenden Existenzen, in die Arbeit einfließen zu lassen und mit dekonstruktiven, ironischen oder analytischen Strategien das gesellschaftliche Umfeld des jeweiligen Aufenthaltsortes zu vermessen. Weg von den binären Modellen – Orient/ Okzident, Kolonisten/ Kolonisierte – und hin zu einem Weltentwurf, den man mit dem afrikanischen Befreiungstheoretiker Franz Fanon als „Kulturen in Bewegung“ beschreiben könnte. Eine These, die in postkolonialen Zeiten der Globalisierung an Prägnanz gewinnt und das Vorzeichen für nahezu alle hier vertretenen Arbeiten bildet. Man darf in diesem Zusammenhang auch an Homi K. Bhabha und seine These von der Vermischung der Kulturen denken: An jenen „Dritten Raum“, der sich als Zwischenraum der kulturellen Differenz jenseits von nationalen Grenzen auftut und auftun soll. Wie sehr nationale Grenzen zur lebensweltlichen Beschränkung werden können, die transformiert werden wollen, wird in der Biographie von Gülsün Karamustafa anschaulich: Istanbul, die Stadt, in der sie heute noch lebt, durfte sie aufgrund ihrer persönlichen politischen Haltung in den 70er Jahren für 16 Jahre nicht verlassen. Damit nimmt ihr Werk über Migration und Identitätskonstitution einen besonderen Blickwinkel ein. Es sind genau die nationalen Grenzen, die in ihrem künstlerischen Oeuvre häufig thematisiert werden, Grenzen, die Trennung und Leid symbolisieren, und deren Überschreitung ein existentieller Befreiungsschlag sein kann.
Die Arbeiten in „Some Stories“ oszillieren zwischen Bestandsaufnahme, Konzept, Narration und Fiktion. Momente der Dokumentation wie des Spielfilms können ausgemacht werden.
Bei Mona Hatoum, Amal Kenawy, Leila Nura und Zineb Sedira spielen autobiographische Schilderungen in Form von Selbstpositionierung, Innenraumkonstitution, psychoanalytischer Auseinandersetzung und der Darstellung von Mutter – Tochter Beziehungen eine zentrale Rolle. Hatoum mit „Measures of Distance“ und Sedira mit „Retelling Histories; my mother told me ...“ veranschaulichen, wie über Generationen hinweg Geschichte überliefert und Bedeutung geschrieben bzw. umgeschrieben wird. Im Zusammenspiel funktionieren beide Arbeiten wie ein Diptychon und berichten von politischen und menschlichen Extremsituationen, von Trennung, Sehnsucht und Exil: Mona Hatoum, die während des libanesischen Bürgerkriegs nach London emigrierte und Zineb Sedira, deren Eltern während des algerischen Befreiungskrieges in das Land der Kolonisten – Frankreich – auswanderten, schildern in ihren dialogisch aufgebauten Arbeiten Gefahren, Angst, Unterdrückung, Emanzipation, die Verlorenheit in der Fremde und die Sehnsucht nach Heimat in der transzendentalen Obdachlosigkeit. Was bleibt, sind menschliche Bindungen, Erinnerungen, auch Sentimentalitäten. Beide Künstlerinnen thematisieren ihre Beziehung zur Mutter und zeigen in subtilen Kommunikations-Dissonanzen, dass politische und gesellschaftliche Brüche auch quer durch die Generationen hindurchgehen: In Zineb Sediras Videoarbeit sprechen Mutter und Tochter verschiedene Sprachen: Sedira französisch, die Sprache der Kolonisten, und ihre Mutter arabisch, die Sprache der Kolonisierten. Mona Hatoums sehr intime und persönliche Arbeit, die von der These: „the personal is political“ ausgeht, spricht mit Bildern der nackten Mutter unter der Dusche Fragen von Weiblichkeit, Körperlichkeit und Sexualität vor der Folie des Politischen an.
