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Bernhard
Tockner schreibt Gedichte. Oft reichen ihm wenige Zeilen, um Erinnertes,
Beobachtungen von Alltäglichem, Selbstverständlichem wie beiläufig zu
formulieren. Allerdings hat die Tocknersche Beiläufigkeit Haken: Sie ist
schräg angeschnitten, gedreht, in Schieflage gestellt. Heißt: Bernhard
Tockner gelingt es, Alltägliches, Selbstverständliches wie beiläufig um-
und neuzuschreiben. Das ist für einen Lyriker ein Kompliment. „Gehobener
Misthaufen:/auf einem Abhang über der Straße,/Seitlichkeit/unter einer
großen Plakattafel."
Etliche Gedichte durchsetzt Bernhard Tockner mit Irritationen,
Kippbewegungen, Sprüngen – oft in Form von metaphorischen Verstrebungen
(„Häuslichkeit den Sonnenschirmen!", „Benimmt sich die Beleuchtung?",
Benehmen ist in den Bewegungen"), die den Texten absurd-surreale,
traumähnliche Volten verleihen.
Einige Gedichte sind formal dem Haiku, dem Aphorismus nahe und verzichten
auf besondere klangliche und rhythmische Strukturierungen. Andere basieren
auf Wiederholungsmustern, auf Assonanzen und Alliterationen etwa und auf
Inversionen. Über allem aber liegt das Elliptische, die Aussparung, die
Verknappung: keine Silbe, kein Strich zuviel. Darüber gerät man immer
wieder in Erstaunen: Wie in dieser Knappheit das Anders- und
Neu-Konstellieren von Wahrnehmung gelingt. Man könnte das als poetische
Arbeit bezeichnen und weiter poetische Arbeit als gespannt und im Fluß:
als Paradox Sein. „Aus dem Anschauen kämpft man sich weiter,/kämpft man
sich mit,/werden ein Zubehör dann die Augen,/in Tallage liegt das
Angeblickte,/wie Wegwerfmanöver die Blicke;/durchruht das Zweifeln,/leben
die Arme."
Birgit
Pölzl
Ein
scheinbares Charakteristikum der improvisierten Musik ist wohl, dass im
voraus nichts darüber gesagt werden kann.
Aber um einen für die BesucherInnen (und Akteure!) hörens- bzw. (er)lebenswerten
Abend zu gestalten, ist so etwas wie eine formale Architektur, zumindest
ein grober Strukturplan nötig, der sich in diesem Fall an zwei fixen
Ausgangspunkten orientiert: an den Gedichten Bernhard Tockners in ihrer
festgelegten Abfolge sowie am verwendeten Instrumentarium: sämtliche
(gebräuchliche) Mitglieder der Saxophonfamilie, Sopran-, Alt-, Tenor- und
Baritonsaxophon kommen im Laufe des Abends zu Wort. Die kompakten Texte
werden scheinbar eingebettet in einen mal dichteren mal lichteren
Klangraum; der Versuch, gegenüberzustellen, zu verbinden, zu verweben,
einen Fluss zu erzeugen, zu schweigen, einen gemeinsamen Atem von Text und
Musik zu schaffen ist Programm. Assoziationen, Ironisierungen,
kontrastierende semantische Ebenen sind gewollt, liegen aber, so denke
ich, doch weitgehend „im Auge des Betrachters".
Vielleicht „Souveräne Zumutungen" eines (bzw. zweier)
„Genussmittelpoeten", auf alle Fälle der Aufruf: „Ein Blumenmeer gegen den
Zimmerbrand!"
Aber: auf jeden Fall keine Vertonung.
Florian
Geßler
BERNHARD TOCKNER
geboren 1967 in Bad Aussee; lebt in Graz; Veröffentlichungen im ORF und in
Literaturzeitschriften, u.a. Manuskripte, Lichtungen. 1. Preis:
Lyrikwettbewerb der Akademie Graz; Literaturstipendien des Bundes, des
Landes Steiermark und der Stadt Graz.
FLORIAN GESSLER
geboren 1972, aufgewachsen in Ravensburg; erste Kompositionen und
Jazzarrangements ab 1986, lebt seit 1993 in Graz: Kompositionsstudium.
Unterrichtet seit 1998 an der Kunstuniversität Graz (Musiktheoretische
Fächer sowie Improvisation). Seit 1999 als Ressortleiter im Bereich „Neue
Musik" für das Kulturzentrum bei den Minoriten tätig. Kompositionen für
unterschiedlichste Besetzungen und Anlässe. Führt, so sagt man, ein
geruhsames Leben. |
M. 
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