<< Home >>

 

PRESSE:
>> Klingendes Sprachgewirr, Sonntagsblatt, 23.5.05
Gehörlose singen Bach. Eine Videoinstallation des polnischen Künstlers Artur Zmijewski im Grazer Mausoleum lotet die Abgründe von Sprache und Gesang aus: Was vermögen wir überhaupt zu sagen, wer sagt, was richtig oder falsch klingt?

Kuratoren:

Adam Budak,

Peter Pakesch

 

Grazer MAUSOLEUM,  Eingang: Burggasse

Ausstellungsdauer 15. Mai bis  6. JUNI 2004

täglich 10.30-12.30 und 13.30-16 Uhr

im Rahmen der Ausstellung "VIDEODREAMS. Between the Cinematic und the Theatrical"

www.kunsthausgraz.at

 

 

 

Das neu renovierte Grazer Mausoleum, Prunkgrabstätte von Ferdinand II. und Barockjuwel der Grazer Stadtkrone, gibt den auratisch-theatralischen Umraum ab für die Videoarbeit des polnischen Künstlers Artur Zmijewskij: „SINGING LESSON“, Teil der vom Kunsthaus Graz konzipierten Ausstellung "VIDEODREAMS. Between the Cinematic and the Theatrical".
 
In „Singing Lesson“ ist eine Choraufführung zu sehen, eine dreißigminütige Lektion über das Singen. Und Singen verkörpert eine besondere Art der Sprache. Doch die hier singen, haben nie gehört, was wir unter Klang verstehen, unter Harmonie oder Dissonanz, unter Intervallen, die „richtig oder falsch“ sind.
Die hier singen, sind gehörlos.
Jugendliche, die nicht anders sind als normale ChorsängerInnen, die zwischen den Zeilen und den Anweisungen des Dirigenten interagieren, miteinander kommunizieren, blödeln und mit voller Begeisterung und Inbrunst das ins Werk setzen, was sie gemeinsam mit dem Dirigenten einstudiert haben.
Was sie in ihrer Aufführung als Gesang verbindet ist der Rhythmus, den der Dirigent Artur Zmijewski vorgibt, wie es jeder Dirigent tut. Was sie hören, wissen wir nicht, was wir hören, nennen wir vielleicht in der Sprache der Kunst Konkrete Poesie oder Atonalität. Welche Sprache für wen in unserer Gesellschaft vorgesehen ist, was richtig ist oder falsch, wird hier befragt und als Frage neu gestellt.
 
Der experimentelle Umgang mit tradierten Auffassungen von Musik und Sprache in der Videoarbeit, deren erster Teil auf der Manifesta 4 in Frankfurt vor zwei Jahren zu sehen war, wird im Installationsraum des Grazer Mausoleums noch einmal neu durch räumliche Interaktion eingefärbt. Das Grazer Mausoleum, mächtige Folie „VIDEODREAMS“ zu befragen, dient nicht nur als Attraktion für Touristen, sondern wird immer öfter auch als Konzertraum genützt. Hier wird Johann Sebastian Bach (in der von Domkapellmeister Josef Döller dirigierten Reihe „Bach XXI“) aufgeführt.

Auch die gehörlosen Jugendlichen singen ihren Bach. Aufgenommen 2002 in der Kirche, in der Bach gewirkt hat, der Thomaskirche in Leipzig, musizieren sie die Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BMV 147). In unserem, dem traditionellen  Melodieverständnis, sind Orgel und Solostimme zu hören. Im Part des Chors ist möglicherweise ein neues Melodieverständnis zu hören. Bereits 2001 sangen gehörlose polnische Jugendliche in einer klassizistischen Kirche in Warschau (Teil 1 von „Singing Lesson“), begleitet von einer Orgel, das Kyrie des polnischen Komponisten Jan Maklakiewicz "In this holy place, in this holiest place, our voice rises to you and erupts as the sea roar from deep abyss. O Christ, hear us! O Christ listen to us!" Der Kontrast – von Melodie und Atonalität, von Expression und Hingabe, von jugendlichem Esprit und langatmigen Räumen (wie der weißliche klassizistische Kirchenraum) – eröffnet der Dimension von Sprache ein tiefes Gefühl von Spiritualität. Sprache als Lobgesang wird hier vom Rande der möglichen Unmöglichkeit bzw. der unmöglichen Möglichkeit vorgeführt. Die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeit wird hier von der existenziellen und ästhetischen Grenze her gezeigt.
Johannes Rauchenberger
 
     
   

 

 
 
WILLKOMMEN in den MINORITEN GALERIEN Graz!