Diana El Jeiroudi beleuchtet in ihrer dokumentarischen Arbeit „Al Qaroura (The Pot)“ den gesellschaftlichen Stellenwert von Schwangerschaft in Damaskus. Die Metapher des leeren Gefäßes, das in der syrischen Gesellschaft für die Frau steht und das durch eine Schwangerschaft gefüllt werden kann, hinterfragt El Jeiroudi durchaus ironisch. Der Fokus der Kamera richtet sich auf die Bäuche der schwangeren Frauen. Die Gesichter hingegen bleiben im Off und die Identitäten der von der Künstlerin interviewten Frauen werden nicht enthüllt. Auf den ersten Blick wirkt der Film wie eine Dokumentation. Erst beim genauen Hinsehen erkennt man die Strategie der subversiven Montage: So kombiniert die Künstlerin das Werbesujet einer Fluggesellschaft mit einer Stewardess und dem darunter stehenden Slogan „I’m always at your disposal“ mit einer ziemlich traditionellen Stellungnahme zur Mutterschaft. El Jeiroudi spielt mit der Dialektik von traditionellen und emanzipierten Formen von Weiblichkeit: sie konstruiert eine Laborsituation, in der die Kunst dissidente Konzepte zur Unterwanderung des ´schändlich Unwelthaften` (Toni Negri) in spielerischer Leichtigkeit entfaltet.
Die Arbeit von Leila Nura favorisiert einen konzeptuellen Ansatz: Die Schwestern werden im Video (und auch bei öffentlichen Auftritten) von einem Substituten, dem weißen europäischen Akademiker und Genderwissenschaftler Miklos Hadas ´verkörpert`. Die unterschiedlichen Lebensweisen und kulturell-gesellschaftlichen Imprägnierungen der beiden Schwestern - die eine pflegt den westlichen Lebensstil - die andere ist nach wie vor im traditionellen östlichen Milieu beheimatet - werden in zwei Monologen, gesprochen von Hadas, anekdotisch ausgefaltet. Der Text läuft auf zwei sich überlagernden Tonspuren in englisch und ungarisch als schwer verständlicher Bericht, der Unverständlichkeit als alltägliche Erfahrung dokumentiert und sprachliche wie kulturelle Übersetzungen problematisiert. Im zweiten Teil des Videos dominiert die Abstraktion: Monochrome Farbflächen wechseln einander ab und evozieren in ihrer Kargheit das islamische Bilderverbot. Eine Stimme erzählt in englischer Sprache mit österreichischem Akzent von einer ganz anderen Seite der verschleierten arabischen Frau, nämlich von der Erotik der Ver- und Enthüllung, der Intimität von Situationen, die nur in der radikalen Trennung von privat und öffentlich zu einer ungeahnten und exklusiven Nähe des Sehens und Fühlens führen. Eine Erzählung, die erotischer ist als das in islamischen Ländern zensurierte nackte Bildnis einer Frau. Leila Nura konfrontiert Modelle von Weiblichkeit in unterschiedlichen kulturellen Kontexten und bricht, durchaus provokant, mit dem Kodex der Angemessenheit einer östlich geprägten Lebensweise, wenn sie die gehütete Privatsphäre dem Publikum zugänglich macht.
Die Videos von Shirin Neshat, Gülsün Karamustafa, Amal Kenawy und Lara Baladi sind ornamentale, teilweise verspielte und manchmal arabeske Huldigungen an die orientalische Kunst- und Architekturgeschichte, die durch ihre ästhetische Herangehensweise beeindrucken – Schönheit als Brücke zwischen dem Spirituellen und der Banalität des Hier und Jetzt, als Möglichkeit der Transsubstantiation. Neshat und Karamustafa zeigen gesellschaftliche wie selbstaffirmative Rituale. Im Handlungsvollzug, im Spiel und in der Arbeit konstituiert sich hier die weibliche Identität zwischen Zwang, Obsession und Lustbefriedigung. Beide Arbeiten thematisieren die traditionelle Geschlechterordnung: Karamustafa beschreibt die Tätigkeit des Mädchens in „Folding“ als gehorsam und geduldig. Neshat schlägt aus der Geschlechtertrennung in der iranischen Gesellschaft in Bildern und Choreographien von berauschender Schönheit ästhetischen Mehrwert: Frauen, die in schwarze Burkhas gehüllt sind, bilden einen scharfen Kontrast zu einer Gruppe von Männern, die einen eingehüllten Körper durch eine karge marokkanische Landschaft tragen. „Passage“ als Übergang vom Leben in den Tod, eine ungewöhnliche, fiktive Beerdigung, die Religion als Ausdruck des Heiligen spürbar macht? Die langsame Kameraführung, das spartanische Geschehen, das jede Dechiffrierung im Vagen hält, lässt die Bilder vor der Musik von Philip Glass zur künstlerischen Pathosformel erstarren.
