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SOME STORIES Künstlerinnen aus Ägypten, Algerien, Iran, Libanon, Palästina, Syrien und der Türkei zeigen in Film und Video Konstruktionen weiblicher Identität |
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Fr., 20. Mai, 19.30
Kuratoren: Róza El Hassan, Gerald Matt, Co-Kuratoren: Alois Kölbl/Johannes Rauchenberger In Kooperation mit der Kunsthalle Wien und dem Magazin 4 |
SOME STORIES wurde ermöglicht durch CROSSING CULTURES, ein Projekt des Afro-Asiatischen Institut, der KHG Graz und des Kulturzentrums bei den Minoriten
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In der Videoausstellung kommen Künstlerinnen aus Ägypten, Algerien, dem Iran, dem Libanon, Palästina, Syrien, und der Türkei, die in ihrer Heimat oder außerhalb leben, mit ihren individuellen Erzählungen von Weiblichkeit zu Wort. Sie bewegen sich im Spannungsfeld von Tradition und Fortschritt, Regionalität und Internationalität, Exil und Immigration, religiösen Wertesystemen und säkularer Wertschöpfung und zeichnen in ihren facettenreichen Arbeiten unterschiedlichste Möglichkeiten von Identität. |
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Zwischen Ornament und Protest. Angela Stief im Gespräch mit Róza El-Hassan
Angela Stief: Der Arbeitsprozess und die intensive Kommunikation während der Vorbereitung zur Ausstellung waren unüblich. Die Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen ging über eine Einladung zur Ausstellung und Auseinandersetzung über die Art der Installation hinaus. Die Künstlerinnen waren am Konzept mitbeteiligt. Du hast den Vorschlag gemacht, Auszüge aus der Email Korrespondenz mit den Künstlerinnen in der Ausstellung als die so genannte „Kritikwand“ zu zeigen, um den Arbeitsprozess transparent zu machen. Vielleicht kannst du ein paar Worte dazu sagen.
Róza El-Hassan: Manche Künstlerinnen haben die Einladung zur Ausstellung nicht angenommen oder nur unter bestimmten Bedingungen. Wir haben uns für einen Dialog geöffnet und sind auf einige Forderungen eingegangen. Es gab mehrere Grundprobleme, die sich auf die Region und auf die Frage, ob und wie man Identität und Kunst heute präsentieren kann, bezogen.
AS: Die Frage der Identität hat sich in Form von „ich bin gegen“ oder „ich will nicht, dass im Ausstellungstitel das Wort Islam oder Orient vorkommt“ dargestellt. Identitätskonstitution wurde von den Künstlerinnen in bezug auf geografische Generalisierungen und Religion zurückgewiesen. Hinterfragt haben wir auch, ob eine Ausstellung als Sprachrohr für eine unterrepräsentierte Gruppe (i. e. „die arabische Frau“) dienlich sein kann.
RH: Es sind allein drei sprachliche Regionen - Türkei, Iran und Arabien. In dieser Region leben Christen, Moslems aber auch andere Religionen nebeneinander. Natürlich haben sich die Künstlerinnen geweigert schematisch zusammengefasst zu werden. Die Künstlerinnen wollen sich weder als die arabische noch als die islamische Frau repräsentiert wissen, keine von ihnen will für eine Gruppe stehen. Das wäre dann wieder die koloniale Zuschreibung. Wir lassen zwar den Anderen sprechen, aber das Sprechen-Lassen ist selbst schon wieder patriarchalisch. Die Gruppe AES aus Moskau hat einmal ein Plakat mit dem Titel „Help is Violence“ gemacht. Was ich außerdem problematisch finde, sind generell Gruppenausstellungen.
AS: Kannst du das genauer erläutern, Themenausstellungen sind gerade jene Ausstellungen, wo sich kuratorische Arbeit zeigt.
RH: Ein fast willkürliches Zusammenwürfeln von Künstlerpositionen findet viel zu oft statt. Künstler protestieren dagegen und kommen aber meistens mit ihrer Kritik nicht durch. Eine Gruppenausstellung kann nur gut sein, wenn sie eng zusammen mit den Künstlerinnen entwickelt wird. In der Email Korrespondenz, die du und ich zusammen mit den Künstlerinnen geführt haben, zeigt sich zudem die zwischenmenschliche Dimension. Die Arbeiten von „Some Stories“ sind gut, die Auswahl der Künstlerinnen ist etwas zufällig und das Thema allgemein. Das kann ja nur oberflächlich sein, weil der Raum und die Vorbereitungszeit begrenzt sind. Wenn man das richtig gut machen wollte, müsste man zehn Jahre daran arbeiten. Das soll keine Selbstkritik sein, sondern Systemkritik.
