Johannes Rauchenberger,  "Stille dem Theaterdonner" (gekürzt), erschienen in: Vernissage 2/2005), dt/engl., wiederabgedruckt in:  in: Hanns Kunitzberger. Die Orte der Bilder. Malerei. Mit Texten von Klaus Albrecht Schröder, Maximilian Schell, Lázló F. Földényi, Hans Belting, Johannes Rauchenberger, Österreichischer Kunst- und Kulturverlag: Wien 2007, 242-245.

 

Die Frage ist: Hat H.K. eine These? Eine These natürlich im Sinne von Entwicklung der Kunst, von Innovation. These – um gleich medias in res zu springen – im Sinne von Originalität, deren Ende ja schon längst bekannt ist. Wir haben es von zentralen Thesenformulierern unserer Epoche mehrfach zur Kenntnis genommen. Ende, das heißt: Ende des Originals, Ende des Unikats, etwas länger schon: Ende der Auratisierung. So sagten wir einst: Aus. Fin. Fin du Jeu. Fin du Siecle.

H.K.s Malerei ist weder abstrakt noch monochrom, wenngleich sie auf den ersten Blick in diesen Sektor einer Sammlung gelangen würde. Sie gewinnt ihre Plastizität aus der feinen Nuancierung der dünn lasierten Farbschichten benachbarter Farbwerte. Wer sich für diese Art von Malerei entscheidet, stellt sich in den Schatten großer Revolutionäre, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Malerei nachhaltigst umgestalteten. Wer sich in die Nähe solcher Bilder malt, braucht einen besonderen Kick, die sagenumwobene Unsichtbarkeit der Sichtbarkeit sichtbar werden zu lassen, will man die schöne Monochromie nicht als eine alberne Wohnzimmerdekorationsästhetik entlarven. 

Mit dem Malen des Nichts, mit der Negation der Negation, mit der puren Materialität der Farbe haben die Bilder von H.K. natürlich nichts zu tun. Auf dem offensichtlichen Nichts etwas zu sehen haben uns verschiedene Thesen und Ausstellungen über Wahrnehmung gelehrt. Konstruktionen von Imagination, die sich aus einem Mix aus mathematischer Berechnung, Op-Art und Sinnestäuschung herleiten, sind aber noch einmal etwas anderes als die von H.K. behaupteten Abbilder auf seinen beinahe monochromen Bildern. Abbilder, das meint bei ihm ganz klassisch die Dreiviertelansicht, wie sie die europäische Porträtmalerei als „Bildnis und Individuum“ (G. Boehm) entwickelt hat. Die Kunst ist in der Geschichte immer dort weiter gekommen, wo sich Möglichkeiten einer formalen, materialen oder handwerklichen Erneuerung in einer künstlerischen Neulösung verwirklicht fanden.
 
Man kann sich fragen, was einen Künstler in Zeiten nach der Digitalisierung antreibt, ein Thema zu bearbeiten, das zwar so alt ist wie die  Malerei selbst, das aber vor rund 500 Jahren seinen entscheidenden Entwicklungsschub gemacht hat, als es galt das Individuum mit der zweitschöpfenden ars creatura darzustellen. Da hilft auch der Einwand H.K.s nicht, ihn interessiere nicht das individuelle Porträt (das man ohnehin nicht sieht), sondern, etwas verschleiernd, das „Bildnis“.

Die Versuchung ist groß, „Bildnisse“, wie sie hier gemalt werden, in eine Theorie der Erscheinung einzubetten, in die Dialektik ihrer gleichzeitigen Zurücknahme. Ebenso verführerisch zeigt sich die Versuchung, das Denken über Urbilder zu beleben. Platon wird seine Faszination nie einbüßen. 

Eine auf den ersten Blick bescheidenere Möglichkeit bietet sich als biografische Note H.K.s an. Der Entschluss Kunitzbergers vor rund neunJahren, ausschließlich für die Malerei und aus ihr – und dies in ziemlicher Abstinenz vom Kunstbetrieb – zu leben, ist dann nicht zu sehen als radikaler Entschluss oder als Bekehrung eines Spätstarters, sondern als konsequente künstlerische Weiterentwicklung seines ursprünglichen Metiers, aus dem er kommt: dem Theater. Aus dem Theater und der Bühnenbildgestaltung auszusteigen mag vielleicht eine Entscheidung gegen eine Welt des schönen Scheins und der raschen Illustration sein. Es ist aber nicht das Entkommen vor den oszillierenden Charakteren, die auf der Bühne ihr Wesen und Unwesen treiben. Die schwindelnden Höhen und unverzeihlichen Abgründe der conditio humaine sind und wollen nicht mehr sein als eine Spiegelung eines Bildnisses von uns selbst – auf dass die Bildnisse, um die es hier geht, erst nach einem langen Akt des Schauens und Schweigens in einen Donner der Überwältigung über uns einbrechen können. Das ist der Akt, den uns niemand abnimmt.