Motivische Zusammenschau: Neshat, Karamustafa und Kenawy stellen in ihren Arbeiten weibliche Hände in den Mittelpunkt. Bei Neshat die in der Erde grabenden Frauen, bei Karamustafa, die Hände, die Deckchen und Spitzen falten, bei Kenawy, die behandschuhten Hände, die ein schlagendes Herz gleichzeitig verletzen und verzieren. Frauen demonstrieren Aktivität, sie setzen sich ab von passiven Rollenzuschreibungen und erobern sich ihren Agitationsraum, der frei von männlichen Eingriffen besteht. Amal Kenawys Videotitel „The Room” ruft Virgina Woolfs “A Room of One’s Own” in Erinnerung und beschreibt einen individuellen und metaphorisch aufgeladenen Innenraum, eine Traumwelt zwischen Vergessen und Illusion. Symbolisch aufgeladen werden die Sezierinstrumente wie Schere und Nadel zu analytischen Werkzeugen des Geistes und das organische Herz zum Statthalter für Gefühl und Liebe.
Lara Baladis Arbeit, eigentlich eine Musikbox, wird gewöhnlich in einer kleinen schwarz-transparenten Plexiglas-Box gezeigt. Wenn man diese öffnet, startet das Video mit Musikbegleitung: Ein poppiges Sampling mit stereotypen Bildern einer arabischen Frau in einem japanischen Kitsch- Environment. In der Auflösung von Kunst und Kitsch, von Hi und Lo, von Oberfläche und Profundität manifestiert sich die Bruchstelle, die mitten durch die festgefügten traditionellen Wertsysteme verläuft und mit ihrer Massierung von Zeichen und Symbolen, die scheinbar nicht zusammenpassen, von alternativen Lebens- und Erfahrungsräumen künden, die in der Kunst prognostisch vorweggenommen werden. In der schnellen Abfolge von Bildern und Musik, die an MTV-Clips erinnert, tauchen immer wieder Bilder einer Weltkugel auf. Nicht zuletzt der Titel verweist auf das wohl erfolgreichste arabische Exportgut - „Shish Kebab“ (Lammkebab): Bildertaumel in der Epoche der Globalisierung als fremdartig-eklektizistische Revue von Zeichen und Klischees.
In „Some Stories“ geht es um die Dekonstruktion von Klischees, um die Differenzierbarkeit stereotyper Projektionen, um Überschneidungen kultureller Bildwelten, um eine befreiende Bildsprache, um Emanzipation oder um bewusste Entscheidung für Traditionen, um Räume der Weiblichkeit und um ein Ausloten lebensweltlicher, gesellschaftlicher und kultureller Realitäten, die kraft ihrer Kenntnis künstlerisch transformiert werden können. Es geht im Besonderen um weibliche Selbstermächtigung: um den Versuch, mit den Mitteln der Kunst einer minoritären Gruppe – den Frauen – in einem männlich dominierten Milieu eine Stimme zu verleihen. Denn, um noch einmal Homi Bhabha zu zitieren: „Das Recht zu erzählen, ist mehr als ein nur sprachlicher Akt. (c) Gerald Matt ist Direktor der Kunsthalle Wien www.kunsthallewien.at |
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