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LUDISCHE LITERATUR
 

 

Brigitta Falkner 30.10.03   -   Oskar Pastior 10.11.03

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Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie. Sie können den Satz vor- und rückwärts lesen, er bleibt, sofern Sie die Wortgrenzen vernachlässigen, der gleiche Satz. Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie ist ein Palindrom, wahrscheinlich das bekannteste deutscher Sprache. Otto oder Hannah kennen Sie in ihrer spiegelbildlichen Qualität vermutlich auch, vielleicht sogar Reliefpfeiler oder ton tut not, aber kennen Sie das vertrackte Palindrom Tobrevierschreiverbof? Es ist eine Schöpfung, präziser: eine Konstruktion Brigitta Falkners, einer Sprachspielerin ersten Ranges, die in der Reihe „Ludische Literatur" genauso wenig fehlen darf wie Salz in der Suppe wie Senf in der Soße oder Sonne im Süden. Die Vergleiche ließen sich - unter Umständen weniger trivial - unter Beibehaltung der Regel, nur Substantive mit S zu verwenden, sehr lange fortsetzen. Bei diesem Versuch befänden wir uns bereits auf dem Feld der Ludischen Literatur, vielleicht ist es auf Grund der Qualität der Vergleiche auch nur das Vorfeld, Feld oder Vorfeld, egal, einer Literatur jedenfalls, für die die Regel konstitutiv ist. Nicht weil es den Regel-Generierern und Regel-Fetischisten an Phantasie mangelte und sie an Regeln klammerten, um sich mühsam knapp über dem trivial-prosaischen Boden zu halten, nein, die Regel ist zentral, weil sie beflügelt oder literaturwi ssenschaftlich korrekter gesagt: die schöpferische Freiheit auf produktive Weise einschränkt. Brigitta Falkner, jene Brigitta Falkner, die in der Reihe „Ludische Literatur" - Sie wissen - genauso wenig fehlen darf wie Salz in der Suppe wie Senf in der Soße oder Sonne im Süden, schreibt Texte, die auf Regeln beruhen, auf Regeln des Palindroms (Rückläufigkeit), des Anagramms (Permutation), des Lipogramms (Aussparung) und der Substitution. In Bildtexten, Comics und Storyboards spielt Brigitta Falkner mit den Methoden der Buchstabenkombinatorik, heißt: sie variiert, inszeniert, persifliert und modifiziert sie, sie verknüpft Wort und Bild, und entwickelt Strategien zur Umgehung von Regelverletzungen, weil etwas zu verbiegen allemal komischer ist als es zu zerbrechen. Dabei meidet sie das Erhabene wie der Teufel das Weihwasser (auch der wirklich schlechte Vergleich fristet sein finsteres Leben) stellt mit anderen Worten marginale Ereignisse elaboriert dar. Der methodische Aufwand ist enorm, der Anlass läppisch, das sich daraus ergebende Missverhältnis ausgesprochen witzig. Ebensowenig wie Brigitta Falkner, die der jüngeren Generation angehört, darf der Großmeister der Regelerfindung wie der Regelverletzung, der Grandseigneur literarischer Konstruktion und literarischer Dekonstruktion, Oskar Pastior, fehlen. Um die Vergleiche auf eine negative Spitze zu treiben: Oskar Pastior ist das Licht der ludischen Welt. Bei Pastior, schreibt Astrid Bernhard-Poier, eine der wichtigsten Fachfrauen für Ludische Literatur und mitverantwortlich für die Konzeption der Reihe, bei Pastior ist nicht die Botschaft, sondern die Sprache die Hauptperson, und mit dieser experimentiert er weit über die Grenzen des Deutschen hinaus - „pastior" hat er selbst einmal das artifizielle Misch-Idiom genannt, das viele seiner Texte charakterisiert. Diese Kunstsprache ist in ihrem Effekt eine interessante Mischung von Leichtigkeit und Witz auf der einen Seite, Ernst und Strenge des quasi in naturwissenschaftlicher Systematik angelegten Sprachexperiments auf der anderen.

Ob Anagramm oder Palindrom, Sestine oder Sonett, Villanella oder Pantum, keine Textsorte ist vor Oskar Pastiors Experimentierfreude sicher. Indem Pastior in seiner Arbeit am Palindrom beispielsweise „nicht den einzelnen Laut, sondern Silben und Wörter als lautliche Einheiten verwendet, verschafft er sich einen weit größeren Spielraum" (Astrid Bernhard-Poier). Die Dominanz des Lautlichen, die Bevorzugung des Wiederholungsprinzips innerhalb eines größeren Spiegelrahmens führt ihn zu Palindromgedichtformen, die - kleiner Griff in die Trivialkiste - noch nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Pastior betreibt sozusagen das Raumschiff Enterprise im ludischen Universum, mit dem er gegen Linearitätsachsen streicht und dem Konstrukt Zeit ein wenig gegen den Strich fährt. Brigitta Falkner, die in der Reihe „Ludische Literatur" nicht fehlen darf wie äh: Salz in der Suppe Senf in der Soße und Sonne im Süden wird am 30. Oktober im Kulturzentrum lesen, Oskar Pastior am 10. November.

Oskar Pastior ist übrigens das einzige deutschsprachige Mitglied der Autorengruppe OULIPO, der Werkstatt für potentielle Literatur. Selbstverständlich gehört auch OULIPO - OULIPO genießt in Frankreich Kultstatus - in die ludische Reihe, OULIPO wird im April nächsten Jahres ins Kulturzentrum kommen. Im ausklingenden Winter werden Ilse Kilic und Klaus Ferentschik ihre neuen auf Regeln beruhenden Romane vorstellen. Eine spannende Sache, versprochen, die ludische Reihe.

Birgit Pölzl

 

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Ressortleitung: Dr. Birgit Pölzl

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