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Ein Mehrspartenprojekt von Minoriten KULTUR Graz

 

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LITERATUR

 

 

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Im ersten Moment der postejakulatorischen Niederlagsdepression schwört man sich: Nie wieder! Nie mehr Fußball. Aus!, doch schon ein paar Stunden später ist es wieder da, das Hättmawamasamma-Vieh, grast alles ab und blökt: Hätten wir eine andere Auslosung gehabt, hätte der Stürmer Haas, nicht der Pudding, den einen oder anderen reingetan, hätte der Torhüter Konsel, nicht der Esel, noch gespielt.
Franzobel bringt literarisch auf den Punkt, was Fußball-Entbrannte in unterschiedlichsten Tönungen auf einer nach oben offenen Leidenschaftsskala zum Ausdruck bringen. Unter den Entbrannten gibt des, dem Fußball-Himmel sei Dank, Autoren, die diese Tönungen literarisieren. Jetzt trägt dieser Körper mehr Flicken als ein Clownskostüm, und der, der einst ein Akrobat gewesen, ist jetzt eine lahme Ente, der Künstler ein Idiot: "Hat der denn Scheiße an den Füßen?" fasst Eduardo Galeano eine andere Volte der Niederlagsdepression. Die Beispiele ließen sich fortführen und beglückten Fußball-Entbrannte und Literaturliebhaber. Die gibt es, auch dafür sei dem Fußball-Himmel gedankt, nämlich beide und beide gar nicht so selten in Personalunion. Selbstverständlich gibt es auch die lächerlich herrische Geste, die Sport und Literatur scheidet. Sie verhielten sich wie "zwei feindliche Brüder", sie seien inkommensurabel, weil der Sport "ungleich einfacher, primitiver, oberflächlicher, direkter sei", sagt sie. Ein Blick auf die Literatur, die sich Fußball zum Gegenstand nimmt, ein Blick auf die Übertragung eines guten Spiels erübrigen jegliche Antwort.

Wie schaut nun Literatur, die sich mit Fußball auseinandersetzt, aus? Sie bevorzugt die kleine Form, präzise Pässe über das Literaturfeld gesetzt, agiert verspielt, Dribblings, Drehungen und sie ist (selbst-)ironisch. Geschrieben wird sie (noch) von Männern. Es gibt keine Autorin, die sich literarisch mit Fußball auseinandersetzt. Eduardo Galeano, Franzobel, Nick Hornby, Jürgen Roth, Werner Krause falten die Miniatur von der Glosse über den Kommentar bis zur Erzählung aus und das in je anderer ironischer Schattierung. Ironie ist das Lebenselexier der Texte. Sie sind ja von Entbrannten geschrieben und Entbrannte wissen, dass sie ohne Selbstironie Fundamentalisten sind oder Schulmeister. Ironisch in der Konzeption ist auch Thomas Brussigs Monolog eines Fußballtrainers und Thomas Glavinics Roman Herr Susi.

Thematisiert werden, aber das liegt auf der Hand (oder dem Rist), die Rolle des Fans, des Spielers, des Trainers, des Funktionärs, verglichen wird das Fußballspiel sehr oft mit einem religiösen Akt, einer Messe, die literarisch als Möglichkeit der Weltausgrenzung auf Zeit (Verdichtung, Hochgestimmheit) inszeniert wird oder als Kompensationsmöglichkeit für gesellschaftliche Defizite und Einengungen. Zum anderen nimmt die kritische Auseinandersetzung mit Fußball breiten Raum ein. Fußball ist dabei von Ideologie durchsäuert, als Profitquelle erschlossen, politisch indoktriniert oder schlicht Mittel der Weltflucht.

Auf Feldern spielen beide: Fußball und Literatur. Nicht zuletzt deshalb haben wir Hannes Kartnig und Rudi Roth, die Präsidenten der beiden Grazer Fußballvereine, eingeladen, Texte aus der Weltliteratur des Fußballs zu lesen, Rudi Roth wird aus Eduardo Galeanos Der Ball ist rund lesen und Hannes Kartnig aus Nick Hornbys Fever Pitch. Ballfieber. Die Lesung der Präsidenten ist gleichsam der Ankick zu einem fulminanten Spiel Literatur und Fußball, an dem Franzobel, Thomas Brussig, Thomas Glavinic und Jürgen Roth teilnehmen werden, um aus ihren Fußball-Werken zu lesen. Zu diesem Spiel haben wir auch Kurt Palm und Werner Krause geladen. Sie werden, als Coachs, einen Fußball-Abend unter dem Titel Denn jedes Leder hat eine Seele verantworten. Schreibaufträge zum Thema Fußball wurden an zwei junge Grazer Literaten vergeben: Johannes Schrettle und Robert Riedl. Auch sie werden im Rahmen des Spiels Fußball-Literatur präsentieren.

Das Spiel vernetzen wir mit anderen Spielen: Vier Schallaktionen, die von Studierenden der Kunstuniversität Graz gestaltet werden, interagieren in Vorräumen, im Stiegenhaus und unter freiem Himmel mit Formen der Literatur. Im Kreuzgang des Minoritenklosters wird Pascal Chanterie die Schnittstellen zwischen sportlicher und tänzerischer Ausdrucksweise choreographisch thematisieren.

Birgit Pölzl

 

 

 

 

 

 

ab 03. JUNI - 05. SEPTEMBER 2004

 

3. JUNI

Rudi Roth: Eduardo Galeano: Der Ball ist

Hannes Kartnig: Nick Hornby Fever Pitch  

 

6. JUNI 

Franzobel: Mundial

Thomas Brussig: Leben bis Männer

 

9. JUNI

Jürgen Roth:  Der Ball ist eine Totalität und Rätsel Fussball

Thomas Glavinic: Herr Susi

 

24. JUNI:

Werner Krause

Kurt Palm

 

 

Schreibaufträge an:

28. JUNI:
Johannes Schrettle

Robert Riedl

 

 

 

KURATORIN:

Dr. Birgit Pölzl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos:
Hannes Kartnig
© gepa pictures


Rudi Roth © Roth

 

Franzobel © Maria Ziegelboeck, 2003

 

Kurt Palm © Kleine Zeitung