LITERATUR

 

TODESSEHNSUCHT. LEBENSLUST

Lesungen_Kathrin Schmidt und Josef Winkler

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Mag sein, dass der Große Minoritensaal der bedeutendste Grazer Barocksaal ist. Mag sein, dass er es nicht ist. Auf jeden Fall ist er imposant, gleichermaßen hässlich und schön, Gewicht verlangend von jedem, der auftritt in ihm. Dieser Saal also hat das Thema angestoßen: „Lebenslust. Todessehnsucht", eine Spannung, die das Barock wie keine Epoche geprägt hat, eine Spannung, die allen Kunstformen, besonders der Architektur und Literatur, zu Grunde gelegen ist.
Auf der Suche nach AutorInnen, die das Thema mit zeitgenössischen Mitteln ausloten, sind etliche SchriftstellerInnen ins konzipierende Auge gesprungen. Für den ersten Abend haben wir Kathrin Schmidt und Josef Winkler eingeladen, im barocken Ambiente des Großen Minoritensaales Lebenslust und Todessehnsucht literarisch auszufalten. Kathrin Schmidt wird aus der Gunnar-Lennefsen-Expedition, ihrem vielfach ausgezeichneten Debütroman, und einen Sonettenkranz lesen, Josef Winkler aus seiner preisgekrönten Novelle Natura morta.

Kathrin Schmidts Roman erzählt, esoterische, philosophische, mystische Bereiche berührend und prall von wunderbar ungehöriger Phantasie, die Geschichte der Schlupfburg-Sippe. Die junge Josepha Schlupfburg, Druckerin in einer thüringischen Kleinstadt, ist schwanger. Josepha möchte für ihr Kind eine Geschichte haben. So begibt sie sich mit ihrer Urgroßmutter auf die elf Etappen der „Gunnar-Lennefsen-Expedition", um sich an ihre Sippe zu erinnern. Auf einer imaginären Leinwand erleben die beiden Frauen Episoden aus der Familiengeschichte, die das Jahrhundert umfasst, von Ostpreußen bis Nürnberg reicht und aus einer endlosen Reihe strotzender Mütter, unehelicher Kinder, erregter und anschließend abwesender Väter besteht. Die Frauen scheinen alle über paranormale, kinetische oder hexenhafte Fähigkeiten zu verfügen. Mit äußerster Genauigkeit werden die biologischen Vorgänge in den Bäuchen der Schlupfburg-Frauen geschildert, die Darstellung der symbolhaft-seltsamen Fruchtbarkeit und Fraulichkeit nimmt geradezu groteske Züge an.

Dieser Prallheit konträr liegt Josef Winklers römische Novelle „Natura morta", eine grandiose Übung der Vergänglichkeit, die in einem archaisch anmutenden, seltsam aus der Zeit genommenen Erzähl-Tableau unersättliche Traurigkeit erzeugt, zugleich aber wie in einem Vexierbild die andere Seite zeigt, die Schönheit, die in dieser Traurigkeit liegt, die Wollust und Lebensgier, die im Schrecken und Schmerz Platz greifen.

Die Novelle beschreibt die Händler und Kunden des Marktes auf der Piazza Vittorio Emanuele, wo Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch feilgeboten werden, und Besucher des Vatikans. Unter ihnen befinden sich eine Feigenverkäuferin und ihr sechzehnjähriger Sohn Piccoletto. Die meisten anderen der vielen, oft nur kurz beschriebenen Personen erhalten Konturen nur in Hinsicht auf ihre visuelle Oberfläche und in Hinsicht auf die Tätigkeiten, die sie verrichten. Der innere Zusammenhang wird über die Szenerie hergestellt: Überall hängen ausgeweidete Tierkadaver herum, fließen Blut und andere Körpersäfte, springen überreife Früchte auf oder verfaulen langsam, bis Piccoletto zum Schluss stirbt.

Lebenslust und Todessehnsucht sind die Felder, die Kathrin Schmidt und Josef Winkler mit ihren Texten höchst eindrücklich bestellen. Freilich gibt es innerhalb der Texte Kippbewegungen, Einsprengsel, dialektische Sprünge, die das Angerissene und Ausgereizte für Momente ins Gegenteil kehren, um auf dieser Folie die jeweils dominante Tönung zu akzentuieren.

Akzentuierungen unternimmt auch die für den Abend ausgewählte Musik, die sich in die Lesungen hineinverweben wird. Eine Bach-Kantate („Mein Herze schwimmt im Blut") und Lieder Anton Weberns greifen Anstöße der gelesenen Texte auf und werfen Licht aus anderer Zeit auf diese Texte zurück. Todessehnsucht oder Lebenslust? Das Entweder-Oder zerbricht, das Sowohl-als-auch klingt auf.

Das Kammerensemble „szene instrumental" unter der Leitung von Wolfgang Hattinger spielt die barocke Kantate auf Originalklanginstrumenten. Solistin im Gang durch die Zeiten ist die Wiener Sopranistin Ingrid Haselberger.

 

 


© Christina Schwichtenberg
Josef Winkler
geboren 1953 in Kamering bei Paternion/Kärnten, lebt und arbeitet in Klagenfurt/Österreich. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise, u.a. Berliner Literaturpreis (1996). Bettine-von-Arnim Literaturpreis. Bodensee-Kulturpreis (2000). Otto-Stoessl-Preis (2000). Alfred-Döblin Literaturpreis (2001).
Veröffentlichungen (Auswahl): Menschenkind, Roman (1979); Der Ackermann aus Kärnten, Roman (1980); Muttersprache, Roman (1982); Das wilde Kärnten (1984); Der Leibeigene, Roman (1987); Friedhof der bitteren Orangen, Roman (1990); Das Zöglingsheft des Jean Genet, Roman (1992); Domra. Am Ufer des Ganges, Roman (1996); Wenn es soweit ist, Roman (1998); Natura Morta, Novelle (2001).

© Nina Scherner
Kathrin Schmidt

geboren 1958 in Gotha, aufgewachsen in der DDR. Zunächst Studium der Sozialpsychologie in Jena, dann Arbeit als Diplompsychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin, schließlich freie Autorin.
Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. Leonce- und Lena-Preis, Lyrikpreis der Stadt Meran, Förderpreis des Heimito von Doderer-Preises, Droste-Preis der Stadt Meersburg.
Bibliographie,(Auswahl): Poesiealbum (1979); Gedichte (1982); Ein Engel fliegt durch die Tapetenfabrik, Gedichte (1987); Flußbild mit Engel, Gedichte (1995); Die Gunnar-Lennefsen-Expedition, Roman (1998); Go-In der Belladonnen, Gedichte (2000); Koenigs Kinder, Roman (2002)

 

 

 

 

 


Mi 24. Nov. 2004
20 Uhr

MINORITENSAAL

Eintritt:

EUR 11,-/7,-

 

szene instrumental
Ingrid Haselberger, Sopran
Gertraud Wimmer, Traversflöte
Rainer Ullreich, Barockvioline
Veronika Spalt, Barockvioline
Deborah Ullreich, Barockviola
Elisabeth Taschner, Barockvioloncello
Kurt Gold-Szklarsky, Cembalo

Leitung
WOLFGANG
HATTINGER, Klavier