Was er mit dem Theater auch jetzt noch gemein hat: Das Erlebnis der Originalität. Man kann die Bilder von H.K. auch in Zeiten perfektester Technik nicht abbilden. Man muss sie leibhaftig sehen, um leibhaftig wieder etwas von der Kraft, die von einem Bild ausgehen kann, zu spüren zu bekommen. Die Perfektion in der Malweise hat wehende Farbflächen als Ertrag, Schicht um Schicht gemalt, auf rückseitig grundierter Leinwand. Es ist viel Zeit vonnöten, die Bilder anzuschauen und dem Künstler zu folgen in seiner These, dass er nichts anderes male, als „Abbilder“, „Bildnisse“: Ob uns dabei Velazquez’ Machtportraits oder Bellinis, Leonardos oder Raffaels Madonnen ins Gesichtsfeld rücken, ist nicht zu letzt auch ein Einfall kunstgeschichtlicher Liebe. Die Bilder können und sollen vielleicht auch in uns eine sacra conversazione entfachen, wenn die Schwelle der Zeit erst einmal genommen ist: jenseits einer Affirmation, jenseits eines Theaterdonners. Aber als Stärkung und Stille.


Johannes Rauchenberger

(gekürzter Beitrag von "Stille dem Theaterdonner", erschienen in: Vernissage 2/2005),
dt/engl., wiederabgedruckt in:  in: Hanns Kunitzberger. Die Orte der Bilder. Malerei. Mit Texten von Klaus Albrecht Schröder, Maximilian Schell, Lázló F. Földényi, Hans Belting, Johannes Rauchenberger, Österreichischer Kunst- und Kulturverlag: Wien 2007, 242-245.

 

 

Hanns Kunitzberger: image and portrait 
All you need for the “portraits” of Hanns Kunitzberger is – time. Apparent monochrome and abstract, Kunitzberger is painting images and portraits in the classical ¾ - view. A mother with her child, portraits, faces – but you can’t see it at once; these images seem to appear step-by-step. The paintings of Hanns Kunitzberger are not reproducible; the alert eye has to look at them with enough time. The perfectionism of painting shows up colorful surfaces, one coat of paint after another, silence combined with light. – A bench will be prepared.

H.K.’s painting is neither abstract nor monochrome although at first sight it might seem to belong in those sections of a collection. Subtle nuances created by the over-layering of thin glazes of closely related hues give it its plasticity. Anyone who selects such a style of painting places himself alongside the great revolutionaries who lastingly transformed painting around the mid-twentieth century. Anyone whose work seeks the company of such pictures requires a special quality if it is to visibilize the legendary invisibility of visibility without reducing fine monochromy to an aesthetic of living-room decoration.
Not, of course, that H.K.’s pictures have anything in common with the painting of nothing, the negating of negation, or with the bare materiality of paint. Various theories and exhibitions on perception have taught us to see something on a completely blank ground. But constructs of imagination based on a mix of mathematical calculation, op art, and optical illusion are not the same as what H.K. refers to as likenesses in his almost monochrome pictures. “Likeness” here must be understood in its classical sense of the three-quarter profile developed by European portrait painters as described by Gottfried Boehm in Bildnis und Individuum. Art-historical progress has always taken place where formal, material, or technical possibilities for renewal have been realized in a new artistic solution.
One may wonder what leads an artist in a digitalized era to tackle a topic that is as old as painting itself, yet whose seminal development occurred some 500 years ago at a time when it was a question of depicting the individual with the aid of creative art’s generative doubling. H.K.’s plea that he is not interested in the individual portrait (which one does not see anyway) but in a more veiled concept of the “portrait” is no help here, either.
One is strongly tempted to embed “portraits” of this sort in a theory of appearance or a dialectic of its simultaneous withholding. Recourse to theories of archetypal images is not less tempting. The fascination of Plato is perennial.
A biographical note offers what at first sight looks like a more modest option. Kunitzberger’s decision some nine years ago to live exclusively for and from painting (and with considerable ascesis vis-à-vis the art world) was not simply radicalism, or a late-starter’s conversion, but the logical artistic development of his original profession, namely, the theatre. Turning one’s back on theatre and stage-design may be to reject a world of beautiful illusion and hasty illustration. But it is no escape from the vibrant characters who go about their deeds and misdeeds on stage. The dizzying heights and unforgivable depths of the condition humaine are no more nor less than a mirror image of our own “portrait” — to the end that, after lengthy watching and silence, the thunder of the “portraits” we seek to grasp here can break in on and overmaster us. It is an act that nobody can perform for us.
What this still has in common with the theatre is the experience of originality. Even in an age of technological perfection H.K.’s pictures defy reproduction. One must see them bodily in order to bodily experience something of the power that can emanate from a picture. The yield of this painterly perfection? Wafts of colour, painted layer upon layer on reverse primed canvas. One needs a great deal of time to view the pictures and follow the artist in his premise that he is painting nothing but “likenesses”, “portraits”. Whether Velazquez’s or Bellini’s portraits of figures of power appear before one’s gaze, or Leonardo’s or Raphael’s Madonnas is not least a matter of grace and what one loves in art history. The pictures can also, perhaps they ought to, kindle in us a sacra conversazione, once time has been shorn of its edge: beyond affirmation, beyond theatrical thunder. As refreshment and silence.

Translated from the German by Christopher Jenkin-Jones, Munich


 

 

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Pressestimmen:
Salzburger Nachrichten, (18.4.2005)

Wertschöpfung der Blicke (Sonntagsblatt für Steiermark, 17.4.2005)

 

>> Die stillen Bilder des Hanns Kunitzberger (Orientierung, 25.6.06.). Wir stellten den Künstler im Vorjahr bei aktuelle kunst in graz aus.
>>Video on Demand

 

aktuelle kunst in graz 16./17.04. 2004

16.4.-8.5. 2005

Minoriten Galerien im Priesterseminar, Bürgergasse 2, 8010 Graz

Di-So 10-15 Uhr

 

Kurator: Johannes Rauchenberger