AS: Die Künstlerinnen haben sich immer gesträubt unter einem gemeinsamen Nenner subsumiert zu werden. Sie haben Kraft und Zeit investiert, um adäquat repräsentiert zu werden. Groß war die Angst vor Missrepräsentation, die Angst in falsche Schubladen oder überhaupt in welche gesteckt zu werden. Ich habe den Eindruck, dass man die Energie, die kämpferische Haltung und den Aktivismus, den es bei uns in der Frauenbewegung oder in der 68er Bewegung gab, das spürt man jetzt von dort. Sie wollten zu ihrem Recht kommen, einen Raum füllen und beleben, sie wollten Aufmerksamkeit. Die intensive zwischenmenschliche Kommunikation trug zur Qualität der Ausstellung bei, sie verhinderte eine rein additive Zusammenstellung, dadurch passierte fast so was wie eine Animation des kalten technischen Mediums in einem anderem Medium, der Ausstellung.
RH: Du hast einmal in einem Text geschrieben, dass die Künstlerinnen aus „Some Stories“ Übersetzungsarbeit zwischen den Kulturen geleistet haben. Das ist ein sehr wichtiger Begriff. Es geht gerade darum, dass man seine eigene Position definiert und von den Schablonen wegkommt. Und wenn man zehn Jahre lang daran arbeitet eine autonome Kunst aufzubauen wie zum Beispiel Lara Baladi und dann plötzlich in eine ganz falsche Schublade wie die der moslemischen Frau gesteckt wird, dann stimmt da was nicht. Das ist genau so wie wenn man die christliche Frau in der zeitgenössischen Kunst zeigen will und sie in Österreich in der Generali Foundation oder in der Kunsthalle Wien sucht.
AS: Wir sind in einer Zeit der Globalisierung. Künstlerinnen, wie Lara Baladi, überschreiten in ihrer Kunst, aber auch in ihrer nomadischen Art zu leben, kulturelle Grenzen. Auf die Globalisierung bezieht sie sich kritisch. Die Künstlerinnen in „Some Stories“ wollen sich von regionalen und religiösen Zuschreibungen absetzen. Der Kurator versucht inhaltliche, stilistische oder ästhetische Merkmale zu finden, um die Zusammenstellung der Kunst zu begründen. Kunst ist immer an den Kontext gebunden, Kunst existiert nicht auf einer „Tabula rasa“, es gibt die Geschichte, den Alltag, Politik, Sprache, etc. Alles findet Eingang in die Kunst. Lässt sich Kunst überhaupt verglobalisieren, bleibt sie nicht immer spezifisch?
RH: Vor dem „Typischen“ haben die Künstlerinnen Angst. Edward Said sagte einmal, dass man das „Andere“ oder die „große Kolonie“, nur weil es nicht in Europa ist, nicht vereinheitlichen darf. Das Andere ist nicht immer gleich. Die Türkei ist nicht der Iran, Algerien nicht Libanon, etc. In einer so kleinen Ausstellung ist alles komprimiert und die Gefahr, ein Klischee zu produzieren, groß. Es ist immer schwierig Kunst und Religion zu verbinden. Trotz der postmodernen Theorien denken wir in progressiven Zeitstrukturen. Darin muss das Neue immer wieder begründet werden, die Innovation, die Kreativität und die subjektive Interpretation stehen dabei im Vordergrund. Religiöse Kunst hingegen will göttlich tradierte Werte bewahren.
AS: Um konkreter zu werden: in dem Video „Folding“ von Gülsün Karamustafa sitzt ein Mädchen in einem Berg von Stoffen, Tüchern und Borden, die sie endlos faltet. Da gibt es Wiederholungen, ornamentale Schönheit und ein eher tradiertes Frauenmodell.
RH: Ja, ein spirituelles Weltbild, es kann christlich, buddhistisch oder moslemisch sein, setzt voraus, dass es ein göttliches Handlungsmodell gibt, das durch unsere alltäglichen Handlungen bewahrt wird, zum Beispiel durch das abermalige Falten der Tücher in „Folding“. Das Mädchen erhält diese göttliche Ordnung. Von einer anderen, vielleicht radikal feministischen Seite, ist es in ihrer Rolle und in ihrem Zimmer eingeschlossen und dazu verdammt, endlos das immer gleiche zu tun.
