KULTURZENTRUM bei den MINORITEN   

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      PROGRAMM 9/10 2002
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Stefan EMMELMANN

WISHES COME TRUE
11.10.-20.12.02

Minoriten-Galerien, Stiegenaufgang, Mariahilferplatz 3, 2. Stock
26. Oktober - 24. November 2002


 
 

 

Stefan Emmelmann: O HAPPY ILLUSION (O FELIX VERITAS) 

Im Spannungsfeld von Bild und Text ist das Werk des aus München stammenden und im Waldviertel lebenden Künstlers Stefan Emmelmann situiert. Seine „written images“ können als existentielle Identitätsparameter (Carl Aigner) gelesen werden: Es ist eine Mediengrammatik, die nach den Möglichkeiten der Lesbarkeit/Sichtbarkeit von Welt fragt. Analytische und emotionale Sehprozesse gehen in seinen fragilen Bildsujets ineinander über; die Thematisierung der Bildlichkeit wird mittels Schrift kenntlich gemacht und umgekehrt.

Neben neutralen „Bildern“, die in den letzten Jahren durch den Übergang von Hand gemalten Schriftbildern zu digitalen Bearbeitungen gekennzeichnet waren, sind Installationen vornehmliche Orte seiner künstlerischen Zeichensetzungen. In der subtilen Täuschung des Zwischenraums von Bild und Abbild werden Sätze performativ verstanden – als Aufforderung oder Feststellung. Die Brücke zu seinen frühen Arbeiten des Bilderschreibens mit Hand und Pinsel bildet die durch das „Wort-Schreiben“ in Anspruch genommene Zeit. In dieser Hinsicht stellt die Landschaft des Waldviertels, wo Emmelmann die letzten 20 Jahre lebte, die produktive Bedingung für seinen üppigen Umgang mit der Zeit und den daraus resultierenden Bildern dar.

„wishes come true  - dreams come true  - hopes come true  - fears fade away” – die Arbeiten, die Stefan Emmelmann in der Ausstellung im steirischen Herbst 2002 in den Minoriten-Galerien Graz konzipierte, waren in Wolken eingewebte Sätze des Versprechens, visueller Raster und pikturale Verankerung zugleich, die aber erst bei näherem Hinsehen in Erscheinung traten; als eine ins Positive gewendete Täuschung, die als solche überhaupt zum künstlerischen Achsenmedium wurde. Sie hatten die großen Fenster des barocken Stiegenaufgangs in den Mauerachsen buchstäblich verdoppelt, indem sie den Ausblick auf Himmelswolken vom Morgen- bis zum Abendrot freigaben. Täuschung als barockes Prinzip hat Stefan Emmelmann provokativ nicht als Fragestellung von real und virtuell bearbeitet, sondern existentiell verdichtet als performative Verheißung. Dem Bild näher zu kommen, welches an sich als Täuschung konzipiert ist, kann als Prozess des Gewahrwerdens verstanden werden.

Mit diesem ursprünglichen Auf-Decken mit den Bedingungen von Bildlichkeit beschäftigte sich beispielsweise auch die Arbeit: „Zerreiße den Schleier“ vor dem Seiteneingang der romanischen Martinskirche in Sindelfingen. Diese fungiert als Aufforderung und Bedingung zum imaginären Zugang in einen Raum, der semiotisch sakral definiert ist. Metaphorisch gesprochen die Zeit nach dem Zerreißen des Tempelvorhangs, die Zeit des Unverhülltseins, heideggerisch: zur a-letheia. Die Möglichkeit, in historisch-sakral determinierten Räumen, die Forderung nach dem Zerreißen des Schleiers zu stellen, ist zwar leichter (und gleichzeitig notwendiger), deren Provokation bleibt aber dennoch allgemeingültig, da sie die Existenz des Schleiers voraussetzt. Nicht nur (Wieder-)gewinnung von Sakralität ist das Thema, auch die Wiedergewinnung von Grenzen zur Unterscheidung von innen und außen, von diesseitigen und jenseitigen Räumen, von Lüge und Wahrheit.

Johannes Rauchenberger