AS: Eine Freundin von mir studiert im Goldsmiths College in London. Sie hat mir von moslemischen Künstlerinnen erzählt, die dort studieren und die nach islamischen Werten leben, d.h. kein Sex vor der Ehe, strikte Einhaltung der Kleiderordnung, etc. Sie setzen den Schleier als kämpferisches Ausdrucksmittel ein und wollen die eigene Gesinnung in die Öffentlichkeit tragen. Sie konfrontieren die liberale und säkularisierte Lebensordnung der westlichen Länder. Eine avantgardistische Künstlerausbildung trifft auf Bewahrung traditioneller Werte. Im Christentum würde das nicht funktionieren. Auch in der Ausstellung existieren eher tradierte Weiblichkeitsmodelle (Neshat, Karamustafa) neben ganz fortschrittlichen. Dieses offene Nebeneinander finde ich schön, es bietet aber auch Angriffsflächen. In einem Vermittlungsgespräch mit Studenten aus der Akademie gab es Kritik gegenüber diesen traditionellen Frauenbildern.
RH: In Budapest gab es eine Aktion, da wurden in einer Nacht alle Denkmäler im öffentlichen Raum schwarz verkleidet. Das haben europäische Feministinnen gemacht. Man wollte auf die Gefahr aufmerksam machen, dass der moslemische Einfluss in Europa zu stark wird. In Syrien gab es in den 70er Jahren angeblich eine weibliche Kommandogruppe des Militärs, die vom Hubschrauber aus allen Frauen die Schleier vom Kopf gerissen haben. Kann man unterschiedliche Wertesysteme direkt auf einander beziehen? Die Aggression bewirkt eher das Gegenteil und die Frauen ziehen sich hinter den Schleier zurück. Im westlichen Kunstbegriff haben sich die Wahrheit, das Rationelle und die Freiheit vor den Schönheitsbegriff gestellt -z. B. die Freiheit des Körpers im Wiener Aktionismus, oder die des Denkens bei Marcel Duchamp. Auch Arthur Danto schreibt, dass das Rationelle die Schönheit besiegt hat.
AS: Kunst hat auch die Rolle ein Refugium für Irrationalität, Fantasie, Fiktion, Traum und Vision zu bereiten. Das war das Problem mit dem die Avantgarde zu kämpfen hatte. Einerseits will sie politisch sein und sich auf das Leben beziehen, das L’art pour l’art wird verworfen. Andererseits verliert die Kunst, sobald sie gänzlich im Leben aufgeht, wie Peter Bürger schreibt, ihre Autonomie und ihren Vorsprung kritisieren zu können. Theodor W. Adorno hat sich entschieden für den Autonomiestatus der Kunst eingesetzt.
RH: Für mich stellt sich die Frage, ob der Tschador authentisch ist. Ist die Renaissance der Religion und des Schleiers ein wahrer Wert, der sich dem Kommerziellen widersetzt und gegen all das steht, was die philosophischen Konstruktionen heute nicht handhaben können, wie Pornographie, Internet und Drogen? Amal Kenawy entwirft auch Kleider, da verschmilzt die traditionelle Kopfbedeckung mit lockerem, humorvollen Design, das sehe ich es als autonome Geste. Sie fasst Tradition lustvoll auf. Politisch gefährlich ist die Fundamentalisierung von Religion und Tradition.
AS: Der neoreligiöse Zeitgeist scheint sich überall breit zu machen. Ist das aktuelle Beispiel, wo anlässlich des Todes des Papstes Millionen Menschen trotz zunehmenden Kirchenaustritten nach Rom pilgerten gesellschaftlicher Ausdruck einer Gegenbewegung zum Rationalismus, der Beschleunigung und dem Liberalismus der Welt? Du bist gerade aus Sharjah zurück, wo Jack Persekian die diesjährige Biennale kuratierte. Issa Toumas „International Women’s Art Festival“ und „International Photography Gathering“ und seine diversen anderen Aktivitäten in Syrien haben nicht nur dort, sondern auch international einen zunehmenden Erfolg. Wie ist der Erfolg von zeitgenössischer Kunst in arabischen Ländern zu begründen, steht sie dort für Befreiung und Emanzipation?
RH: Ich glaube neue Ausdrucksformen werden überall begrüßt. Viele Arbeiten sind Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins. Die Direktorin der Sharjah Biennale Hoor Al Qasimi hat in London studiert, sie trug einen Tschador. In Sharjah gibt es eine eigene arabische Postmoderne zum Beispiel in der Architektur. Verschmelzung von Moderne und Tradition passiert ganz unproblematisch, lokale Fluxus- und Konzeptkunst steht ebenfalls in Einklang mit Religion. Problematisch kann die avantgardistische aktionistische Kunst sein. Kuratoren und Künstler wurden sehr höflich gebeten, die lokale Kultur zu respektieren.
AS: Was heißt das?
RH: Ich weiß es nicht genau, ich war als Gast auch ziemlich befangen. Es wurden keine Arbeiten ausgestellt, die nackte Körperteile zeigen.
AS: Interessant, man würde eher Verbote gegenüber politischer Kunst, welche die Regierung und die Zensur in Frage stellt, vermuten.
RH: Nein, am Eingang des Museums war ein riesiger Slogan „Buy Foreigners!“ angebracht, welcher sich auf die lokale Situation der Gastarbeiter bezog. Der körperliche Befreiungsakt der 60er Jahre zum Beispiel in der Kunst von Carolee Schneeman, oder dem Wiener Aktionismus, wo Geschlechtsverkehr und Geschlechtsteile offen dargestellt wurden, war wichtig. Er drückt auch die Wut gegen scheinheilige zivilisatorische Formationen aus. Das fand im Schuldgefühl des zweiten Weltkriegs und Vietnams statt. Mit der Kenntnis der heutigen Mediensituation und der pornografischen Saturiertheit und Kriminalität stellt sich die körperliche Befreiung für Moslems und für religiöse Menschen ganz anders. Es ist die Frage, ob in den arabischen Ländern eine artifizielle, scheinheilige Neubelebung der Tradition stattfindet – so ähnlich, wie in den letzten Jahren hier in Österreich - oder, ob es sich um eine wertvolle Kontinuität handelt.
AS: Paul Ricoeur hat den Begriff der „narrativen Identität“ geprägt, der besagt, dass das Individuum die eigene Identität in seinen autobiografischen Schilderungen ständig um- und neu schreibt. Es gibt also keine wahre Vergangenheit. Identität schreibt sich mit jeder Erzählung neu. Sie wird als flexibles Modell verstanden. In der Ausstellung gibt es einige autobiografische Arbeiten. „Some Stories“ stellt schon im Titel die Erzählung in den Vordergrund. In islamischen Ländern ist die Tradition des Erzählens als Weitergabe von Wissen über Generationen hinweg präsent. In zeitgenössischen Videos von Fikret Atay, Zineb Sedira oder Mona Hatoum stößt man darauf.
RH: Das gibt es nicht nur in arabischen Kulturen - der albanische Künstler Anri Sala lässt unter anderem seine Mutter erzählen. Oral History ist eine Art des Politik Machens, fern ab von Ideologien. Die erzählende Person geht von der eigenen Lebenserfahrung aus. Es gibt Testimony Archives, die sich als Kontrollinstanzen zur offiziellen Geschichtsschreibung etabliert haben. In den letzten zehn Jahren ist die Art und Weise -Videos im „oral historical“ Stil zu machen - extrem viel verwendet worden, eigentlich zuviel. Das Video von Mona Hatoum hat einen wichtigen Platz in der Ausstellung, auch in bezug auf eine historische Position: es ist 1988 entstanden. Jüngere Künstlerinnen, wie Leila Nura oder Lara Baladi, setzen sich schon fast ironisch mit subjektiver Videonarration auseinander.
AS: In der Ausstellung sind nicht nur die Inhalte sehr divergent, auch die Erzählstile. Erzählung ist nicht gleich Erzählung. Es gibt neben den eher typischen „oral historical“-Videos von Hatoum und Sedira, die Arbeit von Diana El Jeiroudi, die ersteren im Setting sehr ähnelt, doch die großen politischen Geschehnisse wie Krieg und Exil streift sie nicht einmal, sie verweilt im Privaten. Amal Kenawys Arbeit ist poetisch, symbolisch und pendelt zwischen Fantasie und Traum. Ihr Symbolismus ist zwar subjektiv-autobiografisch, doch scheint mir, als stehe sie auf der anderen Seite der sprachlich basierten und dokumentarischen Videos der Ausstellung. Sie hat einen anderen Umgang mit Realität und Wahrheit. Leila Nuras Arbeit ist konzeptuell, denn die Idee des authentischen Erzählers wird untergraben, da die Künstlerin jemand anders für sich sprechen lässt, um anonym zu bleiben und um vielleicht gerade den Wahrheitsanspruch von Oral History abermals in Frage zu stellen. Video und Film sind die Medien par excellence für autobiografische Videonarrative. Es würde sich für Kunstwissenschaftler lohnen, deren Bedeutung neu zu prüfen.
RH: Wir hätten die Möglichkeit gehabt, die Ausstellung in Bregenz zu erweitern, anstatt acht 16 Videos zu zeigen und haben und uns dagegen entschieden. Die Technik ermöglicht uns endlos viele Geschichten mit Video zu erzählen. Es kommt darauf an, wie man ein Kunstwerk schafft.
AS: Roza, ich danke dir für das Gespräch.
RH: Ich danke für die gute Zusammenarbeit des Ausstellungsteams.
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